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Antonia Henschel
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
21. Juni 2016 | Architekturkolumne
Bikini-Tanz und Diskussionen
Von der Geschichte zur Gegenwart und von Kopenhagen nach Shanghai: Dieses Buch schlägt Brücken zwischen Generationen und Kontinenten, stellt dabei waghalsige Thesen auf und bleibt vor allem eins - verdammt unterhaltsam. Auf konventionelle Wege der Architekturvermittlung lässt sich die Monographie „Yes is More" erst gar nicht ein, obwohl die schrillbunten Seiten des Taschenbuchs eine Art Visitenkarte für ein Architekturbüro sind, nämlich für die Bjarke Ingels Group (BIG). Die dänischen Architekten, allen voran ihr Anführer Bjarke Ingels, vertrauen unter Beibehaltung ihrer routinierten, international bekannten Handschrift auf den Elan neuer Wege, brechen gängige Muster auf und geben sich doch nicht revolutionär, sondern pragmatisch. „Yes is More" überträgt all diese Eigenschaften auf das Buchformat, zeigt gebaute Projekte sowie Entwürfe aus dem Portfolio von BIG und erklärt sie in Comicform. Statt professioneller Hochglanzfotos geben bunte Bildchen und Sprechblasen Einblicke in die Entwurfsphilosophie von BIG, statt technischer Details werden politische Hintergründe angeschnitten. Geographische Analysen wie die der höchsten Bergspitzen in Aserbaidschan, zeugen von der peniblen Entwurfsmethode, mit der BIG vorgeht und die sich in den letzten Jahren als Erfolgsmodell bewährt hat. Als Fremdenführer dieses fabelhaften bibliophilen Universums, in dem sich Menschen, Bauaufgaben und Orte begegnen, führt Bjarke Ingels höchstpersönlich durch das Buch. Eigentlich wollte er ursprünglich nicht Architekt, sondern Comiczeichner werden - umso geglückter ist sein erster Auftritt als Geschichtenerzähler im Comicformat.

„Less is more" sagt Mies van der Rohe auf den ersten Seiten des Buches, „I'm a whore" antwortet Philip Johnson, „...more and more..." geht es dann mit Rem Koolhaas weiter, in dessen Rotterdamer Büro Bjarke Ingels nach seinem Abschluss in Kopenhagen ein Lehrjahr verbracht hatte. Und als ob dies nicht genug wäre, kulminiert diese Reihe in Barack Obamas „Yes we can" und ganz zum Schluss behält Bjarke Ingels das letzte Wort - mit „Yes is more". Jung und frech hat sich der Däne schon immer gegeben, war dabei jedoch nie als Angry Young Man unterwegs. Vieles, was im ersten Moment naiv klingen mag, entpuppt sich auf den zweiten Blick als taktisches Manöver und Strategie, die der 36 Jahre alte Professor der Columbia University gezielt anwendet. Es geht ihm um Architektur als Verhandlungssache, um einen Schritt in der Evolutionskette und um den uneingeschränkten Glauben, dass wir alle die Welt voranbringen können. Besonders eklatant zeigt sich dieses Weltverständnis in den ironisch-ernsthafen Entwürfen der Architekten, die der Comic ausführlich dokumentiert und die vermutlich nie gebaut werden: Ein gigantischer Hafen zwischen Deutschland und Dänemark, der einen Großteil des europäischen Schiffsverkehrs aufnehmen soll, eine energieautarke Insel in der Bucht von Baku, ein Hochhaus, welcher das Porträt eines Scheichs wie eine Fata Morgana in der Wüste platziert und den passenden Namen Sheikh chich" trägt.

Völlig zu Recht erhält „Yes is more" dieses Jahr den Preis für die beste Architektenmonografie des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main. Wer neben dem Buch noch mehr von BIG sehen möchte, sollte sich die Ausstellung „Yes is more" in der Stuttgarter Galerie Wechselraum ansehen - oder eine Exkursion nach Kopenhagen machen. Dort wurde im Ørestad-Gebiet gerade das „8 House" fertig gestellt.
Architektur › 2016 › Juni
Bikini-Tanz und Diskussionen
von Antonia Henschel | 21. Juni 2016
Von der Geschichte zur Gegenwart und von Kopenhagen nach Shanghai: Dieses Buch schlägt Brücken zwischen Generationen und Kontinenten, stellt dabei waghalsige Thesen auf und bleibt vor allem eins - verdammt unterhaltsam. Auf konventionelle Wege der Architekturvermittlung lässt sich die Monographie „Yes is More" erst gar nicht ein, obwohl die schrillbunten Seiten des Taschenbuchs eine Art Visitenkarte für ein Architekturbüro sind, nämlich für die Bjarke Ingels Group (BIG). Die dänischen Architekten, allen voran ihr Anführer Bjarke Ingels, vertrauen unter Beibehaltung ihrer routinierten, international bekannten Handschrift auf den Elan neuer Wege, brechen gängige Muster auf und geben sich doch nicht revolutionär, sondern pragmatisch. „Yes is More" überträgt all diese Eigenschaften auf das Buchformat, zeigt gebaute Projekte sowie Entwürfe aus dem Portfolio von BIG und erklärt sie in Comicform. Statt professioneller Hochglanzfotos geben bunte Bildchen und Sprechblasen Einblicke in die Entwurfsphilosophie von BIG, statt technischer Details werden politische Hintergründe angeschnitten. Geographische Analysen wie die der höchsten Bergspitzen in Aserbaidschan, zeugen von der peniblen Entwurfsmethode, mit der BIG vorgeht und die sich in den letzten Jahren als Erfolgsmodell bewährt hat. Als Fremdenführer dieses fabelhaften bibliophilen Universums, in dem sich Menschen, Bauaufgaben und Orte begegnen, führt Bjarke Ingels höchstpersönlich durch das Buch. Eigentlich wollte er ursprünglich nicht Architekt, sondern Comiczeichner werden - umso geglückter ist sein erster Auftritt als Geschichtenerzähler im Comicformat.

„Less is more" sagt Mies van der Rohe auf den ersten Seiten des Buches, „I'm a whore" antwortet Philip Johnson, „...more and more..." geht es dann mit Rem Koolhaas weiter, in dessen Rotterdamer Büro Bjarke Ingels nach seinem Abschluss in Kopenhagen ein Lehrjahr verbracht hatte. Und als ob dies nicht genug wäre, kulminiert diese Reihe in Barack Obamas „Yes we can" und ganz zum Schluss behält Bjarke Ingels das letzte Wort - mit „Yes is more". Jung und frech hat sich der Däne schon immer gegeben, war dabei jedoch nie als Angry Young Man unterwegs. Vieles, was im ersten Moment naiv klingen mag, entpuppt sich auf den zweiten Blick als taktisches Manöver und Strategie, die der 36 Jahre alte Professor der Columbia University gezielt anwendet. Es geht ihm um Architektur als Verhandlungssache, um einen Schritt in der Evolutionskette und um den uneingeschränkten Glauben, dass wir alle die Welt voranbringen können. Besonders eklatant zeigt sich dieses Weltverständnis in den ironisch-ernsthafen Entwürfen der Architekten, die der Comic ausführlich dokumentiert und die vermutlich nie gebaut werden: Ein gigantischer Hafen zwischen Deutschland und Dänemark, der einen Großteil des europäischen Schiffsverkehrs aufnehmen soll, eine energieautarke Insel in der Bucht von Baku, ein Hochhaus, welcher das Porträt eines Scheichs wie eine Fata Morgana in der Wüste platziert und den passenden Namen Sheikh chich" trägt.

Völlig zu Recht erhält „Yes is more" dieses Jahr den Preis für die beste Architektenmonografie des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main. Wer neben dem Buch noch mehr von BIG sehen möchte, sollte sich die Ausstellung „Yes is more" in der Stuttgarter Galerie Wechselraum ansehen - oder eine Exkursion nach Kopenhagen machen. Dort wurde im Ørestad-Gebiet gerade das „8 House" fertig gestellt.