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von 571 Forward End
Wenn Architektur unsichtbar wird
von Thomas Wagner | 21. März 2010
Blur building, Foto © Diller Scofidio + Renfro

Die moderne Stadt entwickelt sich immer öfter in die Richtung von Erlebnis-Environments, denen ein gewisser spielerischer Zug nicht abzusprechen ist. Wenn Richard Buckminster Fuller schon Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ganze Städte unter monumentalen Glaskuppeln stecken wollte, so mag man darin ebenso eine Vorübung für den klimatischen Ernstfall sehen wie in der immateriellen, ebenso visionären wie neoromantischen „Luftarchitektur", die der Künstler Yves Klein Ende der fünfziger Jahre aus ephemeren Baustoffen wie Luft, Feuer und Wasser entwickelte, um eine Umhüllung zu schaffen, in der das Übersinnliche seinen Platz haben sollte. Seine Stadt der Zukunft sollte von einem Luftdach überspannt sein, das für eine permanente Zirkulation der Luft sorgen und Schutz vor Sonne und Regen bieten sollte. Mittels Druckluft sollten durchsichtige Wände, Dächer und sogar Möbel entstehen. Kleins spirituelle Architektur setzt auf eine affektive Eroberung des Raums, ohne diesen tatsächlich beherrschen zu wollen. Fast mythisch erscheint der Umgang mit Atmosphärischem in der Arbeit der New Yorker Architekten Liz Diller und Ricardo Scofidio, die aus Anlass der Schweizer Expo 2002 in Yverdon-les-Bains am Ufer des Genfer Sees ihr „Blur Building" realisiert haben. Das im Volksmund schlicht „die Wolke" genannte Gebilde wurde schnell zum Wahrzeichen der Expo, lud es - mit hohem technischen Aufwand - die Besucher doch dazu ein, auf einem langen Steg auf den See hinaus zu spazieren, wo es von einer künstlichen Raumplastik aus zerstäubtem Seewasser eingehüllt wurde. Nicht nur konnte man hier buchstäblich in Wolken gehen, das in seinen Konturen unscharfe und in wechselnden Farben beleuchtete Gebilde war auch eine betretbare und als solche erfahrbare Skulptur. „Einzelne Gäste", kommentiert der Philosoph Peter Sloterdijk das Phänomen in seinen „Sphären", „dürften auch begriffen haben, dass sie hier unter der leichthändigen Form dem technisch durchdachten Versuch einer makroatmosphärischen Installation gegenüberstanden - oder besser, weil begehbare Wolken, wie Installationen im allgemeinen, nicht im Modus des Gegenüberstehens erfahrbar sind: dass sie zur Immersion in einer Klimaskulptur aufgefordert wurden. Man darf von der Beliebtheit des Objekts darauf schließen, es habe seinen Besuchern eine Intuition in kommende Fragen des air designs und der Klimatechnik im Großen erschlossen." Einen leichthändigen Umgang mit dem technisch Durchdachten ermöglichen, wenn auch weit weniger spektakulär, auch jene Systeme, die sich in ihrer Funktion bewusst aus der Wahrnehmbarkeit zurückziehen, um der Raumerfahrung samt ihren metaphorischen Qualitäten den Vorrang einzuräumen. Nicht zufällig sind viele Systeme um klimatische Effizienz bemüht, nicht weniger als um ästhetische. Nur so viel als nötig tun und nur so viel als nötig sichtbar werden lassen, lautet die Maxime. Der Rückzug aus der Sichtbarkeit bewirkt hier auf je eigene Weise aber auch, dass wir keinen Dingen mehr gegenüberstehen, sondern lediglich deren Wirkung bemerken. Mit dem Rückzug des Technischen hinter die Schwelle des Wahrnehmbaren geht somit eine Art von Selbstaufhebung einher, die an die Grenze der Immaterialität heranreicht. Wie so etwas aussieht, kennen wir in trivialer Form von der Tapetentür oder von den drehbaren Bücherwänden in Spionage- oder Kriminalfilmen, hinter denen sich zumeist der Eingang zu irgendeinem geheimen Refugium oder Labor versteckt. Bereits ein verborgen angebrachter Türbeschlag hat Teil an der Magie, die von Dingen ausgeht, die sich scheinbar von selbst bewegen oder sich wie von Geisterhand öffnen und schließen. Die Architektur, die auf der Basis solcher Möglichkeiten entsteht, ist in vielen Fällen in höchstem Maße flüchtig. Sie definiert Raum auf neuartige Weise und ermöglicht dem Betrachter und potenziellen Nutzer bislang ungeahnte Erfahrungen. Dabei entwickelt sie über eine Reduzierung und Neubestimmung ihrer materiellen Gestalt eine ganz eigene Form der Expressivität. Sie greift, was sich auch in den von Stylepark ausgewählten Produkten und Systemen zeigt, Entwicklungen auf, die sich zwangsläufig aus einem veränderten Energie- und Umweltmanagement ergeben und reflektieren somit auch auf vielfältige Weise die anstehenden ökologischen Veränderungen im Bereich des Bauens.

Foto © Beat Widmer
Blur building, Foto © Diller Scofidio + Renfro
US-Pavillon Biosphère zur Expo '67 von R. Buckminster Fuller, Foto © Cédric Thévenet
Architektur › 2010 › März
Wenn Architektur unsichtbar wird
von Thomas Wagner | 21. März 2010
Architektur ist heute eng mit dem Atmosphärischen verschwistert. Auch wenn sie in ihrer metaphorischen Qualität weit weniger spektakulär auftreten als überkuppelte Städte oder Erlebnis-Installationen aus nichts als zerstäubtem Wasser, Systeme, die einen leichthändigen Umgang mit dem technisch Durchdachten pflegen, nutzen unmittelbar der Raumwirkung und der Raumerfahrung. Wohl nicht zufällig sind viele neue Systeme dabei um klimatische und um ästhetische Effizienz bemüht.
Die moderne Stadt entwickelt sich immer öfter in die Richtung von Erlebnis-Environments, denen ein gewisser spielerischer Zug nicht abzusprechen ist. Wenn Richard Buckminster Fuller schon Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ganze Städte unter monumentalen Glaskuppeln stecken wollte, so mag man darin ebenso eine Vorübung für den klimatischen Ernstfall sehen wie in der immateriellen, ebenso visionären wie neoromantischen „Luftarchitektur", die der Künstler Yves Klein Ende der fünfziger Jahre aus ephemeren Baustoffen wie Luft, Feuer und Wasser entwickelte, um eine Umhüllung zu schaffen, in der das Übersinnliche seinen Platz haben sollte. Seine Stadt der Zukunft sollte von einem Luftdach überspannt sein, das für eine permanente Zirkulation der Luft sorgen und Schutz vor Sonne und Regen bieten sollte. Mittels Druckluft sollten durchsichtige Wände, Dächer und sogar Möbel entstehen. Kleins spirituelle Architektur setzt auf eine affektive Eroberung des Raums, ohne diesen tatsächlich beherrschen zu wollen. Fast mythisch erscheint der Umgang mit Atmosphärischem in der Arbeit der New Yorker Architekten Liz Diller und Ricardo Scofidio, die aus Anlass der Schweizer Expo 2002 in Yverdon-les-Bains am Ufer des Genfer Sees ihr „Blur Building" realisiert haben. Das im Volksmund schlicht „die Wolke" genannte Gebilde wurde schnell zum Wahrzeichen der Expo, lud es - mit hohem technischen Aufwand - die Besucher doch dazu ein, auf einem langen Steg auf den See hinaus zu spazieren, wo es von einer künstlichen Raumplastik aus zerstäubtem Seewasser eingehüllt wurde. Nicht nur konnte man hier buchstäblich in Wolken gehen, das in seinen Konturen unscharfe und in wechselnden Farben beleuchtete Gebilde war auch eine betretbare und als solche erfahrbare Skulptur. „Einzelne Gäste", kommentiert der Philosoph Peter Sloterdijk das Phänomen in seinen „Sphären", „dürften auch begriffen haben, dass sie hier unter der leichthändigen Form dem technisch durchdachten Versuch einer makroatmosphärischen Installation gegenüberstanden - oder besser, weil begehbare Wolken, wie Installationen im allgemeinen, nicht im Modus des Gegenüberstehens erfahrbar sind: dass sie zur Immersion in einer Klimaskulptur aufgefordert wurden. Man darf von der Beliebtheit des Objekts darauf schließen, es habe seinen Besuchern eine Intuition in kommende Fragen des air designs und der Klimatechnik im Großen erschlossen." Einen leichthändigen Umgang mit dem technisch Durchdachten ermöglichen, wenn auch weit weniger spektakulär, auch jene Systeme, die sich in ihrer Funktion bewusst aus der Wahrnehmbarkeit zurückziehen, um der Raumerfahrung samt ihren metaphorischen Qualitäten den Vorrang einzuräumen. Nicht zufällig sind viele Systeme um klimatische Effizienz bemüht, nicht weniger als um ästhetische. Nur so viel als nötig tun und nur so viel als nötig sichtbar werden lassen, lautet die Maxime. Der Rückzug aus der Sichtbarkeit bewirkt hier auf je eigene Weise aber auch, dass wir keinen Dingen mehr gegenüberstehen, sondern lediglich deren Wirkung bemerken. Mit dem Rückzug des Technischen hinter die Schwelle des Wahrnehmbaren geht somit eine Art von Selbstaufhebung einher, die an die Grenze der Immaterialität heranreicht. Wie so etwas aussieht, kennen wir in trivialer Form von der Tapetentür oder von den drehbaren Bücherwänden in Spionage- oder Kriminalfilmen, hinter denen sich zumeist der Eingang zu irgendeinem geheimen Refugium oder Labor versteckt. Bereits ein verborgen angebrachter Türbeschlag hat Teil an der Magie, die von Dingen ausgeht, die sich scheinbar von selbst bewegen oder sich wie von Geisterhand öffnen und schließen. Die Architektur, die auf der Basis solcher Möglichkeiten entsteht, ist in vielen Fällen in höchstem Maße flüchtig. Sie definiert Raum auf neuartige Weise und ermöglicht dem Betrachter und potenziellen Nutzer bislang ungeahnte Erfahrungen. Dabei entwickelt sie über eine Reduzierung und Neubestimmung ihrer materiellen Gestalt eine ganz eigene Form der Expressivität. Sie greift, was sich auch in den von Stylepark ausgewählten Produkten und Systemen zeigt, Entwicklungen auf, die sich zwangsläufig aus einem veränderten Energie- und Umweltmanagement ergeben und reflektieren somit auch auf vielfältige Weise die anstehenden ökologischen Veränderungen im Bereich des Bauens.