Unter dem Stichwort „Cronocaos" präsentiert Rem Koolhaas Thesen zur Denkmalpflege. In einem der hinteren Räume des Palazzo delle Esposizioni werden die Besucher mit Fotos, Möbeln und Dokumenten konfrontiert, die zum Teil wie in einem Archiv lagern. Der Architekt widmet sich hier einem Thema, das nicht nur für eine Biennale, sondern auch für ihn und sein Büro OMA überrascht.
Mit 102 Jahren ist Oscar Niemeyer noch immer als Architekt tätig. Dies demonstriert eine Ausstellung im brasilianischen Pavillon. Der Titel „50 Jahre nach Brasilia" schraubt die Erwartungen hoch, schließlich war die konsequent moderne Stadt ein großes Versprechen. Neben Niemeyer, der die wichtigsten Bauten dieser Idealstadt entwarf, werden auch Arbeiten einer jungen Architektengeneration gezeigt. Der interessanteste Beitrag der Biennale zur brasilianischen Architektur findet sich freilich an anderer Stelle.
Wenn sich die Welt verändert, ändert sich auch die Architektur. Das klingt einfacher als es ist. Wie also fallen die Blicke in viele verschiedene „Zukünfte" aus, die bei der Architekturbiennale versammelt sind? Und welche Rolle spielt die Vergangenheit dabei?
Im Pavillon Japans wird die vor rund einem halben Jahrhundert entstandene Bewegung des „Metabolismus" auf ungewöhnliche und überraschende Weise gefeiert. Statt auf Raumkapseln und Betonregale voller Wohneinheiten trifft man auf puppenstubengroße Hausmodelle und eine erhellende Darstellung von Tokio als der Stadt des permanenten Wandels.
Im russischen Pavillon wird Ernst gemacht mit dem dialektischen Dreisprung aus der Vergangenheit in die Zukunft. Ausgebreitet werden drei Gefühlslagen auf dem Weg zu Ideen für die Reanimierung der russischen Industriestadt Vyshny Volochok.
In den britischen Pavillon hat eine Schule des Sehens Einzug gehalten. Angesichts der Fülle von Modellen, Fotografien, Landkarten, Zeichnungen, Notizen, Filmen und Präparaten aus verschiedenen Zeiten, die sich hier gegenseitig kommentieren, ja hervorzubringen scheinen, werden sämtliche medialen Manifestationen, Gattungsunterschiede und Epochengrenzen fragwürdig. In der „Villa Frankenstein", wo sich Architektur, Kunst und Geschichtsschreibung Gute Nacht sagen, gerät die Ordnung aus den Fugen.
News & Stories | 12. Architekturbiennale – exklusiv präsentiert von Villeroy & Boch Fliesen
High Noon im Roten Salon
von Dirk Meyhöfer
Das Wort „Sehnsucht" steht über dem mit goldfarbenen Vorhängen drapierten Eingang zum deutschen Pavillon in den venezianischen Giardini. Drinnen erwartet den Besucher ein weinrot tapezierter Salon, in dem mehr als 180 Vertreter der Zunft jeweils auf einem Blatt Papier über Tiefen und Untiefen ihrer Seelenlandschaften Auskunft geben.Zum Abschluss unserer Serie über die Architekturbiennale fragen wir: Welche Vorstellung von Architektur begegnet uns in all den Ausstellungen und Beiträgen? Welche Haltungen nehmen Architekten gegenüber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein, und welche Rolle spielen Macht, Erfahrung und Atmosphäre dabei?
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Der Entwurf einer anderen Gesellschaft
von Claus Käpplinger
Im noch jungen Staat Israel spielten die Kibbuzim eine zentrale Rolle als Orte, an denen eine andere, kollektive Lebensform jenseits kapitalistischer Produktionsweisen erprobt wurde. Eine gelungene Ausstellung im israelischen Pavillon erinnert an die Besonderheiten der Kibbuz-Architektur und versucht eine Brücke in die Zukunft zu schlagen.News & Stories | 12. Architekturbiennale – exklusiv präsentiert von Villeroy & Boch Fliesen
Es schwingt sich die Brücke übers Tal
von Claus Käpplinger
Hier kommt das Gebaute zu seinem Recht. Es wird nicht über Verbindungen geredet, sie werden gezeigt, bescheiden aber präzise in Schwarzweiß. „Landschaft und Kunstbauten" heißt die Ausstellung, die der renommierte Churer Ingenieur Jürg Conzett im Schweizer Pavillon realisiert hat. Sie zeigt vor allem Brücken in der Schweiz.Das Königreich Bahrain nimmt das Motto der Biennale ernst: Menschen kommen zusammen, nehmen Platz, schauen, lauschen, träumen. In Fischerhütten, die mit Genehmigung ihrer Besitzer am Strand von Bahrain demontiert wurden, lässt sich gut nachdenken über den Verlust an Identität, den Zugewinn von urbanem Raum und die Magie des Meeres. Ein handfestes Ergebnis gibt es auch: den Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag.
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Wo Zuckerstücke über Kaffeetassen schweben
von Claus Käpplinger
Längst ist auch die Architekturbiennale über ihr angestammtes Areal in den Giardini hinausgewachsen. Nicht nur in den Hallen der Arsenale, auch über die Stadt verteilt finden sich jede Menge spannende Länderpavillons. Ein Spaziergang zu den Beiträgen von Portugal, Luxemburg, Slowenien, Zypern, Iran, Singapur, Hongkong und einigen anderen Ausstellungen.News & Stories | 12. Architekturbiennale – exklusiv präsentiert von Villeroy & Boch Fliesen
Atmosphärenproduktion oder Von der Nähe zur Kunst
von Carsten Krohn
Nie war eine Architekturbiennale einer Kunstbiennale ähnlicher. Schon der jüngste Wettkampf der Stararchitekten um immer exzentrischere Formen hatte zu Objekten geführt, die allein aufgrund ihrer „skulpturalen" Qualität beauftragt wurden. Bei der ersten Architekturbiennale seit dem großen Wirtschafts-Crash nähert man sich, vor dem Hintergrund einer Skepsis gegenüber der einst boomenden „signature architecture", nun wieder der Kunst an.Ein Neubau kann nicht immer die Lösung sein. Also fragt Dominique Perrault im französischen Pavillon danach, wie mit Freiräumen in der Stadt umgegangen und wie die Peripherie unserer Metropolen wiederbelebt werden kann. Auch im Pavillon der Niederlande dreht es sich darum, wie mit Vorhandenem verfahren werden kann. Hier widmen sich Rietveld Landscape der Nutzung leerstehender Gebäude in staatlichem Besitz.
Mit der zentralen Ausstellung „People meet in Architecture" ist Kazuyo Sejima, der Direktorin der 12. Architekturbiennale von Venedig, Außergewöhnliches gelungen. Sie hat es geschafft, eine Atmosphäre der Unbeschwertheit herzustellen, in der sich die Möglichkeiten und die Grenzen zeitgenössischer Architekur beobachten lassen, ohne dass gewichtige Fragen dabei ausgeblendet würden.

















