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Ippolito Pestellini Laparelli ist Leiter des OMA und hat federführend die Kollektion für Knoll mitentwickelt.
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Fragen an Ippolito Pestellini Laparelli (OMA)

19. Mai 2013


DANIEL VON BERNSTORFF: MR. PESTELLINI LAPARELLI, WIE KAM ES ZU DER ZUSAMMENARBEIT MIT KNOLL?


Ippolito Pestellini Laparelli: Knoll war bereits 2001 an Rem Kohlhaas herangetreten. Zu jener Zeit waren wir jedoch für ein solches Auftragsprojekt noch nicht bereit. Wir hatten natürlich Objekte für unsere architektonischen Projekte entwickelt, jedoch nie als eigenständige Kollektion. Ende 2011 schlug uns Knoll vor, eine Kollektion zu ihrem 75-jährigen Jubiläum zu entwickeln und wir haben dann ein eigenes Produkt-Designteam im OMA dafür gebildet.

GAB ES BESTIMMTE VORGABEN SEITENS KNOLL?

Pestellini Laparelli: Das Briefing war sehr offen. Eine der Hauptanforderungen lautete, dass die Grenzen zwischen Office und Wohnumfeld einen fließenden Übergang bilden sollten. Eine Kollektion für „junge“ Unternehmen, in der Leben und Arbeiten auf neue Weise zusammenfinden. Dort arbeiten die Leute oft im Stehen, auf einer Höhe von 1,20 Meter. Die Idee bestand darin, fließende Arbeitsabläufe zu ermöglichen. Den Aspekt der mehrfachen Ebenen haben wir dabei durch Kinetik gelöst. Anstatt Objekte mit unterschiedlichen Höhen, entwickelten wir ein Objekt, das auf mehreren Ebenen funktioniert. Jedes Objekt hat also mehrere Identitäten. Es gibt zum einen höhenverstellbare Objekte als auch solche, die sich hinsichtlich ihrer üblichen Grenzen neu definieren. Ein Beispiel ist der „Counter“, der zugleich trennt und verbindet. Die Frage des Umfangs wird hier neu interpretiert.

IST DER COUNTER DAS KERNSTÜCK DER KOLLEKTION?

Pestellini Laparelli: Für mich ist es sicherlich das stärkste Objekt. Nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch aufgrund seiner Wirkung. Und dann gibt es auch weniger wirkungsstarke Teile wie den Tisch, die jedoch zahlreiche Funktionen in sich vereinen. Es existiert kein Glas-Tisch auf dem Markt, der verschiedene Höhen von 50 Zentimeter bis 1,20 Meter bietet. Am Ende ist es eben doch nur ein Tisch, während der „Counter“ ungewöhnlich ist.

WELCHE FORMENSPRACHE HABEN SIE GEWÄHLT? ELEMENTE AUS DEN 80ER JAHREN LASSEN AUF EIN MODERNISTISCHES KONZEPT SCHLIESSEN.

Pestellini Laparelli: Die Formensprache ergab sich tatsächlich aus dem Entwicklungsprozess heraus. Wir widmeten uns weniger der Form als vielmehr der Funktion. Es gibt überdies keinen bestimmten Bezug auf eine Ära. Für mich sind diese Objekte zeitlos in ihrer Essentialität und Funktionsweise. Sie stehen mit ihrer Mehrdeutigkeit für sich. Die Objekte gleichen eher industriellen Prototypen oder scheinen eine ganz andere Funktion wahrzunehmen. Ich persönlich finde sie sehr poetisch, denn Marmor suggeriert gewöhnlich keine Bewegung. Dieses relativ konservative Material entwickelte plötzlich eine gewisse Kinetik und Eleganz, das war faszinierend.

BEI ALLER POESIE: IM FOKUS STAND ABER DIE FUNKTION...

Pestellini Laparelli: Absolut. Die Produkte haben sicherlich einen skulpturalen Charakter, sind jedoch als Hochleistungstools konzipiert. Für den zweiten Tag der Präsentation in Mailand hatte ich Studenten des Polytechnikums eingeladen. Nach einer Stunde wurden die Objekte von den jungen Leuten ganz selbstverständlich genutzt. Sie saßen darauf, stellten ihre Laptops darauf ab. Genau dafür haben wir sie gemacht. Ich habe sie eigentlich nie als skulpturale Objekte betrachtet. Ich habe mir eher vorgestellt, was passiert, wenn man sie jemandem sozusagen als Werkzeuge betrachtet.

WIE GESTALTETE SICH DIE ZUSAMMENARBEIT MIT KNOLL?

Pestellini Laparelli: Sehr intensiv und stark. Wir warfen uns ständig die Bälle zu. Benjamin Pardo, Leiter des Designs bei Knoll, folgte dem Prozess mit größter Aufmerksamkeit und interessierte sich sehr für unsere Herangehensweise. Kreativ gesehen ließ man uns sehr viel Freiraum, als es jedoch um die technischen Teile und die Konstruktion ging, unterstützte uns Knoll. Und das tun sie immer noch, da sich ja noch weitere sieben Objekte in der Entwicklung befinden. Die Stücke haben wir mit Goppion entwickelt, ein Unternehmen aus Mailand, das spezialisiert ist auf das Design von Museums-Displays. Das Team von Goppion hat eine große Kompetenz im Ingenieur-Bereich und in schwierigen Designs. Der perfekte Partner für unsere Arbeit.

WAS WIR IN MAILAND GESEHEN HABEN, WAR ALSO NUR DER ERSTE TEIL DER KOLLEKTION?

Pestellini Laparelli: Genau. Sieben weitere Stücke werden entwickelt und bald vorgestellt.

WIE WAR DIE ERSTE RESONANZ AUF „TOOLS FOR LIFE“?

Pestellini Laparelli: Obwohl Mailand ein schwieriger Ort ist, da hier so viele Dinge gleichzeitig passieren, gab es sehr positive Reaktionen, insbesondere was den „Counter“ betrifft. Wenn die Kollektion ab September auf dem Markt ist, werden wir sehen, wie es läuft. Auch unsere Gestaltung des Knoll-Pavillons auf der Messe wurde sehr gelobt.

SIE SIND ALSO ÜBER DEN EIGENTLICHEN AUFTRAG, MÖBEL FÜR KNOLL ZU ENTWERFEN, HINAUSGEGANGEN…

Pestellini Laparelli: Richtig. Knoll ist ein sehr interessanter Fall. Man hat dort in den vergangenen Jahren erkannt, dass das Unternehmen gewissermaßen von seinen Produkten verschluckt wurde. Jeder weiß, was ein „Barcelona" oder „Wassily Chair" ist, aber nur wenige stellen eine Verbindung zu Knoll her. Ziel war also, das Bewusstsein für das Unternehmen wieder herzustellen. Daher haben wir den Pavillon auch „This is Knoll“ genannt, um eine starke Botschaft zu senden und die Identität der Firma zu bestärken. Beides, der Pavillon und die Möbel, sollen die Werte von Knoll ausdrücken.

HEISST DAS, SIE TRETEN ALS DESIGNER HINTER IHREM AUFTRAGGEBER ZURÜCK?

Pestellini Laparelli: Ja, sicher. Und das ist eine feine Sache. Ich glaube, Autoren-Architektur und -Design wird es nicht mehr lange geben. OMA ist ein Glücksfall, da wir ein Kollektiv sind, das heißt die Stärke kommt aus der Gruppe und nicht von einer Einzelperson. Es ist also überhaupt kein Problem zu sagen, dass wir für Knoll eine Kollektion entwickeln, da wir mit ihnen einige sehr intelligente Ideen ausgetauscht haben, wie man das Unternehmen neu einführen kann. Daher haben wir auch den Messepavillon, die Einladung und das Cover des Interni Magazine gestaltet. Knoll ist der Mittelpunkt, nicht OMA. Als Architektur-Büro ist es interessant, in anderen Bereichen zu arbeiten. Für Knoll waren wir als Identitätsstifter als auch als Möbelentwickler tätig.



www.oma.eu
www.knoll-int.com

"Tools for Life" sollen eher als High-Performance-Instrumente denn als Design-Möbel verstanden werden. Foto © Agostino Osio
Kaffee und Stehtisch zugleich: Die Tische können durch einen elektrischen Antrieb auf unterschiedlichen Höhen eingestellt werden. Foto © Agostino Osio
Es ist die erste Möbelkollektion von OMA, Rem Kohlhaas ( im Bild) bildete ein eigenes Team dafür. Foto © OMA
Der Counter lässt sich durch drei bewegliche Elemente zu einer Bar, zu Bänken, einem Regal oder einem Tisch umfunktionieren. Foto © Agostino Osio
Für die Technik arbeitete Knoll und OMA mit der italienischen Firma Goppion zusammen. Foto © Agostino Osio
Der Counter ist das Herzstück der Kollektion. Foto © Agostino Osio
Eine einfache Materialpalette ermöglicht es, die Möbel zu bereits bestehenden Interiors zu kombinieren. Foto © Agostino Osio
Zur Premiere wurden Tools for Life in der Fondazione Prada in Mailand während des Salone ausgestellt. Foto © Agostino Osio
Eines der sieben “Tools for Life”. Foto © Agostino Osio
Architektur › 2013 › Mai
10 Fragen an Ippolito Pestellini Laparelli (OMA)
19. Mai 2013
Die neue Kollektion von Rem Kohlhaas‘ Office OMA für Knoll International ist eine der positiven Überraschungen vom Mailänder Salone. Daniel von Bernstorff sprach mit Ippolito Pestellini Laparelli, Leiter des OMA-Designteams, über die Zusammenarbeit mit Knoll, die Poesie von Marmor als bewegtes Element und das Ende von Autorendesign.



DANIEL VON BERNSTORFF: MR. PESTELLINI LAPARELLI, WIE KAM ES ZU DER ZUSAMMENARBEIT MIT KNOLL?


Ippolito Pestellini Laparelli: Knoll war bereits 2001 an Rem Kohlhaas herangetreten. Zu jener Zeit waren wir jedoch für ein solches Auftragsprojekt noch nicht bereit. Wir hatten natürlich Objekte für unsere architektonischen Projekte entwickelt, jedoch nie als eigenständige Kollektion. Ende 2011 schlug uns Knoll vor, eine Kollektion zu ihrem 75-jährigen Jubiläum zu entwickeln und wir haben dann ein eigenes Produkt-Designteam im OMA dafür gebildet.

GAB ES BESTIMMTE VORGABEN SEITENS KNOLL?

Pestellini Laparelli: Das Briefing war sehr offen. Eine der Hauptanforderungen lautete, dass die Grenzen zwischen Office und Wohnumfeld einen fließenden Übergang bilden sollten. Eine Kollektion für „junge“ Unternehmen, in der Leben und Arbeiten auf neue Weise zusammenfinden. Dort arbeiten die Leute oft im Stehen, auf einer Höhe von 1,20 Meter. Die Idee bestand darin, fließende Arbeitsabläufe zu ermöglichen. Den Aspekt der mehrfachen Ebenen haben wir dabei durch Kinetik gelöst. Anstatt Objekte mit unterschiedlichen Höhen, entwickelten wir ein Objekt, das auf mehreren Ebenen funktioniert. Jedes Objekt hat also mehrere Identitäten. Es gibt zum einen höhenverstellbare Objekte als auch solche, die sich hinsichtlich ihrer üblichen Grenzen neu definieren. Ein Beispiel ist der „Counter“, der zugleich trennt und verbindet. Die Frage des Umfangs wird hier neu interpretiert.

IST DER COUNTER DAS KERNSTÜCK DER KOLLEKTION?

Pestellini Laparelli: Für mich ist es sicherlich das stärkste Objekt. Nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch aufgrund seiner Wirkung. Und dann gibt es auch weniger wirkungsstarke Teile wie den Tisch, die jedoch zahlreiche Funktionen in sich vereinen. Es existiert kein Glas-Tisch auf dem Markt, der verschiedene Höhen von 50 Zentimeter bis 1,20 Meter bietet. Am Ende ist es eben doch nur ein Tisch, während der „Counter“ ungewöhnlich ist.

WELCHE FORMENSPRACHE HABEN SIE GEWÄHLT? ELEMENTE AUS DEN 80ER JAHREN LASSEN AUF EIN MODERNISTISCHES KONZEPT SCHLIESSEN.

Pestellini Laparelli: Die Formensprache ergab sich tatsächlich aus dem Entwicklungsprozess heraus. Wir widmeten uns weniger der Form als vielmehr der Funktion. Es gibt überdies keinen bestimmten Bezug auf eine Ära. Für mich sind diese Objekte zeitlos in ihrer Essentialität und Funktionsweise. Sie stehen mit ihrer Mehrdeutigkeit für sich. Die Objekte gleichen eher industriellen Prototypen oder scheinen eine ganz andere Funktion wahrzunehmen. Ich persönlich finde sie sehr poetisch, denn Marmor suggeriert gewöhnlich keine Bewegung. Dieses relativ konservative Material entwickelte plötzlich eine gewisse Kinetik und Eleganz, das war faszinierend.

BEI ALLER POESIE: IM FOKUS STAND ABER DIE FUNKTION...

Pestellini Laparelli: Absolut. Die Produkte haben sicherlich einen skulpturalen Charakter, sind jedoch als Hochleistungstools konzipiert. Für den zweiten Tag der Präsentation in Mailand hatte ich Studenten des Polytechnikums eingeladen. Nach einer Stunde wurden die Objekte von den jungen Leuten ganz selbstverständlich genutzt. Sie saßen darauf, stellten ihre Laptops darauf ab. Genau dafür haben wir sie gemacht. Ich habe sie eigentlich nie als skulpturale Objekte betrachtet. Ich habe mir eher vorgestellt, was passiert, wenn man sie jemandem sozusagen als Werkzeuge betrachtet.

WIE GESTALTETE SICH DIE ZUSAMMENARBEIT MIT KNOLL?

Pestellini Laparelli: Sehr intensiv und stark. Wir warfen uns ständig die Bälle zu. Benjamin Pardo, Leiter des Designs bei Knoll, folgte dem Prozess mit größter Aufmerksamkeit und interessierte sich sehr für unsere Herangehensweise. Kreativ gesehen ließ man uns sehr viel Freiraum, als es jedoch um die technischen Teile und die Konstruktion ging, unterstützte uns Knoll. Und das tun sie immer noch, da sich ja noch weitere sieben Objekte in der Entwicklung befinden. Die Stücke haben wir mit Goppion entwickelt, ein Unternehmen aus Mailand, das spezialisiert ist auf das Design von Museums-Displays. Das Team von Goppion hat eine große Kompetenz im Ingenieur-Bereich und in schwierigen Designs. Der perfekte Partner für unsere Arbeit.

WAS WIR IN MAILAND GESEHEN HABEN, WAR ALSO NUR DER ERSTE TEIL DER KOLLEKTION?

Pestellini Laparelli: Genau. Sieben weitere Stücke werden entwickelt und bald vorgestellt.

WIE WAR DIE ERSTE RESONANZ AUF „TOOLS FOR LIFE“?

Pestellini Laparelli: Obwohl Mailand ein schwieriger Ort ist, da hier so viele Dinge gleichzeitig passieren, gab es sehr positive Reaktionen, insbesondere was den „Counter“ betrifft. Wenn die Kollektion ab September auf dem Markt ist, werden wir sehen, wie es läuft. Auch unsere Gestaltung des Knoll-Pavillons auf der Messe wurde sehr gelobt.

SIE SIND ALSO ÜBER DEN EIGENTLICHEN AUFTRAG, MÖBEL FÜR KNOLL ZU ENTWERFEN, HINAUSGEGANGEN…

Pestellini Laparelli: Richtig. Knoll ist ein sehr interessanter Fall. Man hat dort in den vergangenen Jahren erkannt, dass das Unternehmen gewissermaßen von seinen Produkten verschluckt wurde. Jeder weiß, was ein „Barcelona" oder „Wassily Chair" ist, aber nur wenige stellen eine Verbindung zu Knoll her. Ziel war also, das Bewusstsein für das Unternehmen wieder herzustellen. Daher haben wir den Pavillon auch „This is Knoll“ genannt, um eine starke Botschaft zu senden und die Identität der Firma zu bestärken. Beides, der Pavillon und die Möbel, sollen die Werte von Knoll ausdrücken.

HEISST DAS, SIE TRETEN ALS DESIGNER HINTER IHREM AUFTRAGGEBER ZURÜCK?

Pestellini Laparelli: Ja, sicher. Und das ist eine feine Sache. Ich glaube, Autoren-Architektur und -Design wird es nicht mehr lange geben. OMA ist ein Glücksfall, da wir ein Kollektiv sind, das heißt die Stärke kommt aus der Gruppe und nicht von einer Einzelperson. Es ist also überhaupt kein Problem zu sagen, dass wir für Knoll eine Kollektion entwickeln, da wir mit ihnen einige sehr intelligente Ideen ausgetauscht haben, wie man das Unternehmen neu einführen kann. Daher haben wir auch den Messepavillon, die Einladung und das Cover des Interni Magazine gestaltet. Knoll ist der Mittelpunkt, nicht OMA. Als Architektur-Büro ist es interessant, in anderen Bereichen zu arbeiten. Für Knoll waren wir als Identitätsstifter als auch als Möbelentwickler tätig.



www.oma.eu
www.knoll-int.com