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Als die Stadt laufen lernte
von Nina Reetzke | 31. Mai 2010
The Orchard Place

Dass Archive sich nicht immer in dunklen Kellerräumen befinden, verstaubt und schwer zugänglich sein müssen, beweist das „Archigram Archival Project" der Westminster University in London. Wer sich ein Bild von den Aktivitäten und Entwürfen der Avantgardisten der Stadtplanung machen möchte, die unter dem Namen „Archigram" Berühmtheit erlangten, wird im Internet fündig. Für jedermann zugänglich liegen dort seit kurzem rund 10.000 Dokumente bereit, um betrachtet, gesichtet und analysiert zu werden. Das es gelungen ist, eine solch große Zahl von Zeichnungen, Plänen, Filmen und Texten zusammenzubekommen, ist schon deshalb beeindruckend, weil das nun versammelte Material bislang verstreut bei einer Vielzahl von Personen und Institutionen lag und noch in keiner Publikation oder Ausstellung derart umfassend zugänglich gemacht wurde. Nicht weniger hervorzuheben ist die Art und Weise, wie das Archigram Archival Project all die Dokumente präsentiert, bietet die Homepage doch einen klar strukturierten Rahmen für die Fülle des dort präsentierten Materials und führt den Besucher fast wie in einer Ausstellung durch das gesamte Schaffen von Archigram.

Unter dem Namen „Archigram", der aus „ARCHItecture" und „TeleGRAM" zusammengesetzt ist, schließt sich in den Jahren 1961 bis 1974 eine britische Gruppe von Architekten zusammen und entwickelt ihre Vorstellungen von einer Transformation der Stadt. Zu den sechs Mitgliedern gehören Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, David Greene, Ron Herron und Michael Webb. Sie veröffentlichen ihre häufig als „utopisch" bezeichneten Konzepte in insgesamt neun Ausgaben - und einer halben - des Magazins „Archigram". Zu den Höhepunkten zählen zum Beispiel die „Plug-In-City", die Peter Cook 1964 entworfen hat, und die „Walking City", die Ron Herron und Bryan Harvey im selben Jahr entwickelten. Im Jahr 1972 nimmt Archigram mit dem Projekt „The Orchard Place" an der Documenta 5 in Kassel teil.

Konsequent legt das Archigram Archival Project den Schwerpunkt seiner dokumentarischen Bemühungen auf das Archigram-Magazin, wodurch nicht nur deutlich wird, wie sich das gesamte Projekt einer Veränderung und Anpassung von Architektur und Stadtentwicklung an eine veränderte gesellschaftliche Situation entwickelt, sondern auch, wie sich dies in Format, thematischem Aufbau und Gestalt des Magazins niedergeschlagen hat.

Die erste Ausgabe des Magazins von 1961 besteht aus nicht mehr als zwei zusammengehefteten Blättern. Die Collage aus Text und Bild, die es ziert, wurde an einem Schwarzweiß-Kopierer erstellt, und lediglich ein roter Aufdruck mit einem Kartoffelstempel verleiht dem Gesamtbild etwas Farbe. Thematisiert werden drei Architekturprojekte von Archigram-Mitgliedern, darunter ein Moscheentwurf, ein Wettbewerbsbeitrag zur Gestaltung des Picadilly Circus in London und ein Bauprojekt der Furniture Manufactures' Association in Berkshire. Gerade einmal 400 Exemplare wurden damals gedruckt und hauptsächlich an englische Architekten verteilt.

Die Jahre später, bei der Veröffentlichung der fünften Ausgabe, ist „Archigram" bereits ein eingetragener Firmenname. Nun werden unter dem Titel „Metropolis" auf zweiundzwanzig Seiten systematisch städtebauliche Fragen erörtert. Die Auflage von 1.250 Exemplaren wird, durch Sponsoren finanziert, mehrfarbig im Siebdruckverfahren vervielfältigt und an einen internationalen Abonnentenkreis von Architekturinteressierten für zwei Cent das Stück verkauft.

Viele solcher Details des Archigram-Magazins vermittelt das Archival Project vor allem durch kurze Filme, die zeigen, wie das ehemalige Archigram-Mitglied Dennis Crompton die einzelnen Ausgaben betrachtet und kommentiert. Zusätzlich erleichtern Transkriptionen die Lesbarkeit der Texte, und Verlinkungen stellen die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Archigram-Projekten dar, die sich ohne Vorwissen nicht erschließen würden. Wer sich für Popkultur, für das utopische Denken der sechziger Jahre und die Stadt der Zukunft interessiert, ist hier ohne Zweifel an der richtigen Adresse.

archigram.westminster.ac.uk

Walking City in New York
Archigram Magazine Issue No. 1
Architektur › 2010 › Mai
Als die Stadt laufen lernte
von Nina Reetzke | 31. Mai 2010
Wie werden die Städte der Zukunft aussehen? Wie werden wir uns in ihnen bewegen? Die Utopien von Archigram geben darauf Antworten, die noch immer für Aufregung sorgen können. Dank des Archigram Archival Projects sind die Entwürfe und Aktivitäten der britischen Architekten-Gruppe nun umfassend im Internet zu besichtigen.
Dass Archive sich nicht immer in dunklen Kellerräumen befinden, verstaubt und schwer zugänglich sein müssen, beweist das „Archigram Archival Project" der Westminster University in London. Wer sich ein Bild von den Aktivitäten und Entwürfen der Avantgardisten der Stadtplanung machen möchte, die unter dem Namen „Archigram" Berühmtheit erlangten, wird im Internet fündig. Für jedermann zugänglich liegen dort seit kurzem rund 10.000 Dokumente bereit, um betrachtet, gesichtet und analysiert zu werden. Das es gelungen ist, eine solch große Zahl von Zeichnungen, Plänen, Filmen und Texten zusammenzubekommen, ist schon deshalb beeindruckend, weil das nun versammelte Material bislang verstreut bei einer Vielzahl von Personen und Institutionen lag und noch in keiner Publikation oder Ausstellung derart umfassend zugänglich gemacht wurde. Nicht weniger hervorzuheben ist die Art und Weise, wie das Archigram Archival Project all die Dokumente präsentiert, bietet die Homepage doch einen klar strukturierten Rahmen für die Fülle des dort präsentierten Materials und führt den Besucher fast wie in einer Ausstellung durch das gesamte Schaffen von Archigram.

Unter dem Namen „Archigram", der aus „ARCHItecture" und „TeleGRAM" zusammengesetzt ist, schließt sich in den Jahren 1961 bis 1974 eine britische Gruppe von Architekten zusammen und entwickelt ihre Vorstellungen von einer Transformation der Stadt. Zu den sechs Mitgliedern gehören Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, David Greene, Ron Herron und Michael Webb. Sie veröffentlichen ihre häufig als „utopisch" bezeichneten Konzepte in insgesamt neun Ausgaben - und einer halben - des Magazins „Archigram". Zu den Höhepunkten zählen zum Beispiel die „Plug-In-City", die Peter Cook 1964 entworfen hat, und die „Walking City", die Ron Herron und Bryan Harvey im selben Jahr entwickelten. Im Jahr 1972 nimmt Archigram mit dem Projekt „The Orchard Place" an der Documenta 5 in Kassel teil.

Konsequent legt das Archigram Archival Project den Schwerpunkt seiner dokumentarischen Bemühungen auf das Archigram-Magazin, wodurch nicht nur deutlich wird, wie sich das gesamte Projekt einer Veränderung und Anpassung von Architektur und Stadtentwicklung an eine veränderte gesellschaftliche Situation entwickelt, sondern auch, wie sich dies in Format, thematischem Aufbau und Gestalt des Magazins niedergeschlagen hat.

Die erste Ausgabe des Magazins von 1961 besteht aus nicht mehr als zwei zusammengehefteten Blättern. Die Collage aus Text und Bild, die es ziert, wurde an einem Schwarzweiß-Kopierer erstellt, und lediglich ein roter Aufdruck mit einem Kartoffelstempel verleiht dem Gesamtbild etwas Farbe. Thematisiert werden drei Architekturprojekte von Archigram-Mitgliedern, darunter ein Moscheentwurf, ein Wettbewerbsbeitrag zur Gestaltung des Picadilly Circus in London und ein Bauprojekt der Furniture Manufactures' Association in Berkshire. Gerade einmal 400 Exemplare wurden damals gedruckt und hauptsächlich an englische Architekten verteilt.

Die Jahre später, bei der Veröffentlichung der fünften Ausgabe, ist „Archigram" bereits ein eingetragener Firmenname. Nun werden unter dem Titel „Metropolis" auf zweiundzwanzig Seiten systematisch städtebauliche Fragen erörtert. Die Auflage von 1.250 Exemplaren wird, durch Sponsoren finanziert, mehrfarbig im Siebdruckverfahren vervielfältigt und an einen internationalen Abonnentenkreis von Architekturinteressierten für zwei Cent das Stück verkauft.

Viele solcher Details des Archigram-Magazins vermittelt das Archival Project vor allem durch kurze Filme, die zeigen, wie das ehemalige Archigram-Mitglied Dennis Crompton die einzelnen Ausgaben betrachtet und kommentiert. Zusätzlich erleichtern Transkriptionen die Lesbarkeit der Texte, und Verlinkungen stellen die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Archigram-Projekten dar, die sich ohne Vorwissen nicht erschließen würden. Wer sich für Popkultur, für das utopische Denken der sechziger Jahre und die Stadt der Zukunft interessiert, ist hier ohne Zweifel an der richtigen Adresse.

archigram.westminster.ac.uk