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Arbeiten wie die alten Griechen
von Adeline Seidel
22. April 2015
Hereinspaziert: Michele De Lucchi entwirft einen ganzen Parcours für seinen „Workplace 3.0“ im Rahmen des Salone Ufficio. Foto © Salone Ufficio
Michele De Lucchi glaubt zu wissen, was das schöpferische Arbeiten vor allem braucht: einen Spaziergang
Zum Salone del Mobile gesellte sich in diesem Jahr der Salone Ufficio – die Büromöbelmesse, der man etwas zeitgeistig den Namen „Workplace 3.0“ hinzufügte. Wie die dritte Version eines Arbeitsplatzes tatsächlich aussieht, wurde freilich auch nach dem Besuch der Messehallen nicht ganz klar. Das mag daran liegen, dass auch die Arbeitsplätze 2.0 und 1.0 nicht eindeutig definiert sind. Handelt es sich hierbei um den Tisch im Großraumbüro oder das Arbeiten im Cubical? Zählt das Fließband auch zu den derart durchnummerierten Arbeitsplätzen?

Sei’s drum. Was in der heutigen Arbeitswelt zähle, so lassen Medien und Unternehmen verlauten, sei die Kreativität. Was es für das schöpferische Tun braucht, offenbart De Lucchis Installation beim Salone Ufficio schon in ihrem Namen: „La Passeggiata“. Der Spaziergang soll veranschaulichen, was die Arbeitswelt aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen – digitale Technologien und neue Prozesse – benötigt. Dafür wirft De Lucchi einen Blick in die Vergangenheit und auf die griechischen Philosophen: „Die Sophisten zogen lehrend von Ort zu Ort. Die Stoiker unterhielten sich, während sie unter dem Portikus von Athen wandelten.“, beschreibt De Lucchi Raphaels Fresko „Die Schule von Athen“, das ihn inspirierte. Aber auch Friedrich Nietzsche, Thomas Mann und Friedrich Hölderlin legten Wert auf den täglichen Spaziergang, bei dem das Denken in eigenen Bahnen kreist. Und so kann man auch in De Lucchis „La Passeggiata“ vor allem eines: Spazierengehen. (Wenn das nicht Arbeiten 0.3 ist!) Der sanft ansteigende Steg, der die Form eines vierblättrigen Kleeblattes nachzeichnet, schwebt in der Mitte, da wo die Blätter des Kleeblattes zusammenkommen, gut drei Meter über den Boden und gibt den Blick frei auf das Messetreiben. Ein herrlicher Ort, an dem man gerne seine Runden dreht, verweilt und immer wieder etwas entdeckt.

Im Grunde hätte dieser nicht endende „Spaziergang“ als Installation gereicht. Denn was die Wirtschaft, die sich so sehr an die Kreativität als treibende Innovationskraft klammert, tatsächlich braucht, nennt man: Müßiggang. Also das Gegenteil dessen, was die Branche in Produkte zu packen versucht und gerade kein Spielplatz für die Berufsjugendlichen bei Google oder „Chill-out Spaces“ und „Communications Areas“ in Großraumbüros. Und ganz sicher küsst die feine Muße auch nicht unbedingt die verschwitzte Stirn des Kopfarbeiters, der sich hechelnd auf dem Laufband selbst optimiert.

Deswegen ist es auch schade, dass De Lucchi in den Blättern seines Kleeblattes Zonen geschaffen hat, die seiner Meinung nach in die Arbeitswelt gehören und die – wenngleich anders bezeichnet – aktuellen Trends verdächtig nahekommen. „The Club“ heißt da beispielsweise ein Loungebereich, in dem man sich in entspannter Atmosphäre austauschen kann; im „Lab“ finden in kleinen Werkstatt-Häuschen analoge und digitale Fertigungsmethoden ihren Platz. In dem Blatt namens „Free Man“ mäandriert der Kopfarbeiter durch ein kleines Dorf, das aus Rückzugszellen und Gruppenarbeitsplätzen besteht – anderswo heißt das „Concentration Space“. Und zu guter Letzt hat De Lucchi noch eine „Agora“ geschaffen, die, wie sollte es anders sein, als Besprechungsort dient. Keine Frage, alle Bereiche sind durchdacht und sensibel gestaltet, doch unterscheiden sich die Ideen kaum von den Konzepten einschlägiger Büromöbelhersteller.


www.micheledelucchi.com
  • „La Passeggiata“ soll veranschaulichen, was die Arbeitswelt aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen benötigt. Foto © Salone Ufficio
  • „Beleuchtung, Ambiente, Temperatur, Feuchtigkeit – all diese Dinge können Büros heute verändern“, sagt Michele De Lucchi (im Bild mittig) über die Gestaltung des „Workplace 3.0“. Foto © Salone Ufficio
  • Im „Lab“ finden in kleinen Werkstatt-Häuschen analoge und digitale Fertigungsmethoden ihren Platz. Foto © Salone Ufficio
  • Im „Lab“ finden in kleinen Werkstatt-Häuschen analoge und digitale Fertigungsmethoden ihren Platz. Foto © Salone Ufficio
  • Die drei Meter über den Boden angelegten Aufgänge bieten Platz für Spaziergänge und einen Blick auf das Messetreiben. Foto © Salone
  • Wenn das nicht Arbeiten 0.3 ist!
    Foto © Salone Ufficio
  • Rückzugsorte wie hier „Free Man" dürfen natürlich nicht fehlen.
    Foto © Salone Ufficio
  • Der Parcours ist wie ein vierblättriges Kleeblatt angelegt.
    Foto © Salone Ufficio
  • Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“ (1510/11, Vatikanische Museen) inspirierte De Lucchi. Foto © Wikipedia
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News & Stories › 2015 › April
Arbeiten wie die alten Griechen
von Adeline Seidel | 22. April 2015
Michele De Lucchi glaubt zu wissen, was das schöpferische Arbeiten vor allem braucht. Ein Spaziergang über seine "Workplace 3.0 - La Passegiata"-Installation auf dem Salone Ufficio.
Zum Salone del Mobile gesellte sich in diesem Jahr der Salone Ufficio – die Büromöbelmesse, der man etwas zeitgeistig den Namen „Workplace 3.0“ hinzufügte. Wie die dritte Version eines Arbeitsplatzes tatsächlich aussieht, wurde freilich auch nach dem Besuch der Messehallen nicht ganz klar. Das mag daran liegen, dass auch die Arbeitsplätze 2.0 und 1.0 nicht eindeutig definiert sind. Handelt es sich hierbei um den Tisch im Großraumbüro oder das Arbeiten im Cubical? Zählt das Fließband auch zu den derart durchnummerierten Arbeitsplätzen?

Sei’s drum. Was in der heutigen Arbeitswelt zähle, so lassen Medien und Unternehmen verlauten, sei die Kreativität. Was es für das schöpferische Tun braucht, offenbart De Lucchis Installation beim Salone Ufficio schon in ihrem Namen: „La Passeggiata“. Der Spaziergang soll veranschaulichen, was die Arbeitswelt aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen – digitale Technologien und neue Prozesse – benötigt. Dafür wirft De Lucchi einen Blick in die Vergangenheit und auf die griechischen Philosophen: „Die Sophisten zogen lehrend von Ort zu Ort. Die Stoiker unterhielten sich, während sie unter dem Portikus von Athen wandelten.“, beschreibt De Lucchi Raphaels Fresko „Die Schule von Athen“, das ihn inspirierte. Aber auch Friedrich Nietzsche, Thomas Mann und Friedrich Hölderlin legten Wert auf den täglichen Spaziergang, bei dem das Denken in eigenen Bahnen kreist. Und so kann man auch in De Lucchis „La Passeggiata“ vor allem eines: Spazierengehen. (Wenn das nicht Arbeiten 0.3 ist!) Der sanft ansteigende Steg, der die Form eines vierblättrigen Kleeblattes nachzeichnet, schwebt in der Mitte, da wo die Blätter des Kleeblattes zusammenkommen, gut drei Meter über den Boden und gibt den Blick frei auf das Messetreiben. Ein herrlicher Ort, an dem man gerne seine Runden dreht, verweilt und immer wieder etwas entdeckt.

Im Grunde hätte dieser nicht endende „Spaziergang“ als Installation gereicht. Denn was die Wirtschaft, die sich so sehr an die Kreativität als treibende Innovationskraft klammert, tatsächlich braucht, nennt man: Müßiggang. Also das Gegenteil dessen, was die Branche in Produkte zu packen versucht und gerade kein Spielplatz für die Berufsjugendlichen bei Google oder „Chill-out Spaces“ und „Communications Areas“ in Großraumbüros. Und ganz sicher küsst die feine Muße auch nicht unbedingt die verschwitzte Stirn des Kopfarbeiters, der sich hechelnd auf dem Laufband selbst optimiert.

Deswegen ist es auch schade, dass De Lucchi in den Blättern seines Kleeblattes Zonen geschaffen hat, die seiner Meinung nach in die Arbeitswelt gehören und die – wenngleich anders bezeichnet – aktuellen Trends verdächtig nahekommen. „The Club“ heißt da beispielsweise ein Loungebereich, in dem man sich in entspannter Atmosphäre austauschen kann; im „Lab“ finden in kleinen Werkstatt-Häuschen analoge und digitale Fertigungsmethoden ihren Platz. In dem Blatt namens „Free Man“ mäandriert der Kopfarbeiter durch ein kleines Dorf, das aus Rückzugszellen und Gruppenarbeitsplätzen besteht – anderswo heißt das „Concentration Space“. Und zu guter Letzt hat De Lucchi noch eine „Agora“ geschaffen, die, wie sollte es anders sein, als Besprechungsort dient. Keine Frage, alle Bereiche sind durchdacht und sensibel gestaltet, doch unterscheiden sich die Ideen kaum von den Konzepten einschlägiger Büromöbelhersteller.


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