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Nein, die Häuser sind nicht halbfertig: Die noch unbebaute Hälfte kann von den Bewohnern nach ihren Bedürfnissen ausgebaut werden. Die Gebäude sind Bestandteil des Projektes „PRES Constitution“ von Elemental, Gewinner der Kategorie "Urban Developments & Initiatives" des Zumtobel Group Awards. Foto © Elemental, Chile
Architektur mit Mehrwert
von Adeline Seidel
15. Oktober 2014
Wer die Fotografien des Projekts „PRES Constitución“ des chilenischen Architekturbüros Elemental betrachtet, wird kaum glauben können, dass es soeben mit einem Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Die Bilder zeigen eine ganze Batterie gleichförmiger Häuser, eine Reihenhaussiedlung, wie sie überall zu finden sein könnte. So scheint es zumindest, ist auf den Fotografien doch ebenso wenig eine ungewöhnliche Architektur zu erkennen wie ein aufsehenerregendes „Salto Mortale“ der Ingenieurbaukunst. Ähnlich ergeht es dem Betrachter bei den Fotografien eines Kinderkrankenhauses in Port Sudan, entworfen vom italienischen Architekturbüro Tamassociati. Zu sehen ist ein weißer Kasten, davor sattes Grün inmitten einer staubigen Umgebung. Die Architektur des Krankenhauses erscheint schlicht, ist aber kein asketischer Luxus; und auch der Grünbereich ist kein paradiesischer Garten. Auch bei dem Projekt „SolarLeaf“ ist nicht in erster Linie die Gestaltung des Hauses selbst relevant. Es geht allein um die mit Algenmasse gefüllten Paneele an der Fassade, die das Gebäude mit Energie versorgen. Entwickelt wurde „SolarLeaf“ von Arup Deutschland GmbH – und es ist noch immer ein gebautes Experiment, dessen Monitoring noch nicht abgeschlossen ist.

Sämtliche Projekte haben eines gemeinsam: Sie wurden für etwas ausgezeichnet, was man auf Fotografien nicht oder nur schwer erkennen kann. Dafür sind die Projekte zu vielschichtig, ihre Entstehungsgeschichten zu komplex. Debatten über die Ästhetik des Bauens lassen sich über sie kaum führen – zumindest würden sie ihnen nicht gerecht werden. Denn die Gebäude stehen für ein erweitertes Verständnis von Architektur, das die Branche zwar langsam, aber so durchdringend wie Pilzfäden durchzieht.

Was Elemental in ihrem Projekt „PRES Constitución“ leisten, übertrifft bei weitem die sonst üblichen Anforderungen an ein Architektur- und Stadtplanungsbüro. Vor vier Jahren zerstörten ein starkes Erdbeben und ein Tsunami die chilenische Stadt Constitución am Pazifischen Ozean nahezu vollständig. Elemental hatte nur hundert Tage Zeit, eine Strategie für den Wiederaufbau zu entwickeln. Es galt, viele Aufgaben zugleich zu bewältigen, sich als Planer und Architekten, als Moderatoren und Seismografen für die Bedürfnisse der Stadtbewohner, als Budgetjongleure, Generalisten und Vertreter der Bürger in politischen Ausschüssen zu bewähren.

Bauen über Amtszeiten hinaus

Ein partizipatorischer Entwurfsprozess sollte grundlegende Bedürfnisse der Stadtbewohner definieren und Prioritäten festlegen. „Am wichtigsten war“, so begründen die Architekten ihre Maßnahmen, „dass die Gemeinschaft das Gefühl haben musste, während der Umsetzung Druck auf die Behörden ausüben zu können. Alle wesentlichen Veränderungen in einer Stadt erfolgen über einen Zeitraum hinweg, der länger dauert als die Amtszeiten politischer Würdenträger in der Stadtverwaltung. Durch die Einbeziehung der Bewohner können diese sicherstellen, dass die nächste Stadtverwaltung die für die Stadt vereinbarten Entwürfe auch tatsächlich umsetzt.“ Durch die Diskussionen – teilweise auch durch heftige Streitereien – zwischen den Bewohnern und den Vertretern der Stadt wurde beispielweise deutlich, dass den Bewohnern bisher nur wenig öffentlicher Raum – gerade einmal 2,2 Quadratmeter pro Kopf – zur Verfügung stand, aber der Wunsch nach mehr geäußert wurde. Auch die Wellen des Tsunamis bereiteten den Architekten und Bewohnern Sorgen. Erdbeben sind in der Region nicht selten, aber von einem Tsunami war man bisher verschont geblieben. Eine schützende Mauer am Ufer kam für die Anwohner nicht in Frage, denn diese würde die Stadt vom Meer und von der Flussmündung abtrennen und damit den Zugang zu einer wichtigen Einnahmequelle der Bewohner erschweren. Elemental schlugen schließlich einen Schutzwald am Flussufer vor, weil sie belegen konnten, dass dieser Wald die Kraft der Wellen erheblich abmindern und vor Überflutung schützen kann. Politisch war dieser Vorschlag ein heikles Unterfangen, weil dafür private Grundstücke am Wasser enteignet werden mussten. Dennoch stimmte die Mehrheit der Bevölkerung zu und nach nun vier Jahren konnte ein Großteil der damit verbunden Teilprojekte, wie beispielsweise neue Wohnhäuser und öffentliche Sportanlagen, realisiert werden.

„PRES Constitución“, das Gewinnerprojekt in der Kategorie „Urban Development and Initiatives“ des Zumtobel Group Awards, ist ein beispielhaftes Projekt – wie auch die vier anderen nominierten Vorhaben in dieser Kategorie. Der Zumtobel Group Award wurde in diesem Jahr zum vierten Mal verliehen und um eine Kategorie erweitert. Aus der bisherigen Kategorie „Forschung und Initiative“ wurden „Urban Development and Initiatives“ und „Applied Innovations“. Die Erweiterung der Auszeichnungskategorien geht mit einem veränderten Verständnis junger Architekten und Planer einher, die Architektur nicht auf eine ansprechende Formensprache reduzieren, sondern Bauen als erweiterten Prozess begreifen – mit allen technischen, funktionalen und sozialen Konsequenzen. Das geht mitunter so weit, als Architekt auf das Bauen von Gebäuden zu verzichten und dafür aktiv Prozesse der Stadtentwicklung zu begleiten, bei denen die Bewohner Einfluss auf zukünftige Planungen nehmen.

Sicher, all das ist nicht wirklich neu. Man denke nur an die Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard, mit der er – kurz gefasst – dem Bürger ein gesundes Leben in einem urbanen Umfeld ermöglichen wollte. Oder an die Bürgerbeteiligungsverfahren für Wohn- und Stadtentwicklungsprojekte der 1960er und 1970er Jahre. Auch viele dieser Projekte, bei denen die Aufmerksamkeit des Architekten vorrangig der Aufgabe gewidmet ist, eine aus Sicht der Bewohner akzeptable Struktur zu entwickeln, statt auf einen möglichen Statusgewinn der Planer zu schielen, lassen sich nicht einfach durch Bilder kommunizieren. Was es leider noch immer erschwert, dass solche Projekte über die Fachkreise hinaus bekannt werden. Die Anerkennung durch einen Preis hilft dabei, nicht nur sozial verträglichere Ansätze zu entwickeln, sondern auch das Bild des Architekten in der Gesellschaft zu verändern. Zumindest ist es ein Anfang.

Grünes Experiment

In der Kategorie „Applied Innovations“ des Zumtobel Group Awards werden bautechnologische Neuentwicklungen ausgezeichnet. Hier soll der Mut zum Experiment belohnt werden, handelt es sich bei den nominierten Projekten doch um Prototypen wie im Fall von „SolarLeaf“, dem Gewinnerprojekt in dieser Kategorie. Die Arup Deutschland GmbH hat gemeinsam mit der SSC Strategic Science Consult GmbH und der Colt International GmbH ein Fassadenpaneel entwickelt, das mehrere Funktionen erfüllt – nicht nur solche, die allein die Fassadenperformance eines Hauses verbessern: Die Fassade wird eben auch zu einer Art Anbaufläche, lässt sich in den Paneelen doch eine hochwertige Biomasse aus Mikroalgen produzieren, die als Ressource zur Herstellung von Lebensmitteln oder für die pharmazeutische Industrie genutzt werden kann. Mittels Fotosynthese versorgen die Mikroalgen ein Gebäude mit Energie, ein in den Paneelen integriertes System absorbiert CO2-Emissionen aus der Umgebung, und nicht zuletzt dienen die Paneele auch als Sonnenschutz. Noch hat „SolarLeaf“ keine Marktreife erlangt, aber das Team um die Arup Deutschland GmbH arbeitet daran.

Lässt man sich auf solche oder ähnliche Projekte ein, so wird rasch klar: Die Vergabe eines solchen Preises fördert ein Verständnis von Architektur, das nicht nur aus fotografischen Erfolgsmeldungen besteht, sondern bei dem sogar das Scheitern eines Vorhabens nicht ausgeschlossen bleibt. Und sind wir einmal ehrlich: Scheitern darf man beim Bauen heutzutage eigentlich nicht. In einer Branche, in der Fehler viel Geld kosten und in der man gegen alle Eventualitäten versichert und abgesichert sein muss, sind Experimente nur schwer möglich. Diese geringe Risikobereitschaft erstickt freilich jede Art von Fortschritt und Innovation im Keim. Dabei wäre so vieles, was heute als exemplarisch geschätzt und gelobt wird, nicht entstanden, wären erste Ansätze nicht gescheitert und die entsprechenden Schlüsse daraus gezogen worden. Denken wir nur an Buckminster Fullers „Dymaxion House“ oder seinen tropfenförmigen „Dymaxion Car“. Den Markt haben sie nicht erobert, aber zu Erkenntnissen geführt, auf denen später – in der Architektur und in der Automobilindustrie – aufgebaut werden konnte.

www.zumtobel-group-award.com
Der Schutzwald soll bei einem Tsunami die Wucht der Wellen bremsen. Foto © Elemental, Chile
Neue öffentliche Räume und Freizeitmöglichkeiten werden das Ufer säumen.
Foto © Elemental, Chile
Diese neuen öffentlichen Räume wünschten sich die Bewohner der Stadt.
Foto © Elemental, Chile
Gewinner der Kategorie „Buildings“ des Zumtobel Group Awards: Das Projekt „Port Sudan Paediatric Centre” von dem Studio Tamassociati Architects. Foto © Massimo Grimaldi
Der geschützte Hof mit Garten dient als Erholungsraum. Foto © Massimo Grimaldi
Der Gewinner der Kategorie „Applied Innovations“: Das Projekt „SolarLeaf“ der Arup Deutschland GmbH. Ein Fassadensystem mit Photo-Bio-Reactor-Technologie.
Foto © Colt, SSC, Arup
Mittels Fotosynthese versorgen die Mikroalgen in den Paneelen das Gebäude mit Energie.
Foto © Colt, SSC, Arup
Architektur › 2014 › Oktober
Architektur mit Mehrwert
von Adeline Seidel | 15. Oktober 2014
Was sich gut fotografieren lässt, ist deshalb noch keine gute Architektur. Was es zu einem erweiterten Verständnis von Planen und Bauen braucht, zeigen Projekte, wie sie in den verschiedenen Kategorien des Zumtobel Group Awards ausgezeichnet wurden.
Wer die Fotografien des Projekts „PRES Constitución“ des chilenischen Architekturbüros Elemental betrachtet, wird kaum glauben können, dass es soeben mit einem Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Die Bilder zeigen eine ganze Batterie gleichförmiger Häuser, eine Reihenhaussiedlung, wie sie überall zu finden sein könnte. So scheint es zumindest, ist auf den Fotografien doch ebenso wenig eine ungewöhnliche Architektur zu erkennen wie ein aufsehenerregendes „Salto Mortale“ der Ingenieurbaukunst. Ähnlich ergeht es dem Betrachter bei den Fotografien eines Kinderkrankenhauses in Port Sudan, entworfen vom italienischen Architekturbüro Tamassociati. Zu sehen ist ein weißer Kasten, davor sattes Grün inmitten einer staubigen Umgebung. Die Architektur des Krankenhauses erscheint schlicht, ist aber kein asketischer Luxus; und auch der Grünbereich ist kein paradiesischer Garten. Auch bei dem Projekt „SolarLeaf“ ist nicht in erster Linie die Gestaltung des Hauses selbst relevant. Es geht allein um die mit Algenmasse gefüllten Paneele an der Fassade, die das Gebäude mit Energie versorgen. Entwickelt wurde „SolarLeaf“ von Arup Deutschland GmbH – und es ist noch immer ein gebautes Experiment, dessen Monitoring noch nicht abgeschlossen ist.

Sämtliche Projekte haben eines gemeinsam: Sie wurden für etwas ausgezeichnet, was man auf Fotografien nicht oder nur schwer erkennen kann. Dafür sind die Projekte zu vielschichtig, ihre Entstehungsgeschichten zu komplex. Debatten über die Ästhetik des Bauens lassen sich über sie kaum führen – zumindest würden sie ihnen nicht gerecht werden. Denn die Gebäude stehen für ein erweitertes Verständnis von Architektur, das die Branche zwar langsam, aber so durchdringend wie Pilzfäden durchzieht.

Was Elemental in ihrem Projekt „PRES Constitución“ leisten, übertrifft bei weitem die sonst üblichen Anforderungen an ein Architektur- und Stadtplanungsbüro. Vor vier Jahren zerstörten ein starkes Erdbeben und ein Tsunami die chilenische Stadt Constitución am Pazifischen Ozean nahezu vollständig. Elemental hatte nur hundert Tage Zeit, eine Strategie für den Wiederaufbau zu entwickeln. Es galt, viele Aufgaben zugleich zu bewältigen, sich als Planer und Architekten, als Moderatoren und Seismografen für die Bedürfnisse der Stadtbewohner, als Budgetjongleure, Generalisten und Vertreter der Bürger in politischen Ausschüssen zu bewähren.

Bauen über Amtszeiten hinaus

Ein partizipatorischer Entwurfsprozess sollte grundlegende Bedürfnisse der Stadtbewohner definieren und Prioritäten festlegen. „Am wichtigsten war“, so begründen die Architekten ihre Maßnahmen, „dass die Gemeinschaft das Gefühl haben musste, während der Umsetzung Druck auf die Behörden ausüben zu können. Alle wesentlichen Veränderungen in einer Stadt erfolgen über einen Zeitraum hinweg, der länger dauert als die Amtszeiten politischer Würdenträger in der Stadtverwaltung. Durch die Einbeziehung der Bewohner können diese sicherstellen, dass die nächste Stadtverwaltung die für die Stadt vereinbarten Entwürfe auch tatsächlich umsetzt.“ Durch die Diskussionen – teilweise auch durch heftige Streitereien – zwischen den Bewohnern und den Vertretern der Stadt wurde beispielweise deutlich, dass den Bewohnern bisher nur wenig öffentlicher Raum – gerade einmal 2,2 Quadratmeter pro Kopf – zur Verfügung stand, aber der Wunsch nach mehr geäußert wurde. Auch die Wellen des Tsunamis bereiteten den Architekten und Bewohnern Sorgen. Erdbeben sind in der Region nicht selten, aber von einem Tsunami war man bisher verschont geblieben. Eine schützende Mauer am Ufer kam für die Anwohner nicht in Frage, denn diese würde die Stadt vom Meer und von der Flussmündung abtrennen und damit den Zugang zu einer wichtigen Einnahmequelle der Bewohner erschweren. Elemental schlugen schließlich einen Schutzwald am Flussufer vor, weil sie belegen konnten, dass dieser Wald die Kraft der Wellen erheblich abmindern und vor Überflutung schützen kann. Politisch war dieser Vorschlag ein heikles Unterfangen, weil dafür private Grundstücke am Wasser enteignet werden mussten. Dennoch stimmte die Mehrheit der Bevölkerung zu und nach nun vier Jahren konnte ein Großteil der damit verbunden Teilprojekte, wie beispielsweise neue Wohnhäuser und öffentliche Sportanlagen, realisiert werden.

„PRES Constitución“, das Gewinnerprojekt in der Kategorie „Urban Development and Initiatives“ des Zumtobel Group Awards, ist ein beispielhaftes Projekt – wie auch die vier anderen nominierten Vorhaben in dieser Kategorie. Der Zumtobel Group Award wurde in diesem Jahr zum vierten Mal verliehen und um eine Kategorie erweitert. Aus der bisherigen Kategorie „Forschung und Initiative“ wurden „Urban Development and Initiatives“ und „Applied Innovations“. Die Erweiterung der Auszeichnungskategorien geht mit einem veränderten Verständnis junger Architekten und Planer einher, die Architektur nicht auf eine ansprechende Formensprache reduzieren, sondern Bauen als erweiterten Prozess begreifen – mit allen technischen, funktionalen und sozialen Konsequenzen. Das geht mitunter so weit, als Architekt auf das Bauen von Gebäuden zu verzichten und dafür aktiv Prozesse der Stadtentwicklung zu begleiten, bei denen die Bewohner Einfluss auf zukünftige Planungen nehmen.

Sicher, all das ist nicht wirklich neu. Man denke nur an die Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard, mit der er – kurz gefasst – dem Bürger ein gesundes Leben in einem urbanen Umfeld ermöglichen wollte. Oder an die Bürgerbeteiligungsverfahren für Wohn- und Stadtentwicklungsprojekte der 1960er und 1970er Jahre. Auch viele dieser Projekte, bei denen die Aufmerksamkeit des Architekten vorrangig der Aufgabe gewidmet ist, eine aus Sicht der Bewohner akzeptable Struktur zu entwickeln, statt auf einen möglichen Statusgewinn der Planer zu schielen, lassen sich nicht einfach durch Bilder kommunizieren. Was es leider noch immer erschwert, dass solche Projekte über die Fachkreise hinaus bekannt werden. Die Anerkennung durch einen Preis hilft dabei, nicht nur sozial verträglichere Ansätze zu entwickeln, sondern auch das Bild des Architekten in der Gesellschaft zu verändern. Zumindest ist es ein Anfang.

Grünes Experiment

In der Kategorie „Applied Innovations“ des Zumtobel Group Awards werden bautechnologische Neuentwicklungen ausgezeichnet. Hier soll der Mut zum Experiment belohnt werden, handelt es sich bei den nominierten Projekten doch um Prototypen wie im Fall von „SolarLeaf“, dem Gewinnerprojekt in dieser Kategorie. Die Arup Deutschland GmbH hat gemeinsam mit der SSC Strategic Science Consult GmbH und der Colt International GmbH ein Fassadenpaneel entwickelt, das mehrere Funktionen erfüllt – nicht nur solche, die allein die Fassadenperformance eines Hauses verbessern: Die Fassade wird eben auch zu einer Art Anbaufläche, lässt sich in den Paneelen doch eine hochwertige Biomasse aus Mikroalgen produzieren, die als Ressource zur Herstellung von Lebensmitteln oder für die pharmazeutische Industrie genutzt werden kann. Mittels Fotosynthese versorgen die Mikroalgen ein Gebäude mit Energie, ein in den Paneelen integriertes System absorbiert CO2-Emissionen aus der Umgebung, und nicht zuletzt dienen die Paneele auch als Sonnenschutz. Noch hat „SolarLeaf“ keine Marktreife erlangt, aber das Team um die Arup Deutschland GmbH arbeitet daran.

Lässt man sich auf solche oder ähnliche Projekte ein, so wird rasch klar: Die Vergabe eines solchen Preises fördert ein Verständnis von Architektur, das nicht nur aus fotografischen Erfolgsmeldungen besteht, sondern bei dem sogar das Scheitern eines Vorhabens nicht ausgeschlossen bleibt. Und sind wir einmal ehrlich: Scheitern darf man beim Bauen heutzutage eigentlich nicht. In einer Branche, in der Fehler viel Geld kosten und in der man gegen alle Eventualitäten versichert und abgesichert sein muss, sind Experimente nur schwer möglich. Diese geringe Risikobereitschaft erstickt freilich jede Art von Fortschritt und Innovation im Keim. Dabei wäre so vieles, was heute als exemplarisch geschätzt und gelobt wird, nicht entstanden, wären erste Ansätze nicht gescheitert und die entsprechenden Schlüsse daraus gezogen worden. Denken wir nur an Buckminster Fullers „Dymaxion House“ oder seinen tropfenförmigen „Dymaxion Car“. Den Markt haben sie nicht erobert, aber zu Erkenntnissen geführt, auf denen später – in der Architektur und in der Automobilindustrie – aufgebaut werden konnte.

www.zumtobel-group-award.com