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Auf die Sitze, fertig, los
06.09.2015

Als Kinder noch mit Murmeln spielten, wie die kleinen Strolche schmutzig und frech durch die Straßen liefen, abends brav am Tisch das Gebet mit Mama und Papa aufsagten und sich dann ins Bettchen einmummelten, das in einem eher grauen und praktisch eingerichteten Zimmer stand, konnte man noch nicht ahnen, in welch watteweicher und kindgerechten Ausstattung Kinder heute aufwachsen. Rund um’s allseitige Kümmern ist eine ganze Industrie entstanden, die sich um das Wohlergehen der Kleinsten sorgt, samt Baby-Yoga im Gemeindezentrum, Führungen durchs Kunstmuseum und mit Cafés speziell für Mütter mit Kindern, die nicht nur eine Spielecke haben, sondern auch besonders viel Platz für den Kinderwagen. Ganz zu schweigen von all den Angeboten rund um Spielzeug, Kleidung und Möbel speziell fürs Kind.

Kinder sind heute wirklich König – eine Entwicklung, die in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen einer kindgerechten Pädagogik begonnen hat und seitdem konsequent weiterentwickelt wurde. Für voll berufstätige Mütter in reichen Ländern sind die Kids zudem oft zu einem Prestigeobjekt geworden, dem man nur das Beste angedeihen lässt – frei nach der Maxime: „Was ich mir gönne, das muss auch für meine Kinder gut sein“. Kein Wunder also, dass viele Designklassiker „geschrumpft“ und an die Maße von Kindern angepasst wurden. Ob die Mini-Ausgaben solcher Klassiker tatsächlich kindgerecht sind beziehungsweise, ob Kinder gut designte Möbel mögen und zu schätzen wissen, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist nur, dass Kinder auf diesem Wege schon früh mit einer gut gestalteten Umwelt in Kontakt treten, was auf keinen Fall schaden kann.

Ausgewählt haben wir Designklassiker für Kinder, die von bekannten Designern entworfen wurden, die als verkleinerte Versionen von Klassikern erst vor Kurzem herausgebracht wurden, die allein in der Welt der Kinderzimmer Karriere gemacht haben, und solche, die selbst bereits zu Klassikern geworden sind. (mm)

ZUM SAMMELN UND SITZEN
„DIAMOND CHILDREN CHAIR“ VON HARRY BERTOIA
FÜR KNOLL INTERNATIONAL, 2010

„Bitte beachten Sie, dass der Kinderstuhl ‚426‘ ausschließlich für Sammler gedacht ist, da er nicht mehr den heutigen Sicherheitsbestimmungen als Kindermöbel entspricht. Der Stuhl ist leider nicht mehr für den Einsatz im Kinderzimmer geeignet.“ Der Sicherheitshinweis von Knoll offenbart eine Problematik der Miniaturausgeben von Designklassikern: Das einfache Runterskalieren und Übertragen von Ergonomie und Sitzgewohnheiten der Erwachsenen auf die Kleinen funktioniert nicht immer. Bei Harry Bertoias „426“ mag es daran gelegen haben, dass man ihn schon drei Jahre nach dem Erscheinen seinen großen Bruders (1952) auf den Markt gebracht hat – damals hatte man sich noch nicht intensiv mit kindgerechtem Möbeldesign beschäftigt. Den „Diamond Children Chair“, der erst 2010 vorgestellt wurde, dürfen Kinder nämlich ohne Einschränkung benutzen.


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MITWACHSENDER PIONIER
KINDERSTUHL VON KRISTIAN VEDEL
FÜR ARCHITECT MADE, 1957

Der Däne Kristian Vedel gilt als einer der ersten Designer, die sich explizit Gedanken über die Gestaltung kindgerechter Möbel gemacht haben. Sein Kinderstuhl, der gleich nach Erscheinen im Jahr 1957 von der Mailänder Triennale mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurde, überzeugt aber nicht nur im Hinblick auf seine Funktion – die Sitzfläche kann man durch einfaches Umstecken in der Höhe verstellen. Mit dem zum Halbrund gebogenen Schichtholz, das den Stuhl wie eine aufgeschnittene Tonne wirken lässt, und den in Blau und Rot gehaltenen Sitzen, ist das Modell unverkennbar von der Dänischen Moderne und dem Bauhaus beeinflusst. Kein Wunder, dass es heute in der Designsammlung des MoMA in New York vertreten ist.


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ALLES GUTE
„PETER‘S CHAIR AND TABLE“ VON HANS J. WEGNER
FÜR CARL HANSEN, 1944

Da Hans J. Wegner kein adäquates Taufgeschenk für den neugeborenen Sohn seines Freundes Børge Mogensen finden konnte, begab er sich kurzentschlossen in die Werkstatt und – Sie ahnen es schon – baute einen Kinderstuhl. Er entschied sich für vier an den Ecken abgerundete Paneele, die man ineinanderschieben konnte, sodass man zum Aufbau keinerlei Werkzeug benötigte. Mogensen war so angetan von dem Entwurf, dass er zusammen mit Wegner noch einen Tisch dazu entwarf. Jetzt dürfen Sie drei Mal raten, wieso der Stuhl „Peter“ heißt.


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IM DREIECK SCHLUMMERN
BAUHAUS-WIEGE VON PETER KELER FÜR TECTA, 1922

„Der Würfel war Trumpf, und seine Seiten waren gelb, rot, blau, weiß, grau, schwarz. Diesen Bauhauswürfel gab man dem Kind zum Spiel und dem Bauhaus-Snob zur Spielerei. Das Quadrat war rot. Der Kreis war blau. Das Dreieck war gelb. Man saß und schlief auf der farbigen Geometrie der Möbel“, schrieb einst der Bauhaus-Direktor Hannes Meyer über die Phase von 1922 bis 1924, in der auch Wassily Kandinsky seine geometrischen Theorien publizierte. Kandinskys Theorie hat der Bauhaus-Schüler Peter Keler direkt ins Möbel übersetzt und eine Schlafzimmer-Garnitur entwickelt, die neben einem Bett für den Mann (rechtwinkeliges Kopf- und Fußteil) und für die Frau (rund), auch eine Wiege beinhaltet, die auf der Form eines Dreieck aufbaut. Wobei es beruhigend für die Eltern ist: Da die Wiege an ihrem tiefsten Punkt mit einem Gewicht versehen ist, kann sie nicht wegrollen – und der Säugling kann in seinem Bettchen auch keine Loopings drehen.


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SKULPTUR MIT SPIELRAUM
„HP 01 TAFEL“ VON HANS DE PELSMACKER FÜR E15, 2007

Eine bewusst durch ein Möbelstück herbeigeführte soziale Interaktion hatte Hans de Pelsmacker im Kopf, als er „HP 01 Tafel“ im Jahr 2000 für die Manufaktur e15 gestaltete. „Die Sitze sind ein wenig zu eng beieinander, sodass eine intime Atmosphäre entsteht“, gibt der Künstler und Designer aus Ghent zu Protokoll. Die Kindervariante des Sitz-Tisch-Möbels mit skulpturalem Charakter, die seit 2007 sowohl in Aluminium als auch in massiver Eiche angeboten wird, dürfte hingegen nicht nur zum Reden, sondern weitaus spielerischer genutzt werden.


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LIEBLING, ICH HAB’ SIE GESCHRUMPFT
MODELL „3177“ DER SERIES 7 VON ARNE JACOBSEN
FÜR FRITZ HANSEN, 2005

1955 ist das Geburtsjahr des schichtverleimten Stuhls „3107“, den der dänische Architekt Arne Jacobsen für den Hersteller Fritz Hansen gestaltet hat. Der Rest ist Designgeschichte. Fünfzig Jahre später, im Jahr 2005, hat das Unternehmen dann eine Kindervariante des Erfolgsmodells vorgestellt – exakt um ein Drittel geschrumpft, kann man damit von Kindesbeinen an großes Design erleben. Eltern und Kind haben die Wahl zwischen Ausführungen in Buche, Walnuss und gefärbter Esche. Im Unterschied zum Modell für Erwachsene sind Polsterungen nicht vorgesehen. Sie wären beim Spielen und Malen eh nur hinderlich.


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DER TREUE GEFÄHRTE
KINDERSCHREIBTISCH VON EGON EIERMANN FÜR RICHARD LAMPERT, 2012

„Klingelingeling Klingelingeling / hier kommt der Eiermann“, sang das deutsche Schlagerduo Klaus & Klaus in den 1980er Jahren. Natürlich war damit nicht „der Eiermann“ gemeint, um den es geht, wenn man sich in Design- und Architekturkreisen bewegt. Da fällt die Wahl häufig auf den wunderbar praktischen und vielfach einsetzbaren Arbeitstisch, den der deutsche Architekt Egon Eiermann 1953 entworfen und den Richard Lampert seit 1995 wieder aufgelegt hat. Den „kleinen Eiermann“, der erstmals 2012 herausgebracht wurde, gibt’s nicht nur mit zwei verschiedenen Plattengrößen (120 x 70 und 150 x 75 Zentimeter), er ist auch, wie der große Eiermann, in der Höhe verstellbar (von 55 bis 69 Zentimeter). So wird er zu einem idealen Gefährten, der das Kind ganz selbstverständlich bis ins höhere Alter begleitet. Danach können die Sprösslinge dann Architektur studieren und auf einen großen Eiermann umsteigen.


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MACH SITZ
„PUPPY“ VON EERO ARNIO FÜR MAGIS ME TOO, 2005

„Eine Sitzgelegenheit muss nicht zwingend ein Stuhl sein. Es kann alles sein, solange es ergonomisch geformt ist“, erklärt Eero Arnio, der finnische Designer, der in den 1970er Jahren bekannt geworden ist mit Möbeln aus Kunststoff wie den „Ball“-, „Bubble“- oder „Pastil“-Chairs. 1973 hat Arnio mit „Pony“ dann sein erstes Sitzmöbel in Tierform kreiert, das von seinen Dimensionen her eher für große Kinder geeignet ist. Als Eugenio Perazza, der Gründer des italienischen Möbelherstellers Magis, sich dazu entschied, zusammen mit namhaften Designern eine eigene Kollektion für Kinder zu entwickeln, war klar, dass Arnio mit von Partie sein würde. Insgesamt 5 Modelle hat Eero Arnio bislang für die Kollektion entworfen: „Flying Carpet“, „Pingy“, „Trioll“, „Happy Bird“ und natürlich „Puppy“, der Plastikhund, die wohl prominenteste aller Kindereien von Arnio.


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KÖNIG DES KINDERZIMMERS
„TRIPP TRAPP“ VON PETER OBSVIK FÜR STOKKE, 1972

Zunächst schien das Interesse am „Tripp Trapp“, den Peter Obsvik 1972 für seinen damals zweijährigen Sohn gestaltete und der anschließend von dem norwegischen Hersteller Stokke in Serie produziert wurde, eher gering. Erst als ein TV-Sender den Norwegern das Konzept des mitwachsenden Kinderstuhls erklärte, bekam der Stuhl die verdiente Aufmerksamkeit. Die Nachfrage explodierte geradezu: 1974 waren die ersten 10.000 Exemplare verkauft, zwei Jahre später schon 25.000. Heute, mehr als 40 Jahre nach Einführung, hat sich der „Tripp Trapp“ über acht Millionen Mal verkauft und wird in mehr als 50 Ländern vertrieben. Ein Klassiker sowohl zuhause in der Wohnküche, als auch im kinderfreundlichen Restaurant.


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EINE GEHT NOCH
STAPELLIEGE VON ROLF HEIDE
FÜR MÜLLER MÖBELWERKSTÄTTEN, 1969

So bekommt Bettenbauen eine ganz neue Bedeutung. Nicht nur in der Kita oder in der Krabbelstube kommt die Stapelliege zum Einsatz, die Rolf Heide 1966 zunächst für Erwachsene, bereits drei Jahre später aber auch für Kinder, entworfen hat. Nicht weniger gut macht sie sich natürlich im Kinderzimmer, wenn man mal andere Kinder zu Besuch hat oder den Kleinen einfach eine besonders bequeme Spielweise anbieten möchte. Die Stapelliege in den Maßen 70 x 140 Zentimeter besteht aus massivem Buchenschichtholz und ist in den Farben Natur, Schwarz, Lichtblau, Verkehrsgrün, Tomatenrot, Rapsgelb und Reinweiß erhältlich. Optional ist eine Begrenzungsleiste erhältlich, die einfach eingesteckt werden kann: damit die ganz Kleinen nicht rauskullern.


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KINDER LIEBEN IHN
„PANTON CHAIR“ VON VERNER PANTON FÜR VITRA, 2006

Das ist einfach Pop fürs Kinderzimmer. Gleich nachdem Verner Panton seinen Stuhl aus einem Kunststoffguss geschaffen hatte, dachte er an eine Version für Kinder, was zunächst und unglücklicherweise aus ökonomischen Gründen scheiterte. 2006 holte Vitra die Idee dann wieder aus der Schublade. Heute gibt es den um ein Viertel geschrumpften „Panton Chair“ aus Polypropylen in sechs frischen Farben (Weiß, Rosa, Hellblau, Orange, Limette und Rot) für Kinder von drei bis sechs Jahren. Obendrein ist der ultimative Designklassiker fürs Kinderzimmer äußerst beliebt bei Kindern, was ja nicht immer der Fall ist, wenn designfanatische Eltern ihre Kinder mit entsprechendem Mobiliar bedenken.


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ERST STECKEN, DANN SCHLAFEN
„SPROSS“ VON CHRISTOFFER MARTENS
FÜR NIELS HOLGER MOORMANN, 2007

Kurz nachdem der „Siebenschläfer“ das Licht der Welt erblickt hatte, kam auch schon der „Spross“. Gemeint sind die Betten, die der 1975 geborene Christoffer Martens für Niels Holger Moormann 2006 beziehungsweise 2007 entworfen hat. Besonders Kindern wird der Aufbau des „Spross“-Bettes gefallen: Wie bei Steckblumen lassen sich die Seitenteile mit Kopf und Fußteil ineinanderstecken. Alles an diesem Bett in den Maßen 70 x 140 Zentimeter besteht aus Birkensperrholz, was es komplett metallfrei macht. Der Siebenschläfer und sein Spross – beide sind schon jetzt Klassiker.


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FÜR BAUHAUS-KIDS
„S43 K“ VON MART STAM FÜR THONET, 1992

In unserer Reihe von Designklassikern für Kinder darf dieser hier nicht fehlen: der Freischwinger aus Stahlrohr „S43“, den der Niederländer Martinus Adrianus Stam – kurz Mart Stam – 1926 entworfen hat. Der Architekt ließ sich von der Industriekultur inspirieren und entwickelte ihn zunächst aus einfachen Gasrohren. Den Prototyp stellte er auf der Ausstellung zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung aus. Thonet nahm ihn schließlich ins Portfolio auf – und vertreibt ihn bis heute. Anlässlich der Einrichtung einer Kinderklinik wurde das Modell im Jahr 1992 um die kleinere Version „S43 K“ ergänzt. Ob Kinder dieses nüchterne, strenge Design und den Geist der Moderne zu schätzen wissen, bleibt allerdings dahingestellt.


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GEWICHTIGE NEUAUFLAGE
„EAMES ELEPHANT“ VON CHARLES UND RAY EAMES
FÜR VITRA 1945

Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Charles und Ray Eames mit Formholz experimentierten, dachten die beiden – gemeinsam mit ihrem damaligen Möbelproduzenten Evans – über Kindermöbel nach. Neben einem Stuhl und einem Tisch entwarf das Eames Office auch Tiere, die nicht nur als dekoratives Spielzeug, sondern vorrangig als Sitzmöbel dienten. Ursprünglich gab es eine Robbe, einen Frosch, einen Bär, ein Pferd und einen Elefanten. Doch nur dem Dickhäuter gab Charles Eames seinen Segen. Einmal wurden die Tiere bei einer Schau gezeigt, dann verschwanden sie wieder – ohne Kommentar des Eames Office. Heute ist der Elefant längst zu einem ikonischen Objekt im Kinderzimmer geworden. Wo aber sind Robbe, Frosch, Bär und Pferd abgeblieben?


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SONNE UND MOND SIND AUF DRAHT
„HANG IT ALL“ VON CHARLES UND RAY EAMES
FÜR VITRA, 1953

Wie bunte Planeten eines noch unentdeckten Sonnensystems stehen die Holzkugeln von „Hang it all“ im Raum. Aufgespießt auf eine lackierte Drahtkonstruktion, in rhythmischer Reihenfolge und in einer genau festgelegten Farbfolge, lassen sie die Fantasie kreisen. Die prominenteste aller Wandgarderoben von Charles und Ray Eames tanzt wahrlich aus der Reihe, wenn man sich die gesamten Entwürfe des Paares anschaut – so spielerisch und unbeschwert haben sie nur selten agiert. Vielleicht auch, weil „Hang it all“ als Nebenprodukt ihres Experimentierens mit Stahldraht entstanden ist. 1953 ist sie unter der Ägide des Spielwarenherstellers „Tigrett Enterprises of Jackson“ für gerade einmal 6,85 Dollar auf den Markt gekommen. Heute ist sie bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt.


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