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Augenarzt mit Autobahnkurier
von Thomas Wagner | 4. August 2008
Das waren noch Zeiten. Nicht nur der Puls raste bei den Futuristen, als die Beschaulichkeit einer Welt im Kutschentempo zu explodieren begann wie das Luft-Benzin-Gemisch in den Brennkammern eines Vierzylinders mit 200 PS. In jenem Jahr 1909, in dem Filippo Tommaso Marinetti sein „Futuristisches Manifest“ verfasst, durchbricht der sogenannte „Blitzen-Benz“ erstmals die Marke von 200 Kilometer in der Stunde. Was uns heute, da fast schon jeder Kleinwagen so schnell ist, ganz selbstverständlich vorkommt, ist damals eine Ungeheuerlichkeit. Fahren, so schnell wie der Blitz.

Nicht nur, dass diese weißlackierte Zigarre mit dem mächtigen Messingkühler, einem ofenrohrdicken, mattschwarzen Auspuff und zwei martialischen Kettenantrieben aussieht wie eine Höllenmaschine; man muss sich einmal vorstellen, wie sich der Ritt auf diesem Geschoss, das doppelt so schnell war wie damals ein Flugzeug, angefühlt haben muss – und das auf zwei winzigen Sitzen für Fahrer und Beifahrer, ohne jeden Windschutz, auf vier schmalen Reifen, ganz abgesehen von der Qualität der Pisten. Kein Wunder, dass der Blitzen-Benz in Amerika bestaunt wurde wie ein achtes Weltwunder. Ganze sechs Stück wurden gebaut, mit einem Motor, der aus einem Hubraum von sagenhaften 21,5 Litern bei 1600 Umdrehungen pro Minute die Kraft schöpfte für einen Trip, von dessen Urgewalt wir elektronisch Abgefederten und Abgepolsterten uns keine Vorstellung machen können.

Alle sechs Fahrzeuge - automobile Legenden allesamt - stehen in einem Raum, und auch wenn man sich nicht hineinsetzen kann, so kommt man ihnen doch ganz nah. Da ist, neben dem urtümlich wirkenden Blitzen-Benz, der mächtige, wie eine schwarze Perle glänzende 540 K von 1938, der so genannte „Autobahnkurier“. Ein geschlossener Zweisitzer mit Gepäckabteil und einem Fünf-Liter-Achtzylinder – ein Reisewagen par excellence, mit Details, deren Schönheit einem mehr als einmal den Atem stocken lässt. Allein mit welch kühnem Schwung die beiden, in der Mitte geteilten Frontscheiben in die Karosserie eingepasst sind, wie die blitzblanken Chromnähte den wie Tragflächen profilierten Kotflügeln Eleganz verleihen – das ist höchste Karosserieschneiderkunst. Das ausgestellte Exemplar, so erfährt man, gehörte einem spanischen Augenarzt, der den Wagen in Nordafrika und später für häufige Fahrten zwischen Spanien und der Schweiz genutzt habe. Wer weiß, vielleicht kurierte er so manches trübe Auge allein durch den Anblick seines Gefährts?

Nicht satt sehen kann man sich auch an jenem W 196 R Stromlinie, mit dem Mercedes-Benz 1954 zum Grand-Prix-Rennsport zurückkehrte. Erstaunlich sanft, fast wie ein schweres, schimmerndes Tuch, scheint die Karosserie über das Fahrgestell geworfen. Auf Anhieb erzielten Juan Manuel Fangio und Karl Kling mit dem Wagen beim großen Preis von Frankreich einen Doppelsieg. Und dann ist da – er durfte nicht fehlen – einer jener 300 SL Flügeltürer, des deutschen Traumwagens der fünfziger Jahre überhaupt. Ganz anders, extrem flach, kantig, mit halb verkleideten Rädern, kauert hingegen die Studie C 111-III von 1977 auf der Straße – mit einem cw-Wert von nur 0,178.

Nur der Bionic Car von 2005, ein Forschungsfahrzeug, das sich an die extrem strömungsgünstige Form eines Kofferfischs anlehnt, schlägt etwas aus der Art. Kofferfisch? Ja. Trotzdem hat hier keineswegs der Koffer, der beim großen, schwarzen, starken „Autobahnkurier“ von 1938 noch hinter den zwei Ledersitzen Platz nahm, selbst Fahren gelernt. Denn selbst einer gewissen Eleganz entbehrt auch dieser Versuch einer Nachahmung der Natur nicht. Und etwas Bionik, so scheint es, muss heutzutage sein, wenn man neue Konzepte ästhetisch und technisch zugleich erproben möchte.

Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne, München, bis 14. September.

www.pinakothek.de
All photos © Thomas Wagner, Stylepark