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Aus dem Raster gekippt
von Christian Holl | 4. Juni 2014
Von der Kirche des Stuttgarter Hospitalhofs, die zu einem Dominikanerkloster gehörte, stehen heute nur noch der wiederaufgebaute Chor und die südliche Langhauswand.
Foto © Roland Halbe
Der Hospitalhof ist die zentrale Bildungseinrichtung der evangelischen Kirche in Stuttgart. Mit der Funktionalität der alten Gebäude – einem Verwaltungsriegel, dem Saalbau mit zwei Auditorien und einem Verbindungsbau – war die Kirche nicht mehr zufrieden, in technischer Hinsicht war insbesondere der Veranstaltungsbereich nicht mehr auf aktuellem Stand. Zudem wünschte man sich eine stärkere Präsenz, als sie die bescheidenen Nachkriegsbauten boten. Der Wettbewerb zur Aufwertung des Hospitalhofs hatte es den Bearbeitern freigestellt, die Aufgabe „unter Beibehaltung bestehender Gebäude(-teile) oder durch Neubauten“ zu lösen. Erwartet worden war ein Vorschlag, der in zwei Schritten zu bewältigen ist. Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) Architekten haben sich daran nicht gehalten. Ihr Beitrag sah den Abriss des gesamten Nachkriegsbestands vor, auch des Verwaltungsbaus, den die Ausschreibung für den ersten Schritt ausgeklammert hatte.

Der Vorschlag von LRO Architekten, den Neubau in einem Bauabschnitt zu errichten, überzeugte Jury und Bauherrn. Die bisherige Trennung zwischen zwei Baukörpern konnte aufgelöst, ein stimmiges Ganzes realisiert werden. Vor allem konnte das Innere sinnfälliger organisiert werden: die Gruppen-, Seminar- und Besprechungsräume liegen nun im Erdgeschoss um das L-förmige Foyer, dessen Glasfassade sich zum Hof öffnen lässt. Allerdings weiß, wer das Büro LRO Architekten kennt, dass für diesen Schritt nicht hart gerungen werden musste – die Nachkriegsmoderne zu respektieren hat sich das Büro immer schon schwer getan. Die Äußerung der Architekten in der Pressemitteilung, die Architektur der fünfziger und sechziger Jahre sei weder besser noch schlechter als die von heute, ist eher eine vorauseilende Beschwichtigung.
Links: Im Lageplan ist in rot die gekippte L-förmige Gebäudekubatur des Verwaltungsbaus am Hospitalhof von Lederer Rangnarsdóttir Oei Architekten zu erkennen. Rechts: Der Grundrisszeichnung des Erdgeschosses zeigt im Innenhof die Bäume, die an der Stelle gepflanzt wurden, wo einst die Pfeiler des Kirchenschiffs standen.
Zeichnungen © LRO Architekten
Rhetorische Strategien

Die Zustimmung der Öffentlichkeit zum Neubau ist groß. Das kann man verstehen, weil das Viertel, in dem er steht, seiner zentralen Lage und seiner reichen Geschichte zum Trotz lange den Charme eines Hinterhofs hatte. Immerhin: zuletzt wies die Entwicklung deutlich nach oben – neue Gastronomie, eine Kleinkunstbühne siedelten sich hier an, und mit dem neuen Hospitalhof ist das Viertel um ein anziehendes Gebäude reicher.

Die Kirche des Hospitalhofs war eine der drei großen gotischen Kirchen in Stuttgart. Sie gehörte zu einem Dominikanerkloster, das nach seiner Säkularisierung schon im 16. Jahrhundert als Hospital genutzt wurde und dem Viertel und der Kirche den heutigen Namen gab. Eine Synagoge, die 1938 zerstört wurde, stand in unmittelbarer Nachbarschaft. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg verlor das Viertel seinen Stellenwert, aus dem Kloster hatte man bereits im 19. Jahrhundert ein Gefängnis gemacht, von dem aus im Dritten Reich Insassen in Konzentrationslager deportiert wurden. Bis zum Kriegsende wurde der Großteil des gesamten Viertels Opfer von Luftangriffen. Von dem Kirchengebäude stehen heute nur noch der wieder aufgebaute Chor und die südliche Langhauswand.

Das neue Haus von LRO Architekten nimmt die Struktur der alten Klosteranlage wieder auf; damit kippt der Hospitalhof leicht aus dem Raster des Viertels. Der neue Verwaltungsbau dockt an die Langhauswand der Kirche an und vervollständigt sie mit grau geschlämmten Ziegeln. Im Innenhof wurden dort Bäume gepflanzt, wo einst die Pfeiler des Kirchenschiffs standen.

Die beschwichtigende Rhetorik in Bezug auf die Nachkriegsarchitektur ist angesichts der aktuellen Diskussionen um die im Bestand gebundene Energie so nachvollziehbar wie sie offensichtlich strategischer Natur ist. Dass die Architekten auch mit der Geschichte argumentieren, ist hingegen nur auf den ersten Blick selbstverständlich. Wer nicht wüsste, dass namentlich Arno Lederer ein sehr guter Kenner der Architekturgeschichte ist, der würde auch hier den leisen Verdacht hegen, es gehe um eine Überzeugungsstrategie, die die Entwurfsentscheidungen durch den Bezug auf den geschichtlichen Kontext gegen Kritik immunisieren soll. Man wird aber der Geschichte nicht gerecht, indem man ihre Zeugnisse zerstört. Dennoch kann es richtig sein, ein Gebäude abzureißen, so wie hier – die Gründe dafür liegen dann aber in der Qualität des Neuen. Allerdings irritiert, dass ein wesentlicher stadträumlicher Gewinn, der sich aus der geschichtlichen Referenz ergibt, merkwürdig beiläufig verschenkt wird: die Öffnung des Straßenraums an der südlichen Gymnasiumstraße wird nicht gestalterisch verarbeitet, die gewonnene Fläche ist asphaltiert, der Eingang zum Verwaltungstrakt ist kaum wahrnehmbar, eine Verbindung zum Innenhof der Anlage wird nicht hergestellt. Dieser Hof, stimmig dem Charakter eines Kreuzgangs nachempfunden, ist durch den zurückgesetzten, überdachten Haupteingang an der Nordseite zugänglich. Hier werden öffentlicher Raum und der geschützte Hof tatsächlich räumlich und gestalterisch miteinander verknüpft.
Wo der Verwaltungsbau an die Langhauswand andockt, ist die historische Fassade weiß verputzt. Im oberen Bereich, wo der Neubau über die Bestandswand hinausragt, wird die Fassade mit grau geschlämmten Ziegeln ergänzt. Fotos © Roland Halbe
Irritierende Brüche

Das Gebäude selbst ist hingegen keinesfalls geschichtlich im stilistischen Sinne. Genauso wenig will es sich freilich als dezidiert zeitgemäßes präsentieren. Von hellem Ziegel eingehüllt, finden sich innen wie außen spielerische Einzelelemente, die mit viel Liebe zum Detail entwickelt wurden und jeweils einer eigenen Logik folgen. Zur Büchsenstraße hin befinden sich verglaste Erker, in denen im Bereich vor dem großen Vortragsaal Sitzbänke stehen. Die nach Westen mit Kreissegmenten aus Beton beschirmten, runden Öffnungen bilden die Rückseite des großen Vortragssaals, im Innern lassen sie sich mit Klappläden schließen, so dass die Bühne in unterschiedlichen Stufen mit Tageslicht erhellt werden kann. Hauben über den Fenstern dienen dem Sonnenschutz, schützen Markisen im eingefahrenen Zustand und ermöglichen es, die Fenster auch bei Regen auf Kippe zu stellen. Formaler Eigensinn und funktionale Überlegungen finden zusammen, lediglich bei den sich nach unten verbreiternden Bogenfenstern erschließt sich der funktionale Sinn kaum. Die über Kubatur und Material hergestellte Einheit wird durch die Fülle der formalen Einzellösungen irritierend aufgebrochen.

Ähnlich ist auch das Innere geprägt von handwerklicher Sorgfalt, von wenigen Materialien, Holz, Beton, weißen Wänden, farbigen Linoleumböden, von einem guten Gespür für den Raum und die jeweils richtige Atmosphäre. Höhepunkt ist der große Vortragssaal mit Galerie und einem sich zwischen Bühne und Galerie aufwölbenden Oberlicht, unter dem eine Holzlamellenkonstruktion für eine angenehme Streuung des Lichts sorgt. Auch im Inneren finden sich immer wieder Details, deren offensichtlicher formaler Eigensinn hervortritt und die sich dem Bedürfnis nach einer Begründung widersetzen. Ganz so, als sollte durch die Details das Recht der Architektur auf eine eigene Logik proklamiert werden, die nicht in Beschreibung und Erklärung aufgehen darf, als sollte hier herausgestellt werden, dass es in der Architektur nicht nur um Funktionserfüllung, um Einhalten des Zeit- und Kostenplans geht. Auch wenn dies alles hier eingelöst wurde: es sind keine hinreichenden Bedingungen für gute Architektur, das muss immer wieder betont werden. Im Stuttgarter Hospitalhof wird es nur ein wenig zu demonstrativ gemacht.
In die Rückseite des großen Vortragssaals sind runde Öffnungen eingelassen, die an der Außenseite mit Kreissegmenten aus Beton beschirmt sind. Foto © Roland Halbe
Architektur › 2014 › Juni
Aus dem Raster gekippt
von Christian Holl | 4. Juni 2014
„Was ich schon immer abreißen wollte“ lautete eine Entwurfsübung, die Arno Lederer an den Universitäten Stuttgart und Karlsruhe mehrmals angeboten hat. Ob der Architekt selbst immer schon die Gebäude des Stuttgarter Hospitalhofs zurückbauen wollte, darf bezweifelt werden. Nun hat er doch für deren Abriss gesorgt – und eine überzeugende Alternative verwirklicht, an der es nichts auszusetzen gibt. Fast nichts.
Der Hospitalhof ist die zentrale Bildungseinrichtung der evangelischen Kirche in Stuttgart. Mit der Funktionalität der alten Gebäude – einem Verwaltungsriegel, dem Saalbau mit zwei Auditorien und einem Verbindungsbau – war die Kirche nicht mehr zufrieden, in technischer Hinsicht war insbesondere der Veranstaltungsbereich nicht mehr auf aktuellem Stand. Zudem wünschte man sich eine stärkere Präsenz, als sie die bescheidenen Nachkriegsbauten boten. Der Wettbewerb zur Aufwertung des Hospitalhofs hatte es den Bearbeitern freigestellt, die Aufgabe „unter Beibehaltung bestehender Gebäude(-teile) oder durch Neubauten“ zu lösen. Erwartet worden war ein Vorschlag, der in zwei Schritten zu bewältigen ist. Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) Architekten haben sich daran nicht gehalten. Ihr Beitrag sah den Abriss des gesamten Nachkriegsbestands vor, auch des Verwaltungsbaus, den die Ausschreibung für den ersten Schritt ausgeklammert hatte.

Der Vorschlag von LRO Architekten, den Neubau in einem Bauabschnitt zu errichten, überzeugte Jury und Bauherrn. Die bisherige Trennung zwischen zwei Baukörpern konnte aufgelöst, ein stimmiges Ganzes realisiert werden. Vor allem konnte das Innere sinnfälliger organisiert werden: die Gruppen-, Seminar- und Besprechungsräume liegen nun im Erdgeschoss um das L-förmige Foyer, dessen Glasfassade sich zum Hof öffnen lässt. Allerdings weiß, wer das Büro LRO Architekten kennt, dass für diesen Schritt nicht hart gerungen werden musste – die Nachkriegsmoderne zu respektieren hat sich das Büro immer schon schwer getan. Die Äußerung der Architekten in der Pressemitteilung, die Architektur der fünfziger und sechziger Jahre sei weder besser noch schlechter als die von heute, ist eher eine vorauseilende Beschwichtigung.
Rhetorische Strategien

Die Zustimmung der Öffentlichkeit zum Neubau ist groß. Das kann man verstehen, weil das Viertel, in dem er steht, seiner zentralen Lage und seiner reichen Geschichte zum Trotz lange den Charme eines Hinterhofs hatte. Immerhin: zuletzt wies die Entwicklung deutlich nach oben – neue Gastronomie, eine Kleinkunstbühne siedelten sich hier an, und mit dem neuen Hospitalhof ist das Viertel um ein anziehendes Gebäude reicher.

Die Kirche des Hospitalhofs war eine der drei großen gotischen Kirchen in Stuttgart. Sie gehörte zu einem Dominikanerkloster, das nach seiner Säkularisierung schon im 16. Jahrhundert als Hospital genutzt wurde und dem Viertel und der Kirche den heutigen Namen gab. Eine Synagoge, die 1938 zerstört wurde, stand in unmittelbarer Nachbarschaft. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg verlor das Viertel seinen Stellenwert, aus dem Kloster hatte man bereits im 19. Jahrhundert ein Gefängnis gemacht, von dem aus im Dritten Reich Insassen in Konzentrationslager deportiert wurden. Bis zum Kriegsende wurde der Großteil des gesamten Viertels Opfer von Luftangriffen. Von dem Kirchengebäude stehen heute nur noch der wieder aufgebaute Chor und die südliche Langhauswand.

Das neue Haus von LRO Architekten nimmt die Struktur der alten Klosteranlage wieder auf; damit kippt der Hospitalhof leicht aus dem Raster des Viertels. Der neue Verwaltungsbau dockt an die Langhauswand der Kirche an und vervollständigt sie mit grau geschlämmten Ziegeln. Im Innenhof wurden dort Bäume gepflanzt, wo einst die Pfeiler des Kirchenschiffs standen.

Die beschwichtigende Rhetorik in Bezug auf die Nachkriegsarchitektur ist angesichts der aktuellen Diskussionen um die im Bestand gebundene Energie so nachvollziehbar wie sie offensichtlich strategischer Natur ist. Dass die Architekten auch mit der Geschichte argumentieren, ist hingegen nur auf den ersten Blick selbstverständlich. Wer nicht wüsste, dass namentlich Arno Lederer ein sehr guter Kenner der Architekturgeschichte ist, der würde auch hier den leisen Verdacht hegen, es gehe um eine Überzeugungsstrategie, die die Entwurfsentscheidungen durch den Bezug auf den geschichtlichen Kontext gegen Kritik immunisieren soll. Man wird aber der Geschichte nicht gerecht, indem man ihre Zeugnisse zerstört. Dennoch kann es richtig sein, ein Gebäude abzureißen, so wie hier – die Gründe dafür liegen dann aber in der Qualität des Neuen. Allerdings irritiert, dass ein wesentlicher stadträumlicher Gewinn, der sich aus der geschichtlichen Referenz ergibt, merkwürdig beiläufig verschenkt wird: die Öffnung des Straßenraums an der südlichen Gymnasiumstraße wird nicht gestalterisch verarbeitet, die gewonnene Fläche ist asphaltiert, der Eingang zum Verwaltungstrakt ist kaum wahrnehmbar, eine Verbindung zum Innenhof der Anlage wird nicht hergestellt. Dieser Hof, stimmig dem Charakter eines Kreuzgangs nachempfunden, ist durch den zurückgesetzten, überdachten Haupteingang an der Nordseite zugänglich. Hier werden öffentlicher Raum und der geschützte Hof tatsächlich räumlich und gestalterisch miteinander verknüpft.
Irritierende Brüche

Das Gebäude selbst ist hingegen keinesfalls geschichtlich im stilistischen Sinne. Genauso wenig will es sich freilich als dezidiert zeitgemäßes präsentieren. Von hellem Ziegel eingehüllt, finden sich innen wie außen spielerische Einzelelemente, die mit viel Liebe zum Detail entwickelt wurden und jeweils einer eigenen Logik folgen. Zur Büchsenstraße hin befinden sich verglaste Erker, in denen im Bereich vor dem großen Vortragsaal Sitzbänke stehen. Die nach Westen mit Kreissegmenten aus Beton beschirmten, runden Öffnungen bilden die Rückseite des großen Vortragssaals, im Innern lassen sie sich mit Klappläden schließen, so dass die Bühne in unterschiedlichen Stufen mit Tageslicht erhellt werden kann. Hauben über den Fenstern dienen dem Sonnenschutz, schützen Markisen im eingefahrenen Zustand und ermöglichen es, die Fenster auch bei Regen auf Kippe zu stellen. Formaler Eigensinn und funktionale Überlegungen finden zusammen, lediglich bei den sich nach unten verbreiternden Bogenfenstern erschließt sich der funktionale Sinn kaum. Die über Kubatur und Material hergestellte Einheit wird durch die Fülle der formalen Einzellösungen irritierend aufgebrochen.

Ähnlich ist auch das Innere geprägt von handwerklicher Sorgfalt, von wenigen Materialien, Holz, Beton, weißen Wänden, farbigen Linoleumböden, von einem guten Gespür für den Raum und die jeweils richtige Atmosphäre. Höhepunkt ist der große Vortragssaal mit Galerie und einem sich zwischen Bühne und Galerie aufwölbenden Oberlicht, unter dem eine Holzlamellenkonstruktion für eine angenehme Streuung des Lichts sorgt. Auch im Inneren finden sich immer wieder Details, deren offensichtlicher formaler Eigensinn hervortritt und die sich dem Bedürfnis nach einer Begründung widersetzen. Ganz so, als sollte durch die Details das Recht der Architektur auf eine eigene Logik proklamiert werden, die nicht in Beschreibung und Erklärung aufgehen darf, als sollte hier herausgestellt werden, dass es in der Architektur nicht nur um Funktionserfüllung, um Einhalten des Zeit- und Kostenplans geht. Auch wenn dies alles hier eingelöst wurde: es sind keine hinreichenden Bedingungen für gute Architektur, das muss immer wieder betont werden. Im Stuttgarter Hospitalhof wird es nur ein wenig zu demonstrativ gemacht.