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Ausschneiden, Drucken, Falten
von Horant Fassbinder | 1. September 2011
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Der Titel des Buches „Clip Stamp Fold" – „Ausschneiden, Drucken, Falten" – führt geradewegs in die Arbeitsräume jener zahlreichen Gruppen, die in den sechziger und siebziger Jahren mit Schere, Leim und Offsetmaschine ihre in kleinsten Auflagen vervielfältigten Periodika produzierten, selten mehr als wenige Nummern. Der vorliegende Band konzentriert sich, wie der Untertitel „The Radical Architecture of Little Magazines" deutlich macht, auf diejenigen unter diesen Heften, die damals von Architekten, Designern, Künstlern und Theoretikern herausgegeben wurden, um im entschiedenen Bruch mit der Nachkriegszeit eine radikale Erneuerung der Theorie und Praxis des Bauens zu fordern.

Zunächst stark an Fragen der Architektur- und Siedlungsform interessiert, rückte rasch die Diskussion über die Wahrnehmung und die Bedürfnisse der Nutzer und schließlich die Kritik an der Rolle der Architektur in kapitalistisch organisierten Gesellschaften in den Vordergrund. Viele dieser „little magazines" wurden Teil der Achtundsechziger-Bewegung oder entstanden überhaupt erst mit ihr. Wenig später begannen die Protagonisten bereits, sich aktiv in eine erneuerte Theorie und Praxis einzumischen, in die sie die Erfahrungen, Forderungen und Utopien der Jahre um 1970 einbrachten, notwendigerweise bar der Radikalität der Aufbruchsphase. In der ursprünglichen Form überlebte keines der „little magazines" das Jahr 1975.

Eine Gruppe von Dozenten und Studenten der School of Architecture an der Princeton University hat in jahrelanger Arbeit diese zum Teil nur noch schwer aufzuspürenden „little magazines" gesammelt und katalogisiert, zahlreiche Interviews mit ihren ehemaligen Herausgebern geführt und mehrere Ausstellungen und Konferenzen zu ihrem Thema organisiert. Die 671 Seiten von „Clip Stamp Fold" sind das Ergebnis dieser Forschungsarbeit. Der Untertitel „The Radical Architecture of Little Magazines" verweist nicht nur auf den Inhalt der untersuchten Publikationen, sondern enthält auch den Hinweis darauf, dass die Gesamtheit dieser Hefte als eine interdependente Struktur begriffen werden kann, die ihre eigene „Architektur" hatte.

Schon beim puren Blättern in dem voluminösen und doch angenehm handlichen Band wird man entführt in die inzwischen weit entfernte Welt dieser mit den einfachsten Mitteln des Vor-Computer-Zeitalters gestalteten und vervielfältigten Hefte mit ihren fantasievollen Covers und Layouts.

Von elf höchst unterschiedlichen Magazinen aus der Zeit zwischen 1965 und 1975 wird jeweils eine vollständige Ausgabe reproduziert. Schnell wird die unglaubliche Heterogenität der damaligen Themen deutlich: Hier die Negation der Stadt und der Technik – Abriss der Großstadt, zurück aufs Land, Bauen mit Lehm und Holz –, dort die Feier von Hightech-Architektur bis hin zur Raumstation. Die einen suchen die architektonische Form im radikalen Bruch mit der Vergangenheit, während andere damals vergessene Architekten wie Adolf Loos, Ludwig Wittgenstein, Rudolph Michael Schindler oder traditionelle Typologien wie die Hofrandbebauung wiederentdecken. Während die einen kollektive Wohnformen erproben, unterstützen andere die Bewohner vom Abriss bedrohter Viertel im Kampf gegen Spekulanten und Stadtverwaltungen.

Zwischen den auf grauen Seiten faksimilierten „little magazines" machen auf weißem Papier in roter Schrift sehr modern gestaltete kleine Hefte auf sich aufmerksam. Sie enthalten die Texte von Interviews, welche die Autoren von „Clip Stamp Fold" mit den ehemaligen Herausgebern zahlreicher „little magazines" geführt haben, Gespräche mit Hans Hollein, Peter Cook, Stefano Boeri, Rafael Moneo, Peter Eisenman und zahlreichen anderen, die heute jeder kennt, die jedoch damals noch fast unbekannt waren. Es wird deutlich, wie wichtig für ihre professionelle Entwicklung die damalige publizistische Tätigkeit war. Sie implizierte zahlreiche Kontakte mit anderen Positionen, Austausch und Kritik, und zwang zur Klärung des eigenen Standpunktes. Eine ganze Reihe dieser Interviews katapultieren den Leser geradezu mitten hinein in die erregte Atmosphäre der sechziger Jahre; nur wenige sehen die Vergangenheit durch die rosa Brille. Dass einige der Befragten Herausgeber von etablierten Medien, nicht von „little magazines" waren, ist kein Nachteil, denn so wird deutlich, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Foren sehr bald fließend wurden, weil die Themen der „kleinen" so sehr auf den Nägeln brannten, dass sie Eingang in die „großen" Publikationsorgane fanden.

Ein dritter Abschnitt von „Clip Stamp Fold", wiederum typografisch deutlich als eigener Teil gekennzeichnet, ist ein Katalog zu 125 „little magazines", die nach ähnlichem Muster kurz beschrieben werden: Entstehungsbedingungen, Herausgeber, Ziele und Themenspektrum, Erscheinungsbild, Verhältnis zu anderen Veröffentlichungen, Erscheinungszeitraum. Die vielfältigen Wandlungen, die fast jedes dieser Magazine durchmachte, werden skizziert. Lexikonartikelartig wird hier akribisch belegt, was die übrigen Teile des Buches mit einzelnen Beispielen anschaulicher vor Augen führen: Die unglaubliche Vielfalt, die Verschiedenheit der Ziele, Formen und Inhalte dieser kleinen Magazine, die trotz aller Heterogenität und Widersprüchlichkeit dennoch entscheidend an der Veränderung unserer Vorstellungen über Architektur beteiligt waren.

Ein vierter Teil, auch er wieder mit eigenem Layout, enthält sodann die Protokolle einer Reihe von Konferenzen in London, New York, Mailand und an anderen Orten, die zwischen 2005 und 2010 von den Autoren des Bandes organisiert wurden. Nicht wenige der inzwischen grauhaarigen Herausgeber jener „little magazines" diskutieren hier miteinander über die Funktion ihrer frühen Publikationstätigkeit. In einem der Konferenzbeiträge erkennt Stefano Boeri das so schwer zu fassende Gemeinsame der „little magazines" in ihrer exzessiven Radikalität im Nachdenken über die gesellschaftliche Funktion von Architektur, ohne Rücksicht auf die Verwertbarkeit des Wissens für die Praxis. Die entscheidende Leistung der kleinen Veröffentlichungen sei die von ihnen voran getriebene Diskussion gewesen, die Auseinandersetzung innerhalb der einzelnen Redaktionsgruppen ebenso wie zwischen ihnen. Sie habe die Erkenntnis vorangebracht, weit über den konkreten Inhalt der einzelnen Veröffentlichungen hinaus.

Die vier Hauptteile von „Clip Stamp Fold", ergänzt durch eine zusammenfassende Analyse im Vorwort und ein Register, reagieren miteinander und erzeugen gerade dadurch ein lebendiges Bild jener brodelnden Phase zwischen circa 1965 und 1975. Dieses Buch lediglich als gelungene Aufarbeitung einer historischen Epoche zu verstehen, wäre jedoch zu wenig. Der Band versetzt uns mitten hinein in den wechselseitigen Austausch zahlreicher kleiner Gruppen, die exzessiv, radikal und kompromisslos über ihren Gegenstand nachdenken, Erfahrungen zusammentragen und neue Vorstellungen entwickeln. Wir werden Zeugen eines scheinbar unentwirrbaren und widersprüchlichen Prozesses, aus dem schließlich produktiv Neues und gesellschaftlich Anerkanntes hervorgeht. „Clip Stamp Fold" macht Mut zum intellektuellen und gestalterischen Wagnis, das die Diskussion und den Austausch sucht, in welchen Medien auch immer.

Clip Stamp Fold. The Radical Architecture of Little Magazines 196X to 197X
Herausgegeben von Beatriz Colomina und Craig Buckley
Hardcover, 671 Seiten, englisch
Actar, Barcelona, 2010
45 Euro
www.clipstampfold.com

News & Stories › 2011 › September
Ausschneiden, Drucken, Falten
von Horant Fassbinder | 1. September 2011
Mit viel Enthusiasmus kommunizierten Architekten, Designer und Künstler in den sechziger und siebziger Jahren ihre Vorstellung von Architektur in „little magazines". Diese könnten inhaltlich und grafisch teilweise kaum gegensätzlicher sein, drücken jedoch insgesamt den Wunsch nach radikaler Erneuerung aus. Das Buch „Clip Stamp Fold" gibt einen umfassenden Einblick in diesen schillernden Teil der Architekturgeschichte.
Der Titel des Buches „Clip Stamp Fold" – „Ausschneiden, Drucken, Falten" – führt geradewegs in die Arbeitsräume jener zahlreichen Gruppen, die in den sechziger und siebziger Jahren mit Schere, Leim und Offsetmaschine ihre in kleinsten Auflagen vervielfältigten Periodika produzierten, selten mehr als wenige Nummern. Der vorliegende Band konzentriert sich, wie der Untertitel „The Radical Architecture of Little Magazines" deutlich macht, auf diejenigen unter diesen Heften, die damals von Architekten, Designern, Künstlern und Theoretikern herausgegeben wurden, um im entschiedenen Bruch mit der Nachkriegszeit eine radikale Erneuerung der Theorie und Praxis des Bauens zu fordern.

Zunächst stark an Fragen der Architektur- und Siedlungsform interessiert, rückte rasch die Diskussion über die Wahrnehmung und die Bedürfnisse der Nutzer und schließlich die Kritik an der Rolle der Architektur in kapitalistisch organisierten Gesellschaften in den Vordergrund. Viele dieser „little magazines" wurden Teil der Achtundsechziger-Bewegung oder entstanden überhaupt erst mit ihr. Wenig später begannen die Protagonisten bereits, sich aktiv in eine erneuerte Theorie und Praxis einzumischen, in die sie die Erfahrungen, Forderungen und Utopien der Jahre um 1970 einbrachten, notwendigerweise bar der Radikalität der Aufbruchsphase. In der ursprünglichen Form überlebte keines der „little magazines" das Jahr 1975.

Eine Gruppe von Dozenten und Studenten der School of Architecture an der Princeton University hat in jahrelanger Arbeit diese zum Teil nur noch schwer aufzuspürenden „little magazines" gesammelt und katalogisiert, zahlreiche Interviews mit ihren ehemaligen Herausgebern geführt und mehrere Ausstellungen und Konferenzen zu ihrem Thema organisiert. Die 671 Seiten von „Clip Stamp Fold" sind das Ergebnis dieser Forschungsarbeit. Der Untertitel „The Radical Architecture of Little Magazines" verweist nicht nur auf den Inhalt der untersuchten Publikationen, sondern enthält auch den Hinweis darauf, dass die Gesamtheit dieser Hefte als eine interdependente Struktur begriffen werden kann, die ihre eigene „Architektur" hatte.

Schon beim puren Blättern in dem voluminösen und doch angenehm handlichen Band wird man entführt in die inzwischen weit entfernte Welt dieser mit den einfachsten Mitteln des Vor-Computer-Zeitalters gestalteten und vervielfältigten Hefte mit ihren fantasievollen Covers und Layouts.

Von elf höchst unterschiedlichen Magazinen aus der Zeit zwischen 1965 und 1975 wird jeweils eine vollständige Ausgabe reproduziert. Schnell wird die unglaubliche Heterogenität der damaligen Themen deutlich: Hier die Negation der Stadt und der Technik – Abriss der Großstadt, zurück aufs Land, Bauen mit Lehm und Holz –, dort die Feier von Hightech-Architektur bis hin zur Raumstation. Die einen suchen die architektonische Form im radikalen Bruch mit der Vergangenheit, während andere damals vergessene Architekten wie Adolf Loos, Ludwig Wittgenstein, Rudolph Michael Schindler oder traditionelle Typologien wie die Hofrandbebauung wiederentdecken. Während die einen kollektive Wohnformen erproben, unterstützen andere die Bewohner vom Abriss bedrohter Viertel im Kampf gegen Spekulanten und Stadtverwaltungen.

Zwischen den auf grauen Seiten faksimilierten „little magazines" machen auf weißem Papier in roter Schrift sehr modern gestaltete kleine Hefte auf sich aufmerksam. Sie enthalten die Texte von Interviews, welche die Autoren von „Clip Stamp Fold" mit den ehemaligen Herausgebern zahlreicher „little magazines" geführt haben, Gespräche mit Hans Hollein, Peter Cook, Stefano Boeri, Rafael Moneo, Peter Eisenman und zahlreichen anderen, die heute jeder kennt, die jedoch damals noch fast unbekannt waren. Es wird deutlich, wie wichtig für ihre professionelle Entwicklung die damalige publizistische Tätigkeit war. Sie implizierte zahlreiche Kontakte mit anderen Positionen, Austausch und Kritik, und zwang zur Klärung des eigenen Standpunktes. Eine ganze Reihe dieser Interviews katapultieren den Leser geradezu mitten hinein in die erregte Atmosphäre der sechziger Jahre; nur wenige sehen die Vergangenheit durch die rosa Brille. Dass einige der Befragten Herausgeber von etablierten Medien, nicht von „little magazines" waren, ist kein Nachteil, denn so wird deutlich, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Foren sehr bald fließend wurden, weil die Themen der „kleinen" so sehr auf den Nägeln brannten, dass sie Eingang in die „großen" Publikationsorgane fanden.

Ein dritter Abschnitt von „Clip Stamp Fold", wiederum typografisch deutlich als eigener Teil gekennzeichnet, ist ein Katalog zu 125 „little magazines", die nach ähnlichem Muster kurz beschrieben werden: Entstehungsbedingungen, Herausgeber, Ziele und Themenspektrum, Erscheinungsbild, Verhältnis zu anderen Veröffentlichungen, Erscheinungszeitraum. Die vielfältigen Wandlungen, die fast jedes dieser Magazine durchmachte, werden skizziert. Lexikonartikelartig wird hier akribisch belegt, was die übrigen Teile des Buches mit einzelnen Beispielen anschaulicher vor Augen führen: Die unglaubliche Vielfalt, die Verschiedenheit der Ziele, Formen und Inhalte dieser kleinen Magazine, die trotz aller Heterogenität und Widersprüchlichkeit dennoch entscheidend an der Veränderung unserer Vorstellungen über Architektur beteiligt waren.

Ein vierter Teil, auch er wieder mit eigenem Layout, enthält sodann die Protokolle einer Reihe von Konferenzen in London, New York, Mailand und an anderen Orten, die zwischen 2005 und 2010 von den Autoren des Bandes organisiert wurden. Nicht wenige der inzwischen grauhaarigen Herausgeber jener „little magazines" diskutieren hier miteinander über die Funktion ihrer frühen Publikationstätigkeit. In einem der Konferenzbeiträge erkennt Stefano Boeri das so schwer zu fassende Gemeinsame der „little magazines" in ihrer exzessiven Radikalität im Nachdenken über die gesellschaftliche Funktion von Architektur, ohne Rücksicht auf die Verwertbarkeit des Wissens für die Praxis. Die entscheidende Leistung der kleinen Veröffentlichungen sei die von ihnen voran getriebene Diskussion gewesen, die Auseinandersetzung innerhalb der einzelnen Redaktionsgruppen ebenso wie zwischen ihnen. Sie habe die Erkenntnis vorangebracht, weit über den konkreten Inhalt der einzelnen Veröffentlichungen hinaus.

Die vier Hauptteile von „Clip Stamp Fold", ergänzt durch eine zusammenfassende Analyse im Vorwort und ein Register, reagieren miteinander und erzeugen gerade dadurch ein lebendiges Bild jener brodelnden Phase zwischen circa 1965 und 1975. Dieses Buch lediglich als gelungene Aufarbeitung einer historischen Epoche zu verstehen, wäre jedoch zu wenig. Der Band versetzt uns mitten hinein in den wechselseitigen Austausch zahlreicher kleiner Gruppen, die exzessiv, radikal und kompromisslos über ihren Gegenstand nachdenken, Erfahrungen zusammentragen und neue Vorstellungen entwickeln. Wir werden Zeugen eines scheinbar unentwirrbaren und widersprüchlichen Prozesses, aus dem schließlich produktiv Neues und gesellschaftlich Anerkanntes hervorgeht. „Clip Stamp Fold" macht Mut zum intellektuellen und gestalterischen Wagnis, das die Diskussion und den Austausch sucht, in welchen Medien auch immer.

Clip Stamp Fold. The Radical Architecture of Little Magazines 196X to 197X
Herausgegeben von Beatriz Colomina und Craig Buckley
Hardcover, 671 Seiten, englisch
Actar, Barcelona, 2010
45 Euro
www.clipstampfold.com