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Bambus statt Beton
von Martina Metzner | 30. Juni 2013
Welche Lösungen hat die Architektur von heute für jene Menschen anzubieten, die selbst nicht als Auftraggeber in Frage kommen? Orange Farm: Mzamba School, Mzamba, Ostkap, Südafrika. Foto © Markus Dobmeier
Ob in Mzamba, einer kleinen Stadt am Ostkap von Südafrika, oder in Berlin-Wedding, wenn Architekten eine Schule bauen, so gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber auch wichtige Unterschiede. Gemeinsam ist ihnen der Ansatz, Architektur als Möglichkeit zu ergreifen, das Leben von Menschen zu verbessern. Für Schulen heißt das, einen geeigneten Raum für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in dem sie nicht nur das Einmaleins lernen. In der Ausstellung „Think global, build social“, die das Deutsche Architekturmuseum (DAM) derzeit präsentiert, gehen die Macher der Frage nach, was soziales Bauen heute in Deutschland, Südafrika oder anderen Ländern bedeutet. Welche Lösungen hat die Architektur für jene Menschen anzubieten, die selbst nicht als Auftraggeber in Frage kommen?

Schon vor drei Jahren hatte sich Andres Lepik, inzwischen Direktor des Architekturmuseums der TU München, dem Schaffen von Architekten gewidmet, die keine Signature Architecture entwerfen und jenseits von Hochglanzmagazinen und Cocktailpartys wirken. Nun hat er die 2010 im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) von ihm kuratierte Ausstellung „Small Scale, Big Change“ nach Deutschland geholt, und sie dabei quasi „europagerecht“ transformiert, indem er die Aufmerksamkeit verstärkt auf deutsche Architekten richtet. Lepik interessiert sich für den sozialen Auftrag von Architektur innerhalb einer global vernetzten Welt. Um weitere Aspekte des Themas zu diskutieren, hat Lepik in Zusammenarbeit mit Peter Cachola Schmal, dem Direktor des DAM, und Dietmar Steiner, dem Direktor des Architekturzentrums Wien, zudem zu einem internationalen Symposium gebeten. Lepik geht es dabei auch um einen Paradigmenwechsel, um eine neue Debatte. Das Rad wird groß gedreht und das Plädoyer lautet: Weg von der Star-Architektur, hin zu mehr sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Weniger Ästhetik, mehr Ethik

Lepik zufolge ist der Ruf nach einer Ethik der Architektur schon seit längerem zu vernehmen: Bereits zur Architekturbiennale im Jahr 2000 habe Massimiliano Fuksas in der Rolle des Kurators die Attitüde „less aesthetics, more ethics“ formuliert, so Lepik, quasi als neues Berufsethos. Doch sei es, zumindest was die Biennale angeht, weitgehend bei Versprechungen geblieben. 2002, so bemerkte Lepik, hätten die Macher des brasilianischen Pavillons die Favelas von Sao Paolo in den Blickpunkt gerückt. Mehr noch: Nach der Finanzkrise 2008 sei die Welt nachdenklicher geworden, das Rad des Kapitalismus werde nicht mehr so einfach gedreht, ökologisches und soziales Verantwortungsbewusstsein sei unter dem Begriff „Nachhaltigkeit“ auf die Tagesordnung getreten, auch bei den Architekten, die sich bislang über größer, schöner, höher, über Stahl, Glas und Beton definierten. Nicht nur schöne Villen am Genfer See seien gefragt, sondern Lösungen für gesellschaftlich drängende Fragen an allen Ecken dieser Welt, in der immer mehr Megacities entstehen und sich Slums ausbreiten. Dass Lepik hiermit den Finger in eine Wunde legt, ist mehr als gerechtfertigt. Und wirft in der Tat einige Fragen auf.

Die Projekte, die in der Ausstellung vorgestellt werden, stammen deshalb von Architekten, die über ihren gewohnten Tellerrand hinausschauen. Sie sehen sich als „global citizens“, denken global und handeln lokal, wie es so schön heißt, im Inland ebenso wie im Ausland. Häufig machen sich solche Architekten in Entwicklungsländern mit den lokalen Bedingungen vertraut – mit der Kultur der dort lebenden Menschen ebenso wie mit der jeweiligen Bautradition. Sie verstehen es, preiswert zu bauen und entsprechende Techniken zu vermitteln. Sie leisten tatsächlich Entwicklungshilfe. Und sie sammeln, um ihre Bauten zu finanzieren, in ihrer Heimat, in den westlichen Industrieländern, Spenden, Beispiele: Francis Kéré, der in seiner Heimat Burkina Faso Schulen aus Lehm errichtet, Emilio Caravatti aus Monza, der in Mali Schulen entwickelt, Hubert Klumpner von Urban-Think Tank aus Zürich, der in den Favelas von Sao Paolo ein Community Center errichten will, Peter Rich aus Südafrika, der die traditionelle afrikanische Lehmbauweise auf neuen Stand bringt, Line Ramstad aus Norwegen, die mittlerweile im thailändischen Mae Sot lebt und mit ihren Kollegen von "a.gor.a Architects" ein Haus nach dem anderen nach alter Pfahlbautradition errichtet – oder Anna Heringer aus Deutschland, die für ihre Mädchenschule aus Lehm in Bangladesh bekannt wurde.

Solchem Engagement stehen Projekte in Deutschland gegenüber, die diverse soziale Ansätze vorantreiben, darunter Bildungseinrichtungen wie „Learning Spaces“ an der Erika-Mann-Schule in Berlin, geplant und umgesetzt von der Berliner Architektenkooperative „Die Baupiloten“, oder preiswerte Wohnhäuser für den Mittelstand nach dem Do-it-Yourself-Prinzip im Rahmen der IBA Hamburg/Wilhelmsburg vom Architektenduo Anne-Julchen Bernhardt und Jörg Leeser, kurz „BeL“, aus Köln.

Es sind aber nicht nur gestandene Architekten, die sich verändern, auch der Nachwuchs engagiert sich, wie die Ausstellung anhand beispielhafter Hochschulprojekte belegt. Die sogenannten „Design Build-Initiativen“ der RWTH Aachen, Bauten für „Orange Farm e.V.“ und von den „Baupiloten“ zeigen, wie junge Architekten und Ingenieure in Theorie und Praxis Schulen in Südafrika oder in Berlin bauen. Für die Architekturstudenten der RWTH Aachen hieß das am Ende ihres Projektes, nach Südafrika fliegen und gemeinsam mit den Dorfbewohnern das geplante Schulgebäude tatsächlich errichten. Denn vor allem das gemeinschaftliche Bauen zeigt den Studierenden, welche Auswirkungen ihre Entwürfe haben. Gemeinsam lernen, zusammen bauen, heißt die Devise auch bei „Orange Farm e.V.“ des Münchener Architekten Markus Dobmaier, der zusammen mit Studenten der TU München Bildungseinrichtungen in südafrikanischen Townships baut. Sein Credo: „Verantwortung übernehmen anstelle von aufsehenerregenden Designs, das verändert Architektur.“

Global vernetzt, lokal gebaut

Sämtliche in der Ausstellung vorgestellten Projekte zeigen deutlich, dass solches Bauen nur zu guten Resultaten führt, wenn eine Gemeinschaft entsteht, wenn alle Beteiligten einbezogen werden und ein offener Austausch stattfindet. Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Kultur und den Menschen vor Ort ist Line Ramstad aus Norwegen gelungen, die in den vergangenen Jahren in Mae Sot, Thailand, mit Kollegen das Projekt „Gyaw Gyaw“ ins Leben gerufen hat. „Gyaw Gyaw“ bedeutet so viel wie „langsam, Schritt für Schritt“ und Ramstad hat die dort ansässigen und ärmlich lebenden Karenpeople in die Projekte einbezogen. Mittlerweile stehen temporäre Dormitorien und eine Klinik samt Betriebsgebäude, bei denen sich die Landschaftsarchitektin mit hochstehenden Pfahlkonstruktionen aus Bambus und Blattdächern an die traditionelle thailändische Baukunst anlehnt. Auch bei anderen vorgestellten Projekten haben die späteren Nutzer der Gebäude mit Hand angelegt. Das ist nicht nur preiswert, man lernt auch vieles voneinander, tauscht sich aus. So geschieht Wissentransfer – neustes technisches Wissen wird mit alten traditionellen Bauweisen kombiniert. Daraus entstehen zum Teil wunderschöne, aber zugleich auch praktische Bauten wie die von Francis Kéré oder Peter Rich. Auch, so wird betont, steige dadurch die Identifizierung mit dem Gebäude, wobei durchaus auch mit Traditionen gebrochen wird, wie etwa bei dem Projekt von Heringer in Bangladesch, an dem auch Frauen mitgewirkt haben, die für gewöhnlich nicht am Bau arbeiten.

Nachhaltigkeit als Nebeneffekt

Wer die Ausstellung besucht, kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob auch er sein Haus demnächst aus Lehm oder Bambus bauen lassen möchte, so eindringlich werden die Vorzüge dieser natürlichen Baumaterialien angepriesen, ganz anschaulich durch Bambuskonstruktionen oder Schalungen für Lehmziegel. Ob Caravatti in Mali, Rich in Südafrika, Kéré in Burkina Faso oder Heringer in Bangladesch, sie alle haben für ihre Projekte Lehm verwendet, und das auf zeitgemäße Art, indem sie ihm entweder Zement beimischten oder ihn durch Schalungen zu Fertigteilen verarbeiteten.

Neben Lehm ist es Bambus, der für viele Projekte in Frage kommt, beispielsweise in Bangladesch, Thailand oder Kolumbien. Mit Bambus arbeitet auch der Frankfurter Architekt Andres Bäppler: In seiner Heimat Kolumbien baut er Schulen, Häuser, Brücken und schult seine Landsleute, damit sie wieder mit dem traditionellem Baumaterial arbeiten können und nicht länger Holz aus Kanada importieren müssen. Die Vorteile dieser beiden Baumaterialien sind in der Tat erheblich: Sie sind preiswert, in großen Mengen vorhanden, leicht zu verarbeiten und unter baubiologischen Gesichtspunkten positiv zu bewerten. Dass Lehm und Bambus obendrein ressourcenschonend und recylingfähig, also nachhaltig sind, ist am Ende nur ein Nebeneffekt, aber deshalb nicht weniger bedeutend.

Nicht immer ist die Verwendung von lokalen Materialien auf Zustimmung unter den Bewohnern gestoßen. In den Erläuterungen zu einigen Projekten kann man lesen, dass man auch in anderen Ländern der Prämisse folgt, moderne Architektur habe aus Glas, Stahl und Beton zu sein, wie in den Ländern, aus denen die Architekten kommen.

DIY-Bauen für die Mittelklasse

Und wie sehen gelungene Beispiele sozialen Bauens in Deutschland aus? Ein Beispiel kommt von Susanne Hofmann von den „Baupiloten“ aus Berlin: Sie und ihr Team haben „Learning Landscapes“ in der Erika Mann Schule implementiert und die Schüler dabei explizit in die Entwurfs- und Planungsphase miteinbezogen. Einen ähnlichen „userfreundlichen“ und interaktiven Ansatz findet man bei den Architekten Anne-Julchen Bernhardt und Jörg Leeser von „BeL“ aus Köln, die ein „Smart Price House“ für die IBA im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg entwickelt haben. Entworfen nach dem Konzept des Domus Maison von Le Corbusier ist ein DIY-Haus entstanden, das leicht multiplizierbar ist und dadurch für die Mittelklasse erschwinglich sein soll. Trotz der Freiheit, Wände nach eigenen Vorstellungen einzuziehen oder auch die Fassade unterschiedlich zu gestalten, mussten die Architekten am Ende doch feststellen, dass sich die meisten Bewohner eine einheitliche, weiße Fassade wünschten.

Eine Schule in Gando aus Lehm, ein Community Center in den Favelas Sao Paolos und ein „Smart Price House“ in Hamburg – gemeinsam ist solchen Projekten, dass sie Architektur für Menschen schaffen wollen, die sich hochwertige Architektur sonst nicht leisten könnten. Architektur, die nicht auf Kosten der Natur entsteht, sondern natürliche Kreisläufe miteinbezieht, Leitideen, die auch für den Aga Khan Award, den Holcim Award for Sustainable Construction oder für Initiativen wie Architecture for humanity zentral sind. Manchmal wirkt das Zusammenspiel der gezeigten Projekte dann doch etwas zu bunt, zumal die Voraussetzungen für diese Bauten wirtschaftlich, gesellschaftlich, aber auch geografisch gesehen recht verschieden sind. Ganz abgesehen von baurechtlichen Fragen. Nicht unerheblich ist auch, wie und ob Architekten von solchen Aufträgen leben können. In den westlichen Industrieländern gibt es für soziale Bauten staatliche Mittel, in weniger entwickelten Ländern sieht das anders aus. Vielleicht ist die Klammer dann doch etwas zu groß geworden, in die Lepik das Thema gesetzt hat.

Gesamtgesellschaftlich wenig bedeutend

Sicher, unterm Strich sind die vorgestellten Projekte lobens- und nachahmenswert. Sie belegen ganz konkret, dass und wie ein Transfer von Wissen in der Entwicklungszusammenarbeit glücken kann, wie Bauen in der Gemeinschaft, mit vorhandenen Baumaterialien und auf Basis lokaler Handwerkstraditionen sich mit avanciertem technischen Wissen verbinden kann, zum Wohle beider Seiten. Offen bleibt, welche gesamtgesellschaftliche Bedeutung solche Projekte erlangen können, die oft singulär bleiben und bestenfalls in umliegenden Gebieten nachgeahmt werden. Was auch immer solche Ansätze in Ländern wie Bangladesch, Südafrika oder Kolumbien bewegen können, es wäre sicher kein Fehler, sie um Kooperationen mit lokalen Universitäten zu ergänzen, um das einmal Erreichte zu verstetigen.

Der südafrikanische Architekt Peter Rich hat, etwas spöttisch, aber nicht zu Unrecht, zu Beginn des Symposium in Anspielung auf Deutschlands politische Vorreiterrolle bemerkt: „Germans are healing the world“. Deutsche retten die Welt? Können und sollen wir den Menschen im Süden wirklich zeigen, wie Häuser gebaut werden? Hier gingen die Meinungen auf dem Symposium auseinander. Vielleicht verhält es sich eher so, wie es Bernadette Heiermann, Professorin an der RWTH Aachen, ausgedrückt hat: „Wir verändern nicht die Welt, aber wir machen kleine Schritte hin zu einer besseren“.

Videointerview mit dem Kurator Andres Lepik zur Ausstellung:
www.youtube.com

Think global, build social! Bauen für eine bessere Welt
8. Juni bis 1. September
Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main, Deutschland
Katalog: Sonderausgabe der Zeitschrift Arch+, Nr. 211/212, 176 Seiten
www.dam-online.de

Weniger Ästhetik, mehr Ethik – der Wahlspruch ist für die Norwegerin Line Ramstad von a.gor.a Architekten eine Lebensaufgabe geworden. Seit 2009 baut sie mit ihren Kollegen für Karenpeople in Thailand, Mae Sot, u.a. temporäre Dormitorien. Foto © Franc Pallarès-López
Eine Koryphäe unter den "Gutarchitekten": der Südafrikaner Peter Rich, der seine Earth Pavilion wie hier das Mapungubwe National Park Interpretation Centre, Limpopo, Südafrika, auch außerhalb Afrikas errichtet hat: 2010 auf Bitte von Prince Charles in London. Foto © Iwan Baan
„Langsam, Schritt für Schritt“ – bei den meisten Projekten der Ausstellung haben die späteren Nutzer mit Hand angelegt, wie bei der Schule von Anna Heringer in Bangladesch. Foto © construction team, Anna Heringer
Entwicklungszusammenarbeit heißt voneinander lernen: Heringer überzeugte die Anwohner ihres Schulbaus in Bangladesch, dass auch Frauen mithelfen sollen. Foto © construction team, Anna Heringer
Diébédo Francis Kéré ist einer der bekanntesten Architekten, die sich für soziale Projekte in Afrika einsetzt. Im Bild seine weiterführende Schule in seinem Heimatdorf Gando, Burkina Faso. Foto © Francis Kéré
Emilio Caravatti, Matteo Caravatti, Sarah Trianni: Schule Djinindjebougou, Djinindjebougou, Mali, 2006 – 2007. Foto © Emilio Caravatti
Bambus als vielseitiges Baumaterial, das zeigt Andres Bäppler mit seinen Bambusbauten im Rahmen seiner Initiative „Schule fürs Leben e.V.“ in Cali, Kolumbien. Foto © Andres Bäppler
Macher mit sozialer Verantwortung: Jörg Leeser und Anne-Julchen Bernhardt von „BeL“, Köln, Line Ramstad von „a.gor.a architects“, Mae Sot, Thailand, sowie Hubert Klumpner von Urban-Think Tank, Zürich. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Ein Beispiel für soziales Bauen in Deutschland: Modernisierung der Erika-Mann-Grundschule in Berlin-Wedding, realisiert durch die „Baupiloten“. Foto © Jan Bitter
Urban-Think Tank: Centro de Acçao Social por Música, Grotão, Paraisópolis, Sao Paulo, Brasilien, 2009–2012. Foto © Urban-Think Tank
Die Macher der Ausstellung: Dietmar Steiner, Direktor Architekturzentrum Wien, Peter Cachola Schmal, Direktor DAM Frankfurt mit Kurator Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der TU München. Foto © Martina Metzner, Stylepark
So geschieht Wissentransfer – neustes technisches Wissen wird mit alten traditionellen Bauweisen kombiniert wie am Bau von Heringer in Bangladesch. Foto © construction team, Anna Heringer
Hätten Sie’s gewusst? Bambus braucht nur fünf Jahre, bis er „erwachsen“ ist – in vielen Ländern der Welt eine gute und ressourcenschonende Alternative zu Harthölzern. Foto © construction team, Anna Heringer
Ebenso nachhaltig und vielseitig ist Lehm, das favorisierte Baumaterial von Anna Heringer, unter anderem für ihr geplantes Projekt in Marrakesch. Foto © Martina Metzner, Stylepark
„Wir verändern nicht die Welt, aber wir machen kleine Schritte hin zu einer besseren“. Foto © Anna Heringer
Lepik will mit der Ausstellung den Fokus auf Architektur richten, die sich jenseits von „größer, schöner, höher“ bzw. Stahl, Glas und Beton definiert. Foto © Anna Heringer
News & Stories › 2013 › Juni
Bambus statt Beton
von Martina Metzner | 30. Juni 2013
Die Ausstellung „Think global, work local“ im DAM in Frankfurt zeigt, wie Architekten soziales Bauen in Entwicklungsländern unterstützen, gemeinschaftlich, nachhaltig und mittels vor Ort vorhandener Materialien. Gleichwohl bleiben viele Fragen offen.

Ob in Mzamba, einer kleinen Stadt am Ostkap von Südafrika, oder in Berlin-Wedding, wenn Architekten eine Schule bauen, so gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber auch wichtige Unterschiede. Gemeinsam ist ihnen der Ansatz, Architektur als Möglichkeit zu ergreifen, das Leben von Menschen zu verbessern. Für Schulen heißt das, einen geeigneten Raum für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in dem sie nicht nur das Einmaleins lernen. In der Ausstellung „Think global, build social“, die das Deutsche Architekturmuseum (DAM) derzeit präsentiert, gehen die Macher der Frage nach, was soziales Bauen heute in Deutschland, Südafrika oder anderen Ländern bedeutet. Welche Lösungen hat die Architektur für jene Menschen anzubieten, die selbst nicht als Auftraggeber in Frage kommen?

Schon vor drei Jahren hatte sich Andres Lepik, inzwischen Direktor des Architekturmuseums der TU München, dem Schaffen von Architekten gewidmet, die keine Signature Architecture entwerfen und jenseits von Hochglanzmagazinen und Cocktailpartys wirken. Nun hat er die 2010 im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) von ihm kuratierte Ausstellung „Small Scale, Big Change“ nach Deutschland geholt, und sie dabei quasi „europagerecht“ transformiert, indem er die Aufmerksamkeit verstärkt auf deutsche Architekten richtet. Lepik interessiert sich für den sozialen Auftrag von Architektur innerhalb einer global vernetzten Welt. Um weitere Aspekte des Themas zu diskutieren, hat Lepik in Zusammenarbeit mit Peter Cachola Schmal, dem Direktor des DAM, und Dietmar Steiner, dem Direktor des Architekturzentrums Wien, zudem zu einem internationalen Symposium gebeten. Lepik geht es dabei auch um einen Paradigmenwechsel, um eine neue Debatte. Das Rad wird groß gedreht und das Plädoyer lautet: Weg von der Star-Architektur, hin zu mehr sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Weniger Ästhetik, mehr Ethik

Lepik zufolge ist der Ruf nach einer Ethik der Architektur schon seit längerem zu vernehmen: Bereits zur Architekturbiennale im Jahr 2000 habe Massimiliano Fuksas in der Rolle des Kurators die Attitüde „less aesthetics, more ethics“ formuliert, so Lepik, quasi als neues Berufsethos. Doch sei es, zumindest was die Biennale angeht, weitgehend bei Versprechungen geblieben. 2002, so bemerkte Lepik, hätten die Macher des brasilianischen Pavillons die Favelas von Sao Paolo in den Blickpunkt gerückt. Mehr noch: Nach der Finanzkrise 2008 sei die Welt nachdenklicher geworden, das Rad des Kapitalismus werde nicht mehr so einfach gedreht, ökologisches und soziales Verantwortungsbewusstsein sei unter dem Begriff „Nachhaltigkeit“ auf die Tagesordnung getreten, auch bei den Architekten, die sich bislang über größer, schöner, höher, über Stahl, Glas und Beton definierten. Nicht nur schöne Villen am Genfer See seien gefragt, sondern Lösungen für gesellschaftlich drängende Fragen an allen Ecken dieser Welt, in der immer mehr Megacities entstehen und sich Slums ausbreiten. Dass Lepik hiermit den Finger in eine Wunde legt, ist mehr als gerechtfertigt. Und wirft in der Tat einige Fragen auf.

Die Projekte, die in der Ausstellung vorgestellt werden, stammen deshalb von Architekten, die über ihren gewohnten Tellerrand hinausschauen. Sie sehen sich als „global citizens“, denken global und handeln lokal, wie es so schön heißt, im Inland ebenso wie im Ausland. Häufig machen sich solche Architekten in Entwicklungsländern mit den lokalen Bedingungen vertraut – mit der Kultur der dort lebenden Menschen ebenso wie mit der jeweiligen Bautradition. Sie verstehen es, preiswert zu bauen und entsprechende Techniken zu vermitteln. Sie leisten tatsächlich Entwicklungshilfe. Und sie sammeln, um ihre Bauten zu finanzieren, in ihrer Heimat, in den westlichen Industrieländern, Spenden, Beispiele: Francis Kéré, der in seiner Heimat Burkina Faso Schulen aus Lehm errichtet, Emilio Caravatti aus Monza, der in Mali Schulen entwickelt, Hubert Klumpner von Urban-Think Tank aus Zürich, der in den Favelas von Sao Paolo ein Community Center errichten will, Peter Rich aus Südafrika, der die traditionelle afrikanische Lehmbauweise auf neuen Stand bringt, Line Ramstad aus Norwegen, die mittlerweile im thailändischen Mae Sot lebt und mit ihren Kollegen von "a.gor.a Architects" ein Haus nach dem anderen nach alter Pfahlbautradition errichtet – oder Anna Heringer aus Deutschland, die für ihre Mädchenschule aus Lehm in Bangladesh bekannt wurde.

Solchem Engagement stehen Projekte in Deutschland gegenüber, die diverse soziale Ansätze vorantreiben, darunter Bildungseinrichtungen wie „Learning Spaces“ an der Erika-Mann-Schule in Berlin, geplant und umgesetzt von der Berliner Architektenkooperative „Die Baupiloten“, oder preiswerte Wohnhäuser für den Mittelstand nach dem Do-it-Yourself-Prinzip im Rahmen der IBA Hamburg/Wilhelmsburg vom Architektenduo Anne-Julchen Bernhardt und Jörg Leeser, kurz „BeL“, aus Köln.

Es sind aber nicht nur gestandene Architekten, die sich verändern, auch der Nachwuchs engagiert sich, wie die Ausstellung anhand beispielhafter Hochschulprojekte belegt. Die sogenannten „Design Build-Initiativen“ der RWTH Aachen, Bauten für „Orange Farm e.V.“ und von den „Baupiloten“ zeigen, wie junge Architekten und Ingenieure in Theorie und Praxis Schulen in Südafrika oder in Berlin bauen. Für die Architekturstudenten der RWTH Aachen hieß das am Ende ihres Projektes, nach Südafrika fliegen und gemeinsam mit den Dorfbewohnern das geplante Schulgebäude tatsächlich errichten. Denn vor allem das gemeinschaftliche Bauen zeigt den Studierenden, welche Auswirkungen ihre Entwürfe haben. Gemeinsam lernen, zusammen bauen, heißt die Devise auch bei „Orange Farm e.V.“ des Münchener Architekten Markus Dobmaier, der zusammen mit Studenten der TU München Bildungseinrichtungen in südafrikanischen Townships baut. Sein Credo: „Verantwortung übernehmen anstelle von aufsehenerregenden Designs, das verändert Architektur.“

Global vernetzt, lokal gebaut

Sämtliche in der Ausstellung vorgestellten Projekte zeigen deutlich, dass solches Bauen nur zu guten Resultaten führt, wenn eine Gemeinschaft entsteht, wenn alle Beteiligten einbezogen werden und ein offener Austausch stattfindet. Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Kultur und den Menschen vor Ort ist Line Ramstad aus Norwegen gelungen, die in den vergangenen Jahren in Mae Sot, Thailand, mit Kollegen das Projekt „Gyaw Gyaw“ ins Leben gerufen hat. „Gyaw Gyaw“ bedeutet so viel wie „langsam, Schritt für Schritt“ und Ramstad hat die dort ansässigen und ärmlich lebenden Karenpeople in die Projekte einbezogen. Mittlerweile stehen temporäre Dormitorien und eine Klinik samt Betriebsgebäude, bei denen sich die Landschaftsarchitektin mit hochstehenden Pfahlkonstruktionen aus Bambus und Blattdächern an die traditionelle thailändische Baukunst anlehnt. Auch bei anderen vorgestellten Projekten haben die späteren Nutzer der Gebäude mit Hand angelegt. Das ist nicht nur preiswert, man lernt auch vieles voneinander, tauscht sich aus. So geschieht Wissentransfer – neustes technisches Wissen wird mit alten traditionellen Bauweisen kombiniert. Daraus entstehen zum Teil wunderschöne, aber zugleich auch praktische Bauten wie die von Francis Kéré oder Peter Rich. Auch, so wird betont, steige dadurch die Identifizierung mit dem Gebäude, wobei durchaus auch mit Traditionen gebrochen wird, wie etwa bei dem Projekt von Heringer in Bangladesch, an dem auch Frauen mitgewirkt haben, die für gewöhnlich nicht am Bau arbeiten.

Nachhaltigkeit als Nebeneffekt

Wer die Ausstellung besucht, kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob auch er sein Haus demnächst aus Lehm oder Bambus bauen lassen möchte, so eindringlich werden die Vorzüge dieser natürlichen Baumaterialien angepriesen, ganz anschaulich durch Bambuskonstruktionen oder Schalungen für Lehmziegel. Ob Caravatti in Mali, Rich in Südafrika, Kéré in Burkina Faso oder Heringer in Bangladesch, sie alle haben für ihre Projekte Lehm verwendet, und das auf zeitgemäße Art, indem sie ihm entweder Zement beimischten oder ihn durch Schalungen zu Fertigteilen verarbeiteten.

Neben Lehm ist es Bambus, der für viele Projekte in Frage kommt, beispielsweise in Bangladesch, Thailand oder Kolumbien. Mit Bambus arbeitet auch der Frankfurter Architekt Andres Bäppler: In seiner Heimat Kolumbien baut er Schulen, Häuser, Brücken und schult seine Landsleute, damit sie wieder mit dem traditionellem Baumaterial arbeiten können und nicht länger Holz aus Kanada importieren müssen. Die Vorteile dieser beiden Baumaterialien sind in der Tat erheblich: Sie sind preiswert, in großen Mengen vorhanden, leicht zu verarbeiten und unter baubiologischen Gesichtspunkten positiv zu bewerten. Dass Lehm und Bambus obendrein ressourcenschonend und recylingfähig, also nachhaltig sind, ist am Ende nur ein Nebeneffekt, aber deshalb nicht weniger bedeutend.

Nicht immer ist die Verwendung von lokalen Materialien auf Zustimmung unter den Bewohnern gestoßen. In den Erläuterungen zu einigen Projekten kann man lesen, dass man auch in anderen Ländern der Prämisse folgt, moderne Architektur habe aus Glas, Stahl und Beton zu sein, wie in den Ländern, aus denen die Architekten kommen.

DIY-Bauen für die Mittelklasse

Und wie sehen gelungene Beispiele sozialen Bauens in Deutschland aus? Ein Beispiel kommt von Susanne Hofmann von den „Baupiloten“ aus Berlin: Sie und ihr Team haben „Learning Landscapes“ in der Erika Mann Schule implementiert und die Schüler dabei explizit in die Entwurfs- und Planungsphase miteinbezogen. Einen ähnlichen „userfreundlichen“ und interaktiven Ansatz findet man bei den Architekten Anne-Julchen Bernhardt und Jörg Leeser von „BeL“ aus Köln, die ein „Smart Price House“ für die IBA im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg entwickelt haben. Entworfen nach dem Konzept des Domus Maison von Le Corbusier ist ein DIY-Haus entstanden, das leicht multiplizierbar ist und dadurch für die Mittelklasse erschwinglich sein soll. Trotz der Freiheit, Wände nach eigenen Vorstellungen einzuziehen oder auch die Fassade unterschiedlich zu gestalten, mussten die Architekten am Ende doch feststellen, dass sich die meisten Bewohner eine einheitliche, weiße Fassade wünschten.

Eine Schule in Gando aus Lehm, ein Community Center in den Favelas Sao Paolos und ein „Smart Price House“ in Hamburg – gemeinsam ist solchen Projekten, dass sie Architektur für Menschen schaffen wollen, die sich hochwertige Architektur sonst nicht leisten könnten. Architektur, die nicht auf Kosten der Natur entsteht, sondern natürliche Kreisläufe miteinbezieht, Leitideen, die auch für den Aga Khan Award, den Holcim Award for Sustainable Construction oder für Initiativen wie Architecture for humanity zentral sind. Manchmal wirkt das Zusammenspiel der gezeigten Projekte dann doch etwas zu bunt, zumal die Voraussetzungen für diese Bauten wirtschaftlich, gesellschaftlich, aber auch geografisch gesehen recht verschieden sind. Ganz abgesehen von baurechtlichen Fragen. Nicht unerheblich ist auch, wie und ob Architekten von solchen Aufträgen leben können. In den westlichen Industrieländern gibt es für soziale Bauten staatliche Mittel, in weniger entwickelten Ländern sieht das anders aus. Vielleicht ist die Klammer dann doch etwas zu groß geworden, in die Lepik das Thema gesetzt hat.

Gesamtgesellschaftlich wenig bedeutend

Sicher, unterm Strich sind die vorgestellten Projekte lobens- und nachahmenswert. Sie belegen ganz konkret, dass und wie ein Transfer von Wissen in der Entwicklungszusammenarbeit glücken kann, wie Bauen in der Gemeinschaft, mit vorhandenen Baumaterialien und auf Basis lokaler Handwerkstraditionen sich mit avanciertem technischen Wissen verbinden kann, zum Wohle beider Seiten. Offen bleibt, welche gesamtgesellschaftliche Bedeutung solche Projekte erlangen können, die oft singulär bleiben und bestenfalls in umliegenden Gebieten nachgeahmt werden. Was auch immer solche Ansätze in Ländern wie Bangladesch, Südafrika oder Kolumbien bewegen können, es wäre sicher kein Fehler, sie um Kooperationen mit lokalen Universitäten zu ergänzen, um das einmal Erreichte zu verstetigen.

Der südafrikanische Architekt Peter Rich hat, etwas spöttisch, aber nicht zu Unrecht, zu Beginn des Symposium in Anspielung auf Deutschlands politische Vorreiterrolle bemerkt: „Germans are healing the world“. Deutsche retten die Welt? Können und sollen wir den Menschen im Süden wirklich zeigen, wie Häuser gebaut werden? Hier gingen die Meinungen auf dem Symposium auseinander. Vielleicht verhält es sich eher so, wie es Bernadette Heiermann, Professorin an der RWTH Aachen, ausgedrückt hat: „Wir verändern nicht die Welt, aber wir machen kleine Schritte hin zu einer besseren“.

Videointerview mit dem Kurator Andres Lepik zur Ausstellung:
www.youtube.com

Think global, build social! Bauen für eine bessere Welt
8. Juni bis 1. September
Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main, Deutschland
Katalog: Sonderausgabe der Zeitschrift Arch+, Nr. 211/212, 176 Seiten
www.dam-online.de