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Beobachtungen auf dem Weg zum Bad - Teil 1
von Thomas Wagner
14. Januar 2015
Ein Bad ist ein Bad ist ein Bad ist ein ... so einfach wäre die Sache nur, würde man in einer totalen Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft verharren. Doch wer will sich schon einer solch traurigen Illusion hingeben? Kulturen ändern sich, und unser Verhalten, unsere Wünsche, Vorlieben und die Dinge mit ihnen. Meist aber vollzieht sich der Wandel nicht radikal; es wird nicht gleich alles anders. Was sich ändert, sind vielmehr die Konstellationen, in denen eher konstante soziale oder ästhetische Grundeinstellungen zueinander in Beziehung treten. Das klingt abstrakt, ist es aber nicht - wie einige kulturgeschichtliche Aspekte des Badens belegen.

„Verschiedene Zeiten", schreibt Sigfried Giedion in seiner bis heute unübertroffenen kulturgeschichtlichen Studie „Die Herrschaft der Mechanisierung" von 1948 lakonisch, „hatten sehr verschiedene Ansichten über das Wesen und den Sinn des Bades. Wie sie das Bad in das Kulturganze einordneten, sowie die Art des Badens, die sie bevorzugten, gibt Einsicht in das innere Wesen einer Zeit". Sollen wir unsere Zeit nun also vom Bade aus verstehen? Vielleicht gar keine so schlechte Idee. Zumindest kann es nicht schaden, wenn wir versuchen, das Baden, wie es heute, in unserer Zeit praktiziert wird, aus der Entwicklung der Kultur des Badens heraus zu verstehen. Also lassen wir uns einiges darüber erzählen, was das Bad in früherer Zeit war und welche Vorstellungen sich damit verbunden haben. Machen wir uns mit Sigfried Giedions Hilfe also auf den Weg zum Bad, zum Bad unserer Zeit - falls es das überhaupt gibt.

Giedion unterscheidet zunächst verschiedene Typen von Regeneration und liefert zugleich eine knappe Skizze der Entwicklung des Badens: „Die Antike, der Islam und bis zu einem gewissen Grad auch das Mittelalter haben die menschliche Regeneration in die unabweisbaren Pflichten der Gesellschaft eingereiht. In der Renaissance geht es mit dieser Einstellung bergab. Dies führt im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert fast zu einem Vergessen der Körperpflege. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts taucht langsam eine Wiedererinnerung an frühere Zeiten auf. Im neunzehnten Jahrhundert, das so viele Zeiten beobachtet hat, erwacht der Gedanke an eine Regeneration von neuem. Um 1830 kommt das Baden wieder: die Rückkehr zu Natur in Form von Kaltwasserkuren (Hydrotherapie). Um 1850 ist es das islamische Bad, dessen Wert erkannt wird; auch das Dampfbad im Haus, das von ungefähr 1830 an durch das ganze Jahrhundert propagiert wird, die Dusche, das Sonnenbad tauchen nebeneinander und nacheinander auf. Lange und unentschieden ging der Kampf hin und her, welcher Typus sich endgültig durchsetzen würde, bis schließlich das Wannenbad eindeutig Sieger blieb."

Nach dieser historischen Skizze, an deren vorläufigem Endpunkt Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Wannenbad die Oberhand gewonnen haben soll, beschreibt Giedion unsere bevorzugte Art des Badens nicht eben schmeichelhaft: „Der heutige Typ des Bades, das Wannenbad, ist eine Mechanisierung des primitivsten Typs. Es gehört in das Gebiet der äußeren Abwaschung. Die Badewanne wird als erweiterte Waschschüssel aufgefasst. Allerdings hat keine frühere Zeit das Bad so selbstverständlich als zum Schlafzimmer gehörig betrachtet wie die unsere. Jeder seiner Bestandteile ist das Ergebnis einer langwierigen Mechanisierung, und so ist es zu erklären, dass das Badezimmer mit fließendem Wasser erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufkam und erst in der Zeit der Vollmechanisierung, zwischen den beiden Weltkriegen, zur Selbstverständlichkeit wurde. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Wannenbad ein primitiver Typ ist, wie er etwa in Kreta um 1800 bis 1450 v. Chr. Zu finden ist, ehe das griechische Gymnasion entstand."

Alle, die gern den Fortschritt preisen, sollten also bedenken: In der minoischen Kultur Kretas, also vor rund 3500 Jahren, in der Glanzzeit des letzten Matriarchats, finden sich bereits Wannenbad, Kanalisierung und Wasserklosett. Und es ist Homer, der das Bad rückblickend als Mittel „gegen geistentkräftende Arbeit" beschreibt. Somit steht im Bade zunächst weniger die Reinigung als die Entspannung im Vordergrund. In der griechischen Kultur stellt das Bad sodann, auch architektonisch, ein Bindeglied dar zwischen gymnastischen Spielen und philosophischen Diskussionen, mithin zwischen körperlicher Anspannung und Kontemplation. In der römischen Therme wird, mit der Einführung des technifizierten Heißluftbades und seinen verschieden temperierten Räumen - Tepidarium, Caldarium, Laconium - der Rahmen des griechischen Gymnasions gespengt. Nun wird der Ort, an dem sich der Mensch entspannt, zugleich zum gesellschaftlichen Mittelpunkt: „In den Thermen verbrachten die Römer den größten Teil ihrer Freizeit, und Thermen wuchsen, wo immer sich römisches Leben entfaltete." Und so hält Giedion fest: „Mit der Ausbreitung der Thermen kommt ein neues soziales Element in die Geschichte: es wird anerkannt, dass jedes Individuum das gleiche Recht auf Regeneration besitzt, und zwar auf Regeneration innerhalb des Kreislaufs von vierundzwanzig Stunden."

Lassen wir den auch religiös bedeutsamen Regenerationstyp des Islam beiseite, bei dem laut Giedion an die Stelle einer „aktiven Haltung" die „passive Ruhe" tritt, wodurch sich eine völlig andere Architektur, aber auch ganz andere Techniken des Gliederlockerns oder -knackens sowie eine besondere Form der Seifenmassage entwickeln, und überspringen wir auch das „Schwitzbad" als Urtypus des Dampf- und Heißluftbades, so ist doch deutlich: Antikes und islamisches Bad sind beides gesellschaftliche Institutionen. Auch wenn wir die Entwicklung nicht annähernd so ausführlich nachzeichnen können wie Giedion, das Wesentliche lässt sich auch so deutlich machen: um welche historischen Typen von Bad es sich auch handelt, es sind vier Aspekte, die nicht nur die Art des Badens beschreiben, sondern auch, je nachdem welcher gerade in den Vordergrund gerückt oder welche Kombination bevorzugt wird, darüber entscheiden, welchen kulturellen Stellenwert das Baden einnimmt. Dient das Baden der Regeneration von Körper und Geist oder allein der Reinigung des Körpers? Und vollzieht sich dies innerhalb eines genau geregelten Verfahrens in der Öffentlichkeit oder in einem abgeschlossenen privaten Bereich?

Es gab in der Entwicklung des Bades also viele Wendungen und Veränderungen, ja es wurde keineswegs immer gebadet, und schon gar nicht auf die immer gleiche Art und Weise. Doch Giedion hat Recht, wenn er im Baden einen Spiegel der Zeit sieht, in dem sich nicht nur das Verhältnis zum Körper zeigt, sondern auch, ob dieser nur gereinigt zu werden braucht oder ob es umfassenderen Formen der Regeneration bedarf, um ihn und den Geist gesund und bei Laune halten zu können. Wie sich das Baden weiter entwickelt hat, erfahren Sie demnächst im zweiten Teil.
Regenbrause für medizinische Zwecke, Frankreich um 1860 Das englische Badezimmer, 1901 Das amerikanische Kompaktbadezimmer, 1908
Das amerikanische Kompaktbadezimmer, 1915
News & Stories › 2015 › Januar
Beobachtungen auf dem Weg zum Bad - Teil 1
von Thomas Wagner | 14. Januar 2015
Verschiedene Zeiten, verschiedene Bäder. Wie sich das Baden und die dazugehörenden Räume und Gebäude gestaltet und das Bad in das Kulturganze einordnet, gibt Aufschluss über das innere Wesen einer Zeit. Das behauptet der Kulturhistoriker Sigfried Giedion - und erzählt die faszinierende Geschichte des Bades.
Ein Bad ist ein Bad ist ein Bad ist ein ... so einfach wäre die Sache nur, würde man in einer totalen Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft verharren. Doch wer will sich schon einer solch traurigen Illusion hingeben? Kulturen ändern sich, und unser Verhalten, unsere Wünsche, Vorlieben und die Dinge mit ihnen. Meist aber vollzieht sich der Wandel nicht radikal; es wird nicht gleich alles anders. Was sich ändert, sind vielmehr die Konstellationen, in denen eher konstante soziale oder ästhetische Grundeinstellungen zueinander in Beziehung treten. Das klingt abstrakt, ist es aber nicht - wie einige kulturgeschichtliche Aspekte des Badens belegen.

„Verschiedene Zeiten", schreibt Sigfried Giedion in seiner bis heute unübertroffenen kulturgeschichtlichen Studie „Die Herrschaft der Mechanisierung" von 1948 lakonisch, „hatten sehr verschiedene Ansichten über das Wesen und den Sinn des Bades. Wie sie das Bad in das Kulturganze einordneten, sowie die Art des Badens, die sie bevorzugten, gibt Einsicht in das innere Wesen einer Zeit". Sollen wir unsere Zeit nun also vom Bade aus verstehen? Vielleicht gar keine so schlechte Idee. Zumindest kann es nicht schaden, wenn wir versuchen, das Baden, wie es heute, in unserer Zeit praktiziert wird, aus der Entwicklung der Kultur des Badens heraus zu verstehen. Also lassen wir uns einiges darüber erzählen, was das Bad in früherer Zeit war und welche Vorstellungen sich damit verbunden haben. Machen wir uns mit Sigfried Giedions Hilfe also auf den Weg zum Bad, zum Bad unserer Zeit - falls es das überhaupt gibt.

Giedion unterscheidet zunächst verschiedene Typen von Regeneration und liefert zugleich eine knappe Skizze der Entwicklung des Badens: „Die Antike, der Islam und bis zu einem gewissen Grad auch das Mittelalter haben die menschliche Regeneration in die unabweisbaren Pflichten der Gesellschaft eingereiht. In der Renaissance geht es mit dieser Einstellung bergab. Dies führt im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert fast zu einem Vergessen der Körperpflege. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts taucht langsam eine Wiedererinnerung an frühere Zeiten auf. Im neunzehnten Jahrhundert, das so viele Zeiten beobachtet hat, erwacht der Gedanke an eine Regeneration von neuem. Um 1830 kommt das Baden wieder: die Rückkehr zu Natur in Form von Kaltwasserkuren (Hydrotherapie). Um 1850 ist es das islamische Bad, dessen Wert erkannt wird; auch das Dampfbad im Haus, das von ungefähr 1830 an durch das ganze Jahrhundert propagiert wird, die Dusche, das Sonnenbad tauchen nebeneinander und nacheinander auf. Lange und unentschieden ging der Kampf hin und her, welcher Typus sich endgültig durchsetzen würde, bis schließlich das Wannenbad eindeutig Sieger blieb."

Nach dieser historischen Skizze, an deren vorläufigem Endpunkt Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Wannenbad die Oberhand gewonnen haben soll, beschreibt Giedion unsere bevorzugte Art des Badens nicht eben schmeichelhaft: „Der heutige Typ des Bades, das Wannenbad, ist eine Mechanisierung des primitivsten Typs. Es gehört in das Gebiet der äußeren Abwaschung. Die Badewanne wird als erweiterte Waschschüssel aufgefasst. Allerdings hat keine frühere Zeit das Bad so selbstverständlich als zum Schlafzimmer gehörig betrachtet wie die unsere. Jeder seiner Bestandteile ist das Ergebnis einer langwierigen Mechanisierung, und so ist es zu erklären, dass das Badezimmer mit fließendem Wasser erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufkam und erst in der Zeit der Vollmechanisierung, zwischen den beiden Weltkriegen, zur Selbstverständlichkeit wurde. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Wannenbad ein primitiver Typ ist, wie er etwa in Kreta um 1800 bis 1450 v. Chr. Zu finden ist, ehe das griechische Gymnasion entstand."

Alle, die gern den Fortschritt preisen, sollten also bedenken: In der minoischen Kultur Kretas, also vor rund 3500 Jahren, in der Glanzzeit des letzten Matriarchats, finden sich bereits Wannenbad, Kanalisierung und Wasserklosett. Und es ist Homer, der das Bad rückblickend als Mittel „gegen geistentkräftende Arbeit" beschreibt. Somit steht im Bade zunächst weniger die Reinigung als die Entspannung im Vordergrund. In der griechischen Kultur stellt das Bad sodann, auch architektonisch, ein Bindeglied dar zwischen gymnastischen Spielen und philosophischen Diskussionen, mithin zwischen körperlicher Anspannung und Kontemplation. In der römischen Therme wird, mit der Einführung des technifizierten Heißluftbades und seinen verschieden temperierten Räumen - Tepidarium, Caldarium, Laconium - der Rahmen des griechischen Gymnasions gespengt. Nun wird der Ort, an dem sich der Mensch entspannt, zugleich zum gesellschaftlichen Mittelpunkt: „In den Thermen verbrachten die Römer den größten Teil ihrer Freizeit, und Thermen wuchsen, wo immer sich römisches Leben entfaltete." Und so hält Giedion fest: „Mit der Ausbreitung der Thermen kommt ein neues soziales Element in die Geschichte: es wird anerkannt, dass jedes Individuum das gleiche Recht auf Regeneration besitzt, und zwar auf Regeneration innerhalb des Kreislaufs von vierundzwanzig Stunden."

Lassen wir den auch religiös bedeutsamen Regenerationstyp des Islam beiseite, bei dem laut Giedion an die Stelle einer „aktiven Haltung" die „passive Ruhe" tritt, wodurch sich eine völlig andere Architektur, aber auch ganz andere Techniken des Gliederlockerns oder -knackens sowie eine besondere Form der Seifenmassage entwickeln, und überspringen wir auch das „Schwitzbad" als Urtypus des Dampf- und Heißluftbades, so ist doch deutlich: Antikes und islamisches Bad sind beides gesellschaftliche Institutionen. Auch wenn wir die Entwicklung nicht annähernd so ausführlich nachzeichnen können wie Giedion, das Wesentliche lässt sich auch so deutlich machen: um welche historischen Typen von Bad es sich auch handelt, es sind vier Aspekte, die nicht nur die Art des Badens beschreiben, sondern auch, je nachdem welcher gerade in den Vordergrund gerückt oder welche Kombination bevorzugt wird, darüber entscheiden, welchen kulturellen Stellenwert das Baden einnimmt. Dient das Baden der Regeneration von Körper und Geist oder allein der Reinigung des Körpers? Und vollzieht sich dies innerhalb eines genau geregelten Verfahrens in der Öffentlichkeit oder in einem abgeschlossenen privaten Bereich?

Es gab in der Entwicklung des Bades also viele Wendungen und Veränderungen, ja es wurde keineswegs immer gebadet, und schon gar nicht auf die immer gleiche Art und Weise. Doch Giedion hat Recht, wenn er im Baden einen Spiegel der Zeit sieht, in dem sich nicht nur das Verhältnis zum Körper zeigt, sondern auch, ob dieser nur gereinigt zu werden braucht oder ob es umfassenderen Formen der Regeneration bedarf, um ihn und den Geist gesund und bei Laune halten zu können. Wie sich das Baden weiter entwickelt hat, erfahren Sie demnächst im zweiten Teil.