transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Beobachtungen in Raum und Zeit
von Jörg Zimmermann | 13. Juni 2012
Leben, bei der Documenta 13 in Kassel steht die Auseinandersetzung mit dem Leben, das Verhältnis vom Menschen zum Objekt, die Relation von Raum und Zeit und damit auch der Ort im Fokus der Betrachtungen. Dass so auch Politik und gesellschaftliche Konstruktionen ins Spiel gebracht werden, verwundert nicht, denn Orte liefern immer auch zeitliche Bezüge, die schließlich selbst, meist mittelbar, auf politische Dimensionen verweisen. Und dann, so fordert es Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der Documenta, sei bitte schön auch die Perspektive von anderen Lebewesen, Hunden zum Beispiel oder Bienen, mitzudenken. Ob das Ergebnis Kunst ist oder auch nicht, verliert an Bedeutung, da alles was getan wird, „von der Kunst zumindest aufgenommen werden könne“. Nun denn. Auch wenn in Kassel nicht alle Werke auf gleichem Niveau spielen, das Murren und Munkeln im Vorfeld der größten Kunstausstellung der Welt ob einer vermuteten Konzeptlosigkeit scheint nach einer ersten Sichtung rasch vergessen. Die Vielzahl der beteiligten Künstler ist überwältigend, die Bandbreite der Arbeiten verstörend und erfrischend zugleich.

Zum Beispiel in der Friedrichstraße. In das dortige alte Hugenottenhaus ist durch das Projekt des Chicagoer Künstlers Theaster Gates endlich wieder Leben eingezogen. Mit Arbeitern aus Kassel und Chicago gemeinsam wurde das seit den 1970er Jahren leer stehende Gebäude wieder nutzbar gemacht. Ein Projekt sozial und praktisch, verschränkt in Ort und Zeit. Gleich nebenan hat Tino Sehgal einen ursprünglich von Arnold Bode gestalteten Saal des Grand City Hotel Hessenland in tiefste Dunkelheit getaucht, die Angst macht beim Betreten und erst wieder weicht, wenn unsichtbare, aber deutliche hörbare Helfer einen unsicheren Weg durch die Finsternis gewiesen haben. Die erduldete Subtraktion einer Wahrnehmungsebene, die den Besucher direkt zur Klärung von Relationen und Abhängigkeiten führt.

Leicht konsumierbar ist die Documenta 13 also nicht. Der Rundgang durch Fridericianum, Documenta-Halle, Kulturbahnhof und die anderen Ausstellungsorte offenbart das tiefe Eintauchen von Carolyn Christov-Bakargiev und ihres Teams in die Komplexität von politischen, gesellschaftlichen, historischen und naturwissenschaftlichen Zusammenhänge, die oftmals auch eine Verbindung zu lokalen Ereignissen oder Orten ziehen, die wiederum direkt oder über die ausgestellten Arbeiten mit anderen Ausstellungsorten in der Welt, in Kabul, Alexandria oder Alberta in Kanada verbunden sind. Dass inhaltliche Tiefe dennoch – wenn auch nicht zwingend – mit leichter Inszenierung einhergehen kann, beweisen die Arbeiten in der Karlsaue. Um sich die Werke im weitläufigen Park zu erschließen, muss der Besucher sich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Weg machen. Weit verstreut, manchmal versteckt warten die Arbeiten auf die Entdeckung. Auch dort verschränken sich Raum und Zeit für den Besucher zu einer ganz praktischen Dimension.

Documenta 13
Von 9. Juni bis 16. September 2012
Kassel
d13.documenta.de
Der Naturwissenschaftler Anton Zeilinger und sein Team versuchen, die Welt der Quantenphysik sichtbar und verständlich zu machen. In technischen Versuchsanordnungen und an der Tafel werden Phänomene wie die Heisenbergs Unschärferelation oder die Verschränkung von Quantenpartikeln nach Erwin Schrödinger abgebildet und erörtert. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Seine digitale Collage „Of what is, that it is; of what is not, that it is not“ hat der in London lebende Goshka Macuga zu einem überdimensionalen Wandteppich verarbeitet, der die gesamte Wand der Rotunde einnimmt. Der zweite Teil der Arbeit wird in Kabul gezeigt. Die Präsentation von korrespondierenden Werken an anderen Orten gehört zum Konzept der Documenta 13. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Die in Bombay lebende Nalini Malani hat über die Jahre ihres künstlerischen Schaffens ein spezielles Format, das „Video-/Schattenspiel“ entwickelt. Die Arbeit „In Search of Vanished Blood“ besteht aus fünf rotierten Mylar-Zylindern, die auf der Rückseite bemalt sind und aus sechs Videoquellen mit Projektionen überlagert werden. Die visuelle Präsentation wird durch eine akustische Ebene erweitert. Auf diese Weise entsteht ein faszinierender Raumeindruck, der die Auseinandersetzung mit indischen Gesellschaftsstrukturen und dem Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation sucht. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Riesengroß dominiert die Fotomontage „Flugzeug“ von Thomas Bayrle den unteren Teil der Documenta-Halle. Die Montage ist aus kleinteiligen Bildelementen aufgebaut. Seitlich davon laufen sieben aufgeschnittene Automotoren mit sichtbarer Präzision, das kaum wahrnehmbare Eigengeräusch überlagert von sich wiederholenden Gebetsfragmenten. Bayrle sucht in seinen Arbeiten wiederholt die Auseinandersetzung mit Begriffen wie Synchronizität und Virtuosität. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Verstörend ist die mehrteilige Installation „The Pixelated Revolution“ von Rabih Mroué im Seitenflügel des Bahnhofs. Mit ihren Mobiltelefonen filmen die Opfer die Schüsse, die sie treffen. Als schwarze Silhouette vor blutrotem Hintergrund brechen die Opfer im Handyvideo zusammen. Die Installation wird durch Daumenkinos und großformatigen Abbildungen von verpixelten Gesichtern der Mörder komplettiert. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Seth Price versteht ein Kleidungsstück wie eine Hülle, wie einen Briefumschlag. Parallel zu einer Modekollektion, die er 2011 mit dem New Yorker Modeschöpfer Tim Hamilton entwickelte und die während der Documenta in einem Kasseler Kaufhaus neben dem Fridericanium verkauft wird, entstand eine Gruppe von Objekten, die mit überzeichneten Dimensionen aufwarten. Wie bei der Modelinie ist die Hülle aus weißem Leinen, das Innenfutter mit Logos von Banken und Unternehmen bedruckt. Die Größenverhältnisse sind bei den Einzelteilen allerdings drastisch verändert. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
„The Refusal of Time“ nennt William Kentridge die Arbeit, die für die Documenta entstanden ist. Der Südafrikaner greift darin die Normierung der Zeit im Zeitalter der Industrialisierung auf. Erst durch den zeitlichen Gleichklang konnte die moderne Gesellschaft im 19. Jahrhundert Gestalt annehmen. In der aufwendigen Inszenierung aus Projektionen und Klang, kombiniert mit der Anwesenheit einer rhythmisch stampfenden Maschine, tauchen Motive wie eine Espressokanne, Zylindermegafone, Räder und pneumatische Uhren auf, die Kentrigde schon in früheren Werken verwendet hat. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Behandlung für typische Krankheiten der Städter soll das Projekt „Sanatorium“ von Pedro Reyes liefern. Stress, Einsamkeit und Angstgefühle – nach der persönlichen (Selbst-) Einweisung stehen den Betroffenen sechszehn unterschiedliche Therapien zur Verfügung. Reyes knüpft mit seinem Projekt an die Idee der Soziatrie von Jacob Levy Moreno aus den 1930er Jahren an. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Anri Sala interessiert sich für Verhältnis von gleichmäßiger und ungleichmäßiger Zeit, für „das Verhältnis von ‚Zeit’ und ‚Tempo’“. Die Uhr mit dem perspektivisch verzerrtem Ziffernblatt – Titel der Arbeit: „Clocked Perspective“ – steht am Ende des Hirschgrabens und zeigt dank eines elliptischen Getriebes die Zeit durchaus korrekt an. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Mit „As sagas sa“ lässt sich Thea Djordjadze ganz auf die Verhältnis vor Ort ein. In einem Gewächshaus in der Karlsaue hat die in Berlin lebende Künstlerin in mehrwöchiger Arbeit eine großformatige Installation geschaffen, die vorgefundene und plastisch bearbeitete Objekte in einer minimalistischen Ästhetik arrangiert. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Die kleinformatigen Arbeiten von Doug Ashford sind in einer der Hütten in der Karlsaue zu sehen. Die abstrakten Gemälde – Tempera auf Holztafeln – kombiniert Ashford mit Bildern von Personen in Momenten der Hilfslosigkeit oder Not. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Etwas abseits der ausgetretenen Documenta-Pfade liegt das seit den frühen 1970er Jahren leerstehende Hugenottenhaus. Theaster Gates hat das Gebäude mit Teilnehmern von Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Chicago und Kassel wieder nutzbar gemacht. Dabei kamen Materialien aus Abbruchhäusern beider Städte zum Einsatz. Entstanden ist so eine Art bewohnbares Labor, in dem die Grenzen von Arbeit und Produktion erforscht und verschoben werden sollen. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hugenottenhaus sind Studien auf Papier und Leinwand im Postkartenformat von Francis Alÿs zu sehen. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Der im Jahr 2000 verstorbene Mark Lombardi hat von ihm gesammelte Informationen aus der Finanzwelt und der Politik in „narrative Strukturen“ überführt. Auch in seiner letzten größeren Arbeit „BCCI, ICIC & FAB, 1972-91 (4th Version)“ kartografierte er Details und Verbindungen der bisweilen verborgenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Für die Documenta 13 hat die New Yorker Künstlerin Ida Applebroog ihre seit dreißig Jahren unberührten privaten Unterlagen öffentlich gemacht. Auszüge können als Offsetdrucke mitgenommen werden, während der Eröffnungswoche werden auf Reklameträgern plakativ-provokante Formulierungen herumgetragen. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Das Projekt „The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures“ des Franzosen Kader Attia stellt die Frage nach der Vorstellung von „Reparatur“ und Perfektion. Afrikanische Objekte, die sichtbar repariert wurden, stehen neben zeitgenössische Skulpturen, die Verstümmelungen und Narben nach plastischen Operationen nicht verstecken. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Der 1934 geborene Llyn Foulkes ist in Kassel als Maler und Musiker präsent, auch wenn er selbst „Malerei ist meine Qual, Musik meine Freude“ wertet. Mit der selbst gebauten Apparatur „The Machine“ gibt er musikalische Live-Darbietungen, seine Bilderserie „The Lost Frontier“ wirkt stark dreidimensional. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Eine Vitrine mit Spielzeugeseln, die mit Namen von Menschen versehen sind, die Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit besonders im nationalsozialistischen Deutschland geleistet haben. Teilansicht der Installation „The Disobedient (The Revolutionaries)“ von Sanja Ivekovic in der Neuen Galerie. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Feines Theater aus Bildern liefert Geoffrey Farmer mit „Leaves of Grass“. Die Arbeit des Kanadiers setzt sich aus Hunderten Schattenspielfiguren zusammen, die in der Neuen Galerie zu einem fast endlos scheinenden Band aufgereiht sind. Die Formen und Figuren sind aus fünfzig Jahrgängen des amerikanischen Magazins „Life“ ausgeschnitten und auf dünnen Holzstäben montiert. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Wie mitten in eine Baustelle gepflanzt wirkt das Projekt „Death at a 30 Degree Angle“ von Bani Abidi. Die mehrteilige Projektion auf einfache, an die Wand gelehnte Bretter ist eine Reflexion auf Größenwahn und Monumentalität. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Mit dem „Sewing Room“ geht der Rumäne István Csákány Begriffe wie Arbeit, Produktion und Abwesenheit an. In zwei Reihen stehen etwas vergrößerte Nähmaschinen, Bügelmaschinen und andere Gerätschaften aus Nähwerkstätten, grob, aber doch detailgetreu aus einfachem Holz geschnitzt. Flankiert wird die Installation durch eine Gruppe elegant gekleideter Figuren, Schaufensterpuppen, deren Kleidung auf die Produkte verweist, die einst in der angedeuteten Nähwerkstatt entstanden sein könnten. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Mit ihrer Installation aus schwarzen Aluminium-Jalousien referenziert Haegue Yang auf den Kasseler Hauptbahnhof und das Ein- und Ausfahren der Züge. Motorisch gesteuert führen die Jalousien eine geisterhafte, nicht durchschaubare Choreografie auf, die auf einem still gelegten Gleis auf die wechselhaften mechanischen Bewegungen der Züge verweist. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Von vorne schwarz und verschlossen gibt sich der „Tea Party Pavillon“ von Rosemarie Trockel. Von den Seiten gibt die Holzhütte dann den Blick frei auf „Ten attempts for one sculpture“, streng im Glasrahmen gehängte Fotos und Bildmontagen. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Boote und Fischernetze sind in einer Eiche verfangen, davor eine roter Campinganhänger, mit vielerlei Notizen und Kritzelzeichnungen bedeckt. Direkt daneben eine kunterbunte Hütte mit allerhand Objekten und Materialien, die Shinro Ohtake in verschiedenen Ländern gesammelt hat. „MON CHERI: A Self-Portrait as a Scrapped Shed“, so der Titel der Arbeit, geht auf die Situation der Menschen im 21. Jahrhundert ein, auf ständige Unsicherheiten und das fortwährende Verhandeln zwischen Hoffnung und Wirklichkeit. Optimistischer Hingucker: bisweilen steigt weißer Rauch aus dem kleinen Schornstein der Hütte auf. Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark
Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark