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Die U-Bahn-Station „Fővám tér" in Budapest wurde vom jungen Budapester Architekturbüro Spora Architects entworfen.
Foto © Peter Sägesser
Die Netzstruktur, die sowohl die Betonbauteile, als auch die Leuchten und der Steinboden bilden, symbolisiert das Transportsystem und die sich kreuzenden Wege der Reisenden. Foto © Peter Sägesser
Budapests erste U-Bahn-Station entstand 1896 und zeigt sich noch heute in ihrem historischem Charakter.
Foto © Peter Sägesser
In der Grundrisszeichnung von Spora Architects wird die Struktur ihres Entwurfs für die U-Bahn-Station „Fövam tér" erkennbar. Zeichnung © Spora Architects
Die Schnittzeichnung zeigt die bauliche Abwicklung der Bahnstation von der Stadtebene in den Untergrund.
Zeichnung © Spora Architects
In der Budapester U-Bahn-Station „Szent Gellert tér" können die Wartenden auf dem „Chair One" Platz nehmen, den der deutsche Industriedesigner Konstantin Grcic auch als Sitzmöbel für den öffentlichen Raum entworfen hat.
Foto © Peter Sägesser
Budapester Beton
von Peter Sägesser
26. Mai 2014
Ungarns Architektur ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt von der Suche nach der eigenen Identität einerseits und dem Anspruch nach internationaler Gültigkeit andererseits. In Budapest findet man ornamentale Bauten Ödön Lechners neben Bauhaus-Architektur, organische Architektur neben Bauten der Nachkriegsmoderne. Seit der Wende 1989 ist die Bautätigkeit geprägt von Kommerzarchitektur. Die architektonischen Lichtblicke sind rar. Vielleicht ist es symptomatisch für die aktuelle politische Situation im Land, dass sich das beste Beispiel zeitgemäßer ungarischer Architektur unter der Erde befindet: die neue U-Bahn-Linie M4.

Bereits 1896 wurde die erste U-Bahn-Linie Budapests in Betrieb genommen. Sie war die erste U-Bahn auf dem europäischen Kontinent. Heute transportieren drei U-Bahn-Linien täglich 3,5 Millionen Fahrgäste. In den 1980er Jahren begann man mit der Planung einer vierten Linie, aber erst 2004 starteten die Bauarbeiten an der M4. Diesen April wurde die 7,34 Kilometer lange Linie eröffnet. Sie verbindet den Ostbahnhof im Zentrum mit den Großsiedlungen und dem Bahnhof Kelenföld im Südwesten der Stadt. Es ist Budapests wichtigstes Infrastrukturprojekt seit 30 Jahren. Die zehn Stationen wurden von verschiedenen Architekturbüros gestaltet. Die beiden schönsten Stationen, „Fővám tér" und „Szent Gellért tér", entwarf das junge Büro sporaarchitects.

Die Architekten trafen beim Entwurf der Stationen auf verschiedene Hindernisse. Die Planung aus den 1980er Jahren musste an die heutigen Bedürfnisse angepasst werden. Die Haltestellen befinden sich in einem Gebiet, das zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Deshalb beschränken sich die Eingriffe an der Oberfläche auf ein Minimum. Komplex war vor allem die Planung des Verkehrsknotens Fővám tér. Hier trifft die neue U-Bahn auf bestehende Bus-, Straßenbahn- und Schiffslinien, die miteinander verbunden werden sollten. Bei beiden Stationen wandte man dieselbe Bautechnik an. Von oben wurden Schlitze in den Boden geschnitten und das Erdmaterial dazwischen geschossweise bis auf das Niveau der Bahnanlagen ausgehoben. Gleichzeitig stabilisierte man die Wände mit einer innenliegenden Box und massiven Streben.

Die Beton-Box und die aussteifenden Streben übernehmen große Kräfte, liegen doch beide Stationen direkt an der Donau. Die architektonische und konstruktive Idee basiert auf einer zufälligen Verteilung der Aussteifungen. Dadurch konnte auf die häufigen Änderungen im Planungsverfahren flexibel reagiert werden, ohne dass das Konzept geändert werden musste.

Als erste Referenz für ihren Entwurf diente den Architekten die Struktur der menschlichen Knochen. Das Netz der Aussteifungen symbolisiert auch die verschiedenen Ebenen des Transportsystems und die sich kreuzenden Wege der Reisenden. Ádám Hatvani, Partner bei sporaarchitects, relativiert aber: "Der entstandene Raum ist zwar nicht nur funktional, er hat auch eine mystische Atmosphäre. Diese Stimmung war aber nicht von Beginn an das Ziel, sondern ist das Resultat eines Prozesses. Wir haben die konstruktiv notwendige Struktur entworfen und deren Potenzial für einen öffentlichen Raum im Untergrund genutzt. Das Ergebnis ist die architektonische Antwort auf ein spezifisches, strukturelles Problem."

Steht man ganz unten auf dem Bahnsteig, spürt man die Weite des Raumes. Obwohl 30 Meter unter der Erdoberfläche, hat man nie das Gefühl von Enge und Eingeschlossensein.

Durch die Verstrebungen hindurch fällt natürliches Licht von oben bis hinunter zu den Bahnsteigen. Den Reisenden erinnert dies an die Lichtstimmung im Budapester Westbahnhof, der 1874 von Gustave Eiffel geplant wurde. Die Materialisierung ist in beiden Untergrundstationen ähnlich: Sichtbeton und Wandverkleidungen aus Corten-Stahl dominieren die Wandoberflächen. Bei der Haltestelle Szent Gellért tér sind die seitlichen Tunnels mit farbigen Mosaiksteinen ausgelegt. Stühle von Konstantin Grcic nehmen das Motiv des aussteifenden Betonnetzes auf. Was auffällt, ist das Fehlen von Werbung. Während bei anderen Stationen der Budapester U-Bahn neben den Rolltreppen überall Werbung hängt, fehlt diese hier. Die Architekten konnten nach langen Verhandlungen mit dem Bauherrn durchsetzen, dass nur an einigen Stellen große LED-Bildschirme montiert werden. Auf diesen sollen Werbung und Kunstvideos gezeigt werden.

Mit den beiden neuen U-Bahn-Stationen haben sporaarchitects 140 Jahre nach Gustave Eiffels Budapester Westbahnhof das gestalterische Potential von Infrastrukturbauten aufgezeigt. Die neue Linie wird weitere Stadtentwicklungsprojekte beeinflussen. Hoffentlich auch in Bezug auf deren architektonische Qualität.

www.sporaarchitects.hu

www.ostarchitektur.com
Architektur › 2014 › Mai
Budapester Beton
von Peter Sägesser | 26. Mai 2014
In diesem Frühjahr wurde Budapests vierte Metrolinie eröffnet. Mit diesem Infrastrukturprojekt wird die Hoffnung auf den Anstoß weiterer Stadtentwicklungsprojekte verbunden.
Ungarns Architektur ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt von der Suche nach der eigenen Identität einerseits und dem Anspruch nach internationaler Gültigkeit andererseits. In Budapest findet man ornamentale Bauten Ödön Lechners neben Bauhaus-Architektur, organische Architektur neben Bauten der Nachkriegsmoderne. Seit der Wende 1989 ist die Bautätigkeit geprägt von Kommerzarchitektur. Die architektonischen Lichtblicke sind rar. Vielleicht ist es symptomatisch für die aktuelle politische Situation im Land, dass sich das beste Beispiel zeitgemäßer ungarischer Architektur unter der Erde befindet: die neue U-Bahn-Linie M4.

Bereits 1896 wurde die erste U-Bahn-Linie Budapests in Betrieb genommen. Sie war die erste U-Bahn auf dem europäischen Kontinent. Heute transportieren drei U-Bahn-Linien täglich 3,5 Millionen Fahrgäste. In den 1980er Jahren begann man mit der Planung einer vierten Linie, aber erst 2004 starteten die Bauarbeiten an der M4. Diesen April wurde die 7,34 Kilometer lange Linie eröffnet. Sie verbindet den Ostbahnhof im Zentrum mit den Großsiedlungen und dem Bahnhof Kelenföld im Südwesten der Stadt. Es ist Budapests wichtigstes Infrastrukturprojekt seit 30 Jahren. Die zehn Stationen wurden von verschiedenen Architekturbüros gestaltet. Die beiden schönsten Stationen, „Fővám tér" und „Szent Gellért tér", entwarf das junge Büro sporaarchitects.

Die Architekten trafen beim Entwurf der Stationen auf verschiedene Hindernisse. Die Planung aus den 1980er Jahren musste an die heutigen Bedürfnisse angepasst werden. Die Haltestellen befinden sich in einem Gebiet, das zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Deshalb beschränken sich die Eingriffe an der Oberfläche auf ein Minimum. Komplex war vor allem die Planung des Verkehrsknotens Fővám tér. Hier trifft die neue U-Bahn auf bestehende Bus-, Straßenbahn- und Schiffslinien, die miteinander verbunden werden sollten. Bei beiden Stationen wandte man dieselbe Bautechnik an. Von oben wurden Schlitze in den Boden geschnitten und das Erdmaterial dazwischen geschossweise bis auf das Niveau der Bahnanlagen ausgehoben. Gleichzeitig stabilisierte man die Wände mit einer innenliegenden Box und massiven Streben.

Die Beton-Box und die aussteifenden Streben übernehmen große Kräfte, liegen doch beide Stationen direkt an der Donau. Die architektonische und konstruktive Idee basiert auf einer zufälligen Verteilung der Aussteifungen. Dadurch konnte auf die häufigen Änderungen im Planungsverfahren flexibel reagiert werden, ohne dass das Konzept geändert werden musste.

Als erste Referenz für ihren Entwurf diente den Architekten die Struktur der menschlichen Knochen. Das Netz der Aussteifungen symbolisiert auch die verschiedenen Ebenen des Transportsystems und die sich kreuzenden Wege der Reisenden. Ádám Hatvani, Partner bei sporaarchitects, relativiert aber: "Der entstandene Raum ist zwar nicht nur funktional, er hat auch eine mystische Atmosphäre. Diese Stimmung war aber nicht von Beginn an das Ziel, sondern ist das Resultat eines Prozesses. Wir haben die konstruktiv notwendige Struktur entworfen und deren Potenzial für einen öffentlichen Raum im Untergrund genutzt. Das Ergebnis ist die architektonische Antwort auf ein spezifisches, strukturelles Problem."

Steht man ganz unten auf dem Bahnsteig, spürt man die Weite des Raumes. Obwohl 30 Meter unter der Erdoberfläche, hat man nie das Gefühl von Enge und Eingeschlossensein.

Durch die Verstrebungen hindurch fällt natürliches Licht von oben bis hinunter zu den Bahnsteigen. Den Reisenden erinnert dies an die Lichtstimmung im Budapester Westbahnhof, der 1874 von Gustave Eiffel geplant wurde. Die Materialisierung ist in beiden Untergrundstationen ähnlich: Sichtbeton und Wandverkleidungen aus Corten-Stahl dominieren die Wandoberflächen. Bei der Haltestelle Szent Gellért tér sind die seitlichen Tunnels mit farbigen Mosaiksteinen ausgelegt. Stühle von Konstantin Grcic nehmen das Motiv des aussteifenden Betonnetzes auf. Was auffällt, ist das Fehlen von Werbung. Während bei anderen Stationen der Budapester U-Bahn neben den Rolltreppen überall Werbung hängt, fehlt diese hier. Die Architekten konnten nach langen Verhandlungen mit dem Bauherrn durchsetzen, dass nur an einigen Stellen große LED-Bildschirme montiert werden. Auf diesen sollen Werbung und Kunstvideos gezeigt werden.

Mit den beiden neuen U-Bahn-Stationen haben sporaarchitects 140 Jahre nach Gustave Eiffels Budapester Westbahnhof das gestalterische Potential von Infrastrukturbauten aufgezeigt. Die neue Linie wird weitere Stadtentwicklungsprojekte beeinflussen. Hoffentlich auch in Bezug auf deren architektonische Qualität.

www.sporaarchitects.hu

www.ostarchitektur.com