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“Der National-Raum – Botschaft des Niemandslandes” von Paulo Moreira und Kiluanji Kia Henda, Teil der Ausstellung "The Real and Other Fiction", wartet auf seine Botschafter und Besucher. Foto © Catherina Botelho
Close, Closer - und dann?
von Mi You
27. September 2013
„Unser Kuratorenteam zeigt Architektur als eine pädagogische Handlung, ein biologisches Konzept, als eine politische, gesellschaftliche und bürgerliche Haltung. Die Architektur soll eine Quelle des Übergangs sein, sie ist zugleich Spekulantin und Fantastin, das ist unser Anliegen“, erklärt Chefkuratorin Beatrice Galilee. So ist es dann auch. In allen Ausstellungen der Lissaboner Architektur-Triennale, die dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet, geht es um die kritische Auseinandersetzung mit der Gestaltung des Raums: bei „Future Perfect“, „The Real and Other Fictions“, „The Institute Effect“ und bei „New Publics“. Hinzu kommen zehn Förderprojekte unter dem Titel „Crisis Buster“ sowie 100 Begleitprojekte.

Auf der Suche nach „Future Perfect“

Die Ausstellung „Future Perfect“ von Liam Young ist die größte der Triennale: Eine fiktive Stadt der Zukunft, das Ergebnis eines aus Wissenschaftlern, Technologen, Futuristen, Illustratoren und Science-Fiction-Autoren zusammengesetzten Think-Tanks. Das Londoner Designer-Duo „Cohen van Balen“ beispielsweise untersucht hier Lebensräume von gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensformen in natürlichen Umgebungen.
Das „MIT Media Lab“ präsentiert aus der Ferne gesteuerte und gleichermaßen lokal geprägte Herstellungsprozesse auf Basis von Algorithmen. Ebenfalls aus London ist die Künstler-Gruppe „Marshmellow Laser Feast“, die virtuelle Räume mithilfe von Licht und Klängen formen. Mit den Eigenschaften des Körpers als digitales Artefakt beschäftigt sich der Niederländer Bart Hess, der als Stylist für Lady Gaga arbeitet und der hier mit Körperskulpturen, die aus in Wasser gehärteten Wachskristallen geformt sind, vertreten ist. Ein Gesamtbild der Zukunft entwirft „Factory Fifteen“ mit einer Fantasiestadt, in der kulturelle und natürliche Formen zu einer Einheit zusammenfinden.

Bei den Projekten handelt es sich in keinster Weise um ausgereifte Zukunftsszenarien, vielmehr dienen sie als Anregung zu Themen von Morgen: Wie wird sich beispielsweise unser Zusammenleben mit nicht-menschlichen Wesen gestalten? Wie gehen wir mit einer computerberechneten Umgebung um? Wie werden wir über unsere Körper denken? Diese Fragen sind sicherlich berechtigt und im Ansatz gut. Und doch hat die Ausstellung eher wenig mit dem Hier-und-Jetzt im heutigen Lissabon zu tun.
Wenn die eingangs zitierte Aussage der Kuratorin richtig ist, dass wir Sci-Fi als Chance zur kritischen Auseinandersetzung mit der Zukunft begreifen müssen, dass unsere Vorstellung von der Zukunft bereits jetzt einen immensen Einfluss auf unsere Gegenwart hat, dann müssen wir uns fragen, ob diese Zukunft einzig und allein aus universalen Ansprüchen bestehen kann. Wie geht Lissabon damit um? Wer sind die Macher der Zukunft in Lissabon?

Die Reise (nach) innen – „The Real and Other Fictions“

Der „Palácio Pombal“ ist ein bezaubernder Palast aus dem 17. Jahrhundert und heißt das Publikum an der nächsten Station willkommen. In ihrer Show „The Real and Other Fictions“ hat die Kuratorin Mariana Pestana eine Reihe früherer Funktionen des Palastes als Interventionen reinszeniert. Unter anderem diente das Anwesen als Wohnsitz des Marquis von Pombal, Sitz der spanischen Botschaft sowie als Hauptsitz des Verbands Portugiesischer Landschaftsarchitekten. Bis heute hat sich der Palast seinen einstigen Charme bewahrt, auch wenn der Zahn der Zeit sichtliche Spuren hinterlassen hat. Derzeit beherbergt das Gebäude die gemeinnützige Kunstplattform „Carpe Diem Arte e Pesquisa“.

Die Reise beginnt in der Botschaft eines fiktiven Landes. In einer beherzten Rede ermutigt der Botschafter das Publikum zu einer Abstimmung über die Frage: „Glauben Sie an die Demokratie?“. Im nächsten Raum befindet sich das Parlament. Alle sind dazu eingeladen, sich an der Diskussion zur „Universalen Menschenrechtserklärung“ zu beteiligen. Das tischgroße Memory-Spiel von Carsten Höller mit Abbildungen von Freizeitparks stellt die Logik des Alltäglichen in Frage und fordert den Besucher zu der Überlegung auf, ob Architektur solche Momente des Erstaunens stets mit einbeziehen sollte. Mit seinem Projekt „Slowly Ceiling“ drängt der Künstler Alex Schweder den Besucher sogar noch weiter aus seiner Komfortzone heraus.

Zwei Personen nehmen auf zwei voneinander abgewendet aufgestellten Sofas Platz. Sobald sie es sich bequem gemacht haben, beginnt der Boden sich an beiden Enden mit Luft zu füllen. Unter der Kraft der Wölbung werden die beiden Sofas immer weiter zusammengedrückt, bis sie schließlich eine 90-Grad-Wendung machen: Plötzlich sehen sich die Besucher gegenüber, bewegen sich immer näher aufeinander zu, während sich das aufblasbare Gebilde über ihnen schließt.
Im Speisesaal lädt „The Center for Genomic Gastronomy“ zu einem kulinarischen Ereignis der Superlative ein. Hier werden exquisit arrangierte Speisen mit Exkursen in die Welt der Kultur, Umwelt und Technik kombiniert. Dies sind nur einige der vielen Zwischenstopps auf der wunderbaren Reise in die wirkliche und die fiktive Welt des Palácio Pombal.

Die sieben Interventionen vereinen sich in einem synchronen Fluss, dessen Ursprung der Palast ist. Jenseits der archäologischen und archivarischen Arbeit und Forschung, durch die eine weiterreichende Entwicklung der Interventionen in Bezug erst ermöglicht wurde, entsteht in diesem Raum ein Potenzial, das den früheren Nutzern in dieser Form möglicherweise nicht bewusst gewesen ist.

„The Institute Effect“ – ein frischer Wind geht durch die Institute

In kultureller Hinsicht kommt Instituten häufig eine moderierende Funktion als Quelle des Wissens und des Diskurses zu. Institute stehen auch im Zentrum der von Dani Admiss kuratierten Ausstellung „The Institute Effect“. Hier geht es jedoch nicht so sehr um spezifische Inhalte, als vielmehr um die Form der Präsentation. Im Laufe der Ausstellung werden hier zwölf internationale Institute nacheinander jeweils eine Woche mit Workshops und Events vertreten sein.
Den Auftakt macht das italienische Institut „Fabrica“, das in Zusammenarbeit mit lokalen Designern und Architekten eine Ausstellungsinfrastruktur für die Institute bestehend aus visuellen Identifikationssystemen, Papierwaren und Präsentationsformaten zeigt. Das Ausstellungskonzept sieht ferner vor, dass alle teilnehmenden Institute eine Richtlinie für ihre jeweiligen Nachfolger aufstellen.

Das interdisziplinäre Architekturbüro „Urban Think Tank“ legt den Fokus hier beispielsweise auf das Teilen von Erfahrungen unter dem Leitsatz: „Learn from failures and re-appropriate the city“, während das Berliner „Institut für Raumexperimente“ mit „Come closer, I can’t hear you“ die aktive Ausführung einer Handlung erreichen will. Zu den radikaleren Beispielen gehört die Anweisung „Write a full-on critique of SALT and publish it online“ von „Salt“ aus Istanbul.
Ein äußerst spannendes Experiment. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob und wie diese Vorgaben tatsächlich gemeinsame Aktionen der verschiedenen Institute anregen werden, oder ob dieses Experiment schlussendlich nicht doch eher der Hervorhebung der eigenständigen Arbeitsweisen eines jeden Institutes dient.
Es sind jedoch nicht nur die Institute als solches, die hier beleuchtet werden sollen. Die Ausstellung weckt vielmehr hohe Erwartungen, wie diese Institute auf die übergreifenden Fragestellungen der Triennale eingehen können, besonders in Bezug auf die urbanen Themen in Lissabon.

Welche Öffentlichkeiten sind mit „New Publics“ gemeint?

Im Rahmen der Ausstellung „New Publics“ von José Esparza Chong Cuy finden öffentliche Veranstaltungen auf dem Platz „Praça da Figueira“ in Lissabons Innenstadt statt. Ein zentrales Element der Triennale ist die Bühne der mexikanischen Architektin Frida Escobedo, die sich als eine Art Stimmungsbarometer je nach Rückmeldung aus dem Publikum neigen und heben soll. Zu den öffentlichen Veranstaltungen in der Ausstellung „New Publics“ gehören sogenannte „Body Acts“-Workshops, in denen der Besucher Gelegenheit hat, Zeichensprache zu erlernen und auf einem Do-It-Yourself-Golfparcours aktiv zu üben.
Unter den „City Acts“-Veranstaltungen finden sich beispielsweise eine öffentliche Spendenaktion zum Kauf eines Privatgrundstücks sowie die Umnutzung eines leeren Ladengeschäfts in einen Ort, an dem alltägliche Probleme gelöst und öffentlich Theater gespielt werden kann. Die öffentliche Inszenierung läuft jedoch häufig nicht nach Plan. So können die Veranstaltungen während der brennenden Nachmittagssonne nicht auf der offenen Bühne stattfinden, sondern müssen in einen überdachten Bereich hinter einer Statue umziehen. Ein Beispiel, wie stark die Bereitschaft zur Nutzung eines Raumes von einfachen Faktoren wie dem Wetter abhängen kann.

Vor dem aktuellen Hintergrund der Bürgerbewegungen auf der ganzen Welt wie auch in Portugal möchte die Ausstellung „New Publics“ die Aufmerksamkeit auf die Folgen und die Durchführung solcher öffentlichen Handlungen ziehen. In diesem Zusammenhang hat der englische Begriff „to act“ eine zweifache Bedeutung: zum einen die konkrete Ausführung einer Handlung, zum anderen deren schauspielerische Darstellung.
So haben zum Auftakt der Triennale die Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters in Lissabon Gelegenheit auf der Bühne auf dem „Praça da Figueira“ ihre politische Vision für die kommenden Wahlen in wenigen Wochen zu erläutern. Auch in Zukunft wird diese Bühne den Bürgern als Plattform zur Verfügung stehen.
Die „New Visions“ sollen eine ideale Diskurs-Umgebung in Form eines „vielfältigen, einbeziehenden und lebendigen Bürgerraums“ schaffen, der „keinen Ausstellungscharakter“ hat, sondern eine Plattform für die dramaturgische Darbietung der Bürger ist. Ein solches Credo grenzt das Programm der Triennale scheinbar perfekt vom politischen Geschehen der realen Welt ab. Ganz im Sinne sozial angehauchter Kunstpraktiken, die sich stets mit der Frage konfrontiert sehen, ob „es sich hierbei um Kunst oder Politik handelt“. Im Bewusstsein, dass Kunst zwangsläufig politisch sein muss, dass Kunst und Politik jedoch ganz andere Instrumente und Abläufe voraussetzt, so muss sich „New Politics“ in der Realität eines öffentlichen Platzes ihrer Haltung gegenüber der Politik gewahr werden.

Es ist unbestritten, dass eine visionäre Architektur Verbindungen schafft, Möglichkeiten bietet, Provokationen hervorruft und Mandate vergibt. Jedoch muss eine solche Architektur auch einen Weg finden, der uns ermöglicht, mit dem recht häufigen Phänomen der Interpassivität auf der politischen Bühne umgehen zu können. Gemeint ist folgendes: Das Gefühl tiefer Befriedigung allein die Teilnahme an politischen Aktionen verdeckt häufig die Tatsache, dass wir eigentlich nur passive Teilnehmer sind. Durch die gezielte Bereitstellung eines öffentlichen Raumes gibt uns „New Publics“ die Möglichkeit zur selbstkritischen Hinterfragung der Vorstellung des öffentlichen Raumes und der Öffentlichkeit(en).

Fantasiewesen bei „Crisis Buster“

Die „Crisis Buster“-Projekte sind ein neuer und äußerst spannender Teil der Triennale. Im Rahmen von „Crisis Buster“ werden zehn Projekte zur Bewältigung der Krise durch langfristige, lokale und oftmals interdisziplinäre Praktiken vorgestellt. Eine Auswahl: „Agulha num Palheiro“ stellt potenziellen Nutzern leerstehende Gebäude in Lissabon für innovative Zwecke zur Verfügung. „Casa do Vapor“ baut und betreibt eine nachhaltige öffentliche Küche, um dem sozialen Zerfall, der Nahrungsmittelknappheit, der Abfallbewältigung und anderen Problematiken entgegenzuwirken. „Genius Loci“ unterstützt ansässige, von der Schließung bedrohte Restaurants mit der Werbung neuer Kundschaft durch entsprechende Veranstaltungen.

Manche „Crisis Buster“-Projekte sind in einem größeren Zusammenhang entstanden, denn die anhaltende Krise hat in Lissabon grenzübergreifende Denkprozesse angestoßen und Sofortmaßnahmen auf den Plan gerufen. In den vergangenen Jahren haben sich trotz des schwierigen Umfelds verschiedene Gruppierungen zusammengefunden und es sind von Künstlern geführte Gemeinschaftsräume entstanden.
Indem die Triennale diese Entwicklungen thematisiert, begleitet, vereint und unterstreicht, setzt sie ein Signal, dass der einzige Weg, sich der Herausforderung einer krisengebeutelten Zeit zu stellen, die Schaffung von Projekten und das aktive Handeln auf verschiedenen Ebenen ist. Im Großen und Ganzen findet die Architektur-Triennale in Lissabon mit ihrer resoluten Abkehr von der Architektur als zweckgerichtetem Gegenstand und hin zur Architektur als visionäre Aufgabe eine gelungene Antwort auf die Krise. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die reiche architektonische Tradition außer Acht gelassen wird. Vielmehr soll hier ein Raum geschaffen werden, in dem Architektur und die Rolle der Architektur zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen verhandelt werden. Ein Raum, der weitere Dialoge und Debatten anstößt und uns so einer mit Leben gefüllten Architektur nahe und immer näher bringt.

Architektur-Triennale in Lissabon
12. September – 15. Dezember
www.trienaldelisboa.com
www.close-closer.com

Mehr auf STYLEPARK:

Die kleinen Steine von Lissabon:
Sie heißen „Azulejos“ und glitzern an den Fassaden um die Wette
(24. August 2012)

Remixing Lisabon: Im Herzen des Stadtteils Pombalino befindet sich ein Fachwerkgebäude, das vom Architekten José Adrião liebevoll renoviert wurde
(14. April 2011)
Die Botschaft der Installation “Slowly Ceiling” von Alex Schweder eröffnet sich dem Betrachter erst, wenn man sich in die Horizontale begibt. Foto © Luke Hayes
Slogans von Internet-Usern zieren die Werbeanzeigen der Triennale. Foto © Miguel de Guzmán
“New Publics”-Performancekünstler halten die Besucher der Triennale auf den Wegen zwischen den einzelnen Stationen auf Trab. Foto © Miguel de Guzmán
“Superpowers of Ten”: Mit unrealistisch großen Alltagsgegenständen thematisiert diese Theater-Installation die Wahrnehmung einer komplexen Welt. Foto © Jorge López Conde
Provokative Statements zum Thema Architektur, gesammelt auf der Triennale-Onlineplattform. Foto © Miguel de Guzmán
Virtuelle Räume mithilfe von Licht und Klängen: Performance von “Marshmallow Laser Feast”. Foto © Luke Hayes
Die Zukunft des Wohnens, modelliert von einem Science-Fiction-Experten, in der Ausstellung „Future Perfect“. Foto © Catherina Botelho
“The Institute Effect”: Workshops im “Mude Design and Fashion Museum”. Foto © Luke Hayes
Die italienische Kooperative „Fabrica“ stellt für "Institute Effect" Mobiliar für kommende Ausstellungen und Institutionen vor. Foto © Luke Hayes
Triennale Opening: Appetizer mit Exkursen in die Welt der Kultur, Umwelt und Technik im „Center für Genomic Gastronomy“. Foto © Luke Hayes
Der Höhepunkt der Triennale: die Bühne der mexikanischen Architektin Frida Escobedo, prominent platziert auf der Praça da Figueira. Foto © Catherina Botelho
Architektur › 2013 › September
Close, Closer - und dann?
von Mi You | 27. September 2013
Welche Rolle hat Architektur in Krisenzeiten? Vor dem Hintergrund finanzieller und sozialer Probleme in Portugal will die dritte Architektur-Triennale von Lissabon unter dem Motto „Close, Closer“ ein Umdenken der Rolle der Architektur und der Architekten anregen. Zu Recht.
„Unser Kuratorenteam zeigt Architektur als eine pädagogische Handlung, ein biologisches Konzept, als eine politische, gesellschaftliche und bürgerliche Haltung. Die Architektur soll eine Quelle des Übergangs sein, sie ist zugleich Spekulantin und Fantastin, das ist unser Anliegen“, erklärt Chefkuratorin Beatrice Galilee. So ist es dann auch. In allen Ausstellungen der Lissaboner Architektur-Triennale, die dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet, geht es um die kritische Auseinandersetzung mit der Gestaltung des Raums: bei „Future Perfect“, „The Real and Other Fictions“, „The Institute Effect“ und bei „New Publics“. Hinzu kommen zehn Förderprojekte unter dem Titel „Crisis Buster“ sowie 100 Begleitprojekte.

Auf der Suche nach „Future Perfect“

Die Ausstellung „Future Perfect“ von Liam Young ist die größte der Triennale: Eine fiktive Stadt der Zukunft, das Ergebnis eines aus Wissenschaftlern, Technologen, Futuristen, Illustratoren und Science-Fiction-Autoren zusammengesetzten Think-Tanks. Das Londoner Designer-Duo „Cohen van Balen“ beispielsweise untersucht hier Lebensräume von gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensformen in natürlichen Umgebungen.
Das „MIT Media Lab“ präsentiert aus der Ferne gesteuerte und gleichermaßen lokal geprägte Herstellungsprozesse auf Basis von Algorithmen. Ebenfalls aus London ist die Künstler-Gruppe „Marshmellow Laser Feast“, die virtuelle Räume mithilfe von Licht und Klängen formen. Mit den Eigenschaften des Körpers als digitales Artefakt beschäftigt sich der Niederländer Bart Hess, der als Stylist für Lady Gaga arbeitet und der hier mit Körperskulpturen, die aus in Wasser gehärteten Wachskristallen geformt sind, vertreten ist. Ein Gesamtbild der Zukunft entwirft „Factory Fifteen“ mit einer Fantasiestadt, in der kulturelle und natürliche Formen zu einer Einheit zusammenfinden.

Bei den Projekten handelt es sich in keinster Weise um ausgereifte Zukunftsszenarien, vielmehr dienen sie als Anregung zu Themen von Morgen: Wie wird sich beispielsweise unser Zusammenleben mit nicht-menschlichen Wesen gestalten? Wie gehen wir mit einer computerberechneten Umgebung um? Wie werden wir über unsere Körper denken? Diese Fragen sind sicherlich berechtigt und im Ansatz gut. Und doch hat die Ausstellung eher wenig mit dem Hier-und-Jetzt im heutigen Lissabon zu tun.
Wenn die eingangs zitierte Aussage der Kuratorin richtig ist, dass wir Sci-Fi als Chance zur kritischen Auseinandersetzung mit der Zukunft begreifen müssen, dass unsere Vorstellung von der Zukunft bereits jetzt einen immensen Einfluss auf unsere Gegenwart hat, dann müssen wir uns fragen, ob diese Zukunft einzig und allein aus universalen Ansprüchen bestehen kann. Wie geht Lissabon damit um? Wer sind die Macher der Zukunft in Lissabon?

Die Reise (nach) innen – „The Real and Other Fictions“

Der „Palácio Pombal“ ist ein bezaubernder Palast aus dem 17. Jahrhundert und heißt das Publikum an der nächsten Station willkommen. In ihrer Show „The Real and Other Fictions“ hat die Kuratorin Mariana Pestana eine Reihe früherer Funktionen des Palastes als Interventionen reinszeniert. Unter anderem diente das Anwesen als Wohnsitz des Marquis von Pombal, Sitz der spanischen Botschaft sowie als Hauptsitz des Verbands Portugiesischer Landschaftsarchitekten. Bis heute hat sich der Palast seinen einstigen Charme bewahrt, auch wenn der Zahn der Zeit sichtliche Spuren hinterlassen hat. Derzeit beherbergt das Gebäude die gemeinnützige Kunstplattform „Carpe Diem Arte e Pesquisa“.

Die Reise beginnt in der Botschaft eines fiktiven Landes. In einer beherzten Rede ermutigt der Botschafter das Publikum zu einer Abstimmung über die Frage: „Glauben Sie an die Demokratie?“. Im nächsten Raum befindet sich das Parlament. Alle sind dazu eingeladen, sich an der Diskussion zur „Universalen Menschenrechtserklärung“ zu beteiligen. Das tischgroße Memory-Spiel von Carsten Höller mit Abbildungen von Freizeitparks stellt die Logik des Alltäglichen in Frage und fordert den Besucher zu der Überlegung auf, ob Architektur solche Momente des Erstaunens stets mit einbeziehen sollte. Mit seinem Projekt „Slowly Ceiling“ drängt der Künstler Alex Schweder den Besucher sogar noch weiter aus seiner Komfortzone heraus.

Zwei Personen nehmen auf zwei voneinander abgewendet aufgestellten Sofas Platz. Sobald sie es sich bequem gemacht haben, beginnt der Boden sich an beiden Enden mit Luft zu füllen. Unter der Kraft der Wölbung werden die beiden Sofas immer weiter zusammengedrückt, bis sie schließlich eine 90-Grad-Wendung machen: Plötzlich sehen sich die Besucher gegenüber, bewegen sich immer näher aufeinander zu, während sich das aufblasbare Gebilde über ihnen schließt.
Im Speisesaal lädt „The Center for Genomic Gastronomy“ zu einem kulinarischen Ereignis der Superlative ein. Hier werden exquisit arrangierte Speisen mit Exkursen in die Welt der Kultur, Umwelt und Technik kombiniert. Dies sind nur einige der vielen Zwischenstopps auf der wunderbaren Reise in die wirkliche und die fiktive Welt des Palácio Pombal.

Die sieben Interventionen vereinen sich in einem synchronen Fluss, dessen Ursprung der Palast ist. Jenseits der archäologischen und archivarischen Arbeit und Forschung, durch die eine weiterreichende Entwicklung der Interventionen in Bezug erst ermöglicht wurde, entsteht in diesem Raum ein Potenzial, das den früheren Nutzern in dieser Form möglicherweise nicht bewusst gewesen ist.

„The Institute Effect“ – ein frischer Wind geht durch die Institute

In kultureller Hinsicht kommt Instituten häufig eine moderierende Funktion als Quelle des Wissens und des Diskurses zu. Institute stehen auch im Zentrum der von Dani Admiss kuratierten Ausstellung „The Institute Effect“. Hier geht es jedoch nicht so sehr um spezifische Inhalte, als vielmehr um die Form der Präsentation. Im Laufe der Ausstellung werden hier zwölf internationale Institute nacheinander jeweils eine Woche mit Workshops und Events vertreten sein.
Den Auftakt macht das italienische Institut „Fabrica“, das in Zusammenarbeit mit lokalen Designern und Architekten eine Ausstellungsinfrastruktur für die Institute bestehend aus visuellen Identifikationssystemen, Papierwaren und Präsentationsformaten zeigt. Das Ausstellungskonzept sieht ferner vor, dass alle teilnehmenden Institute eine Richtlinie für ihre jeweiligen Nachfolger aufstellen.

Das interdisziplinäre Architekturbüro „Urban Think Tank“ legt den Fokus hier beispielsweise auf das Teilen von Erfahrungen unter dem Leitsatz: „Learn from failures and re-appropriate the city“, während das Berliner „Institut für Raumexperimente“ mit „Come closer, I can’t hear you“ die aktive Ausführung einer Handlung erreichen will. Zu den radikaleren Beispielen gehört die Anweisung „Write a full-on critique of SALT and publish it online“ von „Salt“ aus Istanbul.
Ein äußerst spannendes Experiment. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob und wie diese Vorgaben tatsächlich gemeinsame Aktionen der verschiedenen Institute anregen werden, oder ob dieses Experiment schlussendlich nicht doch eher der Hervorhebung der eigenständigen Arbeitsweisen eines jeden Institutes dient.
Es sind jedoch nicht nur die Institute als solches, die hier beleuchtet werden sollen. Die Ausstellung weckt vielmehr hohe Erwartungen, wie diese Institute auf die übergreifenden Fragestellungen der Triennale eingehen können, besonders in Bezug auf die urbanen Themen in Lissabon.

Welche Öffentlichkeiten sind mit „New Publics“ gemeint?

Im Rahmen der Ausstellung „New Publics“ von José Esparza Chong Cuy finden öffentliche Veranstaltungen auf dem Platz „Praça da Figueira“ in Lissabons Innenstadt statt. Ein zentrales Element der Triennale ist die Bühne der mexikanischen Architektin Frida Escobedo, die sich als eine Art Stimmungsbarometer je nach Rückmeldung aus dem Publikum neigen und heben soll. Zu den öffentlichen Veranstaltungen in der Ausstellung „New Publics“ gehören sogenannte „Body Acts“-Workshops, in denen der Besucher Gelegenheit hat, Zeichensprache zu erlernen und auf einem Do-It-Yourself-Golfparcours aktiv zu üben.
Unter den „City Acts“-Veranstaltungen finden sich beispielsweise eine öffentliche Spendenaktion zum Kauf eines Privatgrundstücks sowie die Umnutzung eines leeren Ladengeschäfts in einen Ort, an dem alltägliche Probleme gelöst und öffentlich Theater gespielt werden kann. Die öffentliche Inszenierung läuft jedoch häufig nicht nach Plan. So können die Veranstaltungen während der brennenden Nachmittagssonne nicht auf der offenen Bühne stattfinden, sondern müssen in einen überdachten Bereich hinter einer Statue umziehen. Ein Beispiel, wie stark die Bereitschaft zur Nutzung eines Raumes von einfachen Faktoren wie dem Wetter abhängen kann.

Vor dem aktuellen Hintergrund der Bürgerbewegungen auf der ganzen Welt wie auch in Portugal möchte die Ausstellung „New Publics“ die Aufmerksamkeit auf die Folgen und die Durchführung solcher öffentlichen Handlungen ziehen. In diesem Zusammenhang hat der englische Begriff „to act“ eine zweifache Bedeutung: zum einen die konkrete Ausführung einer Handlung, zum anderen deren schauspielerische Darstellung.
So haben zum Auftakt der Triennale die Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters in Lissabon Gelegenheit auf der Bühne auf dem „Praça da Figueira“ ihre politische Vision für die kommenden Wahlen in wenigen Wochen zu erläutern. Auch in Zukunft wird diese Bühne den Bürgern als Plattform zur Verfügung stehen.
Die „New Visions“ sollen eine ideale Diskurs-Umgebung in Form eines „vielfältigen, einbeziehenden und lebendigen Bürgerraums“ schaffen, der „keinen Ausstellungscharakter“ hat, sondern eine Plattform für die dramaturgische Darbietung der Bürger ist. Ein solches Credo grenzt das Programm der Triennale scheinbar perfekt vom politischen Geschehen der realen Welt ab. Ganz im Sinne sozial angehauchter Kunstpraktiken, die sich stets mit der Frage konfrontiert sehen, ob „es sich hierbei um Kunst oder Politik handelt“. Im Bewusstsein, dass Kunst zwangsläufig politisch sein muss, dass Kunst und Politik jedoch ganz andere Instrumente und Abläufe voraussetzt, so muss sich „New Politics“ in der Realität eines öffentlichen Platzes ihrer Haltung gegenüber der Politik gewahr werden.

Es ist unbestritten, dass eine visionäre Architektur Verbindungen schafft, Möglichkeiten bietet, Provokationen hervorruft und Mandate vergibt. Jedoch muss eine solche Architektur auch einen Weg finden, der uns ermöglicht, mit dem recht häufigen Phänomen der Interpassivität auf der politischen Bühne umgehen zu können. Gemeint ist folgendes: Das Gefühl tiefer Befriedigung allein die Teilnahme an politischen Aktionen verdeckt häufig die Tatsache, dass wir eigentlich nur passive Teilnehmer sind. Durch die gezielte Bereitstellung eines öffentlichen Raumes gibt uns „New Publics“ die Möglichkeit zur selbstkritischen Hinterfragung der Vorstellung des öffentlichen Raumes und der Öffentlichkeit(en).

Fantasiewesen bei „Crisis Buster“

Die „Crisis Buster“-Projekte sind ein neuer und äußerst spannender Teil der Triennale. Im Rahmen von „Crisis Buster“ werden zehn Projekte zur Bewältigung der Krise durch langfristige, lokale und oftmals interdisziplinäre Praktiken vorgestellt. Eine Auswahl: „Agulha num Palheiro“ stellt potenziellen Nutzern leerstehende Gebäude in Lissabon für innovative Zwecke zur Verfügung. „Casa do Vapor“ baut und betreibt eine nachhaltige öffentliche Küche, um dem sozialen Zerfall, der Nahrungsmittelknappheit, der Abfallbewältigung und anderen Problematiken entgegenzuwirken. „Genius Loci“ unterstützt ansässige, von der Schließung bedrohte Restaurants mit der Werbung neuer Kundschaft durch entsprechende Veranstaltungen.

Manche „Crisis Buster“-Projekte sind in einem größeren Zusammenhang entstanden, denn die anhaltende Krise hat in Lissabon grenzübergreifende Denkprozesse angestoßen und Sofortmaßnahmen auf den Plan gerufen. In den vergangenen Jahren haben sich trotz des schwierigen Umfelds verschiedene Gruppierungen zusammengefunden und es sind von Künstlern geführte Gemeinschaftsräume entstanden.
Indem die Triennale diese Entwicklungen thematisiert, begleitet, vereint und unterstreicht, setzt sie ein Signal, dass der einzige Weg, sich der Herausforderung einer krisengebeutelten Zeit zu stellen, die Schaffung von Projekten und das aktive Handeln auf verschiedenen Ebenen ist. Im Großen und Ganzen findet die Architektur-Triennale in Lissabon mit ihrer resoluten Abkehr von der Architektur als zweckgerichtetem Gegenstand und hin zur Architektur als visionäre Aufgabe eine gelungene Antwort auf die Krise. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die reiche architektonische Tradition außer Acht gelassen wird. Vielmehr soll hier ein Raum geschaffen werden, in dem Architektur und die Rolle der Architektur zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen verhandelt werden. Ein Raum, der weitere Dialoge und Debatten anstößt und uns so einer mit Leben gefüllten Architektur nahe und immer näher bringt.

Architektur-Triennale in Lissabon
12. September – 15. Dezember
www.trienaldelisboa.com
www.close-closer.com

Mehr auf STYLEPARK:

Die kleinen Steine von Lissabon:
Sie heißen „Azulejos“ und glitzern an den Fassaden um die Wette
(24. August 2012)

Remixing Lisabon: Im Herzen des Stadtteils Pombalino befindet sich ein Fachwerkgebäude, das vom Architekten José Adrião liebevoll renoviert wurde
(14. April 2011)