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Das Mailänder Quodlibet – zweiter Teil
von Thomas Wagner | 5. Mai 2009
Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl. In ihm existiert immer eine besondere Art von Spannung; und meist ist er auch ein Statement zu einer bestimmten Haltung, zu Atmosphären der Geselligkeit und des kommunikativen Austauschs. Ein Sofa indes bietet im Vergleich eine viel größere Zahl von Möglichkeiten zu Inszenierung und Camouflage. Selbst wenn wir bewusst offenlassen, was es für das Seelenleben heutiger Designer, Produzenten und Kunden bedeutet, dass nicht nur Freuds Couch von einem orientalischen Teppich verhüllt war, sondern heutzutage fast kein Entwurf, der sich für avanciert hält, ohne bedruckte oder gestickte Muster und Motive auskommt, so scheint doch eines deutlich zu werden: Solch lustvolle Bemusterung kaschiert und nimmt die Angst vor dem Fremden. Und weil ein Sofa heute selten schmal und die Sitzposition aufrecht ist, verrät auch die halb liegende, halb sitzende Position, die man auf den korpulenten Polsterebenen einzunehmen hat, etwas von der Doppelbödigkeit aktueller Posen des Wohnens. War eine solche Art, den Körper entspannt zu lagern, einstmals aristokratisch, so kommt nach ihrer spätbürgerlichen Variante sowohl eine repräsentative als auch eine intime Funktion zu. Wer nicht sitzt, sondern halb liegt, der sucht die Nähe zu Schlaf und Sexualität und demonstriert, dass er nicht arbeitet, sondern entspannt in die Welt blickt.

Blue Denim oder das Sofa als Jeans

Rock, Pop, Casual, Vintage, Grafik, Kunst - kein Klischee wird bei den Namen der Leuchten, die Diesel entworfen hat und Foscarini produziert, ausgelassen, um up to date zu erscheinen. Doch das ist längst nicht alles. Bei den Möbeln, die das Modelabel mit Unterstützung von Moroso herausbringt, ist alles „overdyed", also überfärbt - gern in Schattierungen von Blue Denim.

Jenseits der immer aktuellen Frage, welche Präsentation besonders gelungen und welche Party am begehrtesten war - für beides wurde Established & Sons als Favorit gehandelt -, hat vor allem eine Frage die Diskussionen in Mailand beherrscht: Was bringt ein Modelabel wie Diesel in Kooperation mit Moroso und Foscarini zustande, und was bedeutet es für Zukunft, wenn sich populäre Modemarken immer häufiger auf dem Feld der Möbel und Leuchten betätigen?

Dass Modemarken auch Möbelkollektionen und Einrichtungsgegenstände herstellen, ist alles andere als neu: Ob Fendi, Missoni, Kenzo, Versace oder Armani - man begegnet ihnen in Mailand nicht zum ersten Mal. Nun will also auch Diesel auf dem Markt der Home-Collections mitmischen. Überraschend ist dabei, dass Renzo Rosso, der Gründer von Diesel, nicht allein antritt, sondern auf die Kompetenz namhafter Hersteller wie Moroso und Foscarini setzt. Und so hat man nicht nur den Erfolg gleich in den Namen aufgenommen, sondern auch die beiden Lizenznehmer: „Successful Living from Diesel with Moroso" und „Successful Living from Diesel with Foscarini" heißen die beiden, subtil aufeinander bezogenen Kollektionen.

Was die Leuchten angeht, so hat man es weniger mit Design als vielmehr mit Styling zu tun. Mal sind es Grubenlampe und Arbeitsleuchte, auf die angespielt wird, mal lässt sich die Lampe zusammenfalten und mitnehmen, mal sind es gute alte Industrieleuchten, die mittels Glas und Chromglanz nobilitiert werden, mal wird bedruckter, mal an Campingzelte erinnernder Stoff eingesetzt und mal kommen Nieten zum Einsatz, wie man sie von Diesel-Gürteln kennt. Das ist alles gut gemacht, und doch wirkt es ungemein gekünstelt. Nichts erscheint hier tatsächlich schlicht und einfach. Vielmehr hat es Teil an einem nicht nur hier grassierenden Manierismus des Nützlichen.

Es zeigt sich also: Die Kooperation von Mode und Möbel ist so reizvoll wie riskant. Zwar wirkt die von Moroso produzierte Kollektion aus Sofa, Sessel, Stuhl, Hocker, Lounge-Chair, Sideboard und verschiedenen Tischen wie aus einem Guss, doch bleibt sie - abgesehen von den mit Röntgenbildern bedruckten Couchtischen - allzu konventionell. Zu deutlich regiert hier das Sekundäre und Nachempfundene. Auch für ein Jugendzimmer ist ein Lounge Chair von Vitra aus der Plywood Group von Eames oder der ursprünglich für ein Studentenwohnheim entworfene „Antony" von Prouvé eindeutig die bessere Wahl als ein nur modisch gestyltes Remake. Und mit seinem Prinzip der Collage wirkt die Home Collection von Vitra allemal frischer.
Nicht zuletzt deshalb, weil zu erwarten ist, dass die Kollektion nicht gerade zu Schleuderpreisen und auch unter anderen Distributionsbedingungen angeboten wird, wurde die Chance vertan, so etwas wie ein Ikea-Programm für gehobene Design-Ansprüche und mit einem eigenen Profil aus der Taufe zu heben. So etwas macht man freilich nicht nebenbei und auch nicht ohne namhafte Designer.

Globale Sofakissenwelt

Bei der Gestaltung eines Sofas oder einer Couch spielen Muster und interkultureller Austausch von jeher eine größere Rolle als bei einem Stuhl, schon deshalb, weil es gilt, größere Flächen und Volumina zu strukturieren. Im Sinne eines kulturellen Remix wiederholt - oder zum Teil weit hergeholt - werden aber nicht nur optische Reize und haptische Effekte, Muster und Texturen, reaktiviert, sondern auch Moden und Haltungen vergangener Tage. Wer die Kissenberge und weich gepolsterten Ruheinseln, die oft riesigen, zum Lagern und Fläzen einladenden Sofas und Diwane von heute betrachtet, der wird den Eindruck nicht los, hier vollziehe sich - unter der Hand und einstweilen im Tarnkleid einer hybriden Kollektion globaler Muster - ¬die Rückkehr des Sofakissenmuffs der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Was einst als Häkelkissen geschmäht wurde, das feiert, getarnt als interkulturelles Muster, fröhlich Urständ - gern auch mal aztekisch angehaucht, gepixelt oder holländisch geblümt. Natürlich erscheint all das nicht in alter Gestalt, sondern in neuem Chic; die Tatsache aber, dass sich hier eine gut betuchte, grün, global und multikulturell denkende Bürgerlichkeit selbst feiert, ist unübersehbar.

Vielfalt - im Sinne eines Remix - bedeutet ja gerade, dass nichts ein für allemal verschwindet, sondern einzelne Formen, Muster und Haltungen wiederkehren, sofern sie Antworten auf ein zeitgenössisches Bedürfnis versprechen. Und dieses lässt sich gegenwärtig unübersehbar als das nach einer globalen kulturellen Einbettung beschreiben, die sich mit lokalen, ihrem ursprünglichen Kontext entnommenen Mustern umhüllt. Je nachdem, ob man eine affirmative oder eine kritische Perspektive einnehmen möchte, kann man darin einen Gewinn an Offenheit für andere Kulturen sehen oder die Camouflage einer neokolonialistischen Haltung.

Modernismus auf Halbmast

So sind formal schlicht gehaltene Sitzgelegenheiten, deren Materialität - oft Leder oder Wollstoff - die Gediegenheit des Gesamteindrucks unterstreicht, keineswegs verschwunden, sondern nach wie vor in großer Zahl vorhanden. Was das Allerneuste betrifft, so hängt die Fahne des Modernismus allerdings auf Halbmast. Wie schon seit einigen Jahren zu beobachten ist, erobern sich Ornament, Muster und Stickerei verlorenes Terrain zurück, um eine neue, junge und globale Gemütlichkeit auszurufen, die in den Mustern vereint, was real getrennt bleiben soll: erste und dritte Welt. Wie so etwas aussieht, ließ sich besonders gut im Showroom von Moroso beobachten, der, bis hin zu banalen Fotos aus Harare, afrikanische Muster, Texturen und Rhythmen zu einem Partymix der Kulturen verschmolz. Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass eine solche Art von Ethno-Mix schon bald an seine Grenzen stoßen wird.

Bilder von einem Sofa

Einen anderen Weg, der weniger der Gefahr des Neokolonialismus und des Ethno-Kitschs als der bloßen, sich schnell verbrauchenden Effekthascherei ausgesetzt ist, beschreiten nicht nur die Designerinnen der schwedischen Gruppe „Front", die für Moroso unter dem Namen „Moment" einige Sofas entworfen haben, die wie ein Bild mit „Trompe l'oeil"-Effekt funktionieren. Das Prinzip ist simpel: Was aus der Distanz wie ein Faltenwurf aussieht, erweist sich beim Anfassen als Illusion, das Sofa so flach wie eine Leinwand. Und was wie eine Bank aus balkendickem Holz aussieht, ist keineswegs hart.

Ein anderes, handfesteres und typisch britisches Beispiel liefern Richard Woods und Sebastian Wrong bei Established & Sons mit ihrer aus Sofa und Sessel bestehende Gruppe „Bricks & Mortar", bei der sie die „bricks" von der Fassade in den Innenraum holen und im Bezugsstoff als Bild einer Mauer aus Ziegeln und Mörtel über eine rechteckige Form ziehen. Und in der bereits erwähnten Diesel-Serie für und von Moroso gibt es Couch- und Beistelltische, deren Glasplatten mit „Röntgenbildern" bedruckt sind - bei „xraydio 1_razza" ist es ein durchleuchteter Stachelrochen, bei „xraydio 2_disc" eine in Nachtblau getauchte DJ-Konsole, bei „xraydio 3_natura morta" wird der Paravent zum Bildschirm, auf dem ein Stillleben erscheint.

Das Spiel der Manieristen

Manieristen galten von jeher als Verräter. Auch als sie erstmals auftraten, befand sich Europa in einem politischen und wirtschaftlichen Umbruch. Heute, da die Tage wieder weniger nach Luxus und Glamour duften, wird erkennbar, wer ernsthaft an der Schnittstelle zwischen Kunst, Ökonomie und Soziologie agiert, die sich Design nennt, und wer auch weiterhin ernsthaft auf kaprizöses Augenzwinkern setzt.

Bei edra hat man aus seiner Gesinnung nie einen Hehl gemacht, und auch diesmal alles daran gesetzt, diesem Ruf gerecht zu werden. „Shining" hieß das Motto des in Schwarz gehaltenen Messestands, auf dem Fernando und Humberto Campana mit einem einer ganzen Reihe neuer Produkte aufwarten: dem Sofa „Cipria", den Aufbewahrungsmöbeln „Segreto" und „Scrigno" sowie dem Spiegel „Miraggio". Und wieder einmal wirkt das alles, als entstamme es einem extravanten Kostümfilm.

„Segreto" ist ein mit diversen Spiegeln versehenes Säulenmöbel auf Rollen, das aus einem Stahl- und Alugerüst besteht, das mit Lederprofilen in den Farben schwarz, rot, weiß und grün überzogen ist, „Scrigno" eine Art Kommode mit Flügeltüren, die ganz mit farbigen Acrylspiegelsplittern übersäht ist, die in gold, silber und anderen Farben gefertigt werden können und Möbel und Raum in der Wahrnehmung vollständig zersplittert erscheinen lassen. Verrückter, will man meinen, geht es kaum. Und doch setzt das Sofa „Cipria" noch eins obendrauf. Sechs bis acht einzelne, marschmellow-hafte Kissen, mit Ökofell bezogen, das kurz geschoren oder langhaarig zu haben ist, machen aus einem Sofa ein Objekt, das man als einen Mutation aus Pop art und Manierismus bezeichnen könnte.

Sitzen auf der festen Decke

Überhaupt nicht haarig, dafür aber umso raffinierter präsentiert sich die neue Sitzgruppe „Quilt" von Ronan & Erwan Bouroullec bei Established & Sons. Im Grunde genommen bestehen Sofa und Sessel aus nichts weiter als einem wabenförmigen, stramm ausgepolsterten Bezug aus High-Tech Stretch, der über ein Stahlgestell gezogen wird, von dem nur die Beine sichtbar werden. Was auf diese Weise entstanden ist, lässt sich mit nichts vergleichen, was man bislang an Sitzmöbeln kennt. „Quilt" ist alles andere als manieristisch. Ob Sofa oder Sessel, Material und Form gehen hier eine Verbindung ein, in der Facettierung oder prismatische Belebung der Fläche wie aus einem Guss erscheinen. Und das Ganze wirkt ebenso überraschend wie extravagant, kommt aber ohne Tricks und Schminke aus.

Seid Bienen wie die Fliegen

Es kam wieder einmal vieles ans Licht in Mailand - das Rohe und das Gekochte, das Schlichte und das Manierierte, das Ernsthafte und das Verrückte. Einiges aus dem großen Topf der Vielfalt war, wie der Spiegel von Fernando und Humberto Campana: Miraggio - nichts als Blendwerk. Zu entdecken waren aber auch jede Menge Beispiele dafür, wie präzise und beweglich Möbeldesign heute sein kann.

Irgendwo zwischen Sinn und Unsinn liegt die Zukunft. Der Weg dorthin lässt sich vermutlich nur finden, wenn Designer und Hersteller einen Verhaltensvorschlag des Soziologen Dirk Becker beherzigen, der lautet: „Seid Bienen wie die Fliegen!" Die Geschichte geht so: Sperrt man einige Bienen in eine Flasche, die am Flaschenhals offen ist, und legt sie so auf einen Tisch, dass der Flaschenboden zu einer Lichtquelle weist, so suchen sie systematisch am Boden nach einem Ausgang - und sterben vor Hunger und Erschöpfung. Sperrt man Fliegen in dieselbe Flasche, so schwirren sie aufgeregt und völlig unsystematisch hin und her - und finden zufällig den Ausgang. Die Fliegen agieren unkoordiniert und verfügen nicht über eine Regulierung, die dazu führt, dass alle das Gleiche tun. „Seid Bienen wie die Fliegen!" ist eine paradoxe Aufforderung, die sich an den Menschen wendet, der beides kann: diszipliniert und chaotisch vorgehen. Nur wer nach Lösungen sucht, dabei aber auch dem Zufall vertraut, entkommt.
Paper Cloud von Tokujin Yoshioka für Moroso
Draped Sofa von Front für Moroso
Nebula von Diesel zusammen mit Moroso
Cipria von Humberto Campana, Fernando Campana für Edra
Cipria von Humberto Campana, Fernando Campana für Edra
Table B Wood von Konstantin Grcic für BD Barcelona Design
Table B Wood von Konstantin Grcic für BD Barcelona Design
Platone von Jeff Miller für Cerruti Baleri
Tom Dixon
Nuur von Simon Pengelly für arper
Table B Stone von Konstantin Grcic für BD Barcelona Design; Alle Fotos: Stylepark
Fergana Collection von Patricia Urquiola für Moroso
Soft Wood Sofa von Front für Moroso
Facet von Bernhardt Design für Danerka
Nils Holger Moormann
Skitsch
Edinburgh von Dedon
Leatherworks von Humberto Campana, Fernando Campana für Edra
Nebula von Diesel zusammen mit Moroso
Sant Ambrogio von Luigi Caccia Dominioni für Azucena
Mole von Sergio Rodrigues für Classicon