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Das Museum der Dinge
von Nancy Jehmlich | 14. Mai 2008
Lebend, pulsierend, bürgernah - in einem alten, rustikalen Fabrikgebäude hat das „Werkbundarchiv – Museum der Dinge“ nach Jahren der Ortlosigkeit in Berlin Kreuzberg ein neues Domizil gefunden. „Kampf der Dinge“ heißt die derzeit laufende Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Deutschen Werkbunds.

Der Aufstieg zu den Räumen irritiert zunächst, denkt man doch, man suche einen Privatdetektiv auf. Soll man den Fahrstuhl nehmen? Ist man im ersten Stock schon am Ziel? Zwei Etagen später empfängt uns ein kleiner Laden mit schönen Dingen, die uns fast verführen schon vor dem Besuch der Ausstellung zuzugreifen. Es herrscht eine private Atmosphäre; bei der Filmvorführung sitzen wir in der ersten und einzigen Reihe und ein netter junger Herr erklärt uns später den Aufbau der Sammlung.

Besonders gelungen ist das Ende der Ausstellung. Man ist Schritt für Schritt den Dingen durch die Zeit gefolgt, und zum Schluß, berühren sie sich mit dem Heute, dem Jetzt. Plötzlich wird man aus der passiven, beobachtenden Position in eine aktive Rolle gezogen und man fragt sich, was ist gegenwärtig? Mit einem Mal tritt das Museum selbst an diesen Punkt aus seiner bewahrenden, bewährten, alt bekannten Funktion. Das Museum bezieht sich meist auf die Vergangenheit. Es sammelt, konserviert, präsentiert und dokumentiert die Dinge vergangener Tage. Doch am Ende stellt sich die eigentliche Herausforderung: Wer gibt heute Orientierung? Wer bewertet, wer sucht aus, wer bildet den Kanon? Gelten die propagierten Werte von Qualität, Sachlichkeit, Funktionalität noch? Was wäre heute „werkbundgemäß“?

Das Museum der Dinge versteht sich als „eine ‚museale Versuchsanstalt’ für eine zeitgenössische Form der gesellschaftlichen Erinnerung.“ Ein langer Tisch mit ausgewählten Dingen, die in Kategorien wie Glas, blau, Küchengeräte, Aluminium, „ja!“-Produkte aufgereiht sind und unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden, führen die Problematik vor Augen. Ein Sprecher aus dem Off nennt einen Blickwinkel, zum Beispiel „Rund“. Danach werden all die Dinge beleuchtet, die diesem Kriterium entsprechen. Das Geräusch einer kreisenden Münze tönt durch die Lautsprecher. Bei „Durchgesetzt“ leuchten Tempos, Nudelsieb und viele andere Dinge, im Hintergrund hört man die Geräusche von einem Klettband, Feuerzeug und Flaschenöffner. Es folgen Begriffe wie „Preiswert“, „Praktisch“ und „Innovativ“.

Vorher wird der Besucher auf das Ende der Geschichte vorbereitet. Die Ausstellung ist in zwei Bereiche eingeteilt, in ein „Depot“ und in eine „argumentierende Mittelachse“. Das Depot, gleich einer typologisierenden Zeitachse, begleitet mit einer Menge vieler Dinge die Mittelachse. In jeder Vitrine wird ein Thema ausgestellt. „Speichern und Projezieren“, „Körperformen“, „Material/Email“, „Material/Aluminium“, „Nachkriegszeit“, „Hausrat DDR“ usw. Die Vitrinen sind bis an den Rand vollgestellt. Die Dinge nehmen jeden nur möglichen Platz ein und vermitteln zusammen mit der ausgezeichneten Sortierung und Ordnung einen recht genauen Eindruck von den Dingen in ihrer Zeit.

Die Ausstellung beginnt mit schwarz-weiß. Schwarzen Dingen, weißen Dingen und schwarz-weißen Dingen. Schwarz-weiß steht für die Konfrontation der Dinge, für Werkbund gegen Massenware, Einzelstück gegen industriell gefertigtes Erzeugnis, Designer gegen „no name“, für die „guten“ und „bösen“ Dinge. Der Besucher ist kampfbereit eingestellt und die Entwicklung der Dinge kann mit den darauf folgenden Stationen, den Ereignissen des Deutschen Werkbunds, angegangen werden.

Doch nicht nur die Geschichte des Werkbundes wird reich bebildert, beziehungsweise be-ding-t, sondern auch die Zeitabschnitte, die nicht immer mit der Linie des Werkbundes übereinstimmten, aber für die Geschichte der Gebrauchsgegenstände von Bedeutung waren. So ist zum Beispiel die Zeit nach dem Krieg in die Ausstellung aufgenommen. Denn die „erzwungene Einfachheit und Sachlichkeit der Notprodukte hatten mit Sicherheit Einfluss auf das Geschmacksempfinden“ der Bevölkerung, steht es auf einer Ausstellungstafel geschrieben.

Und am Ende werden wir mit offenen Fragen entlassen: Wie entscheiden wir darüber, was wir kaufen? Kann Ikea Gestalter einer Epoche sein? Oder Stiftung Warentest der Richter über unsere Produktwahl? Vertrauen wir der Marke ohne das Produkt persönlich zu prüfen? Was sind die Dinge unserer Zeit?

www.museumderdinge.de