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von 2143 Forward End
Man betritt die große, helle Kunsthalle Lingen – und sogleich knallt es optisch so richtig. Wo einst Züge gewartet und ausgebessert wurden und heute der Kunstverein residiert, prangt auf einer mächtigen Stellwand ein monumentales Muster von Thomas Bayrle. Es ist eine Hommage an die Malerei seines 2002 bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Künstlerkollegen Michel Majerus, die Bayrle in Gestalt eines wild-lebendigen Tapetenmusters auf die Wand gezaubert hat. Bayrle, der lange an der Frankfurter Städel-Schule unterrichtet und im vergangenen Jahr bei der Documenta 13 mit seinen Superstrukturen und mit in und um sich selbst kreisenden Motoren Furore gemacht hat, variiert dabei sein übliches Verfahrens. Für gewöhnlich beschleunigt er die Motive, lässt sie mit sich selbst reagieren und fängt alles am Ende wieder auf, indem er das Motiv auf der nächsthöheren Ebene seiner Organisation sich selbst begegnen lässt. Ob Schuhe, Knöpfe oder Kamele, ob Arbeiter, Tassen oder Schuhe, ob Flugzeuge, Soldaten, Maos oder Willy Brandts – immer reiht sich ein Bild ans andere, dupliziert, dehnt und vervielfältigt sich, bis der immer gleichen Bildzeichen so viele sind, dass die Fläche zu klein wird, die Augen staunen und die Speicher überlaufen. Nun ist es also die malerische Geste von Majerus, die er durch das Prinzip der Selbstähnlichkeit des Musters in komprimierter Form freisetzt und in den digitalen Raum überführt.

Ob nebenan Margriet Krijtenburg bunte Handtaschen aus Papier mittels einer Bemusterung einen irritierenden Charakter verleiht, ob der Architekt Jürgen Mayer H. eine ganze Wand mit Datenschutzmustern verdeckt, die den realen Raum hinter einer Camouflage verschwinden lassen, oder ob der Designer Jan Kath traditionelle Teppichmuster partiell auslöscht, überformt oder überschreibt, Orientalismus und Tradition mithin dekonstruiert – stets werden Muster nicht nur in ihren vielfältigen, ästhetischen und kulturellen Verbindungen und Vernetzungen reflektiert, sondern auch in ihrer ganzen Pracht anschaulich vorgeführt.

„Das Muster, das verbindet“, so lautet der Titel der sehenswerten Ausstellung, die Meike Behm, die Leiterin des Kunstvereins, zusammen mit Annette Tietenberg, die „Kunst der Gegenwart“ an der HBK Braunschweig lehrt und den Lesern von Stylepark als Autorin bekannt ist, kuratiert haben. Welche Muster auch gezeigt werden, die Schau belegt eindrucksvoll, auf welch vielfältige und abwechslungsreiche Weise Künstler, Designer und Architekten gegenwärtig das Prinzip der Weitergabe als Gegenmodell zu interkultureller Abgrenzung einsetzen, die Funktion regional geprägter Muster vor dem Hintergrund grenzüberschreitender Identitätsbildung beleuchten und Muster generell als ein Medium des kulturellen Transfers zur Anschauung bringen.

Das war nicht immer so. Die Moderne liebte es schmucklos weiß. Wenn wir schon in einer Klinik geboren würden, weshalb sollten wir dann nicht auch in einer Klinik wohnen, fragte einst Robert Musil, der Autor des „Mannes ohne Eigenschaften“, voll beißender Ironie. Als schärfster Kritiker der besonders im 19. Jahrhundert grassierenden „Ornament-Seuche“ und mit prophetischem Drang zur Einfachheit trat der Wiener Architekt und Journalist Adolf Loos auf, der im Ornament nicht nur ein Verbrechen sah, sondern vor allem einen kulturellen Rückschritt. Ihm galten die zusätzlichen Arbeitsschritte innerhalb des industriellen Produktionsprozesses, die für die Anfertigung von Dekor notwendig waren, als reine Verschwendung – von Material, von Zeit und von menschlicher Arbeitskraft. Loos hasste alles, was nach Dekor und nach Idylle aussah. Selbst wenn es nur darum ging, ein Stück Pfefferkuchen zu essen, wählte er sich eines, „das ganz glatt ist, und nicht ein Stück, das ein Herz oder ein Wickelkind oder einen Reiter darstellt“, also gerade keinen Pfefferkuchen, „der über und über mit Ornamenten bedeckt ist“.

Pfefferkuchen kommen in der Lingener Ausstellung zwar keine vor, doch gelingt es ihr, die Allgegenwart von Mustern und deren schmückende Funktion im Ornament auf vielfältige Weise vorzuführen und nach dem Wandel ihrer Bedeutung zu fragen. Zudem kommt es nicht gerade oft vor, dass eine Ausstellung die noch immer fest zementierten Grenzen zwischen Kunst, Architektur und Design mit Verve überwindet und sich, statt ausgetretenen Pfaden zu folgen, lustvoll und voller Neugier offensichtlichen Querverbindungen zwischen Disziplinen und Kulturen widmet.

Längst hat, was Loos zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ahnen konnte, die Dynamik des Kapitalismus zu einer Wiederkehr von Mustern geführt. Kaum ein Bereich, in dem sie heute nicht vorkommen. Statt dem Prinzip „Less is more“ folgt die Logik der globalen Ökonomie dem Credo „More is more“. Was, wo von Nachhaltigkeit die Rede ist, bei so manchem dazu führt, in Mustern abermals den verwerflichen Wunsch nach Überfluss und Verschwendung zu erkennen.

Dem setzt die Ausstellung eine These entgegen, die ebenso simpel wie überzeugend klingt und die sich zudem an jedem einzelnen Werk überprüfen lässt. Muster, so wird dem Betrachter schnell klar, sind in der Tat vieles mehr als überflüssiges Beiwerk. Da sie oft auf eine langgehegte Tradition aufbauen, stellen sie eine innige Verbindung zur Welt und zur Geschichte her. Weder der Selbstausdruck des Künstlers noch die Präsenz eines von ihm geschaffenen Objekts rücken beim Umgang mit Mustern in den Vordergrund. Im Gegenteil. Muster sind Teil einer Kultur und eines Überlieferungsgeschehens. Sie sind also schon da und müssen nicht erst erfunden werden. Und weil selten einmal bekannt ist, wer sie erfunden hat, kann man entspannt mit ihnen umgehen und ein respektvolles Spiel mit dem Gegebenen beginnen.

Muster, so betonte Annette Tietenberg in ihrer Eröffnungsrede, „erzählen von orientalischen Paradiesgärten, von der Musterung der Tierfelle, von Kompositionen, Farbverflechtungen und Anordnungen, die von Generation zu Generation weitergeben werden. Gegeben sei: das Muster. Und doch entsteht im Rückgriff auf dieses Vorhandene und Bekannte etwas Unvorhersehbares und Gegenwärtiges. Eben dieses Produktionsmodell, das dem Muster inhärent zu sein scheint, macht das Muster für künstlerische und gestalterische Prozesse derzeit so attraktiv und fruchtbar.“

Und was dieser zurückgreifende Vorgriff so alles ans Licht bringt: Bärbel Schlüter und Thomas Mass – beide arbeiten in situ – beziehen sich in ihren Arbeiten bewusst auf den Ort und die vorhandene Architektur. Bärbel Schlüter, indem sie das unauffällige, aus verputzten Rechtecken gebildete Reliefband an der Fassade des Backsteinbaus in den Innenraum überträgt und kenntlich macht. Thomas Mass, indem er einer vorhandenen Wand, die wir für gewöhnlich als selbstverständlichen Teil des Raumes übersehen, freihändig ein Muster aus vertikalen farbigen Tuschelinien hinzufügt, die sich einander annähern, sich berühren, überkreuzen und wieder voneinander entfernen. So wird nicht nur die Wand als Wand sichtbar, sondern es entstehen auch freie Muster und Schwingungen, die der Raumwahrnehmung eine körperliche und zeitliche Dimension hinzufügen. Der Handlung des Künstlers entspringt ein Netz aus Linien, dessen Verlauf nicht vorhersehbar ist.

Sebastian Körbs aktiviert die Grenze zwischen Innen und Außen, indem er ein Muster aus Nullen auf eines der Fenster klebt, die Fotografin Tine Holterhoff entdeckt die Schönheit von an sich banalen Haus- und Hotelfassaden, deren Strukturen sich in ihrer ausschnitthaften Wahrnehmung als äußerst irritierend erweisen, und die Modedesignerinnen von „c.neeon“ greifen in der bühnenhaften Präsentation ihrer Stoffe und Kleider lokale Muster auf, beispielsweise Webpraktiken, wie sie in Ostasien vorkommen.

Dass selbst trennende Zäune von floralen Mustern aufgelockert, ja das Trennendes und Abgrenzendes aufgebrochen werden können, demonstrieren die Designer von „Demakersvan“ aus Rotterdam. Widmen sich Christine Streuli und Shannon Bool der Funktion von Mustern in der Malerei, so ist es die Künstlerin Parastou Farouhar, die auf die bittere politische Funktion von Mustern in ihrer Heimat Iran eingeht, wenn sie eine Wand mit einer in strengem Schwarzweiß gehaltenen Tapete überzieht, die Szenen von Folter und Gewalt zeigt und zugleich wie ein eleganter Totentanz wirkt. Bis in unser Gehirn dringt schließlich Martin Schöne vor, der ein patentiertes bildgebendes Verfahren entwickelt hat, das es ermöglicht, unsere Hirnströme als einen formbildenden Prozess sichtbar zu machen, womit er das Thema „Muster“ vollends eng an unsere Denk- und Empfindungsstrukturen koppelt.

Am Ende tritt der Altmeister Victor Vasarely mit einer Edition aus dem Jahr 1977 des Porzellanherstellers Rosenthal gleichsam als Pate der Ausstellung auf, hat er doch als einer der ersten in der Nachkriegsmoderne die Gattungsgrenzen zwischen Architektur, Design und Kunst überwunden und dabei auch auf Muster aus der Natur – in diesem Fall Zebrastreifen – zurückgegriffen, um das illusionäre Vor- und Zurückspringen von Mustern anschaulich in Szene zu setzen.

Womit wir bei dem angloamerikanischen Anthropologen, Biologen, Kybernetiker und Philosophen Gregory Bateson angekommen wären, dem die Schau ihren Titel verdankt und der über die von Mustern gestiftete Verbindung geschrieben hat: „Welches Muster verbindet den Krebs mit dem Hummer und die Orchidee mit der Primel und alle diese vier mit mir? Und mich mit Ihnen? Und uns alle sechs mit den Amöben in einer Richtung und mit dem eingeschüchterten Schizophrenen in einer anderen? Welches ist das Muster, das alle Lebewesen verbindet?“

Das Muster, das verbindet
Kunstverein Lingen, Kunsthalle
bis zum 12. Januar 2014
Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Sa u. So 11 bis 17 Uhr
5. Dezember 2013 10 bis 23 Uhr
www.kunsthalle-lingen.de
Das Muster, das verbindet
von Thomas Wagner
13. November 2013
Künstlergespräch: Bärbel Schlüter erläutert mit Kuratorin Annette Tietenberg ihre Wandarbeit - die vor Ort ausgeführte, Innen und Außen verbindende Fassadenreflexion. Links im Bild: Thomas Bayrles Tapete. Sämtliche Fotografien © Thomas Wagner, Stylepark
Nicht nur Bärbel Schlüter arbeitete „in situ“: Rechts die Wandarbeit von Thomas Mass, davor eine Handtasche von Margriet Krijtenburg.
Was verbindet einen Maschendrahtzaun mit Datenschutzmustern, was abstrakte mit floralen Mustern? Arbeiten von Demakersvan und Jürgen Mayer H..
Dekonstruktion orientalischer Muster: Teppiche von Jan Kath, daneben ein Teller von Victor Vasarely und an der Wand dahinter die Wandinstallation von Jürgen Mayer H. mit Datenschutzmustern.
Dunja Evers, Martin Schöne und Thomas Mass auf den mit Fragmenten aus dem Koran versehenen Sitzsäcken von Parastou Farouhar.
Ein Muster, das Außen und Innen verbindet: Die verputzen Gefache an der Außenfassade, die Bärbel Schlüter in den Innenraum gespiegelt hat.
Wandarbeit von Thomas Mass.
Künstlergespräch: Thomas Mass mit Annette Tietenberg und Meike Behm.
Gebaute Muster: Architekturfotografie von Tine Holterhoff.
Im Geiste ostasiatischer Stoffmuster: Die bühnenartige Installation von c.neeon.
Eine Bühne für Muster in der Mode: Die Installation von c.neeon hinter der Tapete von Thomas Bayrle.
Alles andere als harmlos: Arbeiten von Parastou Farouhars zur politischen Funktion von Muster und Ornament.
Parastou Farouhar.
Muster der Politik: Gewalt und Folter wiederholen sich wie Motive eines Totentanzes.
Wie sieht es aus, wenn wir zerstreut oder konzentriert sind: Hirnaktivitäten, die Form geworden sind, aufgezeichnet nach Martin Schönes Verfahren.
Irritierendes Spiel mit der Wahrnehmung: Zwei Zebras von Victor Vasarely auf einen Teller von Rosenthal.
Politik der Muster: Aus Tätern und Opfern entsteht ein Ornament der Macht.
Gruppenfoto mit Künstlern und Kuratorinnen.
Wenn Denken und Fühlen Form wird: Martin Schöne erklärt sein patentiertes Verfahren zur Visualisierung der Aktivitäten des Gehirns.
News & Stories › 2013 › November
Das Muster, das verbindet
von Thomas Wagner | 13. November 2013
Muster, in der Moderne einst verpönt, sind in Kunst, Design und Architektur längst wieder allgegenwärtig. Eine sehenswerte Ausstellung in Lingen widmet sich der Frage, was Muster in all diesen Bereichen so attraktiv macht und weshalb sie eine entlastende Wirkung entfalten.

Man betritt die große, helle Kunsthalle Lingen – und sogleich knallt es optisch so richtig. Wo einst Züge gewartet und ausgebessert wurden und heute der Kunstverein residiert, prangt auf einer mächtigen Stellwand ein monumentales Muster von Thomas Bayrle. Es ist eine Hommage an die Malerei seines 2002 bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Künstlerkollegen Michel Majerus, die Bayrle in Gestalt eines wild-lebendigen Tapetenmusters auf die Wand gezaubert hat. Bayrle, der lange an der Frankfurter Städel-Schule unterrichtet und im vergangenen Jahr bei der Documenta 13 mit seinen Superstrukturen und mit in und um sich selbst kreisenden Motoren Furore gemacht hat, variiert dabei sein übliches Verfahrens. Für gewöhnlich beschleunigt er die Motive, lässt sie mit sich selbst reagieren und fängt alles am Ende wieder auf, indem er das Motiv auf der nächsthöheren Ebene seiner Organisation sich selbst begegnen lässt. Ob Schuhe, Knöpfe oder Kamele, ob Arbeiter, Tassen oder Schuhe, ob Flugzeuge, Soldaten, Maos oder Willy Brandts – immer reiht sich ein Bild ans andere, dupliziert, dehnt und vervielfältigt sich, bis der immer gleichen Bildzeichen so viele sind, dass die Fläche zu klein wird, die Augen staunen und die Speicher überlaufen. Nun ist es also die malerische Geste von Majerus, die er durch das Prinzip der Selbstähnlichkeit des Musters in komprimierter Form freisetzt und in den digitalen Raum überführt.

Ob nebenan Margriet Krijtenburg bunte Handtaschen aus Papier mittels einer Bemusterung einen irritierenden Charakter verleiht, ob der Architekt Jürgen Mayer H. eine ganze Wand mit Datenschutzmustern verdeckt, die den realen Raum hinter einer Camouflage verschwinden lassen, oder ob der Designer Jan Kath traditionelle Teppichmuster partiell auslöscht, überformt oder überschreibt, Orientalismus und Tradition mithin dekonstruiert – stets werden Muster nicht nur in ihren vielfältigen, ästhetischen und kulturellen Verbindungen und Vernetzungen reflektiert, sondern auch in ihrer ganzen Pracht anschaulich vorgeführt.

„Das Muster, das verbindet“, so lautet der Titel der sehenswerten Ausstellung, die Meike Behm, die Leiterin des Kunstvereins, zusammen mit Annette Tietenberg, die „Kunst der Gegenwart“ an der HBK Braunschweig lehrt und den Lesern von Stylepark als Autorin bekannt ist, kuratiert haben. Welche Muster auch gezeigt werden, die Schau belegt eindrucksvoll, auf welch vielfältige und abwechslungsreiche Weise Künstler, Designer und Architekten gegenwärtig das Prinzip der Weitergabe als Gegenmodell zu interkultureller Abgrenzung einsetzen, die Funktion regional geprägter Muster vor dem Hintergrund grenzüberschreitender Identitätsbildung beleuchten und Muster generell als ein Medium des kulturellen Transfers zur Anschauung bringen.

Das war nicht immer so. Die Moderne liebte es schmucklos weiß. Wenn wir schon in einer Klinik geboren würden, weshalb sollten wir dann nicht auch in einer Klinik wohnen, fragte einst Robert Musil, der Autor des „Mannes ohne Eigenschaften“, voll beißender Ironie. Als schärfster Kritiker der besonders im 19. Jahrhundert grassierenden „Ornament-Seuche“ und mit prophetischem Drang zur Einfachheit trat der Wiener Architekt und Journalist Adolf Loos auf, der im Ornament nicht nur ein Verbrechen sah, sondern vor allem einen kulturellen Rückschritt. Ihm galten die zusätzlichen Arbeitsschritte innerhalb des industriellen Produktionsprozesses, die für die Anfertigung von Dekor notwendig waren, als reine Verschwendung – von Material, von Zeit und von menschlicher Arbeitskraft. Loos hasste alles, was nach Dekor und nach Idylle aussah. Selbst wenn es nur darum ging, ein Stück Pfefferkuchen zu essen, wählte er sich eines, „das ganz glatt ist, und nicht ein Stück, das ein Herz oder ein Wickelkind oder einen Reiter darstellt“, also gerade keinen Pfefferkuchen, „der über und über mit Ornamenten bedeckt ist“.

Pfefferkuchen kommen in der Lingener Ausstellung zwar keine vor, doch gelingt es ihr, die Allgegenwart von Mustern und deren schmückende Funktion im Ornament auf vielfältige Weise vorzuführen und nach dem Wandel ihrer Bedeutung zu fragen. Zudem kommt es nicht gerade oft vor, dass eine Ausstellung die noch immer fest zementierten Grenzen zwischen Kunst, Architektur und Design mit Verve überwindet und sich, statt ausgetretenen Pfaden zu folgen, lustvoll und voller Neugier offensichtlichen Querverbindungen zwischen Disziplinen und Kulturen widmet.

Längst hat, was Loos zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ahnen konnte, die Dynamik des Kapitalismus zu einer Wiederkehr von Mustern geführt. Kaum ein Bereich, in dem sie heute nicht vorkommen. Statt dem Prinzip „Less is more“ folgt die Logik der globalen Ökonomie dem Credo „More is more“. Was, wo von Nachhaltigkeit die Rede ist, bei so manchem dazu führt, in Mustern abermals den verwerflichen Wunsch nach Überfluss und Verschwendung zu erkennen.

Dem setzt die Ausstellung eine These entgegen, die ebenso simpel wie überzeugend klingt und die sich zudem an jedem einzelnen Werk überprüfen lässt. Muster, so wird dem Betrachter schnell klar, sind in der Tat vieles mehr als überflüssiges Beiwerk. Da sie oft auf eine langgehegte Tradition aufbauen, stellen sie eine innige Verbindung zur Welt und zur Geschichte her. Weder der Selbstausdruck des Künstlers noch die Präsenz eines von ihm geschaffenen Objekts rücken beim Umgang mit Mustern in den Vordergrund. Im Gegenteil. Muster sind Teil einer Kultur und eines Überlieferungsgeschehens. Sie sind also schon da und müssen nicht erst erfunden werden. Und weil selten einmal bekannt ist, wer sie erfunden hat, kann man entspannt mit ihnen umgehen und ein respektvolles Spiel mit dem Gegebenen beginnen.

Muster, so betonte Annette Tietenberg in ihrer Eröffnungsrede, „erzählen von orientalischen Paradiesgärten, von der Musterung der Tierfelle, von Kompositionen, Farbverflechtungen und Anordnungen, die von Generation zu Generation weitergeben werden. Gegeben sei: das Muster. Und doch entsteht im Rückgriff auf dieses Vorhandene und Bekannte etwas Unvorhersehbares und Gegenwärtiges. Eben dieses Produktionsmodell, das dem Muster inhärent zu sein scheint, macht das Muster für künstlerische und gestalterische Prozesse derzeit so attraktiv und fruchtbar.“

Und was dieser zurückgreifende Vorgriff so alles ans Licht bringt: Bärbel Schlüter und Thomas Mass – beide arbeiten in situ – beziehen sich in ihren Arbeiten bewusst auf den Ort und die vorhandene Architektur. Bärbel Schlüter, indem sie das unauffällige, aus verputzten Rechtecken gebildete Reliefband an der Fassade des Backsteinbaus in den Innenraum überträgt und kenntlich macht. Thomas Mass, indem er einer vorhandenen Wand, die wir für gewöhnlich als selbstverständlichen Teil des Raumes übersehen, freihändig ein Muster aus vertikalen farbigen Tuschelinien hinzufügt, die sich einander annähern, sich berühren, überkreuzen und wieder voneinander entfernen. So wird nicht nur die Wand als Wand sichtbar, sondern es entstehen auch freie Muster und Schwingungen, die der Raumwahrnehmung eine körperliche und zeitliche Dimension hinzufügen. Der Handlung des Künstlers entspringt ein Netz aus Linien, dessen Verlauf nicht vorhersehbar ist.

Sebastian Körbs aktiviert die Grenze zwischen Innen und Außen, indem er ein Muster aus Nullen auf eines der Fenster klebt, die Fotografin Tine Holterhoff entdeckt die Schönheit von an sich banalen Haus- und Hotelfassaden, deren Strukturen sich in ihrer ausschnitthaften Wahrnehmung als äußerst irritierend erweisen, und die Modedesignerinnen von „c.neeon“ greifen in der bühnenhaften Präsentation ihrer Stoffe und Kleider lokale Muster auf, beispielsweise Webpraktiken, wie sie in Ostasien vorkommen.

Dass selbst trennende Zäune von floralen Mustern aufgelockert, ja das Trennendes und Abgrenzendes aufgebrochen werden können, demonstrieren die Designer von „Demakersvan“ aus Rotterdam. Widmen sich Christine Streuli und Shannon Bool der Funktion von Mustern in der Malerei, so ist es die Künstlerin Parastou Farouhar, die auf die bittere politische Funktion von Mustern in ihrer Heimat Iran eingeht, wenn sie eine Wand mit einer in strengem Schwarzweiß gehaltenen Tapete überzieht, die Szenen von Folter und Gewalt zeigt und zugleich wie ein eleganter Totentanz wirkt. Bis in unser Gehirn dringt schließlich Martin Schöne vor, der ein patentiertes bildgebendes Verfahren entwickelt hat, das es ermöglicht, unsere Hirnströme als einen formbildenden Prozess sichtbar zu machen, womit er das Thema „Muster“ vollends eng an unsere Denk- und Empfindungsstrukturen koppelt.

Am Ende tritt der Altmeister Victor Vasarely mit einer Edition aus dem Jahr 1977 des Porzellanherstellers Rosenthal gleichsam als Pate der Ausstellung auf, hat er doch als einer der ersten in der Nachkriegsmoderne die Gattungsgrenzen zwischen Architektur, Design und Kunst überwunden und dabei auch auf Muster aus der Natur – in diesem Fall Zebrastreifen – zurückgegriffen, um das illusionäre Vor- und Zurückspringen von Mustern anschaulich in Szene zu setzen.

Womit wir bei dem angloamerikanischen Anthropologen, Biologen, Kybernetiker und Philosophen Gregory Bateson angekommen wären, dem die Schau ihren Titel verdankt und der über die von Mustern gestiftete Verbindung geschrieben hat: „Welches Muster verbindet den Krebs mit dem Hummer und die Orchidee mit der Primel und alle diese vier mit mir? Und mich mit Ihnen? Und uns alle sechs mit den Amöben in einer Richtung und mit dem eingeschüchterten Schizophrenen in einer anderen? Welches ist das Muster, das alle Lebewesen verbindet?“

Das Muster, das verbindet
Kunstverein Lingen, Kunsthalle
bis zum 12. Januar 2014
Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Sa u. So 11 bis 17 Uhr
5. Dezember 2013 10 bis 23 Uhr
www.kunsthalle-lingen.de