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Das Schwein und der Rennwagen
von Thomas Wagner | 12. August 2010
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Als Graf Rossi, Chef von Martini und Sponsor des Porsche-Rennstalls, das 1971 für die 24-Stunden von Le Mans vorgesehene Auto, einen besonders kurzen und breiten 917/20 erblickte, war er entsetzt. Der Porsche-Designer Anatole Lapine hatte dem Unikat eine rosafarbene Lackierung verpasst, einzelne Partien des Renners mit gestrichelten Linien markiert und sie so beschriftet, als entstamme der Bolide einem Lehrbuch fürs Metzgerhandwerk. „Rüssel", „Lende" oder „Ripple" stand nun auf dem nach Fleischpartien eingeteilten Körper eines Autos, das prompt als „Sau", „Dicke Berta" oder „Trüffeljäger" in die Porsche-Geschichte einging. Eilig ließ der Graf alle Martini-Aufkleber entfernen. Das Kurzheck-Modell aber blieb rosa - und sorgte auch auf der Strecke für eine Sensation. Obwohl völlig unerprobt, gewann der 917/20 das Vortraining, fiel aber im Hauptrennen, an fünfter Stelle liegend, kurz vor Schluss durch Unfall aus.

Der Grafikdesigner Sven Voelker, der unter anderem das Corporate Design der Marke „Suzuki" entwickelt hat und seit diesem Jahr an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale unterrichtet, hat mit „Go faster" ein in mehrfacher Weise außergewöhnliches Buch vorgelegt. Es war ihm nicht nur aufgefallen, dass Rennwagen nicht schon immer grafisch gestaltet waren, sondern dass die Art und Weise, wie sie aussehen, auch wesentlich dazu beiträgt, wie schnell sie aussehen. Dabei ist, wie Voelker in seinem Vorwort bemerkt, „die Historie zu diesem gestalterischen Aspekt des automobilen Motorsports" so gut „wie gar nicht dokumentiert. Es gibt kaum mehr als einige schöne Geschichten und Beobachtungen." Und eben die Rennwagen selbst.

Um die beschleunigende oder elektrisierende Wirkung von Mustern, Streifen, Pfeilen und Linien untersuchen zu können, bediente sich Voelker zweier ebenso simpler wie wirksamer Tricks. Als erstes zeigt er nicht nur Fotografien der Boliden, sondern untersucht deren grafische Qualität anhand seiner rund 130 Fahrzeuge umfassenden Modellautosammlung, die lange in einer Holzkiste auf dem Dachboden geschlummert hatte. „Einige davon", so Voelker, „sind Ikonen des Rennsports, aber ihr sportlicher Erfolg ist nicht das Kriterium für die Auswahl der Modelle. Entscheidend sind allein ihre Schönheit und formale Einzigartigkeit." Und um diese hervorzuheben, wandte Voelker Trick Nummer zwei an und besprühte die Miniatur-Rennwagen mit weißer Kreidefarbe. Dadurch entstanden lauter mattweiße Skulpturen, denen die manchmal extravagante Rasanz der farbig bemalten und beklebten Pendants völlig abgeht. Mit Hilfe dieser beiden Tricks zeigt das Buch, wie aus dreidimensionalen Rennmaschinen Ikonen werden, wenn sie mit einem zweidimensionalen Muster überzogen werden, wobei manchmal schwarzes Klebeband ausreicht, um eine nach aerodynamischen Gesetzen entwickelte Karosserieform zu betonen oder ihr eine völlig anderen „look" entgegenzusetzen.

Einst waren französische Rennwagen blau, italienische rot, deutsche weiß und britische grün. Als weitere Nationen hinzukamen, waren amerikanische Wagen blau-weiß, japanische weiß mit roter Sonne, österreichische rot-weiß, belgische gelb und mexikanische goldfarben. Erst Ende der sechziger Jahre hob die Rennsportbehörde FIA die bis dahin obligaten Nationalfarben für Rennwagen auf und öffnete den Motorsport zugleich für Sponsoren. Nun waren der Kreativität der Teams keine Grenzen mehr gesetzt. Farbfotografie, Werbung, Fernsehen und Motorsportmagazine taten ein Übriges. Was folgte, könnte man die Pop-Art-Ära des Rennsports nennen. Rennwagen, deren Form aufgrund des Reglements und der aerodynamischen Gesetze einander immer ähnlicher sahen, wurden nun zu farbenfrohen Unikaten. Die Grafik erst machte sie cool oder ließ einen Hauch von Flower-Power und Woodstock über den Asphalt wehen. Dabei wurden die Rennwagen - mit Ausnahme der BMW-Art-Cars, die es bis heute gibt - zunächst nicht von Profis gestaltet. Nachts, wenn die Renningenieure ihre Arbeit erledigt hatten, griff man zu Pinsel und Klebeband oder funktionierte die zum Aufpumpen der Reifen vorhandene Kompressoranlage in eine Lackiermaschine um.

Anatole Lapine, in den Siebzigern Designchef bei Porsche, hat besonders viele außergewöhnliche Lösungen gefunden. So trug das riesige 917-Langheck-Coupé bei seinem erstmaligen Auftreten 1970 in Le Mans, ganz dem Zeitgeist entsprechend, die „Kriegsbemalung" eines „Hippie-Auto" mit wabernden grünen Formen auf leuchtend blauem Grund. Nicht nur bei der Marken-Weltmeisterschaft, die auf extrem schnellen Strecken wie Le Mans, Daytona, Sebring oder Monza ausgetragen wurde, blies Porsche mit einer Langheck-Ausführung des legendären 917 zum Angriff, sondern auch mit entsprechendem Aussehen. Die offenen, knapp geschnittenen 908/03, die eigens für kurvenreiche Strecken wie die der Targa Florio entwickelt worden waren, kamen besonders angriffslustig daher. In die Farben Hellblau und Orange des Ölkonzerns und Sponsors „Gulf" getaucht, trugen sie riesige Pfeile oder Dreiecke zur Schau, die Dynamik und Vorwärtsdrang optisch selbst dann noch zum Greifen nah erscheinen ließen, wenn die Boliden stillstanden. Ein weiß lackiertes Exemplar trägt auf der Front eine Abfolge unterschiedlich dicker, geschwungener roter Linien, als sei hier der Luftwiderstand selbst visualisiert, gegen den der Wagen anzurennen hatte.

Natürlich haben viele Designs mit den Farben und Mustern der jeweiligen Hauptsponsoren und deren „Corporate Design" zu tun. Doch ob Marlboro, Martini oder Jägermeister, Gulf, Benetton, Gitanes oder John Player, stets wurde das Erscheinungsbild der Marke dem Rennwagen angepasst, womit aus Werbung nach und nach „Branding" wurde.

So erfährt der Betrachter in „Go faster" ebenso etwas über außergewöhnliche Rennwagen wie über die Macht hervorragenden Grafikdesigns. Was auch dazu führt, dass man nun etwas besser versteht, weshalb so viele optisch „aufgemotzte" Normalvehikel herumfahren und Sendungen wie „pimp my ride" längst auch hierzulande angekommen sind. Bei einem allgemein angestiegenen „Showbedürfnis" - samt einem von Fremdwahrnehmung gesteuerten Selbstwertgefühl - ist eben auch der gesamte Heimwerker-Schrauber-Tuner-Komplex vom optisch erzeugten Gefühl, schnell zu sein, infiziert.

Sven Voelkers Buch, weder ein wissenschaftlicher Leitfaden für gelungenes Grafikdesign im Motorsport noch ein Lexikon erfolgreicher Rennwagen, ist umso mehr ein Fest für all jene Augen, die schnell genug sind, um auch der optischen Geschwindigkeit eines Rennwagens folgen zu können: selbst wenn es in der Vitrine steht.

Sven Voelker, Go Faster. The Graphic Design of Racing Cars, Gestalten Verlag, 144 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

www.gestalten.com

News & Stories › 2010 › August
Das Schwein und der Rennwagen
von Thomas Wagner | 12. August 2010
Im Medienzeitalter müssen Rennwagen nicht nur schnell sein, sie müssen auch so aussehen und sich durch Farben, Linien, Zahlen und Logos auf der Rennstrecke unterscheiden. Dass das nicht immer so war und was grafisch besonders gelungene Exemplare auszeichnet, führt Sven Voelker in „Go Faster" trefflich vor Augen.
Als Graf Rossi, Chef von Martini und Sponsor des Porsche-Rennstalls, das 1971 für die 24-Stunden von Le Mans vorgesehene Auto, einen besonders kurzen und breiten 917/20 erblickte, war er entsetzt. Der Porsche-Designer Anatole Lapine hatte dem Unikat eine rosafarbene Lackierung verpasst, einzelne Partien des Renners mit gestrichelten Linien markiert und sie so beschriftet, als entstamme der Bolide einem Lehrbuch fürs Metzgerhandwerk. „Rüssel", „Lende" oder „Ripple" stand nun auf dem nach Fleischpartien eingeteilten Körper eines Autos, das prompt als „Sau", „Dicke Berta" oder „Trüffeljäger" in die Porsche-Geschichte einging. Eilig ließ der Graf alle Martini-Aufkleber entfernen. Das Kurzheck-Modell aber blieb rosa - und sorgte auch auf der Strecke für eine Sensation. Obwohl völlig unerprobt, gewann der 917/20 das Vortraining, fiel aber im Hauptrennen, an fünfter Stelle liegend, kurz vor Schluss durch Unfall aus.

Der Grafikdesigner Sven Voelker, der unter anderem das Corporate Design der Marke „Suzuki" entwickelt hat und seit diesem Jahr an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale unterrichtet, hat mit „Go faster" ein in mehrfacher Weise außergewöhnliches Buch vorgelegt. Es war ihm nicht nur aufgefallen, dass Rennwagen nicht schon immer grafisch gestaltet waren, sondern dass die Art und Weise, wie sie aussehen, auch wesentlich dazu beiträgt, wie schnell sie aussehen. Dabei ist, wie Voelker in seinem Vorwort bemerkt, „die Historie zu diesem gestalterischen Aspekt des automobilen Motorsports" so gut „wie gar nicht dokumentiert. Es gibt kaum mehr als einige schöne Geschichten und Beobachtungen." Und eben die Rennwagen selbst.

Um die beschleunigende oder elektrisierende Wirkung von Mustern, Streifen, Pfeilen und Linien untersuchen zu können, bediente sich Voelker zweier ebenso simpler wie wirksamer Tricks. Als erstes zeigt er nicht nur Fotografien der Boliden, sondern untersucht deren grafische Qualität anhand seiner rund 130 Fahrzeuge umfassenden Modellautosammlung, die lange in einer Holzkiste auf dem Dachboden geschlummert hatte. „Einige davon", so Voelker, „sind Ikonen des Rennsports, aber ihr sportlicher Erfolg ist nicht das Kriterium für die Auswahl der Modelle. Entscheidend sind allein ihre Schönheit und formale Einzigartigkeit." Und um diese hervorzuheben, wandte Voelker Trick Nummer zwei an und besprühte die Miniatur-Rennwagen mit weißer Kreidefarbe. Dadurch entstanden lauter mattweiße Skulpturen, denen die manchmal extravagante Rasanz der farbig bemalten und beklebten Pendants völlig abgeht. Mit Hilfe dieser beiden Tricks zeigt das Buch, wie aus dreidimensionalen Rennmaschinen Ikonen werden, wenn sie mit einem zweidimensionalen Muster überzogen werden, wobei manchmal schwarzes Klebeband ausreicht, um eine nach aerodynamischen Gesetzen entwickelte Karosserieform zu betonen oder ihr eine völlig anderen „look" entgegenzusetzen.

Einst waren französische Rennwagen blau, italienische rot, deutsche weiß und britische grün. Als weitere Nationen hinzukamen, waren amerikanische Wagen blau-weiß, japanische weiß mit roter Sonne, österreichische rot-weiß, belgische gelb und mexikanische goldfarben. Erst Ende der sechziger Jahre hob die Rennsportbehörde FIA die bis dahin obligaten Nationalfarben für Rennwagen auf und öffnete den Motorsport zugleich für Sponsoren. Nun waren der Kreativität der Teams keine Grenzen mehr gesetzt. Farbfotografie, Werbung, Fernsehen und Motorsportmagazine taten ein Übriges. Was folgte, könnte man die Pop-Art-Ära des Rennsports nennen. Rennwagen, deren Form aufgrund des Reglements und der aerodynamischen Gesetze einander immer ähnlicher sahen, wurden nun zu farbenfrohen Unikaten. Die Grafik erst machte sie cool oder ließ einen Hauch von Flower-Power und Woodstock über den Asphalt wehen. Dabei wurden die Rennwagen - mit Ausnahme der BMW-Art-Cars, die es bis heute gibt - zunächst nicht von Profis gestaltet. Nachts, wenn die Renningenieure ihre Arbeit erledigt hatten, griff man zu Pinsel und Klebeband oder funktionierte die zum Aufpumpen der Reifen vorhandene Kompressoranlage in eine Lackiermaschine um.

Anatole Lapine, in den Siebzigern Designchef bei Porsche, hat besonders viele außergewöhnliche Lösungen gefunden. So trug das riesige 917-Langheck-Coupé bei seinem erstmaligen Auftreten 1970 in Le Mans, ganz dem Zeitgeist entsprechend, die „Kriegsbemalung" eines „Hippie-Auto" mit wabernden grünen Formen auf leuchtend blauem Grund. Nicht nur bei der Marken-Weltmeisterschaft, die auf extrem schnellen Strecken wie Le Mans, Daytona, Sebring oder Monza ausgetragen wurde, blies Porsche mit einer Langheck-Ausführung des legendären 917 zum Angriff, sondern auch mit entsprechendem Aussehen. Die offenen, knapp geschnittenen 908/03, die eigens für kurvenreiche Strecken wie die der Targa Florio entwickelt worden waren, kamen besonders angriffslustig daher. In die Farben Hellblau und Orange des Ölkonzerns und Sponsors „Gulf" getaucht, trugen sie riesige Pfeile oder Dreiecke zur Schau, die Dynamik und Vorwärtsdrang optisch selbst dann noch zum Greifen nah erscheinen ließen, wenn die Boliden stillstanden. Ein weiß lackiertes Exemplar trägt auf der Front eine Abfolge unterschiedlich dicker, geschwungener roter Linien, als sei hier der Luftwiderstand selbst visualisiert, gegen den der Wagen anzurennen hatte.

Natürlich haben viele Designs mit den Farben und Mustern der jeweiligen Hauptsponsoren und deren „Corporate Design" zu tun. Doch ob Marlboro, Martini oder Jägermeister, Gulf, Benetton, Gitanes oder John Player, stets wurde das Erscheinungsbild der Marke dem Rennwagen angepasst, womit aus Werbung nach und nach „Branding" wurde.

So erfährt der Betrachter in „Go faster" ebenso etwas über außergewöhnliche Rennwagen wie über die Macht hervorragenden Grafikdesigns. Was auch dazu führt, dass man nun etwas besser versteht, weshalb so viele optisch „aufgemotzte" Normalvehikel herumfahren und Sendungen wie „pimp my ride" längst auch hierzulande angekommen sind. Bei einem allgemein angestiegenen „Showbedürfnis" - samt einem von Fremdwahrnehmung gesteuerten Selbstwertgefühl - ist eben auch der gesamte Heimwerker-Schrauber-Tuner-Komplex vom optisch erzeugten Gefühl, schnell zu sein, infiziert.

Sven Voelkers Buch, weder ein wissenschaftlicher Leitfaden für gelungenes Grafikdesign im Motorsport noch ein Lexikon erfolgreicher Rennwagen, ist umso mehr ein Fest für all jene Augen, die schnell genug sind, um auch der optischen Geschwindigkeit eines Rennwagens folgen zu können: selbst wenn es in der Vitrine steht.

Sven Voelker, Go Faster. The Graphic Design of Racing Cars, Gestalten Verlag, 144 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

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