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Das Sofa als reife Frucht
31. Januar 2011
Ronan Bouroullec vor dem Sofa "Ploum", das er gemeinsam mit seinem Bruder Erwan für Ligne Roset entworfen hat; Foto: Nina Reetzke, Stylepark

Auch dieses Jahr wird es auf besondere Weise gemütlich, jedenfalls, wenn man den neuen Entwürfen von Ronan und Erwan Bouroullec glauben will, die auf der imm cologne das Sofa „Ploum" und auf der Maison & Object den Teppich „Losanges" präsentierten. Nina Reetzke sprach mit Ronan Bouroullec über bodennahe Sitzmöbel, die inspirative Kraft von Skizzen und die Freude, das Medium Film neu zu entdecken.

Nina Reetzke: Welche Vorgaben hatten Sie von Ligne Roset, als Sie mit der Arbeit an „Ploum" begonnen haben?

Ronan Bouroullec: Für „Ploum" gab es kein Briefing. Erwan und ich wollten ein Sofa entwerfen, das besonders bequem ist und das sich von all dem unterscheidet, was es bereits gibt. „Ploum" wirkt sehr sinnlich. Es erinnert an eine reife Frucht, die fast schon zu saftig ist, um sie zu essen. Oder man verspeist sie noch schnell, weil sie am nächsten Tag schon nicht mehr genießbar wäre. Sie enthält viel Zucker und schmeckt süß.

Seit etwa fünfzehn Jahren beschäftigen wir uns mit dem Thema „Schwamm". Aus unserer Sicht ist es ein Material, dass besonders für Komfort steht. Daraus entstanden eine Reihe von Sofaentwürfen, die stets einen stark informellen Charakter hatten. Obwohl wir es wiederholt versucht haben, konnten wir über lange Zeit hinweg keinen Hersteller dafür begeistern. Wir legten dann die Entwürfe bei Seite, fingen irgendwann wieder von vorne an - und so weiter. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Die Entwicklung von „Ploum" dauerte nur ein Jahr, was für ein Sofa wenig Zeit ist.

Wie würden Sie die Form von „Ploum" beschreiben?

Bouroullec: „Ploum" hat keine Kanten, die Lehne ist hoch und die Sitzfläche niedrig. Alles an „Ploum" ist darauf ausgerichtet, dass man in möglichst vielen Positionen bequem sitzen oder liegen kann - lesend, schlafend oder als Paar sich gegenüber sitzend. Manchen Leuten mag die Sitzfläche von „Ploum" etwas zu niedrig vorkommen. Meine Eltern sind beide um die siebzig Jahre alt. Sie verbringen viel Zeit auf ihrem Sofa. Wenn sie sich einmal niedergelassen haben, bleiben sie dort eine Weile, bis zu zwei oder drei Stunden, vergleichbar mit einem Gang ins Bett. Wenn sie dann eine Minute brauchen, um gleichsam aus dem Sofa hinaus zu kommen, ist es eine Art Sport für sie und gut für ihren Körper.

Eignet sich „Ploum" auch zur Einrichtung von öffentlichen Räumen?

Bouroullec: „Ploum" sieht so aus, als wäre es für private Wohnzimmer entworfen. Wenn man sich jedoch Einrichtungen von öffentlichen Räumen zum Beispiel im Nahen Osten ansieht, finden sich dort auch Sofas, die eine noch niedrigere Sitzfläche als „Ploum" haben. Teilweise legen sich die Leute sogar einfach auf den Teppich. Wir müssen Einrichtungen für öffentliche Räume neu überdenken. All diese Regulierungen, wie dass die Sitzhöhe vierzig Zentimeter betragen muss, sind nichts als ermüdend. Normen finden sich überall, der Sinn für Vielfalt und Eklektizismus nur selten. Ich glaube, dass öffentliche Räume nicht nach formalen Kriterien eingerichtet sein müssen. Nicht jeder präsentiert sich gerne so brav und ordentlich wie die Deutschen oder die Schweizer. Eine der Qualitäten dieser Welt liegt darin, eine bestimmte Menge an Wahlmöglichkeiten zu haben, sich nicht durch eine Vielzahl an Gesetzen beschränken zu lassen und sich für seine Anliegen einzusetzen zu können.

Was lässt sich über das Lochmuster von „Ploum" sagen?

Bouroullec: Der Bezugsstoff existierte bereits, wir haben ihn nicht extra für das Sofa entworfen. Da der Bezug aus einem Stück besteht, der sich über viele runde Formen zieht, muss sich der Stoff dehnen lassen und an vielen Punkten am Polster befestigt werden. Außerdem ist das Material mit seinen acht Millimetern besonders dick, was das Sofa wiederum außergewöhnlich weich wirken lässt.

Wie wichtig ist der Teppich unter dem Sofa für den Gesamteindruck?

Bouroullec: Bei „Ploum" mit seiner niedrigen Sitzfläche ist es unverzichtbar, dass ein guter Teppich darunter liegt. Als wir den Teppich „Losanges" fotografierten, der von Nanimarquina produziert wird, hätten wir gerne Aufnahmen von „Ploum" und „Losanges" zusammen gemacht. Leider reichte dafür im Januar zwischen den Messen in Köln und Paris die Zeit nicht.

Wie entstand „Losanges"?

Bouroullec: Nanimarquina hat uns um einen Teppichentwurf gebeten. „Losanges" wird mit der traditionellen Kelimtechnik gefertigt. Er wird in einem politischen Krisengebiet in Pakistan hergestellt, für die Produktion mussten wir erst friedlichere Verhältnisse abwarten.

Was lässt sich über die Form sagen?

Bouroullec: Wenn man sich „Losanges" ansieht, kommt einem nicht der Gedanke, dass der Teppich in Mittelasien produziert wird. Wir wollten eine Geometrie nutzen, die nicht auf gängigen quadratischen, viereckigen und runden Formen beruht. Daher entschieden wir uns für die Rautenfolgen mit ihren schiefwinkligen Linien.

Woher stammen die Muster?

Bouroullec: Wie Sie vielleicht wissen, zeichnen wir viel - und nicht nur für konkrete Projekte. In Bordeaux läuft gerade eine Ausstellung namens „Album" mit unseren Zeichnungen. Das Muster von „Losanges" ist aus einigen dieser abstrakten Zeichnungen entstanden. „Losanges" für Nanimarquina und das Muster für das Laminat „Church" für Parador stammen unverkennbar aus einer ähnlichen Zeit.

Nanimarquina unterstützt aktiv Projekte gegen Kinderarbeit, für Nachhaltigkeit und für fairen Handel. Was ist Ihre Haltung zu ethischem Konsum?

Bouroullec: Ethischer Konsum ist überaus wichtig. Ich kenne Nanimarquina nicht sehr gut. Jedoch scheint man diese Frage dort ernst zu nehmen und nicht für Zwecke des Marketing zu missbrauchen - was zynisch wäre.

Ein Großteil der Marketingunterlagen entwickeln Sie in Ihrem Studio. Wie wichtig ist Ihnen die Präsentation Ihrer Produkte?

Bouroullec: Wir betreiben diese Disziplin mit Leidenschaft. Ein Großteil unserer Arbeit wird auf Fotografien oder im Internet betrachtet. Wir haben das früh erkannt. Ich glaube auch heute noch, dass es wichtig ist, den Leuten zu den Produkten gute Kommunikationsunterlagen an die Hand zu geben. Mir gefällt daran, eine Atmosphäre erzeugen zu können und dadurch anderen zu vermitteln, was wir selbst über unsere Projekte denken.

An welchem Punkt des Designprozesses fangen Sie an, über die Produktbilder nachzudenken?

Bouroullec: Wir fangen recht früh damit an uns vorzustellen, wie das Produkt am Ende inszeniert werden soll. Das kann ein Problem sein. Entwerfen ist eine komplexe Angelegenheit - so ähnlich wie Kochen. Sie können das beste Gemüse haben, ohne Salz schmeckt das Gericht nicht. Im Design ist das nicht anders. Sie können eine gute Idee und einen schönen Entwurf haben. Wenn der Preis nicht stimmt, wird alles ein einziger Horror. Alle Parameter wollen gleichermaßen berücksichtigt sein.

Was sagen die Unternehmen dazu, wenn Sie Marketingaufgaben, die eigentlich eher beim Hersteller liegen, übernehmen?

Bouroullec: Für die Hersteller ist das zumeist ein Albtraum. Vitra ist dabei eine Ausnahme. Wir haben die Art und Weise beeinflusst, wie Vitra nach der ersten Zusammenarbeit mit uns kommunizierte. Erinnern Sie sich an die Bilder von „Joyn"? Sehen Sie sich an, wie sich diese Bildsprache und Kommunikationsstrategie in den folgenden Kampagnen niedergeschlagen haben.

In Fragen des Marketings diskutieren wir auch nicht groß mit den Herstellern. Sie müssen unsere Herangehensweise akzeptieren. Häufig kommt es dadurch zu einer Doppelkommunikation, sowohl von den Herstellern als auch von uns.

Nachdem wir das jetzt über viele Jahre praktizieren fange ich langsam an zu glauben, dass Marketing vielleicht weniger wichtig ist als ich einst dachte. Für alle Leute, die Design nicht als ihre Aufgabe und Leidenschaft sehen, geht es nur um das Sofa selbst. Sie gehen in einen Laden, sehen ein Sofa, probieren es aus und überlegen, ob es gut in ihre Wohnung passt. Das ist alles.

Zu einigen Ihrer Produkte produzieren Sie sogar Filme. Weshalb nehmen Sie einen so großen Aufwand auf sich?

Bouroullec: Es ist Fakt, dass die Entwicklung von Produkten lange dauern und frustrierend sein kann. Wir erhalten mehr Gestaltungsspielraum, wenn wir fotografieren und filmen - wir machen das aus Freude. Strategisch gesehen ist die Produktion von Filmen nicht sinnvoll. Gute Fotografien bekommt man im Laufe einer Woche hin - und am Ende ist eine Woche eine Woche. Einen Film zu produzieren dauert wesentlich länger. Erwan und ich machen alles zusammen, einzige Ausnahme sind Fotografieren und Filmen. Erwan kümmert sich um die Filme und ich kümmere mich um die Fotografien. An dieser Aufteilung ist auch nicht zu rütteln. Interessanterweise sind wir keine professionellen Filmer. Wir entdecken Sachen, die es eigentlich schon längst gibt. Es hat zum Beispiel Wochen gedauert, um herauszufinden, wie sich am besten Wasser zeichnen lässt - für den Film zur Axor Badkollektion. Wenn wir Profis beauftragen würden, liefe der Prozess sicher schneller. Aber wir machen es gerne selbst. Es kostet uns viel Geld und ist ziemlich unvernünftig. Kein Hersteller würde dafür bezahlen. Aber wir sind glücklich.

Ploum von Bouroullecs für Ligne Roset, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Detail von Ploum
Losanges von Bouroullecs für Nanimarquina
Losanges von Bouroullecs
Sonderausstellung mit den Produktentwürfen der Bouroullecs zur Maison+Objet 2011 in Paris
Sonderausstellung zur Maison+Objet 2011 in Paris
Sonderausstellung zur Maison+Objet 2011 in Paris
In Bordeaux läuft gerade eine Ausstellung namens „Album“ mit Zeichnungen der Bouroullecs.
Ausstellung Album in Bordeaux
Ausstellung Album in Bordeaux
Produkte
nanimarquina: Losanges @ Stylepark
nanimarquina
Losanges
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
ligne roset: PLOUM 2-Sitzer @ Stylepark
ligne roset
PLOUM 2-Sitzer
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
News & Stories › 2011 › Januar
Das Sofa als reife Frucht
31. Januar 2011
Sieht es aus wie eine reife Erdbeere? Oder wie ein aufgequollenes Knäckebrot? Wie auch immer diese Frage beantwortet wird, das Sofa „Ploum" von den Gebrüdern Bouroullec gehörte zu den aufsehenerregendsten Produkten der diesjährigen imm Cologne. Nina Reetzke sprach mit Ronan Bouroullec über eine geringe Sitzhöhe, Marketing und das Drehen von Filmen.
Auch dieses Jahr wird es auf besondere Weise gemütlich, jedenfalls, wenn man den neuen Entwürfen von Ronan und Erwan Bouroullec glauben will, die auf der imm cologne das Sofa „Ploum" und auf der Maison & Object den Teppich „Losanges" präsentierten. Nina Reetzke sprach mit Ronan Bouroullec über bodennahe Sitzmöbel, die inspirative Kraft von Skizzen und die Freude, das Medium Film neu zu entdecken.

Nina Reetzke: Welche Vorgaben hatten Sie von Ligne Roset, als Sie mit der Arbeit an „Ploum" begonnen haben?

Ronan Bouroullec: Für „Ploum" gab es kein Briefing. Erwan und ich wollten ein Sofa entwerfen, das besonders bequem ist und das sich von all dem unterscheidet, was es bereits gibt. „Ploum" wirkt sehr sinnlich. Es erinnert an eine reife Frucht, die fast schon zu saftig ist, um sie zu essen. Oder man verspeist sie noch schnell, weil sie am nächsten Tag schon nicht mehr genießbar wäre. Sie enthält viel Zucker und schmeckt süß.

Seit etwa fünfzehn Jahren beschäftigen wir uns mit dem Thema „Schwamm". Aus unserer Sicht ist es ein Material, dass besonders für Komfort steht. Daraus entstanden eine Reihe von Sofaentwürfen, die stets einen stark informellen Charakter hatten. Obwohl wir es wiederholt versucht haben, konnten wir über lange Zeit hinweg keinen Hersteller dafür begeistern. Wir legten dann die Entwürfe bei Seite, fingen irgendwann wieder von vorne an - und so weiter. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Die Entwicklung von „Ploum" dauerte nur ein Jahr, was für ein Sofa wenig Zeit ist.

Wie würden Sie die Form von „Ploum" beschreiben?

Bouroullec: „Ploum" hat keine Kanten, die Lehne ist hoch und die Sitzfläche niedrig. Alles an „Ploum" ist darauf ausgerichtet, dass man in möglichst vielen Positionen bequem sitzen oder liegen kann - lesend, schlafend oder als Paar sich gegenüber sitzend. Manchen Leuten mag die Sitzfläche von „Ploum" etwas zu niedrig vorkommen. Meine Eltern sind beide um die siebzig Jahre alt. Sie verbringen viel Zeit auf ihrem Sofa. Wenn sie sich einmal niedergelassen haben, bleiben sie dort eine Weile, bis zu zwei oder drei Stunden, vergleichbar mit einem Gang ins Bett. Wenn sie dann eine Minute brauchen, um gleichsam aus dem Sofa hinaus zu kommen, ist es eine Art Sport für sie und gut für ihren Körper.

Eignet sich „Ploum" auch zur Einrichtung von öffentlichen Räumen?

Bouroullec: „Ploum" sieht so aus, als wäre es für private Wohnzimmer entworfen. Wenn man sich jedoch Einrichtungen von öffentlichen Räumen zum Beispiel im Nahen Osten ansieht, finden sich dort auch Sofas, die eine noch niedrigere Sitzfläche als „Ploum" haben. Teilweise legen sich die Leute sogar einfach auf den Teppich. Wir müssen Einrichtungen für öffentliche Räume neu überdenken. All diese Regulierungen, wie dass die Sitzhöhe vierzig Zentimeter betragen muss, sind nichts als ermüdend. Normen finden sich überall, der Sinn für Vielfalt und Eklektizismus nur selten. Ich glaube, dass öffentliche Räume nicht nach formalen Kriterien eingerichtet sein müssen. Nicht jeder präsentiert sich gerne so brav und ordentlich wie die Deutschen oder die Schweizer. Eine der Qualitäten dieser Welt liegt darin, eine bestimmte Menge an Wahlmöglichkeiten zu haben, sich nicht durch eine Vielzahl an Gesetzen beschränken zu lassen und sich für seine Anliegen einzusetzen zu können.

Was lässt sich über das Lochmuster von „Ploum" sagen?

Bouroullec: Der Bezugsstoff existierte bereits, wir haben ihn nicht extra für das Sofa entworfen. Da der Bezug aus einem Stück besteht, der sich über viele runde Formen zieht, muss sich der Stoff dehnen lassen und an vielen Punkten am Polster befestigt werden. Außerdem ist das Material mit seinen acht Millimetern besonders dick, was das Sofa wiederum außergewöhnlich weich wirken lässt.

Wie wichtig ist der Teppich unter dem Sofa für den Gesamteindruck?

Bouroullec: Bei „Ploum" mit seiner niedrigen Sitzfläche ist es unverzichtbar, dass ein guter Teppich darunter liegt. Als wir den Teppich „Losanges" fotografierten, der von Nanimarquina produziert wird, hätten wir gerne Aufnahmen von „Ploum" und „Losanges" zusammen gemacht. Leider reichte dafür im Januar zwischen den Messen in Köln und Paris die Zeit nicht.

Wie entstand „Losanges"?

Bouroullec: Nanimarquina hat uns um einen Teppichentwurf gebeten. „Losanges" wird mit der traditionellen Kelimtechnik gefertigt. Er wird in einem politischen Krisengebiet in Pakistan hergestellt, für die Produktion mussten wir erst friedlichere Verhältnisse abwarten.

Was lässt sich über die Form sagen?

Bouroullec: Wenn man sich „Losanges" ansieht, kommt einem nicht der Gedanke, dass der Teppich in Mittelasien produziert wird. Wir wollten eine Geometrie nutzen, die nicht auf gängigen quadratischen, viereckigen und runden Formen beruht. Daher entschieden wir uns für die Rautenfolgen mit ihren schiefwinkligen Linien.

Woher stammen die Muster?

Bouroullec: Wie Sie vielleicht wissen, zeichnen wir viel - und nicht nur für konkrete Projekte. In Bordeaux läuft gerade eine Ausstellung namens „Album" mit unseren Zeichnungen. Das Muster von „Losanges" ist aus einigen dieser abstrakten Zeichnungen entstanden. „Losanges" für Nanimarquina und das Muster für das Laminat „Church" für Parador stammen unverkennbar aus einer ähnlichen Zeit.

Nanimarquina unterstützt aktiv Projekte gegen Kinderarbeit, für Nachhaltigkeit und für fairen Handel. Was ist Ihre Haltung zu ethischem Konsum?

Bouroullec: Ethischer Konsum ist überaus wichtig. Ich kenne Nanimarquina nicht sehr gut. Jedoch scheint man diese Frage dort ernst zu nehmen und nicht für Zwecke des Marketing zu missbrauchen - was zynisch wäre.

Ein Großteil der Marketingunterlagen entwickeln Sie in Ihrem Studio. Wie wichtig ist Ihnen die Präsentation Ihrer Produkte?

Bouroullec: Wir betreiben diese Disziplin mit Leidenschaft. Ein Großteil unserer Arbeit wird auf Fotografien oder im Internet betrachtet. Wir haben das früh erkannt. Ich glaube auch heute noch, dass es wichtig ist, den Leuten zu den Produkten gute Kommunikationsunterlagen an die Hand zu geben. Mir gefällt daran, eine Atmosphäre erzeugen zu können und dadurch anderen zu vermitteln, was wir selbst über unsere Projekte denken.

An welchem Punkt des Designprozesses fangen Sie an, über die Produktbilder nachzudenken?

Bouroullec: Wir fangen recht früh damit an uns vorzustellen, wie das Produkt am Ende inszeniert werden soll. Das kann ein Problem sein. Entwerfen ist eine komplexe Angelegenheit - so ähnlich wie Kochen. Sie können das beste Gemüse haben, ohne Salz schmeckt das Gericht nicht. Im Design ist das nicht anders. Sie können eine gute Idee und einen schönen Entwurf haben. Wenn der Preis nicht stimmt, wird alles ein einziger Horror. Alle Parameter wollen gleichermaßen berücksichtigt sein.

Was sagen die Unternehmen dazu, wenn Sie Marketingaufgaben, die eigentlich eher beim Hersteller liegen, übernehmen?

Bouroullec: Für die Hersteller ist das zumeist ein Albtraum. Vitra ist dabei eine Ausnahme. Wir haben die Art und Weise beeinflusst, wie Vitra nach der ersten Zusammenarbeit mit uns kommunizierte. Erinnern Sie sich an die Bilder von „Joyn"? Sehen Sie sich an, wie sich diese Bildsprache und Kommunikationsstrategie in den folgenden Kampagnen niedergeschlagen haben.

In Fragen des Marketings diskutieren wir auch nicht groß mit den Herstellern. Sie müssen unsere Herangehensweise akzeptieren. Häufig kommt es dadurch zu einer Doppelkommunikation, sowohl von den Herstellern als auch von uns.

Nachdem wir das jetzt über viele Jahre praktizieren fange ich langsam an zu glauben, dass Marketing vielleicht weniger wichtig ist als ich einst dachte. Für alle Leute, die Design nicht als ihre Aufgabe und Leidenschaft sehen, geht es nur um das Sofa selbst. Sie gehen in einen Laden, sehen ein Sofa, probieren es aus und überlegen, ob es gut in ihre Wohnung passt. Das ist alles.

Zu einigen Ihrer Produkte produzieren Sie sogar Filme. Weshalb nehmen Sie einen so großen Aufwand auf sich?

Bouroullec: Es ist Fakt, dass die Entwicklung von Produkten lange dauern und frustrierend sein kann. Wir erhalten mehr Gestaltungsspielraum, wenn wir fotografieren und filmen - wir machen das aus Freude. Strategisch gesehen ist die Produktion von Filmen nicht sinnvoll. Gute Fotografien bekommt man im Laufe einer Woche hin - und am Ende ist eine Woche eine Woche. Einen Film zu produzieren dauert wesentlich länger. Erwan und ich machen alles zusammen, einzige Ausnahme sind Fotografieren und Filmen. Erwan kümmert sich um die Filme und ich kümmere mich um die Fotografien. An dieser Aufteilung ist auch nicht zu rütteln. Interessanterweise sind wir keine professionellen Filmer. Wir entdecken Sachen, die es eigentlich schon längst gibt. Es hat zum Beispiel Wochen gedauert, um herauszufinden, wie sich am besten Wasser zeichnen lässt - für den Film zur Axor Badkollektion. Wenn wir Profis beauftragen würden, liefe der Prozess sicher schneller. Aber wir machen es gerne selbst. Es kostet uns viel Geld und ist ziemlich unvernünftig. Kein Hersteller würde dafür bezahlen. Aber wir sind glücklich.