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Das west-östliche Gartenei
von Anneke Bokern | 26. März 2009
Manchmal lebt man jahrzehntelang mit einem Irrtum. So dachte ich zum Beispiel immer, das sogenannte „Senftenberger Sitzei" sei ein typisches Designprodukt der DDR gewesen. In den neunziger Jahren gehörte es zum Retro-Sortiment jedes Berliner Secondhand-Designladens, der etwas auf sich hielt, und zierte auch bald das Interieur manch einer Bar in Mitte. „Schau mal, da steht so ein toller Ost-Sessel!", war der übliche Kommentar, gefolgt von einem bewundernden Tätscheln der gewölbten Plastikschale. Kein Wunder, sind die Eier, die ursprünglich zur Aufstellung im Garten gedacht waren, doch wirklich niedlich. In geschlossenem Zustand gleichen sie mit ihrer spiegelglatten, knallfarbenen Haut einem überdimensionierten M&M, in geöffnetem Zustand verströmen sie viel Space-Age-Flair. Raumpatrouille Orion und James Bond lassen grüßen. Zwar hat das Sitzei durchaus etwas mit Ostdeutschland zu tun, aber eigentlich ist seine Geschichte viel komplexer. Entworfen wurde es 1968 vom damals gerade 28-jährigen ungarischen Architekten Peter Ghyczy, der in Aachen studiert hatte. Direkt nach seinem Studium wurde er Chefdesigner beim Polyurethan-Hersteller Elastogran/Reuter in Lemförde nahe Osnabrück. Seine Aufgabe war es, Prototypen für Möbel aus dem damals noch neuen Material Polyurethan zu entwickeln. Er entwarf eine ganze Reihe, zu der auch das Sitzei gehörte, das zunächst in kleiner Auflage in den Vereinigten Werkstätten in München hergestellt und an Geschäftskunden verschenkt wurde. Als es jedoch an eine serienmäßige Produktion ging, bekam Elastogran kalte Füße und traf die ungewöhnliche Entscheidung, den Sessel jenseits der Mauer herstellen zu lassen, wo die Produktion wesentlich günstiger war. Der Auftrag ging 1971 an das VEB Synthesewerk Schwarzheide nahe Senftenberg. Die Plastikeier mit herausnehmbarem Polster, die in zugeklapptem Zustand völlig wasserdicht sind, wurden zwar auch in Ostdeutschland auf den Markt gebracht, waren aber für dortige Verhältnisse viel zu teuer. Der Großteil wurde in Westdeutschland abgesetzt. Aber auch dort waren sie nicht lange zu haben, denn nach nur zwei oder drei Jahren und ungefähr tausend Stück wurde die Produktion wieder eingestellt. Die Ölkrise machte Kunststoff zum Luxusgut, und das Lackieren der Kunststoffschalen war ohnehin von Anfang an ein Problem gewesen.

Peter Ghyczy gründete daraufhin 1972 im niederländischen Örtchen Swalmen, unweit der deutschen Grenze, seine eigene Möbelfirma Ghyczy Selection. „Angesichts der konservativen Einstellung der Produzenten, beschloss ich, selber die Kontrolle über Produktion und Vertrieb zu übernehmen", sagt er. Den Garden Egg Chair nahm er trotzdem erst 1998 wieder ins Programm, angesichts der plötzlich so großen Beliebtheit der Original-Eier. Um die ursprünglichen Probleme mit dem Material zu umschiffen, wird er nun aus recycelbarem Polystyrol anstatt aus Polyurethan hergestellt und ist in allen RAL-Farben erhältlich. Innerhalb des ansonsten eher technoid-minimalistischen Sortiments von Ghyczy Selection ist das Sitzei vierzig Jahre nach seiner Entstehung wieder das, was es immer war: ein liebenswerter Außenseiter.