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Die Kuratoren Setiadi Sopandi und Avianti Armand der Ausstellung „Tropicality Revisited – Neue Ansätze Indonesischer Architekten“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main.
Foto © Adeline Seidel
Dem Klima entsprechen
Im Gespräch: Avianti Armand und Setiadi Sopandi
12. September 2015
Bauen in den Tropen, dass bringt bei vielen Architekten aus Mittel- und Nordeuropa die Augen zum Glänzen: Fernab von Dreifachverglasung und Wärmedämmverbundsystemen müsse doch eine ganz andere Architektur möglich sein. Dass tropisches Klima aber auch viel Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, heftige Regenschauer und jede Menge Moskitos bedeutet, vergisst man geflissentlich. Während man sich hierzulande bemüht, möglichst die Wärme im Haus zu behalten – sehen wir von den wenigen Wochen im Sommer ab –, zeigen die zwölf Architekturprojekte, die in der Ausstellung „Tropicality Revisited – Neue Ansätze Indonesischer Architekten“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main vorgestellt werden, wie man mit durchdachten Gebäuden für ausreichend Schatten und gute Luftzirkulation sorgt. Kuratiert wurde die Ausstellung von Avianti Armand und Setiadi Sopandi. Beide sind praktizierende Architekten mit eigenen Büros in Indonesien. Vor gut einem Jahr waren sie für den ersten Indonesischen Beitrag auf der 14. Architekturbiennale in Venedig verantwortlich. Adeline Seidel hat mit den jungen Kuratoren über die neuen Ansätze gesprochen, die sie in der Ausstellung präsentieren.

Adeline Seidel: Die Ausstellung zeigt eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Projekte. Präsentiert werden Wohnhäuser, eine Moschee, ein temporärer Bau. Nach welchen Kriterien haben Sie die 12 Projekte ausgewählt?

Setiadi Sopandi: Der kleinste gemeinsame Nenner aller Projekte ist ihr geschickter Umgang mit den klimatischen Bedingungen. Uns war es wichtig, eine möglichst große Bandbreite indonesischer Architektur zu zeigen und damit auch gleichzeitig den Diskurs über das Bauen in den Tropen anzuregen. Dafür haben wir einen „Call for Contribution“ ausgerufen. Die Resonanz von unseren Kollegen war erstaunlich: Mehr als 80 Projekte von knapp 70 Architekten aus ganz Indonesien wurden eingereicht. Wir haben daraus jene Projekte ausgewählt, bei denen wir denken, dass sie die interessantesten Ansätze zeigen. Wir meinen damit aber nicht allein den Umgang mit dem Klima als solchem, sondern auch mit den von diesem Klima geprägten Traditionen, den Kulturen und dem Verhalten.

Können Sie ein Beispiel geben?

Setiadi Sopandi: Traditionell wird tropische Architektur mit einem großen Dach und einem breiten Dachüberstand assoziiert. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit und der nassen Böden werden viele Bauten zudem aufgeständert. In der Ausstellung wollen wir zeigen, mit welchen Strategien und neuen Ideen die Architekten aktuell derartige klimatischen Bedingungen in ihrer Architektur handhaben – und das ist tatsächlich von Projekt zu Projekt verschieden. Zum Beispiel das Almarik Restaurant von Effan Adhiwira: Im Grunde besteht der Bau hauptsächlich aus einer leichten, großen Dachkonstruktion aus Bambus. Als Baumaterial ist Bambus in Indonesien noch relativ unbekannt. Man hat es bisher nicht, beziehungsweise nur selten als Material für Konstruktionen verwendet. Das ist meiner Meinung nach bei dem Bau aufgrund der Spannweite sehr beeindruckend; aber auch die Detaillösungen sind äußerst interessant.

Viele Bauten bestehen aus Beton, einem Werkstoff, der nicht unbedingt von jedermann als geeignetes Baumaterial für die Tropen angesehen wird. Gehen Architekten in Indonesien anders mit Beton um?

Avianti Armand: Wenn Beton verwendet wird, sind oftmals viele Bereiche des Hauses offen gehalten. Die Architekten zeigen ihre Verantwortung in Hinblick auf ein gutes Raumklima, indem sie geschickt neue und andere, nicht unbedingt traditionelle Materialien verwenden und mit Grundrisstypologien experimentieren. Das Architekturbüro Studio Tonton beispielsweise entwickelte für das Ize Hotel in Seminyak Elemente aus Glasfaserbeton, die viele Bereiche verschatten, aber dennoch eine angemessene Luftzirkulation ermöglichen und die Architektur selbst prägen.

Sie haben vor allem kleinere Bauvorhaben ausgewählt. Gibt es, was Hochhäuser oder größere Wohnungsbauten angeht, keine über das Gewohnte hinausgehenden Projekte?

Setiadi Sopandi: Wir zeigen keine Hochhausbauten, weil wir glauben, dass eine Menge Potential in den kleinen Projekten steckt, die ja mitunter unkonventionelle Ansätze verfolgen und durchaus experimentell vorgehen. Oft sind es die Wohnhäuser der Architekten selbst, bei denen sie ganz progressiv ihre Ideen umgesetzt haben. Deswegen nennen wir die Projekte auch „Case Studies“. Wir sehen die Projekte nicht als eine Lösung für ein bestimmtes Problem, sondern als Grundlage, um über neue Ansätze diskutieren zu können.

Im Pavillon der Nordischen Länder wurde bei der letzten Architekturbiennale in Venedig die Moderne in den afrikanischen Ländern thematisiert. Insbesondere das Mitwirken von skandinavischen Architekten bei den Bauprojekten der jungen, unabhängigen Staaten, die sich der Architektur der Kolonialherren entledigten und mit moderner Architektur den Neuanfang symbolisieren wollten. Wie war es in Indonesien?

Setiadi Sopandi: Der erste Präsident Indonesiens, Sukarno, war selbst Architekt. Er hat viele Architekten beauftragt und die Architektursprache der indonesischen Moderne maßgeblich beeinflusst. Fredrech Silaban gehörte zu den Architekten, die der Präsident häufig beauftragte. Silaban nahm die traditionelle Architektursprache – Dachformen, Sonnenschutzelemente – als Grundlage, rationalisierte und überführte sie in eine moderne Architektursprache. Einige Projekte wurden auch von europäischen, japanischen und amerikanischen Architekten realisiert. Deswegen haben wir wohl eine ganz spannende Sammlung moderner Architektur in unserem Land.

Haben die Gebäude der Moderne unter den gegebenen klimatischen Bedingungen gut funktioniert?

Avianti Armand: Sie haben gut funktioniert. Man muss aber wissen: In den 1960er Jahren war die Temperatur in Jarkata nicht so hoch wie heute; die Stadt war nicht so dicht bebaut. Es ist also nicht korrekt, wenn man heute sagt, die Gebäude funktionieren klimatechnisch nicht. Denn die Bedingungen, in denen die Bauten sich heute befinden, sind vollkommen andere als zu der Zeit, in der sie errichtet wurden. Immer mehr grüne Bereiche in der Stadt verschwinden, weil sie bebaut werden. Verkehr und Klimaanlagen tragen mit dazu bei, dass die Temperatur in der Stadt steigt. Auch die Bauten der 1920er Jahre funktionieren heute nur noch mit Klimaanlage.

Was ist aus Ihrer Sicht nötig, damit in Indonesien ein Bewusstsein dafür entsteht, wie man in der Zukunft bauen möchte?

Setiadi Sopandi: Wir sind in der Phase, in der wir uns erst einmal alles anschauen. Wir haben mit dem Diskurs vor zwei Jahren begonnen, als wir uns auf die Architekturbiennale in Venedig vorbereitet haben. Ein Architekturdiskurs war damals in Indonesien kaum vorhanden. Alle Büros präsentieren zwar immer mal wieder ihre Projekte, aber eine Diskussion findet nicht statt. Wir versuchen diesen Diskurs anzuregen, dazu gehört das Thema „Tropicality“ ebenso wie Handwerkskunst und ähnliches. Und: Dazu gehört auch das Archivieren, Beurteilen und Kontextualisieren all dessen, was gebaut wurde und gebaut wird.


Die Ausstellung
Tropicality Revisited – Neue Ansätze Indonesischer Architekten
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main
bis 3. Januar 2016
Di., Do. bis So. 11 bis 18 Uhr, Mi. 11 bis 20 Uhr
www.dam-online.de

Das Katalogbuch
Tropicality: Revisited
hrsg. v. Avianti Armand u. Setiadi Sopandi
186 Seiten, IMAJI Publishing
Englisch ISBN: 978-602-9260-27-4

Das Ize Hotel in Seminyak von dem Architekturbüro Studio Tonton ist eine der 12 "Case Studies". Foto © Paul Kadarisman
Die Ausstellungsarchitektur ist schlicht gehalten und übersichtlich strukturiert.
Foto © Fritz Philipp
Um das "Haus im Haus" angeordnet: Die 12 "Case Studies" werden mit Plänen, Modellen und Fotos ausführlich vorgestellt.
Foto © Fritz Philipp
Im "Haus im Haus" zeigen die Kuratoren die historischen Entwicklungen der tropischen Architektur. Foto © Fritz Philipp
Foto © Fritz Philipp
News & Stories › 2015 › September
Dem Klima entsprechen
12. September 2015
Aktuelle Projekte in Indonesien offenbaren spannende Ansätze für ein Bauen in den Tropen. Zwölf dieser beispielhaften Architekturen werden aktuell im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main gezeigt. Adeline Seidel hat mit den Kuratoren Avianti Armand und Setiadi Sopandi gesprochen.
Bauen in den Tropen, dass bringt bei vielen Architekten aus Mittel- und Nordeuropa die Augen zum Glänzen: Fernab von Dreifachverglasung und Wärmedämmverbundsystemen müsse doch eine ganz andere Architektur möglich sein. Dass tropisches Klima aber auch viel Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, heftige Regenschauer und jede Menge Moskitos bedeutet, vergisst man geflissentlich. Während man sich hierzulande bemüht, möglichst die Wärme im Haus zu behalten – sehen wir von den wenigen Wochen im Sommer ab –, zeigen die zwölf Architekturprojekte, die in der Ausstellung „Tropicality Revisited – Neue Ansätze Indonesischer Architekten“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main vorgestellt werden, wie man mit durchdachten Gebäuden für ausreichend Schatten und gute Luftzirkulation sorgt. Kuratiert wurde die Ausstellung von Avianti Armand und Setiadi Sopandi. Beide sind praktizierende Architekten mit eigenen Büros in Indonesien. Vor gut einem Jahr waren sie für den ersten Indonesischen Beitrag auf der 14. Architekturbiennale in Venedig verantwortlich. Adeline Seidel hat mit den jungen Kuratoren über die neuen Ansätze gesprochen, die sie in der Ausstellung präsentieren.

Adeline Seidel: Die Ausstellung zeigt eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Projekte. Präsentiert werden Wohnhäuser, eine Moschee, ein temporärer Bau. Nach welchen Kriterien haben Sie die 12 Projekte ausgewählt?

Setiadi Sopandi: Der kleinste gemeinsame Nenner aller Projekte ist ihr geschickter Umgang mit den klimatischen Bedingungen. Uns war es wichtig, eine möglichst große Bandbreite indonesischer Architektur zu zeigen und damit auch gleichzeitig den Diskurs über das Bauen in den Tropen anzuregen. Dafür haben wir einen „Call for Contribution“ ausgerufen. Die Resonanz von unseren Kollegen war erstaunlich: Mehr als 80 Projekte von knapp 70 Architekten aus ganz Indonesien wurden eingereicht. Wir haben daraus jene Projekte ausgewählt, bei denen wir denken, dass sie die interessantesten Ansätze zeigen. Wir meinen damit aber nicht allein den Umgang mit dem Klima als solchem, sondern auch mit den von diesem Klima geprägten Traditionen, den Kulturen und dem Verhalten.

Können Sie ein Beispiel geben?

Setiadi Sopandi: Traditionell wird tropische Architektur mit einem großen Dach und einem breiten Dachüberstand assoziiert. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit und der nassen Böden werden viele Bauten zudem aufgeständert. In der Ausstellung wollen wir zeigen, mit welchen Strategien und neuen Ideen die Architekten aktuell derartige klimatischen Bedingungen in ihrer Architektur handhaben – und das ist tatsächlich von Projekt zu Projekt verschieden. Zum Beispiel das Almarik Restaurant von Effan Adhiwira: Im Grunde besteht der Bau hauptsächlich aus einer leichten, großen Dachkonstruktion aus Bambus. Als Baumaterial ist Bambus in Indonesien noch relativ unbekannt. Man hat es bisher nicht, beziehungsweise nur selten als Material für Konstruktionen verwendet. Das ist meiner Meinung nach bei dem Bau aufgrund der Spannweite sehr beeindruckend; aber auch die Detaillösungen sind äußerst interessant.

Viele Bauten bestehen aus Beton, einem Werkstoff, der nicht unbedingt von jedermann als geeignetes Baumaterial für die Tropen angesehen wird. Gehen Architekten in Indonesien anders mit Beton um?

Avianti Armand: Wenn Beton verwendet wird, sind oftmals viele Bereiche des Hauses offen gehalten. Die Architekten zeigen ihre Verantwortung in Hinblick auf ein gutes Raumklima, indem sie geschickt neue und andere, nicht unbedingt traditionelle Materialien verwenden und mit Grundrisstypologien experimentieren. Das Architekturbüro Studio Tonton beispielsweise entwickelte für das Ize Hotel in Seminyak Elemente aus Glasfaserbeton, die viele Bereiche verschatten, aber dennoch eine angemessene Luftzirkulation ermöglichen und die Architektur selbst prägen.

Sie haben vor allem kleinere Bauvorhaben ausgewählt. Gibt es, was Hochhäuser oder größere Wohnungsbauten angeht, keine über das Gewohnte hinausgehenden Projekte?

Setiadi Sopandi: Wir zeigen keine Hochhausbauten, weil wir glauben, dass eine Menge Potential in den kleinen Projekten steckt, die ja mitunter unkonventionelle Ansätze verfolgen und durchaus experimentell vorgehen. Oft sind es die Wohnhäuser der Architekten selbst, bei denen sie ganz progressiv ihre Ideen umgesetzt haben. Deswegen nennen wir die Projekte auch „Case Studies“. Wir sehen die Projekte nicht als eine Lösung für ein bestimmtes Problem, sondern als Grundlage, um über neue Ansätze diskutieren zu können.

Im Pavillon der Nordischen Länder wurde bei der letzten Architekturbiennale in Venedig die Moderne in den afrikanischen Ländern thematisiert. Insbesondere das Mitwirken von skandinavischen Architekten bei den Bauprojekten der jungen, unabhängigen Staaten, die sich der Architektur der Kolonialherren entledigten und mit moderner Architektur den Neuanfang symbolisieren wollten. Wie war es in Indonesien?

Setiadi Sopandi: Der erste Präsident Indonesiens, Sukarno, war selbst Architekt. Er hat viele Architekten beauftragt und die Architektursprache der indonesischen Moderne maßgeblich beeinflusst. Fredrech Silaban gehörte zu den Architekten, die der Präsident häufig beauftragte. Silaban nahm die traditionelle Architektursprache – Dachformen, Sonnenschutzelemente – als Grundlage, rationalisierte und überführte sie in eine moderne Architektursprache. Einige Projekte wurden auch von europäischen, japanischen und amerikanischen Architekten realisiert. Deswegen haben wir wohl eine ganz spannende Sammlung moderner Architektur in unserem Land.

Haben die Gebäude der Moderne unter den gegebenen klimatischen Bedingungen gut funktioniert?

Avianti Armand: Sie haben gut funktioniert. Man muss aber wissen: In den 1960er Jahren war die Temperatur in Jarkata nicht so hoch wie heute; die Stadt war nicht so dicht bebaut. Es ist also nicht korrekt, wenn man heute sagt, die Gebäude funktionieren klimatechnisch nicht. Denn die Bedingungen, in denen die Bauten sich heute befinden, sind vollkommen andere als zu der Zeit, in der sie errichtet wurden. Immer mehr grüne Bereiche in der Stadt verschwinden, weil sie bebaut werden. Verkehr und Klimaanlagen tragen mit dazu bei, dass die Temperatur in der Stadt steigt. Auch die Bauten der 1920er Jahre funktionieren heute nur noch mit Klimaanlage.

Was ist aus Ihrer Sicht nötig, damit in Indonesien ein Bewusstsein dafür entsteht, wie man in der Zukunft bauen möchte?

Setiadi Sopandi: Wir sind in der Phase, in der wir uns erst einmal alles anschauen. Wir haben mit dem Diskurs vor zwei Jahren begonnen, als wir uns auf die Architekturbiennale in Venedig vorbereitet haben. Ein Architekturdiskurs war damals in Indonesien kaum vorhanden. Alle Büros präsentieren zwar immer mal wieder ihre Projekte, aber eine Diskussion findet nicht statt. Wir versuchen diesen Diskurs anzuregen, dazu gehört das Thema „Tropicality“ ebenso wie Handwerkskunst und ähnliches. Und: Dazu gehört auch das Archivieren, Beurteilen und Kontextualisieren all dessen, was gebaut wurde und gebaut wird.


Die Ausstellung
Tropicality Revisited – Neue Ansätze Indonesischer Architekten
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main
bis 3. Januar 2016
Di., Do. bis So. 11 bis 18 Uhr, Mi. 11 bis 20 Uhr
www.dam-online.de

Das Katalogbuch
Tropicality: Revisited
hrsg. v. Avianti Armand u. Setiadi Sopandi
186 Seiten, IMAJI Publishing
Englisch ISBN: 978-602-9260-27-4