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Den Durchbruch geschafft
von Thomas Wagner | 7. Juni 2016
Plötzlich weht der Geist freier durch das viel gescholtene Gemäuer: Große Durchbrüche lassen den Deutschen Pavillon nach vielen Seiten hin offen erscheinen.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Bei der Eröffnung durchwehte ein lauer Wind die hohen Räume. Man hörte die Vögel zwitschern. Das Wummern der Schiffsdiesel von der Lagune klang, als wolle ein Vaporetto direkt am Pavillon anlegen. In der Apsis blinzelte die Sonne durch die Bäume, Stimmen von drinnen und draußen vermischten sich. Alles stand offen. Alles steht offen. Alles bleibt offen.
Vier große Öffnungen haben sie in die Wände des Deutschen Pavillons in den venezianischen Gärten schlagen lassen. Mehr als 48 Tonnen Ziegelsteine wurden aus den denkmalgeschützten Mauern gebrochen, damit aus einem Gebäude voller falschem nationalen Pathos ein tatsächlich offenes Haus werde. Es ist eine gebaute Metapher, einfach aber wirksam, die aus den Debatten der Kuratoren und der Ausstellungsarchitekten entstanden ist.

Wo es viele Öffnungen statt der einen Tür gibt, weht der Geist freier durchs Gemäuer, ganz gleich, wann es gebaut wurde. Auf dem Architrav des Pavillons steht zwar nach wie vor in Majuskeln „Germania“, stattdessen könnte dort aber auch „Arrival Country“ stehen. Diese Geste wird bleiben. Sie lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Sie ist schon jetzt nicht mehr aus der Geschichte dieses umstrittenen Baus wegzudenken. Die Folgen gilt es zu ertragen, falls ungebetene Gäste kommen oder der Regen seine Spuren hinterlässt. Dabei ist Weltoffenheit zunächst nur ein schönes, freundlich klingendes Wort. Aber wie immer, wenn die Türen offen stehen und etwas aus der Welt draußen hereinweht, so gerät auch hier die gewohnte Ordnung aus dem Gleichwicht. Wie in der Geschichte, so braucht es auch in diesem Fall nur eine einzige Veränderung, nur eines kleinen Umschwungs, und schon verändert sich alles – ein reales Gebäude und einiges im Kopf.

Der Pavillon – nach allen Seiten hin offen. Wie Deutschland im vergangenen Jahr, als die eigenen Grenzen für mehr als eine Million Flüchtlinge aufgemacht wurden, trotz weitgehend geschlossener EU-Außengrenzen. Soll man die symbolische Geste idealistisch, ja romantisch nennen, die an diesem umstrittenen Bauwerk ansetzt, um über Deutschland als offenes Einwanderungsland nachzudenken?


Die Lagune im Rücken und mit Blick ins Grüne: Aus dieser Perspektive hat man bislang noch nie in den Hauptraum des Pavillons schauen können. Die von Eisenträgern gerahmten Maueröffnungen werden zu Einfallstoren für aufrührerische und aufwühlende Gedanken. Fotos © Thomas Wagner, Stylepark
Was offen steht, das steht auch zur Disposition

In demokratisch verfassten Gemeinwesen besitzt das Wohlfühlen (wie sein Gegenteil) offenbar ebenso zwei Körper wie einstmals der König. Während es in der eigenen Haut für gewöhnlich situationsbedingt schwankt, sich aber vergleichsweise leicht erkunden lässt, stehen einem kollektiven Sich-zuhause-fühlen mannigfache Hindernisse im Wege, seien sie politischer, institutioneller oder ideologischer Natur. Hinzu kommt: Die privaten mikropolitischen Gefühlsregungen wirken in einer medial leicht erregbaren Gesellschaft unmittelbar auf das kollektive Befinden ein und lassen sich für ganz unterschiedliche Zwecke instrumentalisieren.
Es ist nur wenige Monate her, da wurde Deutschland (oder sein kollektiver Gemeinschaftskörper) von heftigen Koliken geschüttelt. Das Ankommen war eines. Die Reaktionen ein anderes. Fremdenangst einerseits, Willkommenskultur andererseits, brachten die Körpersäfte in Wallung, den politischen Körper in Aufruhr. Tagtäglich kamen abertausende von Flüchtlingen, wurden begrüßt und verschmäht, erfuhren wärmende Zuwendung und schroffe Ablehnung. Pegida und AfD, ein grantiger bayrischer Ministerpräsident und eine unbeirrbare Kanzlerin, mediale Dauererregtheit, oft gefühlig inszeniert oder bis zur Hysterie gesteigert, die Suche nach Lösungen und ideologische Scharmützel, alles das gehörte damals ¬– und gehört auch heute und morgen noch zu Deutschland.

Man muss es sich noch einmal vor Augen führen, will man verstehen, wie und auf welchen unterschiedlichen Ebenen der deutsche Beitrag zur diesjährigen Architekturbiennale funktioniert. Hier werden nicht nur Öffnungen in ein Gebäude geschlagen, hier wird nicht nur ein Vorschlag unterbreitet, es werden viele Register gezogen, Melodie und Begleitung werden auf mehreren Manualen zugleich gespielt. Es handelt sich in der Tat nicht um Spielerei. Nichts bleibt inszenatorische Zutat, sondern ist im Kern mit der Sache verbunden, um die es hier geht: um Einwanderung und ihre Folgen.
Weshalb die offenen Mauern auch nicht einfach von Eisenträgern gerahmte Fenster sind, sondern Einfallstore für aufrührerische, auf alle Fälle aber aufwühlende Gedanken – über Menschen und Städte, über Aufbrechen und Ankommen, Bleibendürfen und Bleibenwollen, Sich-öffnen und Sich-abschotten – sowie über mögliche Gründe dafür, ob und wie alles das gelingt oder scheitert.
Kein gewöhnliches Panoramafenster: Die „Arrival City“ schottet sich sowenig ab wie der Pavillon sich verschließt. Foto © Thomas Wagner, Stylepark

Mehr als Rahmenbedingungen

„Making Heimat“ – schon der erste Teil des Ausstellungstitels suggeriert: Hier kann etwas getan werden, hier wird angepackt, etwas hergestellt. Aber geht das denn – Heimat machen? Kann man sie überhaupt herstellen? Und wenn ja, wie? Ist das tatsächlich eine Aufgabe für Macher? Gar eine für Stadtplaner und Architekten?
Stichwort Repräsentation: Die derzeit für den Pavillon zuständige Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Barbara Hendricks, spricht in ihrem Katalogvorwort denn auch mit Blick auf „Angebote für eine gelingende Integration“ von „Rahmenbedingungen“, die geschaffen werden müssten, „damit Deutschland für viele Menschen eine neue Heimat werden kann.“ Und sie fügt hinzu: „Dieser Aufgabe stellen sich Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.“ Das klingt, wie Politiker eben so reden – oder wie ihre Reden- und Grußwort-Schreiber sie es sagen lassen. Biennalen sind in hohem Maße symbolische Politik, also klingt auch das Verfahren des Heimat-Machens abstrakt.

Die Macher des deutschen Beitrags sind nicht identisch mit all jenen, die Heimat überall in Deutschland machen sollen, machen wollen, machen können. Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, Anna Scheuermann vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, und gemeinsam mit ihnen das für Ausstellungsarchitektur und Katalog verantwortliche Team von Something Fantastic aus Berlin, haben im Gegenteil und mit Erfolg versucht, sich an den Abstraktionen abzuarbeiten. Was ihnen auf unterschiedliche Weise gelingt. Gerade, weil sie mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben.

Deutschland, Ankunftsland

Auch deshalb hat der Titel noch einen zweiten Teil: „Germany, Arrival Country“. Auch hier mischen sich Unmittelbarkeit und Reflexion. Einerseits weiß jeder sofort, was gemeint ist; andererseits steckt im Ankommen mehr als das Willkommen am Bahnhof, in der Flüchtlingsunterkunft, in der Kommune.
Geschickt, wenn auch etwas plakativ, beziehen sich die Kuratoren dabei auf die Publikation von Doug Saunders „Arrival City. How the Largest Migration in History Is Reshaping Our World“ von 2010. Auf deren Basis haben sie acht Thesen über „Ankunftsstädte“ formuliert: „Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt. – Die Arrival City ist bezahlbar. – Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit. – Die Arrival City ist informell. – Die Arrival City ist selbst gebaut. – Die Arrival City ist im Erdgeschoss. – Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderern. – Die Arrival City braucht die besten Schulen.“

Man muss dem nicht in allen Punkten zustimmen. Trotzdem ist hier ein Baukasten fürs Weiterfragen entstanden, der Perspektiven jenseits des Festgefahrenen eröffnet. Zumal Ankunft, das sollte nicht vergessen werden, zwar nach Flughafenbereich klingt, in dem Wort aber viele andere Konnotationen mitschwingen, die weit übers Bauen hinausgehen. Zum Teil führen sie tief hinab bis zu den Fundamenten einer Kultur und einer Religion. So heißt es, vielleicht nicht ganz zufällig, in einem bekannten, an Psalm 24 angelehnten Kirchenlied: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.
Arbeit und gute Erreichbarkeit sind generell wichtig: Nicht sämtliche acht Thesen zur „Arrival City“ überzeugen, bieten aber Stoff für weitere Diskussionen.
Foto © Robert Volhard, Stylepark

Weil es nicht alles sein, aber vieles bewirken kann, über die Bedingungen nachzudenken, aus denen eine Kultur und eine Stadt des Ankommens entstehen, steht der Geste des nach vielen Seiten offenen Pavillons die Verengung des Ankommens auf architektonische und städtebauliche Bedingungen entgegen. Freilich nur, um im nächsten Moment bereits wieder aufgelöst und weitergedacht zu werden: Mittels eines Blicks auf Offenbach, der internationalsten Stadt Deutschlands, und einiger ihrer Bewohner. Und mittels einer vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) ins Leben gerufenen Online-Datenbank, die seit Oktober 2015 realisierte oder in Realisierung befindliche Bauten für Flüchtlinge und Migranten sammelt. Sämtlich Projekte, die – gegliedert nach Größe, Kosten und Bewohnern pro Quadratmetern, Material und Konstruktion – ein Stück gebaute Realität in Deutschland zeigen. Wer sie sich anschaut, der wird (abgesehen von den Leichtbauhallen und machen Container-Bauten) rasch die generelle Problematik aktuellen (Massen)-Wohnungsbaus wiedererkennen.

Wie man Heimat macht, wissen wir trotzdem noch immer nicht. Auch die Kuratoren wissen es nicht. Sie wollen ohnehin niemandem Vorschriften machen. Aber: Sie machen Vorschläge, formulieren Thesen, schauen genau hin – und machen auf diese Weise klar, dass eine Geste der Offenheit allein nicht reicht, um Vorurteile abzubauen und aus Abstraktionen konkrete Lebensverhältnisse entstehen zu lassen. Ohne eine solche Geste geht es aber auch nicht. Weshalb der Pavillon als nach vielen Seiten offener Bau und als Metapher sämtliche Einwände und Zweifel auf ganz simple Weise widerlegt: Er schafft einfach den Durchbruch und setzt sich den Folgen aus. Auch wenn das im geschützten Raum der bewachten Giardini geschieht. Vielleicht kann man Heimat ja doch ein Stück weit machen.

Deutscher Pavillon
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

www.makingheimat.de

Katalog:
Making Heimat. Germany, Arrival Country
Hrsg. Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, Anna Scheuermann
Texte von Doug Saunders u.a.
Gestaltung von Something Fantastic, Berlin
Englisch, Deutsch
288 S., ca. 200 Abb., br.,
Ostfildern 2016, Verlag Hatje Cantz,
ISBN 978-3-7757-4141-5
9,80 Euro
Hier wird’s konkret: In einer Online-Datenbank des D.A.M. findet man seit Oktober 2015 in Deutschland realisierte oder in Realisierung befindliche Bauten für Flüchtlinge und Migranten. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Wirklich alles okay? Offenbach am Main als internationalste Stadt Deutschlands dient als Exempel für eine „Arrival City“ mit allen dabei auftretenden Problemen.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2016 › Juni
Den Durchbruch geschafft
von Thomas Wagner | 7. Juni 2016
Wie macht man Heimat? Der Deutsche Pavillon öffnet seine Mauern und die Kuratoren formulieren Thesen, wie Städte aussehen, in denen Menschen nicht nur ankommen, sondern auch bleiben möchten.
Bei der Eröffnung durchwehte ein lauer Wind die hohen Räume. Man hörte die Vögel zwitschern. Das Wummern der Schiffsdiesel von der Lagune klang, als wolle ein Vaporetto direkt am Pavillon anlegen. In der Apsis blinzelte die Sonne durch die Bäume, Stimmen von drinnen und draußen vermischten sich. Alles stand offen. Alles steht offen. Alles bleibt offen.
Vier große Öffnungen haben sie in die Wände des Deutschen Pavillons in den venezianischen Gärten schlagen lassen. Mehr als 48 Tonnen Ziegelsteine wurden aus den denkmalgeschützten Mauern gebrochen, damit aus einem Gebäude voller falschem nationalen Pathos ein tatsächlich offenes Haus werde. Es ist eine gebaute Metapher, einfach aber wirksam, die aus den Debatten der Kuratoren und der Ausstellungsarchitekten entstanden ist.

Wo es viele Öffnungen statt der einen Tür gibt, weht der Geist freier durchs Gemäuer, ganz gleich, wann es gebaut wurde. Auf dem Architrav des Pavillons steht zwar nach wie vor in Majuskeln „Germania“, stattdessen könnte dort aber auch „Arrival Country“ stehen. Diese Geste wird bleiben. Sie lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Sie ist schon jetzt nicht mehr aus der Geschichte dieses umstrittenen Baus wegzudenken. Die Folgen gilt es zu ertragen, falls ungebetene Gäste kommen oder der Regen seine Spuren hinterlässt. Dabei ist Weltoffenheit zunächst nur ein schönes, freundlich klingendes Wort. Aber wie immer, wenn die Türen offen stehen und etwas aus der Welt draußen hereinweht, so gerät auch hier die gewohnte Ordnung aus dem Gleichwicht. Wie in der Geschichte, so braucht es auch in diesem Fall nur eine einzige Veränderung, nur eines kleinen Umschwungs, und schon verändert sich alles – ein reales Gebäude und einiges im Kopf.

Der Pavillon – nach allen Seiten hin offen. Wie Deutschland im vergangenen Jahr, als die eigenen Grenzen für mehr als eine Million Flüchtlinge aufgemacht wurden, trotz weitgehend geschlossener EU-Außengrenzen. Soll man die symbolische Geste idealistisch, ja romantisch nennen, die an diesem umstrittenen Bauwerk ansetzt, um über Deutschland als offenes Einwanderungsland nachzudenken?


Was offen steht, das steht auch zur Disposition

In demokratisch verfassten Gemeinwesen besitzt das Wohlfühlen (wie sein Gegenteil) offenbar ebenso zwei Körper wie einstmals der König. Während es in der eigenen Haut für gewöhnlich situationsbedingt schwankt, sich aber vergleichsweise leicht erkunden lässt, stehen einem kollektiven Sich-zuhause-fühlen mannigfache Hindernisse im Wege, seien sie politischer, institutioneller oder ideologischer Natur. Hinzu kommt: Die privaten mikropolitischen Gefühlsregungen wirken in einer medial leicht erregbaren Gesellschaft unmittelbar auf das kollektive Befinden ein und lassen sich für ganz unterschiedliche Zwecke instrumentalisieren.
Es ist nur wenige Monate her, da wurde Deutschland (oder sein kollektiver Gemeinschaftskörper) von heftigen Koliken geschüttelt. Das Ankommen war eines. Die Reaktionen ein anderes. Fremdenangst einerseits, Willkommenskultur andererseits, brachten die Körpersäfte in Wallung, den politischen Körper in Aufruhr. Tagtäglich kamen abertausende von Flüchtlingen, wurden begrüßt und verschmäht, erfuhren wärmende Zuwendung und schroffe Ablehnung. Pegida und AfD, ein grantiger bayrischer Ministerpräsident und eine unbeirrbare Kanzlerin, mediale Dauererregtheit, oft gefühlig inszeniert oder bis zur Hysterie gesteigert, die Suche nach Lösungen und ideologische Scharmützel, alles das gehörte damals ¬– und gehört auch heute und morgen noch zu Deutschland.

Man muss es sich noch einmal vor Augen führen, will man verstehen, wie und auf welchen unterschiedlichen Ebenen der deutsche Beitrag zur diesjährigen Architekturbiennale funktioniert. Hier werden nicht nur Öffnungen in ein Gebäude geschlagen, hier wird nicht nur ein Vorschlag unterbreitet, es werden viele Register gezogen, Melodie und Begleitung werden auf mehreren Manualen zugleich gespielt. Es handelt sich in der Tat nicht um Spielerei. Nichts bleibt inszenatorische Zutat, sondern ist im Kern mit der Sache verbunden, um die es hier geht: um Einwanderung und ihre Folgen.
Weshalb die offenen Mauern auch nicht einfach von Eisenträgern gerahmte Fenster sind, sondern Einfallstore für aufrührerische, auf alle Fälle aber aufwühlende Gedanken – über Menschen und Städte, über Aufbrechen und Ankommen, Bleibendürfen und Bleibenwollen, Sich-öffnen und Sich-abschotten – sowie über mögliche Gründe dafür, ob und wie alles das gelingt oder scheitert.

Mehr als Rahmenbedingungen

„Making Heimat“ – schon der erste Teil des Ausstellungstitels suggeriert: Hier kann etwas getan werden, hier wird angepackt, etwas hergestellt. Aber geht das denn – Heimat machen? Kann man sie überhaupt herstellen? Und wenn ja, wie? Ist das tatsächlich eine Aufgabe für Macher? Gar eine für Stadtplaner und Architekten?
Stichwort Repräsentation: Die derzeit für den Pavillon zuständige Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Barbara Hendricks, spricht in ihrem Katalogvorwort denn auch mit Blick auf „Angebote für eine gelingende Integration“ von „Rahmenbedingungen“, die geschaffen werden müssten, „damit Deutschland für viele Menschen eine neue Heimat werden kann.“ Und sie fügt hinzu: „Dieser Aufgabe stellen sich Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.“ Das klingt, wie Politiker eben so reden – oder wie ihre Reden- und Grußwort-Schreiber sie es sagen lassen. Biennalen sind in hohem Maße symbolische Politik, also klingt auch das Verfahren des Heimat-Machens abstrakt.

Die Macher des deutschen Beitrags sind nicht identisch mit all jenen, die Heimat überall in Deutschland machen sollen, machen wollen, machen können. Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, Anna Scheuermann vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, und gemeinsam mit ihnen das für Ausstellungsarchitektur und Katalog verantwortliche Team von Something Fantastic aus Berlin, haben im Gegenteil und mit Erfolg versucht, sich an den Abstraktionen abzuarbeiten. Was ihnen auf unterschiedliche Weise gelingt. Gerade, weil sie mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben.

Deutschland, Ankunftsland

Auch deshalb hat der Titel noch einen zweiten Teil: „Germany, Arrival Country“. Auch hier mischen sich Unmittelbarkeit und Reflexion. Einerseits weiß jeder sofort, was gemeint ist; andererseits steckt im Ankommen mehr als das Willkommen am Bahnhof, in der Flüchtlingsunterkunft, in der Kommune.
Geschickt, wenn auch etwas plakativ, beziehen sich die Kuratoren dabei auf die Publikation von Doug Saunders „Arrival City. How the Largest Migration in History Is Reshaping Our World“ von 2010. Auf deren Basis haben sie acht Thesen über „Ankunftsstädte“ formuliert: „Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt. – Die Arrival City ist bezahlbar. – Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit. – Die Arrival City ist informell. – Die Arrival City ist selbst gebaut. – Die Arrival City ist im Erdgeschoss. – Die Arrival City ist ein Netzwerk von Einwanderern. – Die Arrival City braucht die besten Schulen.“

Man muss dem nicht in allen Punkten zustimmen. Trotzdem ist hier ein Baukasten fürs Weiterfragen entstanden, der Perspektiven jenseits des Festgefahrenen eröffnet. Zumal Ankunft, das sollte nicht vergessen werden, zwar nach Flughafenbereich klingt, in dem Wort aber viele andere Konnotationen mitschwingen, die weit übers Bauen hinausgehen. Zum Teil führen sie tief hinab bis zu den Fundamenten einer Kultur und einer Religion. So heißt es, vielleicht nicht ganz zufällig, in einem bekannten, an Psalm 24 angelehnten Kirchenlied: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.

Weil es nicht alles sein, aber vieles bewirken kann, über die Bedingungen nachzudenken, aus denen eine Kultur und eine Stadt des Ankommens entstehen, steht der Geste des nach vielen Seiten offenen Pavillons die Verengung des Ankommens auf architektonische und städtebauliche Bedingungen entgegen. Freilich nur, um im nächsten Moment bereits wieder aufgelöst und weitergedacht zu werden: Mittels eines Blicks auf Offenbach, der internationalsten Stadt Deutschlands, und einiger ihrer Bewohner. Und mittels einer vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) ins Leben gerufenen Online-Datenbank, die seit Oktober 2015 realisierte oder in Realisierung befindliche Bauten für Flüchtlinge und Migranten sammelt. Sämtlich Projekte, die – gegliedert nach Größe, Kosten und Bewohnern pro Quadratmetern, Material und Konstruktion – ein Stück gebaute Realität in Deutschland zeigen. Wer sie sich anschaut, der wird (abgesehen von den Leichtbauhallen und machen Container-Bauten) rasch die generelle Problematik aktuellen (Massen)-Wohnungsbaus wiedererkennen.

Wie man Heimat macht, wissen wir trotzdem noch immer nicht. Auch die Kuratoren wissen es nicht. Sie wollen ohnehin niemandem Vorschriften machen. Aber: Sie machen Vorschläge, formulieren Thesen, schauen genau hin – und machen auf diese Weise klar, dass eine Geste der Offenheit allein nicht reicht, um Vorurteile abzubauen und aus Abstraktionen konkrete Lebensverhältnisse entstehen zu lassen. Ohne eine solche Geste geht es aber auch nicht. Weshalb der Pavillon als nach vielen Seiten offener Bau und als Metapher sämtliche Einwände und Zweifel auf ganz simple Weise widerlegt: Er schafft einfach den Durchbruch und setzt sich den Folgen aus. Auch wenn das im geschützten Raum der bewachten Giardini geschieht. Vielleicht kann man Heimat ja doch ein Stück weit machen.

Deutscher Pavillon
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

www.makingheimat.de

Katalog:
Making Heimat. Germany, Arrival Country
Hrsg. Peter Cachola Schmal, Oliver Elser, Anna Scheuermann
Texte von Doug Saunders u.a.
Gestaltung von Something Fantastic, Berlin
Englisch, Deutsch
288 S., ca. 200 Abb., br.,
Ostfildern 2016, Verlag Hatje Cantz,
ISBN 978-3-7757-4141-5
9,80 Euro