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Die Ausstellung „Kultur:Stadt“ in der Berliner Akademie der Künste präsentiert 37 verschiedene Kulturprojekte: Museen, Bibliotheken und Opernhäuser, aber auch kleinere Bauten und Initiativen. Nicht alle sind so spektakulär wie Zaha Hadids Opernhaus in Guangzhou, das die Stadt in Südchina erst international bekannt gemacht hat. Dass es dort kein eigenes Opern-Ensemble gibt, ist anscheinend nicht so wichtig. Inhalt und Programm werden bei Projekten dieser Größe anscheinend nebensächlich.

Begonnen hat das Buhlen um internationale Aufmerksamkeit mittels Architektur mit dem Sydney Opera House. Die markante Form mit den segelartigen Dachschalen wurde zum Wahrzeichen der Stadt, steht aber auch für ein kulturelles Leben in Australien und ist längst weltweit bekannt. Eine ähnliche Ikone des kulturellen Lebens entwarfen Richard Rogers und Renzo Piano mit dem Centre Pompidou in Paris. Noch heute wirkt es in seiner Maschinenästhetik futuristisch und gehört zum touristischen Pflichtprogramm, während die ebenfalls ausgestellten Vorläufer, das Kulturhuset in Stockholm und das Interaction Centre in London, in Vergessenheit gerieten.

Das Centre Pompidou steht aber auch für den Wandel eines ganzen Stadtquartiers, denn Matthias Sauerbruch, dem Kurator der Ausstellung, geht es nicht allein um gute Architektur, sondern ebenso um die Wirkung der Kulturbauten auf die Städte, ihre Bewohner und die an den jeweiligen Projekten Beteiligten. Spätestens seit dem Erfolg von Frank Gehrys Guggenheim Museums in Bilbao scheint der Glaube an den Wert solcher ikonischer Bauten unerschütterlich. In Bilbao waren es aber vor allem umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen für Hafen, U-Bahn und Flughafen, nicht nur die Signiture-Architecture Gehrys, die den Wandel in der Stahl- und Werftenstadt einleiteten. Die verkürzte Darstellung des Stadtumbaus, die Reduktion auf die Symbolkraft eines einzigen spektakulären Gebäudes ist ein mediales Missverständnis, das für volle Auftragsbücher bei Architekten sorgte, die mit entsprechenden Sensationen aufwarten können. Besonders in ehrgeizigen spanischen Städten wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Das monumentale Projekt für eine „Kulturstadt“ von Peter Eisenman in Galicien wurde mittlerweile gestoppt, die bereits realisierten, aber leer stehenden Bauten kosten Santiago de Compostela allein für den Unterhalt jährlich Millionen. Die wegen der Kostenexplosion ebenfalls umstrittene Hamburger Elbphilharmonie sieht Sauerbruch hingegen als wichtiges städtisches Projekt. Die Aussichtsplattform zwischen dem alten Speichergebäude und den neuen Konzertsälen darüber beschreibt er als bedeutsamen, neuen öffentlichen Platz für Hamburg. Präsentiert wird das Projekt von Herzog & deMeuron anhand eines magisch leuchtenden Modells.

Pläne oder Fotos zu den jeweiligen Projekten sind im Hauptraum der Ausstellung nicht zu sehen, nur sehr unterschiedlich gestaltete, faszinierende Modelle: von nur scheinbar einfach gebastelten bei OMA/Rem Koolhaas über eine aufwendige topographische Darstellung von Peter Eisenman bis hin zum klassischen Holzmodell von Max Dudler.

Interessierte Besucher erhalten einen Tablet-Computer, um sich intensiver mit den Projekten auseinanderzusetzen. So kann eine außergewöhnliche Fülle an Material angeboten werden: ganze Fotostrecken, detaillierte Grundrisse und Pläne, Projekterläuterungen der Architekten sowie des Kurators – und sogar Filme, die extra für die Ausstellung gedreht wurden. Und tatsächlich ergeben sich durch diese Art der Vermittlung aufschlussreiche Erkenntnisse über das Verhältnis solcher Kulturprojekte zur ihrer Stadt und deren Bewohner. Die spektakuläre Bibliothek von Rem Koolhaas in Seattle schrumpft so im Film von einer riesigen Kulturmaschine zum unfreiwilligen Lebensmittelpunkt der Nutzer. Cyril Schäublin porträtiert in seinem Film nämlich drei Nutzer. Sie sind alle obdachlos und besuchen täglich die Bibliothek, um dort zu lesen oder um an den öffentlichen Computerterminals nach Jobs zu suchen. Alle drei beschreiben die Bibliothek als ihr „home“.

Ähnlich dramatisch und existenziell notwendig für die Anwohner werden eine Bibliothek in einem Slum von Medellin oder das Inner-City Arts Centre in Los Angeles geschildert. Was auf den ersten Blick lediglich als architektonisch interessantes Projekt daherkommt, belegt spätestens mit den Fotos oder Filmen seine soziale Relevanz.

Ein Kapitel der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Stadt als Palimpsest“ wie alten Gebäude neue Nutzungen eingeschrieben werden, die Vergangenheit aber lesbar bleibt. Das reicht vom Palais de Tokyo in Paris, das heute wie ein rauer Rohbau wirkt, dadurch aber zu einem spannungsgeladenen Ort für zeitgenössische Kunst wurde, bis zum Berliner Club Berghain. Das monumentale ehemalige Heizkraftwerk ist nicht nur für seine hedonistischen Technoparties bekannt, sondern auch für Veranstaltungen zeitgenössischer Musik, für die das Soundsystem bestens geeignet ist. In dem dazugehörigen Film von Steffen Köhn wandern wilde Tiere durch die leeren Räume und machen den ruinösen, postindustriellen Charme der Räume zu einer Art zweiten Natur.

Auch die Zeche Zollverein in Essen steht für Wandel und kulturelle Nutzung nachdem die Kohleförderung und -verarbeitung die Hallen verlassen hat. In diesem Falle sind es große, nicht immer erfolgreiche Investitionen in eine museale Nutzung, etwa durch das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche. Aber gerade in Städten mit dramatischen wirtschaftlichen Veränderungen können Projekte von und mit den Bewohnern zum positiven Wandel beitragen. Bei den gezeigten Beiträgen geht es zwar kaum noch um Architektur, aber um den Einfluss von kulturellem Engagement auf die Stadt und ihre Viertel, wobei Detroit, Dortmund und Berlin plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind.

Die weiteren vorgestellten Neubauten und Umnutzungen für Hochschulen, Museen, Bücherstädte und Bibliotheken zeigen die Vielfalt möglicher Interventionen von staatlicher oder bürgerlicher Seite und die Auswirkungen auf die Städte und ihr kulturelles Leben. Dank zahlreicher Vorträge und Diskussionen bietet die Ausstellung jede Menge Anschauungsmaterial für zukünftige Entscheidungen, nicht nur für die Berliner Politik, wo zahlreiche neue Kulturprojekte zur Entscheidung anstehen.


Akademie der Künste, bis 26. Mai.
Berlin, Hanseatenweg 10
Anschließend im Kunsthaus Graz
Der Katalog Kultur:Stadt kostet im Buchhandel 40 Euro.
Blog zur Ausstellung unter www.adk.de
Ein integriertes Gemeindehaus im Inner City Arts Centre bietet einen sozialen Treffpunkt für die Anwohner. Foto © Ralf Wollheim
Der Bilbao-Defekt
von Ralf Wollheim
12. Mai 2013
Das Inner-City Arts Centre in Los Angeles wird von den Nutzern als "home" bezeichnet. Foto © Iwan Baan
Seit dem Erfolg von Frank Gehrys Guggenheim Museums in Bilbao scheint der Glaube an den Wert ikonischer Bauten unerschütterlich. Foto © David Heald / The Solomon R. Guggenheim Foundation, NY
Die Ausstellung „Kultur:Stadt“ präsentiert 37 verschiedene Kulturprojekte, darunter auch das Guggenheim Bilbao. Foto © Ralf Wollheim
Die Seattle Central Library wurde von den Architekturbüros OMA und LMN entworfen. Foto © Philippe Ruault
Die Parque Biblioteca España in Medellín wurde von dem Architekten Giancarlo Mazzanti entworfen. Foto © Iwan Baan
Die Bibliothek in einem Slum in Medellín ist für die Anwohner ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Foto © Ralf Wollheim
Das Projekt "Elbphilharmonie Hamburg" wird von Herzog & deMeuron anhand eines magisch leuchtenden Modells präsentiert. Foto © Ralf Wollheim
Das ehemalige Heizkraftwerk Berghain in Berlin ist nicht nur für seine Technoparties bekannt, sondern auch für Veranstaltungen zeitgenössischer Musik. Die Ausstellung zeigt hierzu die Arbeit „U-Bahnhof Berghain Ost“ des Künstlers Mathias Bechtold. Foto © Ralf Wollheim
News & Stories › 2013 › Mai
Der Bilbao-Defekt
von Ralf Wollheim | 12. Mai 2013
Auch ein Publikum, das nur selten Ausstellungen oder Konzerte besucht, kennt die Kulturpaläste von Frank Gehry oder Zaha Hadid aus Fernsehen oder Zeitschriften. Spektakuläre Museen und Konzertsäle sind längst zu einem Instrument des Stadtmarketings geworden. Eine Ausstellung in Berlin schaut genauer hin.

Die Ausstellung „Kultur:Stadt“ in der Berliner Akademie der Künste präsentiert 37 verschiedene Kulturprojekte: Museen, Bibliotheken und Opernhäuser, aber auch kleinere Bauten und Initiativen. Nicht alle sind so spektakulär wie Zaha Hadids Opernhaus in Guangzhou, das die Stadt in Südchina erst international bekannt gemacht hat. Dass es dort kein eigenes Opern-Ensemble gibt, ist anscheinend nicht so wichtig. Inhalt und Programm werden bei Projekten dieser Größe anscheinend nebensächlich.

Begonnen hat das Buhlen um internationale Aufmerksamkeit mittels Architektur mit dem Sydney Opera House. Die markante Form mit den segelartigen Dachschalen wurde zum Wahrzeichen der Stadt, steht aber auch für ein kulturelles Leben in Australien und ist längst weltweit bekannt. Eine ähnliche Ikone des kulturellen Lebens entwarfen Richard Rogers und Renzo Piano mit dem Centre Pompidou in Paris. Noch heute wirkt es in seiner Maschinenästhetik futuristisch und gehört zum touristischen Pflichtprogramm, während die ebenfalls ausgestellten Vorläufer, das Kulturhuset in Stockholm und das Interaction Centre in London, in Vergessenheit gerieten.

Das Centre Pompidou steht aber auch für den Wandel eines ganzen Stadtquartiers, denn Matthias Sauerbruch, dem Kurator der Ausstellung, geht es nicht allein um gute Architektur, sondern ebenso um die Wirkung der Kulturbauten auf die Städte, ihre Bewohner und die an den jeweiligen Projekten Beteiligten. Spätestens seit dem Erfolg von Frank Gehrys Guggenheim Museums in Bilbao scheint der Glaube an den Wert solcher ikonischer Bauten unerschütterlich. In Bilbao waren es aber vor allem umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen für Hafen, U-Bahn und Flughafen, nicht nur die Signiture-Architecture Gehrys, die den Wandel in der Stahl- und Werftenstadt einleiteten. Die verkürzte Darstellung des Stadtumbaus, die Reduktion auf die Symbolkraft eines einzigen spektakulären Gebäudes ist ein mediales Missverständnis, das für volle Auftragsbücher bei Architekten sorgte, die mit entsprechenden Sensationen aufwarten können. Besonders in ehrgeizigen spanischen Städten wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Das monumentale Projekt für eine „Kulturstadt“ von Peter Eisenman in Galicien wurde mittlerweile gestoppt, die bereits realisierten, aber leer stehenden Bauten kosten Santiago de Compostela allein für den Unterhalt jährlich Millionen. Die wegen der Kostenexplosion ebenfalls umstrittene Hamburger Elbphilharmonie sieht Sauerbruch hingegen als wichtiges städtisches Projekt. Die Aussichtsplattform zwischen dem alten Speichergebäude und den neuen Konzertsälen darüber beschreibt er als bedeutsamen, neuen öffentlichen Platz für Hamburg. Präsentiert wird das Projekt von Herzog & deMeuron anhand eines magisch leuchtenden Modells.

Pläne oder Fotos zu den jeweiligen Projekten sind im Hauptraum der Ausstellung nicht zu sehen, nur sehr unterschiedlich gestaltete, faszinierende Modelle: von nur scheinbar einfach gebastelten bei OMA/Rem Koolhaas über eine aufwendige topographische Darstellung von Peter Eisenman bis hin zum klassischen Holzmodell von Max Dudler.

Interessierte Besucher erhalten einen Tablet-Computer, um sich intensiver mit den Projekten auseinanderzusetzen. So kann eine außergewöhnliche Fülle an Material angeboten werden: ganze Fotostrecken, detaillierte Grundrisse und Pläne, Projekterläuterungen der Architekten sowie des Kurators – und sogar Filme, die extra für die Ausstellung gedreht wurden. Und tatsächlich ergeben sich durch diese Art der Vermittlung aufschlussreiche Erkenntnisse über das Verhältnis solcher Kulturprojekte zur ihrer Stadt und deren Bewohner. Die spektakuläre Bibliothek von Rem Koolhaas in Seattle schrumpft so im Film von einer riesigen Kulturmaschine zum unfreiwilligen Lebensmittelpunkt der Nutzer. Cyril Schäublin porträtiert in seinem Film nämlich drei Nutzer. Sie sind alle obdachlos und besuchen täglich die Bibliothek, um dort zu lesen oder um an den öffentlichen Computerterminals nach Jobs zu suchen. Alle drei beschreiben die Bibliothek als ihr „home“.

Ähnlich dramatisch und existenziell notwendig für die Anwohner werden eine Bibliothek in einem Slum von Medellin oder das Inner-City Arts Centre in Los Angeles geschildert. Was auf den ersten Blick lediglich als architektonisch interessantes Projekt daherkommt, belegt spätestens mit den Fotos oder Filmen seine soziale Relevanz.

Ein Kapitel der Ausstellung zeigt unter dem Titel „Stadt als Palimpsest“ wie alten Gebäude neue Nutzungen eingeschrieben werden, die Vergangenheit aber lesbar bleibt. Das reicht vom Palais de Tokyo in Paris, das heute wie ein rauer Rohbau wirkt, dadurch aber zu einem spannungsgeladenen Ort für zeitgenössische Kunst wurde, bis zum Berliner Club Berghain. Das monumentale ehemalige Heizkraftwerk ist nicht nur für seine hedonistischen Technoparties bekannt, sondern auch für Veranstaltungen zeitgenössischer Musik, für die das Soundsystem bestens geeignet ist. In dem dazugehörigen Film von Steffen Köhn wandern wilde Tiere durch die leeren Räume und machen den ruinösen, postindustriellen Charme der Räume zu einer Art zweiten Natur.

Auch die Zeche Zollverein in Essen steht für Wandel und kulturelle Nutzung nachdem die Kohleförderung und -verarbeitung die Hallen verlassen hat. In diesem Falle sind es große, nicht immer erfolgreiche Investitionen in eine museale Nutzung, etwa durch das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche. Aber gerade in Städten mit dramatischen wirtschaftlichen Veränderungen können Projekte von und mit den Bewohnern zum positiven Wandel beitragen. Bei den gezeigten Beiträgen geht es zwar kaum noch um Architektur, aber um den Einfluss von kulturellem Engagement auf die Stadt und ihre Viertel, wobei Detroit, Dortmund und Berlin plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind.

Die weiteren vorgestellten Neubauten und Umnutzungen für Hochschulen, Museen, Bücherstädte und Bibliotheken zeigen die Vielfalt möglicher Interventionen von staatlicher oder bürgerlicher Seite und die Auswirkungen auf die Städte und ihr kulturelles Leben. Dank zahlreicher Vorträge und Diskussionen bietet die Ausstellung jede Menge Anschauungsmaterial für zukünftige Entscheidungen, nicht nur für die Berliner Politik, wo zahlreiche neue Kulturprojekte zur Entscheidung anstehen.


Akademie der Künste, bis 26. Mai.
Berlin, Hanseatenweg 10
Anschließend im Kunsthaus Graz
Der Katalog Kultur:Stadt kostet im Buchhandel 40 Euro.
Blog zur Ausstellung unter www.adk.de