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Der Geist der Dinge
von Nora Sobich | 16. September 2008
Was modernes, japanisches Design alles sein kann, war den Sommer über in der Verkaufsausstellung „Destination Japan" des „MoMA"- Design Stores in New York zu sehen. Kreischend buntes Popdesign konnte da gekauft werden, so schrill wie schräg und verspielt. Gleichsam das andere, ernste Japan fasste der Autor Gian Carlo Calza jüngst in einem prachtvoll gestalteten Band des Phaidon Verlags als „Japan Style" zusammen. Gemeint ist damit die in Japan mythisch überhöhte, im Geist des Zen verwurzelte Handwerks- und Alltagskultur, wie sie sich etwa in der japanischen Teezeremonie zeigt: in den schweren Eisengusskannen, den feinen, mit natürlichen Urushi-Lackverfahren gefertigten Schalen, den poetischen Papierarbeiten und kunstvoll mit alten Samurai-Techniken gebogenen Holzobjekten.

Japans gleichsam kulturelles Verständnis für eine zurückgenommene Schönheit der Funktion, deren dekorlose Strenge sich von einer über Jahrhunderte gewachsenen Handwerkstradition herleitet, ist aber nicht bloß souvenirtauglicher Kitsch. Das Handwerk wird in Japan inzwischen zunehmend als kreative Inspirationsquelle und Erfolgskapital für den globalen Wettbewerb begriffen. Die Begeisterung, mit der das zeitgenössische, japanische Design derzeit die alten Verarbeitungstechniken aufgreift und mit innovativen, die Stückzahlen erhöhenden Methoden modern umsetzt, kommt schon einem Revival gleich.

Eine gute Informationsquelle für diesen Trend ist das kleine, großartig unspektakulär aufgemachte Büchlein „WA Modern Design", das gleichzeitig für jeden Japanbesucher als nützlicher Reisebegleiter zu empfehlen ist. Wie ein kompakter Katalog enthält dieser in schlichter Klarsichtfolie eingeschlagene Designführer alles Wissenswerte zu den wichtigsten japanischen Gestaltern, Herstellern, Galerien, Design- und Lifestyleshops, die den Spagat zwischen Moderne und Tradition unternehmen. Dass sich diese kunsthandwerkliche Bewegung nicht bloß in einem lukrativen „Es gibt sie noch die guten Dinge" verflüchtigt, liegt vielleicht auch an einer philosophisch funktionalen Lebenshaltung Japans, die besagt, dass man im Wissen um die kosmische Energie und das Gleichgewicht der Kräfte stets Bestehendes zu nutzen hat, statt immer fort von vorn zu beginnen. Bei den Interpretationen alter Handwerksmethoden geht es dann auch weniger darum, kostbare Einzelstücke für die Vitrine zu schaffen, als um das Fortführen einen uralten „Dingkultur", nämlich Gegenstände für den täglichen Gebrauch zu schaffen.

Als eine der besten Adressen gilt hier das Label „Meister", mit Ladengeschäft und Galerie in Tokio. Eine der modernen Handwerkspezialitäten des Hauses ist die „Zebra"-Keramikserie, deren traditionell gefertigten Schalen, Teller und Becher mit ihren Streifen- und Spiralen wie coole Vintagestücke aus den Fifties aussehen. Auch das 2003 in Tokio gegründete „Simplicity Super Studio" arbeitet bei seinen bauhaus-strengen Alltagsobjekten mit Manufakturen alter Handwerksregionen zusammen: das Porzellan wird in Arita gefertigt, die Zinnarbeiten in Osaka. Fabelhaft schön sehen die kantig ovalen, bunt lackierten Kannen „Sankaku" aus, die von „Roji Associates" hergestellt werden, einem bereits international renommierten Unternehmen für zeitgenössische japanische Eisengusswaren. Mit ihnen wird nicht zuletzt auch ein respektvoller Umgang mit Dingen zelebriert, da diese Kannen im Grunde alles andere als praktisch sind - sorgfältig und zeitaufwendig nach jedem Gebrauch getrocknet werden müssen, damit sie von Innen nicht rosten.

Im Rahmen des „Lx. Projects" entwerfen aus den traditionsreichen Mino-Papieren, aus denen bereits in den Fünfzigern der japanisch-amerikanische Designer Isamu Noguchi seine Serie „Akari" gestaltete, nun Designer wie Jasper Morrison oder Daisaku Cho neue moderne Leuchtenvarianten. Eine Gradwanderung zwischen Kitsch und Moderne machen die aus Holz, Eisen, Keramik oder Lack gefertigten Küchen- und Wohnaccessoires der Lifestylemarke „Nussha": wie die mit Kimonomotiven lackierten Eierlöffel und Essstäbchen. Die bunten, Acrylglas überzogenen Kimonostoff-Untersetzer von „Futaba-en" wirken dagegen eher psychedelisch schrill.

Auch das Label „YOnoBI" strapaziert die ansonsten so produktive Verbindung von Tradition und Moderne, wenn man sich etwa die digitalen Wecker im Lackkästchen anschaut. Nur begrenzt überzeugen die Holzschalenkoffer von „Monacca" oder die gediegene, sonntäglich gearbeitete Holz-Computertastatur „Hacoa". Doch wie auch immer: Japans Faszination für funktionales Design und traditionelles Handwerk ist so ausgeprägt, dass dieses Urverständnis selbst auf ein deutsches Importobjekt übergeschwappt ist - dem wahrhaft zen-harmonisch vollendeten Baumkuchen, den es in Japan an jeder Ecke zu kaufen gibt. Von diesem essbaren Gesamtkunstwerk, bei dem der Herstellungsprozess gleichsam zur perfekten Form wird, waren schon Charles und Ray Eames so begeistert, dass sie ihm eine moderne Hommage setzten, den noch heute von „Vitra" produzierten Walnusshocker „Stool".
Nussha
YOnoBI
Li-zan
Nittaru
Lx.project
Stile Life
Meister
Hacoa