transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Der Trick mit dem Strick
von Martina Metzner | 5. Mai 2015
Spielerisch: Das Stuttgarter Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren hat den Studentenwettbewerb auf der Techtextil inszeniert. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Dass technische Textilien sich derzeit im Aufwind befinden, kann man dieser Tage auf der Techtextil, der internationalen Leistungsschau der Branche in Frankfurt am Main, gut nachvollziehen. Es gibt eine Fülle innovativer Produkte, die antreten, um Bereiche wie Medizin, Automobil- und Luftfahrtindustrie, Bekleidung und verstärkt auch wieder das Interiordesign sowie die Architektur zu beflügeln. Beispielsweise Garne, die Daten und Elektrizität leiten können, machen technische Textilien aktuell attraktiv – etwa für Anwendungen im Bereich der Sensorik. Wir stellen die Vielfalt der gewirkten, gewebten und gelegten Innovationen vor.
Mit der von Forster Rohner entwickelten „e-broidery“ ist es möglich, LEDs in Textilien zu integrieren, die man sogar waschen kann. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Die zunehmende Verbreitung und Anwendungsfreundlichkeit von LEDs verändert auch Textilien. Vor rund zwei Jahren hat Création Baumann in Zusammenarbeit mit dem Spitzenhersteller Forster Rohner aus St. Gallen einen Vorhang mit integrierten LEDs lanciert. Nun präsentiert Forster Rohner ein ähnliches Produkt in Eigenvertrieb und bietet es in vier verschiedenen Mustern gezielt für Leitsysteme oder Werbeanzeigen an. Der Clou: Man kann die LEDs punktuell unterschiedlich und farblich individuell aufblinken lassen.
"Carpetlight" von den Beleuchtungstechnikern Götz Schmidt zur Nedden und Till Sadlowski soll am Filmset zum Einsatz kommen. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Götz Schmidt zur Nedden mit Carpetlight bietet einen Teppich, den er und sein Geschäftspartner Till Sadlowski bei Filmdrehs einsetzen wollen. Als Beleuchtungs-Techniker, die bereits mit Regisseuren wie Roman Polanski, Quentin Tarantino und Wes Anderson gedreht haben, wissen sie genau, was am Set benötigt wird. Die in Textil gehüllte Leuchtdecke aus LEDs kann flexibel gelegt werden und ist sowohl in ihrer Lichtintensität wie auch Farbe veränderbar.
Zonierungen in Flachgewirken, wie hier beim Stuhl von Kobleder, lassen unterschiedliche Dehnungen zu. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Möbeldesigner können auf der Techtextil neue, innovative Bezugsstoffe entdecken. So zeigt die österreichische Firma Kobleder, die bereits mit Vitra für den „Slow Chair“ der Bouroullec-Brüder kooperiert hat, Flachgewirke, die je nach Zone eine stärkere oder schwächere Dehnung aufweisen.
Abstandsgewirk von Shima Seiki – hier wurde das Innere durch ein transparentes Textil sichtbar gemacht. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Auch die dreidimensional aufgebauten Abstandsgewirke, die man von medizinischen Anwendungen kennt – etwa für Bandagen –, dürften ebenfalls interessant für das Möbeldesign sein, weil man spannende Texturen, Optiken und Haptiken damit erzielen kann. So kann man am Stand des koreanischen Strickmaschinenherstellers Shima Seiki jene watteweichen, dicken Stoffe bewundern, die bald bei De Padova zum Einsatz kommen werden.
Spezielles Outdoor-Polypropylen von Essegomma, das UV-resistent ist und keinen Schimmel bildet. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Am gleichen Stand stellt der italienische Anbieter Redaelli aus, dessen Fokus auf hochwertigem Samt liegt. Art Director Marko Stephan zeigt sich ganz entzückt, dass er jüngst auf dem Salone in Mailand so viele samtene Bezüge entdeckt hat. Ebenso aus Italien kommt die Firma Essegomma, die ein besonders weiches Polypropylen herstellt, das für Außenbereiche geeignet ist. So arbeitet Essegomma für Hersteller wie Unopiù, Minotti, Exteta und B&B Italia.
Climatex aus der Schweiz bringt Natur- und Kunstfasern in einem Stoff zusammen und kann sie nach dem Cradle-tocradle-Prinzip wieder recyceln. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Ein weiteres Highlight, allerdings aus dem grünen Blickwinkel betrachtet, bietet das Schweizer Unternehmen Climatex an. Sie verweben Kunst- und Naturfasern so zu Bezugsstoffen, dass sie nach Gebrauch wieder nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip in den Rohstoff-Kreislauf zurückgeführt werden können – da sitzt es sich auf dem ressourcenschonenden Bezug gleich besonders weich.
Mehler Texnologies präsentiert PVC-Membrane mit Nanobeschichtung und hat etwa das Stadion in Konya, Türkei, überdacht. Foto © Mehler Texnologies
Ein wichtiges Thema der textilen Architektur sind die flexiblen Membran-Bespannungen, beispielsweise für organisch geformte Architekturen, wie man sie von Zaha Hadid kennt. Während Firmen wie Mehler, Sioen und Serge Ferrari die aus PVC beschichteten Polyester-Gelege anbieten, präsentiert Saint Gobain die teurere Glasfasermembran mit Polytetrafluorethylen-Beschichtung, die im Gegensatz zur PVC-Membran weniger dazu neigt, zu reißen.
Katja Bernert von Mehler Texnologies vor einer digitalen bedruckten Fassaden-Mesh. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Vor allem die Staaten im Nahen Osten seien aufgrund der klimatischen Bedingungen an textiler Leichtbauweise interessiert, erklärt Katja Bernert von der Firma Mehler, die aktuell mit einer nanobeschichteten Membran von sich reden macht. So schwärmt Bernert von einem geplanten Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar, das aussehe wie ein schwarzes, übergroßes Berberzelt.
“Tudalit”-Textilbetonbewährung aus Kohlestofffasern ist für die “Biegeverstärkung in der Zugzone” seit Juni 2014 in Deutschland zugelassen. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Textile Architektur, das ist auch textiler Beton. Hier werden die Stahlbewehrungen durch matrixartige Gelege aus Carbonfasern ersetzt, sodass besonders leicht, dünn und flexibel in der Form betoniert werden kann. Pionier hierbei ist die TU Dresden, die über eine Tochtergesellschaft in Kooperation mit weiteren Firmen und unter dem Dachnamen „Tudalit“ die Innovation vermarktet. Derzeit wird Tudalit, das seit Juni 2014 die Zulassung für „Biegeverstärkung in der Zugzone“ durch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) erhalten hat, hauptsächlich für schwierige Restaurierungsvorhaben an Decken und Wänden eingesetzt. Man arbeite aber mit Nachdruck an stärkeren Varianten des Geleges, um die Tragfähigkeit des Materials zu erhöhen, erklärt Steffen Rittner von der TU Dresden.
„Breathing Skins“ von Tobias Becker vom Stuttgarter ILEK gehört zu den Gewinnern des Studentenwettbewerbs „Textile Strukturen für neues Bauen“. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Beim Studentenwettbewerb „Textile Strukturen für neues Bauen“, den die Messe Frankfurt zu 13. Mal ausgelobt hat und den der belgische Verband Tensinet sowie das Stuttgarter Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren, kurz ILEK, unterstützt hat, lässt es sich noch ein wenig weiter in die Zukunft blicken. Nennenswert sind hier vor allem drei Einreichungen: Mit „Fabric Foam“ hat es eine ganze Gruppe von Studenten der FH Frankfurt geschafft, das Thema Verbundbaustoffe aufzugreifen und Mikrostrukturen in Makrostrukturen zu überführen. Ihr schaumgefüllter Textilschlauch wird so geflochten und verknotet, dass ein riesiger, raumhoher Korb mit Sitzgelegenheit entsteht, für den es am Ende eine „lobende Erwähnung“ in der Kategorie „Mikroarchitektur“ gab.

Den 1. Preis in der Kategorie „Materialinnovation“ konnte sich die junge Ungarin Judit Eszter Kárpáti von der Moholy-Nagy Universität aus Budapest sichern, indem sie ein Textil mit Schallwellen elektrisch stimuliert, das daraufhin seine Farben und Muster ändert. Mit „Breathing Skins“ dürfte Tobias Becker die wohl aufregendste Innovation gelungen sein: Der Student der Uni Stuttgart arbeitet mit kleinen Luftkissen aus gewöhnlicher Plastikfolie, die in die Fassade eingelassen sind und die den Luftaustausch zwischen Räumen regulieren sollen. Wer nicht die Gelegenheit hat, auf der Techtextil „Breathing Skins“ zu sehen, kann sie spätestens in wenigen Wochen vor dem ILEK in Stuttgart bewundern: Da wird dann ein ganzer Pavillon mit 3600 diesen „atmenden Häuten“ gebaut.
Produkte
Création Baumann: eLumino Sema @ Stylepark
Création Baumann
eLumino Sema
Création Baumann: eLumino Aves @ Stylepark
Création Baumann
eLumino Aves
News & Stories › 2015 › Mai
Der Trick mit dem Strick
von Martina Metzner | 5. Mai 2015
Technische Textilien beflügeln das Interiordesign und die Architektur. Wir zeigen die interessantesten Produktneuheiten der Techtextil in Frankfurt am Main.
Dass technische Textilien sich derzeit im Aufwind befinden, kann man dieser Tage auf der Techtextil, der internationalen Leistungsschau der Branche in Frankfurt am Main, gut nachvollziehen. Es gibt eine Fülle innovativer Produkte, die antreten, um Bereiche wie Medizin, Automobil- und Luftfahrtindustrie, Bekleidung und verstärkt auch wieder das Interiordesign sowie die Architektur zu beflügeln. Beispielsweise Garne, die Daten und Elektrizität leiten können, machen technische Textilien aktuell attraktiv – etwa für Anwendungen im Bereich der Sensorik. Wir stellen die Vielfalt der gewirkten, gewebten und gelegten Innovationen vor.Die zunehmende Verbreitung und Anwendungsfreundlichkeit von LEDs verändert auch Textilien. Vor rund zwei Jahren hat Création Baumann in Zusammenarbeit mit dem Spitzenhersteller Forster Rohner aus St. Gallen einen Vorhang mit integrierten LEDs lanciert. Nun präsentiert Forster Rohner ein ähnliches Produkt in Eigenvertrieb und bietet es in vier verschiedenen Mustern gezielt für Leitsysteme oder Werbeanzeigen an. Der Clou: Man kann die LEDs punktuell unterschiedlich und farblich individuell aufblinken lassen.Götz Schmidt zur Nedden mit Carpetlight bietet einen Teppich, den er und sein Geschäftspartner Till Sadlowski bei Filmdrehs einsetzen wollen. Als Beleuchtungs-Techniker, die bereits mit Regisseuren wie Roman Polanski, Quentin Tarantino und Wes Anderson gedreht haben, wissen sie genau, was am Set benötigt wird. Die in Textil gehüllte Leuchtdecke aus LEDs kann flexibel gelegt werden und ist sowohl in ihrer Lichtintensität wie auch Farbe veränderbar.Möbeldesigner können auf der Techtextil neue, innovative Bezugsstoffe entdecken. So zeigt die österreichische Firma Kobleder, die bereits mit Vitra für den „Slow Chair“ der Bouroullec-Brüder kooperiert hat, Flachgewirke, die je nach Zone eine stärkere oder schwächere Dehnung aufweisen.Auch die dreidimensional aufgebauten Abstandsgewirke, die man von medizinischen Anwendungen kennt – etwa für Bandagen –, dürften ebenfalls interessant für das Möbeldesign sein, weil man spannende Texturen, Optiken und Haptiken damit erzielen kann. So kann man am Stand des koreanischen Strickmaschinenherstellers Shima Seiki jene watteweichen, dicken Stoffe bewundern, die bald bei De Padova zum Einsatz kommen werden.Am gleichen Stand stellt der italienische Anbieter Redaelli aus, dessen Fokus auf hochwertigem Samt liegt. Art Director Marko Stephan zeigt sich ganz entzückt, dass er jüngst auf dem Salone in Mailand so viele samtene Bezüge entdeckt hat. Ebenso aus Italien kommt die Firma Essegomma, die ein besonders weiches Polypropylen herstellt, das für Außenbereiche geeignet ist. So arbeitet Essegomma für Hersteller wie Unopiù, Minotti, Exteta und B&B Italia.Ein weiteres Highlight, allerdings aus dem grünen Blickwinkel betrachtet, bietet das Schweizer Unternehmen Climatex an. Sie verweben Kunst- und Naturfasern so zu Bezugsstoffen, dass sie nach Gebrauch wieder nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip in den Rohstoff-Kreislauf zurückgeführt werden können – da sitzt es sich auf dem ressourcenschonenden Bezug gleich besonders weich.Ein wichtiges Thema der textilen Architektur sind die flexiblen Membran-Bespannungen, beispielsweise für organisch geformte Architekturen, wie man sie von Zaha Hadid kennt. Während Firmen wie Mehler, Sioen und Serge Ferrari die aus PVC beschichteten Polyester-Gelege anbieten, präsentiert Saint Gobain die teurere Glasfasermembran mit Polytetrafluorethylen-Beschichtung, die im Gegensatz zur PVC-Membran weniger dazu neigt, zu reißen.Vor allem die Staaten im Nahen Osten seien aufgrund der klimatischen Bedingungen an textiler Leichtbauweise interessiert, erklärt Katja Bernert von der Firma Mehler, die aktuell mit einer nanobeschichteten Membran von sich reden macht. So schwärmt Bernert von einem geplanten Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar, das aussehe wie ein schwarzes, übergroßes Berberzelt.Textile Architektur, das ist auch textiler Beton. Hier werden die Stahlbewehrungen durch matrixartige Gelege aus Carbonfasern ersetzt, sodass besonders leicht, dünn und flexibel in der Form betoniert werden kann. Pionier hierbei ist die TU Dresden, die über eine Tochtergesellschaft in Kooperation mit weiteren Firmen und unter dem Dachnamen „Tudalit“ die Innovation vermarktet. Derzeit wird Tudalit, das seit Juni 2014 die Zulassung für „Biegeverstärkung in der Zugzone“ durch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) erhalten hat, hauptsächlich für schwierige Restaurierungsvorhaben an Decken und Wänden eingesetzt. Man arbeite aber mit Nachdruck an stärkeren Varianten des Geleges, um die Tragfähigkeit des Materials zu erhöhen, erklärt Steffen Rittner von der TU Dresden.Beim Studentenwettbewerb „Textile Strukturen für neues Bauen“, den die Messe Frankfurt zu 13. Mal ausgelobt hat und den der belgische Verband Tensinet sowie das Stuttgarter Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren, kurz ILEK, unterstützt hat, lässt es sich noch ein wenig weiter in die Zukunft blicken. Nennenswert sind hier vor allem drei Einreichungen: Mit „Fabric Foam“ hat es eine ganze Gruppe von Studenten der FH Frankfurt geschafft, das Thema Verbundbaustoffe aufzugreifen und Mikrostrukturen in Makrostrukturen zu überführen. Ihr schaumgefüllter Textilschlauch wird so geflochten und verknotet, dass ein riesiger, raumhoher Korb mit Sitzgelegenheit entsteht, für den es am Ende eine „lobende Erwähnung“ in der Kategorie „Mikroarchitektur“ gab.

Den 1. Preis in der Kategorie „Materialinnovation“ konnte sich die junge Ungarin Judit Eszter Kárpáti von der Moholy-Nagy Universität aus Budapest sichern, indem sie ein Textil mit Schallwellen elektrisch stimuliert, das daraufhin seine Farben und Muster ändert. Mit „Breathing Skins“ dürfte Tobias Becker die wohl aufregendste Innovation gelungen sein: Der Student der Uni Stuttgart arbeitet mit kleinen Luftkissen aus gewöhnlicher Plastikfolie, die in die Fassade eingelassen sind und die den Luftaustausch zwischen Räumen regulieren sollen. Wer nicht die Gelegenheit hat, auf der Techtextil „Breathing Skins“ zu sehen, kann sie spätestens in wenigen Wochen vor dem ILEK in Stuttgart bewundern: Da wird dann ein ganzer Pavillon mit 3600 diesen „atmenden Häuten“ gebaut.