transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l2_v369288_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Designer trinken nicht aus Pappbechern
von Markus Frenzl | 7. August 2008
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Designtheorie gilt den Medien und auch vielen Gestaltern nicht gerade als attraktivster Bereich der Designdisziplin und nicht selten hat ein gefeierter Stardesigner nur wenig Überzeugendes zum Zustand der Disziplin, ja manchmal sogar zur eigenen Arbeit zu sagen. Dass ein paar Jahrzehnte Berufserfahrung da mitunter Abhilfe schaffen können, belegt eine kürzlich vorgestellte Interview-Reihe, herausgegeben vom Museo Alessi und der renommierten Edizioni Corraini, in der fünf Altmeister des italienischen Designs aufzeigen, dass Gestaltung einst tatsächlich mehr als Lifestyle war: Achille Castiglioni, Andrea Branzi, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass und Richard Sapper erzählen in den kurzen, auf DVD erschienenen „Design Interviews“ von ihrem Weg zu einer damals noch neuen Disziplin, von ihrer eigenen Entwicklung und dem eigenen Werdegang, von ihrer Suche nach gestalterischen Lösungen, die noch meist mehr der Gesellschaft als der Industrie verpflichtet war.

Andrea Branzi etwa lässt die Besonderheit des italienischen Designs aus der Architektur heraus nachvollziehbar werden und erklärt, dass Objektdesign für ihn „eine philosophische Entscheidung“ war. Richard Sapper berichtet aus einer Zeit, zu der es noch keine Designzeitschriften und –bücher gab und es noch an ein Abenteuer grenzte, Designer zu werden. Er wollte nie „Formen um der Form willen“ gestalten, sondern war stets von der Suche nach der besten Lösung getrieben, etwa für seine Kochtopfserie „La Cintura di Orione“. - Denn natürlich wird in jedem Interview auch die enge Bindung zwischen dem Unternehmen Alessi und dem Gestalter aufgezeigt; die jeweiligen Entwürfe und ihre designgeschichtliche Relevanz kommen nie zu kurz und so wird etwa Richard Sappers „9090“-Espressokocher auch in wunderbar-pathetischen Bildern vom Herstellungsprozess gezeigt.

Schnell wird dennoch klar, dass die Altmeister weit entfernt sind vom heutigen Stardesignertum, bei dem der Zeitaufwand für Selbstinszenierung leider oft den für die Reflektion über die eigene Tätigkeit zu übersteigen scheint. Die Filme sind kompakte Einblicke in die Studios von Designgrößen, in ihre Gedankenwelten und – nicht nur bei bereits verstorbenen Designern wie Castiglioni und Sottsass – auch Einblicke in eine andere Zeit, ein klein wenig verstaubt und „very old school“. Da scheint es fast schon konsequent, dass jede DVD tatsächlich bloß einen durchgehenden Film enthält und gänzlich interaktionsfrei bleibt, dass das Booklet lediglich den Text der DVD wiedergibt und kaum Mehrwert liefert. Die Interviews der Altmeister aber zeigen deren tiefe Verbundenheit mit Gestaltungs- und Gesellschaftsfragen auf, etwa wenn Sottsass erklärt, warum man lebendig ist, wenn man aus einem Glas trinkt und sein Leben vergeudet, wenn man aus einem Pappbecher trinkt. Es sind kleine filmische Designgeschichten, die von den Protagonisten selbst erzählt werden, sehenswerte Dokumente aus einer verloren scheinenden Zeit, als Design noch unbestrittener als sinnvolle und reflektierende Profession gelten konnte.

„Design Interviews“ Andrea Branzi / Achille Castiglioni / Alessandro Mendini / Richard Sapper / Ettore Sottsass; hrsg. von Museo Alessi und Edizioni Corraini; DVD (Ton englisch oder italienisch, Untertitel englisch, deutsch, französisch und spanisch) mit Booklet (Text englisch und italienisch), je 15,- EUR

www.alessi.com
www.corraini.com

News & Stories › 2008 › August
Designer trinken nicht aus Pappbechern
von Markus Frenzl | 7. August 2008
Achille Castiglioni, Andrea Branzi, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass und Richard Sapper erzählen in den kurzen, auf DVD erschienenen „Design Interviews“ von ihrem Weg zu einer damals noch neuen Disziplin, von ihrer eigenen Entwicklung und dem eigenen Werdegang, von ihrer Suche nach gestalterischen Lösungen, die noch meist mehr der Gesellschaft als der Industrie verpflichtet war.
Designtheorie gilt den Medien und auch vielen Gestaltern nicht gerade als attraktivster Bereich der Designdisziplin und nicht selten hat ein gefeierter Stardesigner nur wenig Überzeugendes zum Zustand der Disziplin, ja manchmal sogar zur eigenen Arbeit zu sagen. Dass ein paar Jahrzehnte Berufserfahrung da mitunter Abhilfe schaffen können, belegt eine kürzlich vorgestellte Interview-Reihe, herausgegeben vom Museo Alessi und der renommierten Edizioni Corraini, in der fünf Altmeister des italienischen Designs aufzeigen, dass Gestaltung einst tatsächlich mehr als Lifestyle war: Achille Castiglioni, Andrea Branzi, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass und Richard Sapper erzählen in den kurzen, auf DVD erschienenen „Design Interviews“ von ihrem Weg zu einer damals noch neuen Disziplin, von ihrer eigenen Entwicklung und dem eigenen Werdegang, von ihrer Suche nach gestalterischen Lösungen, die noch meist mehr der Gesellschaft als der Industrie verpflichtet war.

Andrea Branzi etwa lässt die Besonderheit des italienischen Designs aus der Architektur heraus nachvollziehbar werden und erklärt, dass Objektdesign für ihn „eine philosophische Entscheidung“ war. Richard Sapper berichtet aus einer Zeit, zu der es noch keine Designzeitschriften und –bücher gab und es noch an ein Abenteuer grenzte, Designer zu werden. Er wollte nie „Formen um der Form willen“ gestalten, sondern war stets von der Suche nach der besten Lösung getrieben, etwa für seine Kochtopfserie „La Cintura di Orione“. - Denn natürlich wird in jedem Interview auch die enge Bindung zwischen dem Unternehmen Alessi und dem Gestalter aufgezeigt; die jeweiligen Entwürfe und ihre designgeschichtliche Relevanz kommen nie zu kurz und so wird etwa Richard Sappers „9090“-Espressokocher auch in wunderbar-pathetischen Bildern vom Herstellungsprozess gezeigt.

Schnell wird dennoch klar, dass die Altmeister weit entfernt sind vom heutigen Stardesignertum, bei dem der Zeitaufwand für Selbstinszenierung leider oft den für die Reflektion über die eigene Tätigkeit zu übersteigen scheint. Die Filme sind kompakte Einblicke in die Studios von Designgrößen, in ihre Gedankenwelten und – nicht nur bei bereits verstorbenen Designern wie Castiglioni und Sottsass – auch Einblicke in eine andere Zeit, ein klein wenig verstaubt und „very old school“. Da scheint es fast schon konsequent, dass jede DVD tatsächlich bloß einen durchgehenden Film enthält und gänzlich interaktionsfrei bleibt, dass das Booklet lediglich den Text der DVD wiedergibt und kaum Mehrwert liefert. Die Interviews der Altmeister aber zeigen deren tiefe Verbundenheit mit Gestaltungs- und Gesellschaftsfragen auf, etwa wenn Sottsass erklärt, warum man lebendig ist, wenn man aus einem Glas trinkt und sein Leben vergeudet, wenn man aus einem Pappbecher trinkt. Es sind kleine filmische Designgeschichten, die von den Protagonisten selbst erzählt werden, sehenswerte Dokumente aus einer verloren scheinenden Zeit, als Design noch unbestrittener als sinnvolle und reflektierende Profession gelten konnte.

„Design Interviews“ Andrea Branzi / Achille Castiglioni / Alessandro Mendini / Richard Sapper / Ettore Sottsass; hrsg. von Museo Alessi und Edizioni Corraini; DVD (Ton englisch oder italienisch, Untertitel englisch, deutsch, französisch und spanisch) mit Booklet (Text englisch und italienisch), je 15,- EUR

www.alessi.com
www.corraini.com