transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Bauen in Deutschland
db-images/cms/article/img/l2_v356270_958_992_711-1.jpg
Dicht am Ende des Tunnels
Eine Kolumne von Christian Holl
15. Januar 2015
Erst reden zu wenige über ökologische Architektur und Ressourcen sparendes Bauen, dann zu viele. Die Diskussion um die Energiewende und ökologische Verantwortung ist der Architektur in Deutschland nicht bekommen.
Man darf sich ruhig die Augen reiben. Wärmedämmverbundsysteme als Standard an Gebäuden gibt es seit den 1970er Jahren. Unzählige Architektenknöchel wurden an ihnen schon blutig geklopft, um dem hohlen Klang hochgezogene Augenbrauen folgen zu lassen. Achtung! Hier wird die Maxime von ehrlicher Architektur missachtet! Der zufolge wohl eine verputzte Oberfläche nur direkt auf massive Wänden ehrlich wäre. Nun ja. Mehrere Jahrzehnte vergingen. Bis mit einer Überschrift, die die Autoren in Zeiten von Pegida wohl nicht mehr wählen würden, einer schon etwas länger schwelenden Unzufriedenheit das Schlagwort geliefert wurde, das bislang gefehlt hatte. „Die Burka fürs Haus“ von Niklas Maak und Peter Richter erschien in der FAZ im November 2010. Endlich klare Fronten. Der Feind: Die Dämmstoffindustrie, die per Lobby-Arbeit ahnungslose Politiker instrumentalisiert und halbseidene Handwerker ins Geschäft bringt. Diese Handwerker verkleben fortan ohne Kenntnis von Baukonstruktion und Bauphysik die gebaute Republik. Schimmel und Verschandelung sind die Folgen. Hurra, das Abendland geht wieder unter. „Dämm oder stirb!“, hieß es in der NZZ, die schnell das Potenzial erkannte, sich über den Nachbarn, den „großen Kanton“ und die dort polemisch geführten Entweder-Oder-Diskussionen, lustig zu machen.

Erstaunlich, um auf die inzwischen hoffentlich nicht wundgeriebenen Augen zurückzukommen, ist dabei das fast über Nacht erwachte Interesse am alltäglichen Bauen, am Zusammenhang von politischer Steuerung und Architektur, daran, dass sich Menschen, Eigentümer irgendwie und hin und wieder auch ungelenk zu behelfen versuchen. Das sieht manchmal komisch aus, meist aber einfach nur unvorteilhaft. So manches Haus erinnert schon an eines von Erwin Wurms „fat cars“. Auf einmal ist ganz Deutschland voll von Baudenkmälern, die verschandelt werden, um die sich vorher niemand geschert hat. So schnell kann es gehen. Auch die Sorgen um die Abfallberge sind größer geworden. Wohin nur mit der Wärmedämmung, wenn sie dereinst entsorgt werden soll? Eine berechtigte Frage. Doch genauso berechtigt darf man fragen, warum es gewisse Baukulturwahrer unter den Architekten ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf nehmen, dass für Neubauten aus ihrem Büro nicht die schlechteste Architektur der Nachkriegszeit abgerissen wird.

Warum habt ihr denn vorher nicht hingesehen? Auch vorher wurden Wintergärten an ungeeigneten Stellen an die Häuser angebaut und beheizt, wurden Photovoltaik-Elemente unansehnlich aufs Dach geschraubt, gedämmt und gewurschtelt und gebastelt und gespart, um nur am Ende das Gesparte anderweitig ausgeben zu können. Interessiert hat es wenige, eine sinnvoll differenzierte, also anspruchsvolle Diskussion über die Möglichkeiten, mit intelligenten Architekturkonzepten Ressourcen zu schonen, haben Spezialisten zu lange weitgehend unter sich geführt. Dass irgendwann panisch die Energiewende ausgerufen wurde und bald in aller Munde war, ist der Architektur aber augenscheinlich auch nicht gut bekommen.
Vielleicht ist das Problem gar nicht eines der Architektur. Ökologische Verantwortung darf auch sonst keine bittere Pille sein. Auch sonst wurde viel versprochen, vor allem, dass es uns besser gehen würde. Beispiel „Faktor vier“: Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. Effizienteren Motoren sorgen dafür, dass die Autos größer werden. Mit der gleichen Menge Sprit werden nun einfach mehr Kilogramm bewegt: deutsche Effizienzsteigerung. Dass es ohne Verzicht nicht geht, konnte man sich schon lange an wenigen Fingern abzählen. Immerhin stellt man sich inzwischen unter dem Schlagwort „Suffizienz“ die Frage, wieviel man eigentlich tatsächlich braucht. Es sollte auf jeden Fall deutlich weniger sein als bislang. Das allerdings ist noch eine Erkenntnis, die erst ganz wenige teilen. Dass selbst bescheidene Appelle an die Vernunft etwa in Form eines Tags ohne Fleischverzehr politisch bestraft wird, haben die Grünen erfahren müssen. Eigentlich müsste es darum gehen, dass man nur einen Tag in der Woche Fleisch ist. Eigentlich.

Sag aber nur einer, den Menschen sei Ästhetik nicht wichtig. Von einer Ökosiedlung in der Nähe von Hamburg wird überliefert, dass im Freien keine Wäscheleinen geduldet würden. Wie sieht das denn aus! Die Wäsche wird nun im Trockner getrocknet, so hoch wird deren Energieverbrauch schon nicht sein. Und worum es eigentlich geht, weiß eh kaum einer so recht. In der FAZ vom 24. August 2012 kommentiert der Immobilienentwickler Bernhard Schoofs eine Umfrage von Union Investment, der zufolge 80 Prozent der Investoren nicht so genau wissen, was mit Nachhaltigkeit gemeint ist: „Niemand wird bezweifeln, dass Energieeffizienz bei Gebäuden ein wichtiges Thema ist. Nachhaltigkeit scheint jedoch auch in der Immobilienwirtschaft eher ein hehres Postulat zu sein, zu dem sich alle gerne und vehement bekennen, das jedoch für das tägliche Handeln wenig Relevanz hat – solange es nicht Vorteile wie Kosteneinsparungen durch Energieeffizienz mit sich bringt.“ Noch Fragen?
db-images/cms/article/img/l2_v356270_958_488_740-2.jpg
Erkenntnisgewinn durch Energiesparen. So manchem Heimwerker mag die Energiewende die räumliche Komplexität selbst der einfach erscheinenden Konstellationen offenbaren.
db-images/cms/article/img/l2_v356270_958_488_740-3.jpg
Die Sonne ist rund, mein Haus wird es auch. Die Freude am Dämmen beschert uns abenteuerliche Architekturmetaphern. Alle Fotos © Christian Holl
Christian Holl
Im Jahre 2004 gründete Christian Holl frei04 publizistik mit Ursula Baus und Klaus Siegele und arbeitet seitdem als freier Autor. Er ist zudem Kurator sowie Mitglied im Ausstellungsausschuss der architekturgalerie am weißenhof. Holl studierte zunächst zwei Jahre Kunst und Germanistik und wechselte dann zur Architektur. Der diplomierte Architekt war von 1997 bis 2004 Redakteur bei der db deutsche bauzeitung. 2005 bis 2010 forschte und lehrte Holl als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, Fachgebiet ORL, geführt von Johann Jessen. Seit 2010 ist er Geschäftsführer des BDA Hessen. www.frei04-publizistik.de
News & Stories › 2015 › Januar
Dicht am Ende des Tunnels
von Christian Holl | 15. Januar 2015
Erst reden zu wenige über ökologische Architektur und Ressourcen sparendes Bauen, dann zu viele. Die Diskussion um die Energiewende und ökologische Verantwortung ist der Architektur in Deutschland nicht bekommen.
Erst reden zu wenige über ökologische Architektur und Ressourcen sparendes Bauen, dann zu viele. Die Diskussion um die Energiewende und ökologische Verantwortung ist der Architektur in Deutschland nicht bekommen.Man darf sich ruhig die Augen reiben. Wärmedämmverbundsysteme als Standard an Gebäuden gibt es seit den 1970er Jahren. Unzählige Architektenknöchel wurden an ihnen schon blutig geklopft, um dem hohlen Klang hochgezogene Augenbrauen folgen zu lassen. Achtung! Hier wird die Maxime von ehrlicher Architektur missachtet! Der zufolge wohl eine verputzte Oberfläche nur direkt auf massive Wänden ehrlich wäre. Nun ja. Mehrere Jahrzehnte vergingen. Bis mit einer Überschrift, die die Autoren in Zeiten von Pegida wohl nicht mehr wählen würden, einer schon etwas länger schwelenden Unzufriedenheit das Schlagwort geliefert wurde, das bislang gefehlt hatte. „Die Burka fürs Haus“ von Niklas Maak und Peter Richter erschien in der FAZ im November 2010. Endlich klare Fronten. Der Feind: Die Dämmstoffindustrie, die per Lobby-Arbeit ahnungslose Politiker instrumentalisiert und halbseidene Handwerker ins Geschäft bringt. Diese Handwerker verkleben fortan ohne Kenntnis von Baukonstruktion und Bauphysik die gebaute Republik. Schimmel und Verschandelung sind die Folgen. Hurra, das Abendland geht wieder unter. „Dämm oder stirb!“, hieß es in der NZZ, die schnell das Potenzial erkannte, sich über den Nachbarn, den „großen Kanton“ und die dort polemisch geführten Entweder-Oder-Diskussionen, lustig zu machen.

Erstaunlich, um auf die inzwischen hoffentlich nicht wundgeriebenen Augen zurückzukommen, ist dabei das fast über Nacht erwachte Interesse am alltäglichen Bauen, am Zusammenhang von politischer Steuerung und Architektur, daran, dass sich Menschen, Eigentümer irgendwie und hin und wieder auch ungelenk zu behelfen versuchen. Das sieht manchmal komisch aus, meist aber einfach nur unvorteilhaft. So manches Haus erinnert schon an eines von Erwin Wurms „fat cars“. Auf einmal ist ganz Deutschland voll von Baudenkmälern, die verschandelt werden, um die sich vorher niemand geschert hat. So schnell kann es gehen. Auch die Sorgen um die Abfallberge sind größer geworden. Wohin nur mit der Wärmedämmung, wenn sie dereinst entsorgt werden soll? Eine berechtigte Frage. Doch genauso berechtigt darf man fragen, warum es gewisse Baukulturwahrer unter den Architekten ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf nehmen, dass für Neubauten aus ihrem Büro nicht die schlechteste Architektur der Nachkriegszeit abgerissen wird.

Warum habt ihr denn vorher nicht hingesehen? Auch vorher wurden Wintergärten an ungeeigneten Stellen an die Häuser angebaut und beheizt, wurden Photovoltaik-Elemente unansehnlich aufs Dach geschraubt, gedämmt und gewurschtelt und gebastelt und gespart, um nur am Ende das Gesparte anderweitig ausgeben zu können. Interessiert hat es wenige, eine sinnvoll differenzierte, also anspruchsvolle Diskussion über die Möglichkeiten, mit intelligenten Architekturkonzepten Ressourcen zu schonen, haben Spezialisten zu lange weitgehend unter sich geführt. Dass irgendwann panisch die Energiewende ausgerufen wurde und bald in aller Munde war, ist der Architektur aber augenscheinlich auch nicht gut bekommen.
Vielleicht ist das Problem gar nicht eines der Architektur. Ökologische Verantwortung darf auch sonst keine bittere Pille sein. Auch sonst wurde viel versprochen, vor allem, dass es uns besser gehen würde. Beispiel „Faktor vier“: Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. Effizienteren Motoren sorgen dafür, dass die Autos größer werden. Mit der gleichen Menge Sprit werden nun einfach mehr Kilogramm bewegt: deutsche Effizienzsteigerung. Dass es ohne Verzicht nicht geht, konnte man sich schon lange an wenigen Fingern abzählen. Immerhin stellt man sich inzwischen unter dem Schlagwort „Suffizienz“ die Frage, wieviel man eigentlich tatsächlich braucht. Es sollte auf jeden Fall deutlich weniger sein als bislang. Das allerdings ist noch eine Erkenntnis, die erst ganz wenige teilen. Dass selbst bescheidene Appelle an die Vernunft etwa in Form eines Tags ohne Fleischverzehr politisch bestraft wird, haben die Grünen erfahren müssen. Eigentlich müsste es darum gehen, dass man nur einen Tag in der Woche Fleisch ist. Eigentlich.

Sag aber nur einer, den Menschen sei Ästhetik nicht wichtig. Von einer Ökosiedlung in der Nähe von Hamburg wird überliefert, dass im Freien keine Wäscheleinen geduldet würden. Wie sieht das denn aus! Die Wäsche wird nun im Trockner getrocknet, so hoch wird deren Energieverbrauch schon nicht sein. Und worum es eigentlich geht, weiß eh kaum einer so recht. In der FAZ vom 24. August 2012 kommentiert der Immobilienentwickler Bernhard Schoofs eine Umfrage von Union Investment, der zufolge 80 Prozent der Investoren nicht so genau wissen, was mit Nachhaltigkeit gemeint ist: „Niemand wird bezweifeln, dass Energieeffizienz bei Gebäuden ein wichtiges Thema ist. Nachhaltigkeit scheint jedoch auch in der Immobilienwirtschaft eher ein hehres Postulat zu sein, zu dem sich alle gerne und vehement bekennen, das jedoch für das tägliche Handeln wenig Relevanz hat – solange es nicht Vorteile wie Kosteneinsparungen durch Energieeffizienz mit sich bringt.“ Noch Fragen?
Im Jahre 2004 gründete Christian Holl frei04 publizistik mit Ursula Baus und Klaus Siegele und arbeitet seitdem als freier Autor. Er ist zudem Kurator sowie Mitglied im Ausstellungsausschuss der architekturgalerie am weißenhof. Holl studierte zunächst zwei Jahre Kunst und Germanistik und wechselte dann zur Architektur. Der diplomierte Architekt war von 1997 bis 2004 Redakteur bei der db deutsche bauzeitung. 2005 bis 2010 forschte und lehrte Holl als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, Fachgebiet ORL, geführt von Johann Jessen. Seit 2010 ist er Geschäftsführer des BDA Hessen. www.frei04-publizistik.de