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Die Ferien Hegels
Mailand-Check Teil 2
von Thomas Wagner | 26. April 2012
Mit der Kreativität ist es so eine Sache. Nicht immer geleitet sie einen sicher zum Ziel. „Die Ferien Hegels" heißt ein Gemälde von René Magritte aus dem Jahr 1958. Es zeigt vor einem monochromen ockerfarbenen Hintergrund einen aufgespannten Regenschirm, auf dem obenauf ein Glas steht, das zu drei Vierteln mit Wasser gefüllt ist. Magritte liebte Paradoxien, die er ins Bildhafte übertrug. Und wenn Hegel Ferien hat, dann eben auch die Logik. Wobei der Schirm seine Funktion ja durchaus erfüllt.

Hauptsache Ferien

Was das mit Design zu tun hat? Nun, in einer der Hallen von Ventura Lambrate, wo sich die jungen Kreativen tummeln, woraus eine Mischung aus Hochschulrundgang, Galerienszene und Kirmes entstanden ist, steht, in einer von Werner Aisslinger, Fabien Dumas und DMY Berlin kuratierten Schau mit dem Titel „Instant Stories – Made in Berlin" ein kleiner Tisch. Gestaltet haben ihn Fabian Freytag und Oskar Kohnen, angeboten wird er von dem kleinen Berliner Label „Rakso Naibaf". Er trägt den schlichten Titel: „Parapluie Table", und damit man den Witz auch wirklich versteht, haben die Designer dazugeschrieben: „This is not an umbrella!"

Besser könnte man die Abwesenheit jeglicher Vernunft kaum beschreiben. Erst klaut man sich ein Bildmotiv von Magritte und dann macht man auch noch einen schlecht gestalteten Tisch daraus. Von Hegels „List der Vernunft", einem Vorgang, durch den sich in der Geschichte der Menschheit ein bestimmter Zweck verwirklicht, der den handelnden Menschen nicht bewusst ist, scheint nichts übrig geblieben zu sein. Leider ist das nur einer von vielen Fällen, wie Design als Kunstimitat und Spielwiese missverstanden wird, auf der sich gestreifte Lichtschlangen verknoten, Hocker aus aufgeblasenem Blech nachgemacht werden und Häschen auf Tassen und Tellern herumspringen. Design von dieser Art gibt es, nicht nur in Ventura Lambrate, in Mailand leider auch jede Menge. Ob das tatsächlich etwas mit Zukunft zu tun hat?

Wenn Stühle wachsen

Selbst der Mitkurator der Berliner Schau, der selbsternannte Öko-Designer Werner Aisslinger, nimmt es mit der vernünftigen Seite seinen Ideen offenbar nicht so genau. Selbst als Metapher für nachwachsende Rohstoffe ist es keine besonders gute Idee, Bambus in einem Stuhlgestell aus Metall wachsen zu lassen und das Treibhaus „Chair Farm" zu nennen. Das visionäre Ensemble hat, bei allem grünen Anstrich, nämlich so seine Mucken. Entweder es zeigt, dass Natur noch immer domestiziert werden soll oder, dass sich der Designer als deren Beherrscher missversteht. Vielleicht traut er der Natur, die doch so viel mehr kann als er selbst, aber auch zu, was er selbst nicht vermag, was ihn am Ende immerhin überflüssig macht. Auch hier hat Hegel also Ferien. Und dass die Zukunft des Designs etwas mit nachwachsenden Rohstoffen zu tun haben wird, weiß eh schon jedes Kind.

Treibhäuser der Kreativität

So gut gemeint vieles ist, so schlecht gemacht ist es zumeist. Naiv und traumverloren wird an vielen Ständen in den alten Fabrikhallen allerlei Wind gemacht. Es werde, spricht aus all dem, schon alles gut und die Welt lasse sich mit einigen Salatköpfen im Gemüsebeet auf dem Dach schon kurieren. Was daran bedenkenswert ist, gewinnt nicht an Plausibilität, wenn es sich allzu romantisch verpuppt und selbst in eine Nische zurückzieht. Ganz generell lässt sich in den Treibhäusern einer Kreativität, die sich nur reich fühlt, aber arm an Ideen und Wissen ist, nur konstatieren, dass die Vernunft – die praktisch-instrumentelle nicht weniger als die ästhetische – hier nichts als Ferien macht.

Vier Minuten Zukunft

Es gibt auch andere Beispiele. Man muss die Ästhetik der Möbel nicht unbedingt lieben, die aus der Kooperation von Lensvelt und dem Atelier Van Lieshout entstanden sind, doch ist Joep van Lieshout der einzige, der mit seiner Schau „World War III / Furnication" in Mailand den Frieden mit der Welt etwas stört, indem er mitten in die Halle mit den Möbeln eine Mörserkanone stellt, die im selben Blau wie die Möbel gestrichen ist. Über die vielfältigen Konnotationen mag sich jeder selbst seine Gedanken machen.

Dominiert hier das Handfeste und befreit das Auge von so mancher Illusion, so trifft man im Superstudio Più auf eine ganz andere Sicht der künftigen Dinge. Gerade einmal vier Minuten braucht es, so verspricht Samsung, um die Zukunft zu denken. Erwartungsvoll betritt man, ausgestattet mit einem Tablet-Computer, einen fast leeren Raum, in dem die Zukunft zunächst noch recht grau erscheint. Erst wenn man auf den kleinen Bildschirm blickt, wo sich die „augmented reality" verbirgt, kommt Farbe ins Spiel. Plötzlich blickt man in eine Küche, in ein Wohnzimmer und ein Schlafgemach – allein, all das Grau drum herum bleibt bestehen und die illusionäre Welt der Zukunft bleibt, samt der in ihr gefangenen Menschen, sehr flach und sehr klein. Es ist erstaunlich, welch medialer Aufwand hier getrieben wird und wie mager die Ausbeute am Ende ist, wenn es um Erfahrung und Ästhetik geht. Man hat nicht den Eindruck, solche technischen Jahrmarktsspiele würden schnell wieder verschwinden; im Gegenteil. Die inhaltsleere und unkritische Faszination, die von der Technik ausgeht, wird künftig vermutlich mehr denn je den Alltag dominieren.

Bei der Arbeit

Dass es auch ganz anders geht, beweist Tom Dixon, der im „Museo Nazionale della Scienza e delle Tecnologia Leonardo da Vinci" unter dem Titel „Most" eine Schau verschiedener Hersteller und Labels angeregt hat, die durch die Ausstellungsstücke des Museums eine besondere Qualität bekommt. In dem Mailänder Museum für Wissenschaft und Technik wächst den Produkten nämlich ein Kontext zu, der sie in der Industriegeschichte verankert. Wenn auch nicht in allen Fällen zum Vorteil der gezeigten Möbel, Leuchten und Accessoires. Wenn aber inmitten der riesigen Lokomotiven-Halle eine Stanze steht, mit deren Hilfe ein Stuhl von Tom Dixon gefertigt wird, dann bleibt das Produkt nicht isoliert, sondern gebunden an den Prozess seiner Herstellung. Hier ist Hegel endlich wieder bei der Arbeit. Schließlich hat man nicht nur Ferien.

www.venturaprojects.com
Hocker aus aufgeblasenem Blech, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Follow the white rabbit“, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Chair Farm“ von Werner Aisslinger, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Bambus wächst in einem Stuhlgestell aus Metall, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Auch im Büro herrscht Blau, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Die Zukunft wirkt noch etwas grau, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Mithilfe eines Bildschirms kommt Farbe ins Spiel, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Präsentation im Mailänder Museum für Wissenschaft und Technik, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Historische Modelle bieten aktuellen Produkten einen Rahmen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Historisches Gefährt, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Parapluie Table“ von Fabian Freytag und Oskar Kohnen, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„This is not an umbrella!“, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„be creative / be innovative / be berlin”, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„World War III / Furnication“ von Joep van Lieshout, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Mörserkanone in Blau, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Installation von Samsung in Superstudio Più, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Auch das Fahrrad präsentiert sich monochrom, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Schau „Most“ von Tom Dixon, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Stanze bei der Fertigung eines Stuhls, Foto © Stylepark
Frühere und heutige Maschinen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark