transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2140 Forward End
Die freundliche Moderne - eine Buchbesprechung
von Thomas Wagner | 25. Juni 2008
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

„Projekt Vitra“ ist die Selbstdarstellung einer erfolgreichen Firma. Und doch ist der Band mit seinen klugen Texten, mit den wie Familien zum Hochzeitsfoto aufgestellten Produkten, mit historischen und aktuellen Aufnahmen und Dokumenten, mehr als eine Unternehmensgeschichte. Mal handelt es sich um eine kurze Geschichte des Designs, mal um ein Exempel, was Architektur zu leisten vermag; mal dreht sich alles um den Wandel der Arbeitswelt, mal um die Besonderheiten industrieller Gestaltungsprozesse. Oder man wird Zeuge, wie regionale Verwurzelung und geschicktes unternehmerisches Handeln eine eigenständige Industriekultur hervorbringen, und wie aus sehr persönlichen Beziehungen globale Netzwerke entstehen.

Es begann mit Eames und Nelson

Vieles ist in diesem Buch anders. Nicht aus Willkür oder weil ein Grafiker übermütig geworden wäre, sondern weil vieles in dem Unternehmen Vitra anders ist. Die Texte sind anregend, die Fotografien informativ, alles ist solide aufbereitet, gut gestaltet, durchdacht und verständlich ausgedrückt. Vitra-like eben. Mal mit einem Schuss Pop-art, mal minimalistisch, mal narrativ. Schon im ersten Satz des einleitenden Textes von Rolf Fehlbaum, dem spiritus rector des Ganzen, ist im Grunde alles gesagt, freilich derart verdichtet, dass es einer Entfaltung auf rund vierhundert Seiten bedarf: „Das Projekt Vitra begann 1957 in Basel und Weil am Rhein mit der Produktion der Möbel von Charles & Ray Eames und von George Nelson durch die Gründer des Unternehmens, Willi und Erika Fehlbaum. Noch heute produzieren wir diese Möbel als unsere Klassiker, und nach wie vor sind wir in der Metropolitanregion Basel zu Hause. Vieles jedoch ist über die Jahre hinzugekommen.“

Love investigations

Fakt ist: Ohne die Begegnung mit Charles und Ray Eames wäre Vitra nicht Vitra. Und so wird noch heute, wenn weit reichende Entscheidungen getroffen werden müssen, gern die Frage gestellt: Was würde Charles sagen? Nur der Designer George Nelson, dem Fehlbaum bescheinigt, keiner habe so klug über Design gesprochen und so gut über Design geschrieben wie er, hatte einen ähnlich großen Einfluss auf die Entwicklung der Firma. So ist es bis heute die Mischung aus Pioniergeist, Forschungsinteresse und Verbissenheit, die Vitra erfolgreich macht. „Love investigations“ hat Charles Eames das Zusammenspiel von Hingabe und Leidenschaft genannt, das offenbar nicht nur zu gutem Design, sondern auch zu dessen erfolgreicher Produktion führt.

Architektur vom Feinsten

Schon die Fabrik in Weil ist keine gewöhnliche Fabrik, sondern ein Architekturcampus erster Güte, auf dem sich Architektur, Kunst, Design und Industriekultur auf weltweit einzigartige Weise verbinden. Der Neuaufbau des Werksgeländes begann nach einem Brand 1981. Orientierten sich die ersten Hallen von Nicholas Grimshaw noch an angelsächsischem High-Tech, so hielt mit dem Dynamismus von Frank Gehrys „Vitra Design Museum“, mit Zaha Hadids suprematistischem Feuerwehrhaus, dem Minimalismus von Tadao Andos Konferenzpavillon und einer Produktionshalle von Alvaro Siza schon bald architektonischer Entdeckergeist Einzug.

Fehlbaum hatte einen guten Riecher. Man war Vorreiter: Das kleine Feuerwehrhaus war Zaha Hadids erster realisierter Bau überhaupt, die Gebäude Gehrys und Andos die ersten der Baumeister in Europa. Nichts wird hier isoliert; alles wirkt zusammen. Zwischen den zu einer Collage verbundenen Solitären steht Claes Oldenburg und Coosje van Bruggens Skulptur „Balancing tools“, ein Tor aus Zange, Hammer und Schraubenzieher und ein Sinnbild des Herstellens, und mittlerweile sind ein „Dome“ von Buckminster-Fuller, eine Tankstelle von Jean Prouvé und Bushaltestellen von Jasper Morrison hinzugekommen. Seinen krönenden Abschluss soll das aus lauter signature architecture gebildete Ensemble im kommenden Jahr finden, wenn das spielerisch aus übereinander gestapelten Giebelhäusern gebildete Vitra-Haus von Herzog & de Meuron und die kreisrunde Fabrikhalle für Vitra-Shop des japanischen Duos SANAA eingeweiht werden.

Collage als Erfolgsrezept

Ob auf dem Architekturcampus, im Vitra Design Museum, in der Home Collection oder in Vitras Bürowelten, überall regiert das Prinzip der Collage. Fehlbaum hat, angeregt von der Begegnung mit den Eames und deren Haus in Kalifornien, Möbel nie als etwas Isoliertes aufgefasst. Stets war er davon überzeugt, dass sie kein vom Leben abgeschnittenes Dasein in schicken Showrooms fristen und nur die Träume von Design-afficionados bestimmen dürfen. So war es kein Zufall, dass Vitra nicht auf Einzelstücke setzte, sondern ganze Produktfamilien entwickelte, nur hier und da ergänzt um Editionen und Solitäre. Denn beim Übergang in die postindustrielle Gesellschaft mischen sich private und öffentliche Aspekte. Wohnen und Arbeiten sind zunehmend verflochten, der Alltag medial vernetzt; und weil überdies auch die Kleinfamilie keine sinnvolle Orientierung und keinen Maßstab mehr für Gestaltungsansprüche abgibt, kann die Wohnung nicht länger nur ein Ort des Rückzugs oder der Repräsentation sein. Das heißt in der Konsequenz: Das Einrichten muss auf Vielfalt reagieren, nicht nach Einheitlichkeit streben. Es entstehen Collagen des Privaten oder Patchworks aus unterschiedlichen Bedürfnissen des Arbeitens. Folglich geht man bei Vitra davon aus, „dass die Verantwortung für den Masterplan individuellen Wohnens nie beim Hersteller liegen kann, sondern beim Nutzer. Deshalb kann es auch nie eine typische Vitra-Wohnung geben. Der Nutzer schafft sich aus heterogenen Elementen seine persönliche Welt.“

Designer als Autoren

Kaum anders verfährt man mit den „Autoren“, wie Fehlbaum die Designer, Grafiker und Architekten nennt, mit denen er langfristig zusammenarbeitet. Die Liste ist so lang wie ihre Namen illuster. Allein im Design reicht sie von den Eames und Nelson über Verner Panton, Jean Prouvé, Antonio Citterio und Alberto Meda bis zu Maarten Van Severen, Jasper Morrison, Ronan & Erwan Bouroullec bis zu Hella Jongerius. Wobei Fehlbaum betont, dass die Rollenverteilung gerade nicht die in Auftraggeber und Auftragnehmer ist, sondern zwei freie Unternehmer – der Designer und Vitra – gemeinsam nach der besten Lösung suchen. „Die Aufgabe von Vitra“, so Fehlbaum, „ist dabei, das stimulierende Umfeld, die technische Unterstützung, die gute konzeptionelle Diskussion und die konstruktive Kritik zu bieten.“ Eine Garantie für Erfolg ist das noch nicht; aber eine gute Voraussetzung.

Weitsicht durch schonungslose Analyse

Der Erfolg von Vitra verdankt sich aber nicht nur durch Weitsicht, Leidenschaft und einer glücklichen unternehmerischen Hand. Er basiert – das lässt sich an jedem der Texte Fehlbaums ablesen – ebenso auf einer klaren, schonungslosen Analyse, aus der heraus Angebote erwachsen, die zur Lösung ästhetischer, sozialer, urbaner und atmosphärischer Aufgaben beitragen können. Fehlbaum, und das unterscheidet ihn fundamental von anderen Unternehmern der Möbelbranche, bietet an, er verordnet nicht; und er verspricht nichts Unmögliches. Er weiß, dass die Menschen ihre Probleme selbst lösen müssen. Also orientiert sich seine Ethik am Verhältnis eines Gastgebers zu einem Gast.

Wie man Bürodesaster vermeidet

Auch was die sich permanent wandelnde Arbeitswelt angeht, so steht am Beginn der Suche nach Lösungen auch hier eine Analyse der gesellschaftlichen Bedürfnisse. „Wir kennen“, so Fehlbaum, „die Bürodesaster. Zugleich wissen wir, dass sie vermeidbar sind.“ Von den tayloristischen Anfängen über die Vorstellung einer „Humanisierung der Arbeitswelt“ bis zur „Zivilisierung des Großraums und der Unterstützung der ihm angemessenen Arbeitsform“, denen sich Vitra verschrieben hat, spannt er hier den Bogen. War zunächst die workstation an die Stelle des Schreibtischs getreten, so ist aus dem alten Büro mittlerweile ein „Marktplatz des Wissens“ geworden. Nun kommt es darauf an, eine Balance zwischen Kommunikation und Konzentration, Austausch und Rückzug herzustellen. „Net’n’Nest“ lautet die aktuelle Formel, die „networking“ und „nesting“ verbinden soll.

Wo Designer aufblühen

Für jeden an Design Interessierten ist der Band eine wahre Fundgrube. Und auch wenn die Vielfalt des zeitgenössischen Gestaltens sich bei weitem nicht darin erschöpft, was Vitra herstellt, so wird man bei der Lektüre doch manchmal neidisch, nicht bei all den Aktivitäten dieses Ausnahmeunternehmens dabei sein zu können. Oder, wie die Designerin Hella Jongerius es ausdrückt: „Als Designer hofft man, dass ein Auftraggeber die Richtung weist, selbst eine fachliche Meinung und eine Vision in Bezug auf die angestrebte künftige Kollektion hat. Daneben ist es wichtig, dass ein Auftraggeber in mich als Designerin Vertrauen hat, mir Raum und Respekt bietet, in der Ideenphase des Prozesses mitdenkt und in der Ausführungsphase Unterstützung bietet. Und ein Auftraggeber muss die finanzielle Schlagkraft haben, um Produkte tatsächlich zum Erfolg werden zu lassen. All das bietet Vitra. Die Kultur des Unternehmens zielt darauf ab, einen Designer aufblühen zu lassen.“

Projekt Vitra. 1957-2007. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen; Chronik, Glossar. herausgegeben von Cornel Windlin und Rolf Fehlbaum, Birkhäuser Verlag, Basel 2008, 400 Seiten, gebunden, 39,90 €

www.springer.com/birkhauser

News & Stories › 2008 › Juni
Die freundliche Moderne - eine Buchbesprechung
von Thomas Wagner | 25. Juni 2008
Mehr als eine Firmengeschichte: „Projekt Vitra 1957-2007“ - „Projekt Vitra“ ist die Selbstdarstellung einer erfolgreichen Firma. Und doch ist der Band mit seinen klugen Texten, mit den wie Familien zum Hochzeitsfoto aufgestellten Produkten, mit historischen und aktuellen Aufnahmen und Dokumenten, mehr als eine Unternehmensgeschichte.
„Projekt Vitra“ ist die Selbstdarstellung einer erfolgreichen Firma. Und doch ist der Band mit seinen klugen Texten, mit den wie Familien zum Hochzeitsfoto aufgestellten Produkten, mit historischen und aktuellen Aufnahmen und Dokumenten, mehr als eine Unternehmensgeschichte. Mal handelt es sich um eine kurze Geschichte des Designs, mal um ein Exempel, was Architektur zu leisten vermag; mal dreht sich alles um den Wandel der Arbeitswelt, mal um die Besonderheiten industrieller Gestaltungsprozesse. Oder man wird Zeuge, wie regionale Verwurzelung und geschicktes unternehmerisches Handeln eine eigenständige Industriekultur hervorbringen, und wie aus sehr persönlichen Beziehungen globale Netzwerke entstehen.

Es begann mit Eames und Nelson

Vieles ist in diesem Buch anders. Nicht aus Willkür oder weil ein Grafiker übermütig geworden wäre, sondern weil vieles in dem Unternehmen Vitra anders ist. Die Texte sind anregend, die Fotografien informativ, alles ist solide aufbereitet, gut gestaltet, durchdacht und verständlich ausgedrückt. Vitra-like eben. Mal mit einem Schuss Pop-art, mal minimalistisch, mal narrativ. Schon im ersten Satz des einleitenden Textes von Rolf Fehlbaum, dem spiritus rector des Ganzen, ist im Grunde alles gesagt, freilich derart verdichtet, dass es einer Entfaltung auf rund vierhundert Seiten bedarf: „Das Projekt Vitra begann 1957 in Basel und Weil am Rhein mit der Produktion der Möbel von Charles & Ray Eames und von George Nelson durch die Gründer des Unternehmens, Willi und Erika Fehlbaum. Noch heute produzieren wir diese Möbel als unsere Klassiker, und nach wie vor sind wir in der Metropolitanregion Basel zu Hause. Vieles jedoch ist über die Jahre hinzugekommen.“

Love investigations

Fakt ist: Ohne die Begegnung mit Charles und Ray Eames wäre Vitra nicht Vitra. Und so wird noch heute, wenn weit reichende Entscheidungen getroffen werden müssen, gern die Frage gestellt: Was würde Charles sagen? Nur der Designer George Nelson, dem Fehlbaum bescheinigt, keiner habe so klug über Design gesprochen und so gut über Design geschrieben wie er, hatte einen ähnlich großen Einfluss auf die Entwicklung der Firma. So ist es bis heute die Mischung aus Pioniergeist, Forschungsinteresse und Verbissenheit, die Vitra erfolgreich macht. „Love investigations“ hat Charles Eames das Zusammenspiel von Hingabe und Leidenschaft genannt, das offenbar nicht nur zu gutem Design, sondern auch zu dessen erfolgreicher Produktion führt.

Architektur vom Feinsten

Schon die Fabrik in Weil ist keine gewöhnliche Fabrik, sondern ein Architekturcampus erster Güte, auf dem sich Architektur, Kunst, Design und Industriekultur auf weltweit einzigartige Weise verbinden. Der Neuaufbau des Werksgeländes begann nach einem Brand 1981. Orientierten sich die ersten Hallen von Nicholas Grimshaw noch an angelsächsischem High-Tech, so hielt mit dem Dynamismus von Frank Gehrys „Vitra Design Museum“, mit Zaha Hadids suprematistischem Feuerwehrhaus, dem Minimalismus von Tadao Andos Konferenzpavillon und einer Produktionshalle von Alvaro Siza schon bald architektonischer Entdeckergeist Einzug.

Fehlbaum hatte einen guten Riecher. Man war Vorreiter: Das kleine Feuerwehrhaus war Zaha Hadids erster realisierter Bau überhaupt, die Gebäude Gehrys und Andos die ersten der Baumeister in Europa. Nichts wird hier isoliert; alles wirkt zusammen. Zwischen den zu einer Collage verbundenen Solitären steht Claes Oldenburg und Coosje van Bruggens Skulptur „Balancing tools“, ein Tor aus Zange, Hammer und Schraubenzieher und ein Sinnbild des Herstellens, und mittlerweile sind ein „Dome“ von Buckminster-Fuller, eine Tankstelle von Jean Prouvé und Bushaltestellen von Jasper Morrison hinzugekommen. Seinen krönenden Abschluss soll das aus lauter signature architecture gebildete Ensemble im kommenden Jahr finden, wenn das spielerisch aus übereinander gestapelten Giebelhäusern gebildete Vitra-Haus von Herzog & de Meuron und die kreisrunde Fabrikhalle für Vitra-Shop des japanischen Duos SANAA eingeweiht werden.

Collage als Erfolgsrezept

Ob auf dem Architekturcampus, im Vitra Design Museum, in der Home Collection oder in Vitras Bürowelten, überall regiert das Prinzip der Collage. Fehlbaum hat, angeregt von der Begegnung mit den Eames und deren Haus in Kalifornien, Möbel nie als etwas Isoliertes aufgefasst. Stets war er davon überzeugt, dass sie kein vom Leben abgeschnittenes Dasein in schicken Showrooms fristen und nur die Träume von Design-afficionados bestimmen dürfen. So war es kein Zufall, dass Vitra nicht auf Einzelstücke setzte, sondern ganze Produktfamilien entwickelte, nur hier und da ergänzt um Editionen und Solitäre. Denn beim Übergang in die postindustrielle Gesellschaft mischen sich private und öffentliche Aspekte. Wohnen und Arbeiten sind zunehmend verflochten, der Alltag medial vernetzt; und weil überdies auch die Kleinfamilie keine sinnvolle Orientierung und keinen Maßstab mehr für Gestaltungsansprüche abgibt, kann die Wohnung nicht länger nur ein Ort des Rückzugs oder der Repräsentation sein. Das heißt in der Konsequenz: Das Einrichten muss auf Vielfalt reagieren, nicht nach Einheitlichkeit streben. Es entstehen Collagen des Privaten oder Patchworks aus unterschiedlichen Bedürfnissen des Arbeitens. Folglich geht man bei Vitra davon aus, „dass die Verantwortung für den Masterplan individuellen Wohnens nie beim Hersteller liegen kann, sondern beim Nutzer. Deshalb kann es auch nie eine typische Vitra-Wohnung geben. Der Nutzer schafft sich aus heterogenen Elementen seine persönliche Welt.“

Designer als Autoren

Kaum anders verfährt man mit den „Autoren“, wie Fehlbaum die Designer, Grafiker und Architekten nennt, mit denen er langfristig zusammenarbeitet. Die Liste ist so lang wie ihre Namen illuster. Allein im Design reicht sie von den Eames und Nelson über Verner Panton, Jean Prouvé, Antonio Citterio und Alberto Meda bis zu Maarten Van Severen, Jasper Morrison, Ronan & Erwan Bouroullec bis zu Hella Jongerius. Wobei Fehlbaum betont, dass die Rollenverteilung gerade nicht die in Auftraggeber und Auftragnehmer ist, sondern zwei freie Unternehmer – der Designer und Vitra – gemeinsam nach der besten Lösung suchen. „Die Aufgabe von Vitra“, so Fehlbaum, „ist dabei, das stimulierende Umfeld, die technische Unterstützung, die gute konzeptionelle Diskussion und die konstruktive Kritik zu bieten.“ Eine Garantie für Erfolg ist das noch nicht; aber eine gute Voraussetzung.

Weitsicht durch schonungslose Analyse

Der Erfolg von Vitra verdankt sich aber nicht nur durch Weitsicht, Leidenschaft und einer glücklichen unternehmerischen Hand. Er basiert – das lässt sich an jedem der Texte Fehlbaums ablesen – ebenso auf einer klaren, schonungslosen Analyse, aus der heraus Angebote erwachsen, die zur Lösung ästhetischer, sozialer, urbaner und atmosphärischer Aufgaben beitragen können. Fehlbaum, und das unterscheidet ihn fundamental von anderen Unternehmern der Möbelbranche, bietet an, er verordnet nicht; und er verspricht nichts Unmögliches. Er weiß, dass die Menschen ihre Probleme selbst lösen müssen. Also orientiert sich seine Ethik am Verhältnis eines Gastgebers zu einem Gast.

Wie man Bürodesaster vermeidet

Auch was die sich permanent wandelnde Arbeitswelt angeht, so steht am Beginn der Suche nach Lösungen auch hier eine Analyse der gesellschaftlichen Bedürfnisse. „Wir kennen“, so Fehlbaum, „die Bürodesaster. Zugleich wissen wir, dass sie vermeidbar sind.“ Von den tayloristischen Anfängen über die Vorstellung einer „Humanisierung der Arbeitswelt“ bis zur „Zivilisierung des Großraums und der Unterstützung der ihm angemessenen Arbeitsform“, denen sich Vitra verschrieben hat, spannt er hier den Bogen. War zunächst die workstation an die Stelle des Schreibtischs getreten, so ist aus dem alten Büro mittlerweile ein „Marktplatz des Wissens“ geworden. Nun kommt es darauf an, eine Balance zwischen Kommunikation und Konzentration, Austausch und Rückzug herzustellen. „Net’n’Nest“ lautet die aktuelle Formel, die „networking“ und „nesting“ verbinden soll.

Wo Designer aufblühen

Für jeden an Design Interessierten ist der Band eine wahre Fundgrube. Und auch wenn die Vielfalt des zeitgenössischen Gestaltens sich bei weitem nicht darin erschöpft, was Vitra herstellt, so wird man bei der Lektüre doch manchmal neidisch, nicht bei all den Aktivitäten dieses Ausnahmeunternehmens dabei sein zu können. Oder, wie die Designerin Hella Jongerius es ausdrückt: „Als Designer hofft man, dass ein Auftraggeber die Richtung weist, selbst eine fachliche Meinung und eine Vision in Bezug auf die angestrebte künftige Kollektion hat. Daneben ist es wichtig, dass ein Auftraggeber in mich als Designerin Vertrauen hat, mir Raum und Respekt bietet, in der Ideenphase des Prozesses mitdenkt und in der Ausführungsphase Unterstützung bietet. Und ein Auftraggeber muss die finanzielle Schlagkraft haben, um Produkte tatsächlich zum Erfolg werden zu lassen. All das bietet Vitra. Die Kultur des Unternehmens zielt darauf ab, einen Designer aufblühen zu lassen.“

Projekt Vitra. 1957-2007. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen; Chronik, Glossar. herausgegeben von Cornel Windlin und Rolf Fehlbaum, Birkhäuser Verlag, Basel 2008, 400 Seiten, gebunden, 39,90 €

www.springer.com/birkhauser