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Die gesellschaftliche Bedeutung von Designkritik ist enorm
22. November 2011
Benita Braun-Feldweg, alle Fotos: Nina Reetzke, Stylepark

Wilhelm Braun-Feldweg gilt als einer der Pioniere deutschen Industriedesigns. Man denke an seine elegant geschwungenen „Havanna"-Lampen von 1959 oder die technisch-kühlen „Britz"-Leuchten von 1962, die heute von Mawa Design hergestellt werden. Doch der Name des inzwischen verstorbenen Designers, der auch zahlreiche designtheoretische Schriften verfasste, steht seit einigen Jahren nicht mehr nur für seine eigene gestalterische Tätigkeit, sondern – initiiert von seinen Erben – auch für den Wilhelm Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte, kurz bf-Preis.

Der bf-Preis wird seit 2003 nun zum sechsten Mal ausgeschrieben. Studenten und Absolventen des Fachbereichs Designs in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind dazu aufgerufen, bis zum 10. April 2012 einen Text über ein selbst gewähltes, gestalterisch relevantes Thema einzureichen. Die Jury betrachtet Schreiben als Teil von Entwurfsprozessen. Analyse und Schlussfolgerungen sollten im Zentrum der Betrachtungen stehen. Der Beitrag des Gewinners wird in der Reihe „Designkritische Texte" beim Schweizer Niggli Verlag veröffentlicht.

Nach außen prägendes Gesicht des bf-Preises ist Benita Braun-Feldweg, die Enkelin von Wilhelm Braun-Feldweg. Die gebürtige Würzburgerin führt heute zusammen mit Matthias Muffert das Architekturbüro bf-Studio in Berlin. Trotz der eigenen gestalterischen Tätigkeit ist der bf-Preis für sie jedoch keine Nebensache. Im persönlichen Kontakt wird schnell klar, dass sie sich mit vollster Überzeugung für den Förderpreis engagiert und ihn kontinuierlich weiter entwickelt. Nina Reetzke sprach mit Benita Braun-Feldweg über die Einsichten aus den bisherigen Runden des bf-Preises, über die Notwendigkeit ernstzunehmender Designkritik und über Erinnerungen an ihren Großvater.

Nina Reetzke: Wie entstand die Idee zum bf-Preis?

Benita Braun-Feldweg: Innerhalb der Familie war uns relativ frühzeitig klar, dass wir unter dem Namen von Wilhelm Braun-Feldweg einen Förderpreis ausloben möchten. 1998 haben wir mit einer Ausstellung über sein Werk an der Universität der Künste Berlin angefangen, darauf folgten Monografie und Produkt-Reeditionen. Aber all das erschien uns nicht ausreichend. Wir wollten das Werk meines Großvaters nicht nur retrospektiv betrachten, sondern in seiner ganzen Bedeutung erfassen, auch für die heutige Zeit. Insofern war die Idee, einen Förderpreis auszuloben, relativ frühzeitig geboren. Letztendlichen Anstoß gab die Zusage einer finanziellen Unterstützung von BMW auf fünf Jahre, die uns ermutigt hat, dieses Projekt anzugehen, ohne zu wissen, wie der bf-Preis konkret aussehen könnte. Als wesentlicher Ideengeber erwies sich Egon Chemaitis, inzwischen pensionierter Professor für Designgrundlagen an der Universität der Künste Berlin, der selbst ein Schüler von Wilhelm Braun-Feldweg war. Chemaitis meinte, man solle einen Designpreis ausloben, der mit Schreiben zu tun hat, was tatsächlich das wesentliche Anliegen von Braun-Feldweg war. Er hatte stets das Ideal des schreibenden Designers vor Augen, also den Designer, der in der Lage ist, zu gestalten, aber gleichzeitig auch zu formulieren. Und nicht, um sich selbst zu beschreiben, sondern um festzustellen, wo man steht, was man will, in welche Richtung es weitergehen soll.

Was sind die bisherigen Erfahrungen aus den ersten fünf Runden?

Braun-Feldweg: Egal aus welcher Perspektive ich mir den bf-Preis ansehe, erscheint es mir immer wichtig, dass die Texte in die Öffentlichkeit kommen. In den ersten zwei Runden haben wir Hefte produziert, die der Zeitschrift designreport beigelegt wurden. Danach haben wir, auch mit einem neuen Logo und Corporate Design, das Format Buch in Angriff genommen. Inzwischen erscheinen die prämierten Beiträge in der Reihe „Designkritische Texte" beim Niggli Verlag. Entscheidend ist: Ein Buch muss die Inhaltlichkeit, die es verspricht, auch einlösen können. Zum Zeitpunkt, da ein Preis ausgeschrieben wird, steht natürlich die Frage im Raum, ob ein Text eines sogenannten „unbekannten Autoren" es wert ist, veröffentlicht zu werden. Die Erfahrung aus den bisherigen Runden war durchweg positiv. Daher wissen wir inzwischen, dass wir den Anspruch erfüllen können. Übrigens ist die Publikation auch der Preis für den Gewinner. Ein Buch dieser Größenordnung zu verlegen, kostet zwischen 12.000 und 14.000 Euro, inklusive englischer Übersetzung.

Wohin soll sich der bf-Preis entwickeln?

Braun-Feldweg: Wir möchten den Nachlass von Wilhelm Braun-Feldweg gerne in der Designsammlung eines führenden Museums platzieren. Dabei ist uns wichtig, dass der Nachlass zugänglich bleibt, in Ausstellungen gezeigt wird und nicht in Lagern verschwindet. Außerdem sind wir der Meinung, dass der bf-Preis die Kommunikation über das Werk von Wilhelm Braun-Feldweg inhaltlich bereichert und wesentlicher Bestandteil der Nachlasspflege ist. Daher verfolgen wir in unseren Verhandlungen das Ziel, Nachlass und Förderpreis gesamtheitlich zu betrachten.

Welche Bedeutung messen Sie Designkritik zu?

Braun-Feldweg: Die gesellschaftliche Bedeutung von Designkritik ist enorm. Man sollte nicht nur in Krisenzeiten darüber nachdenken, wie Kritik auszusehen hat. Als Architektin kann ich leider nur feststellen, dass es in Deutschland keine Architekturkritik gibt. Wenn überhaupt haben wir in Feuilletons eine beschreibende, nicht wertende, essayistische Berichterstattung über vermeintlich interessante Gebäude, wenn möglich von Stararchitekten. Aber eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung über Inhalte, Formen und Notwendigkeiten ist nicht vorhanden. Wenn man nicht konform, also Marketing- und PR-orientiert schreibt, und sogar eine kritische Position einnimmt, bedeutet es ein Risiko für ein Medium, das gelesen werden will.

Was denken Sie über Blogs?

Braun-Feldweg: In Blogs, zum Teil finden sich dort durchaus knackig geschriebene Wortkreationen, werden Themen nicht ganzheitlich betrachtet. Das ist schade. Denn Gesellschaft ist nicht nur Gestaltung, Gesellschaft ist auch Wahrnehmung des Jetzt und Ich. Und um etwas wahrzunehmen, reicht es nicht, einfach nur durchzulaufen. Da muss man anhalten und sich die Situation genauer ansehen. Zum bewusst machen von Phänomenen und von dem, was einen tagtäglich umgibt, ist Schreiben eine ideale Möglichkeit. Und selbst, wenn es das Ergebnis nicht immer wohlformuliert ist, der Prozess des Klarwerdens zahlt sich aus.

Wer sind die besseren Designkritiker – Designer oder Geisteswissenschaftler?

Braun-Feldweg: Beide Ansätze haben ihre Relevanz. Die Frage zeigt jedoch gleichzeitig das Dilemma und die große Chance des bf-Preises. Denn auf der einen Seite richten wir uns bewusst nicht an den Designtheoretiker, der wohlroutiniert über das Hintergrundwissen verfügt und das Handwerk der Sprache beherrscht, sondern vor allem an den Designer, der in der Regel ohne schriftliche Statements Aussagen zur Gestaltung der Zukunft trifft. Und um diese scheinbare Sprachlosigkeit und die Konsequenz einer mangelnden Eigenpositionierung aufzuheben, ist dieser Förderpreis platziert worden. Es geht darum, eine Stimulanz für den Designnachwuchs zu schaffen und bei den Hochschulen ein Nachdenken anzuregen, mit welchen Strukturen sie auf diese Frage reagieren können.

Wie sah Ihre Beziehung zu Wilhelm Braun-Feldweg aus?

Braun-Feldweg: Ich bin Tür an Tür mit meinem Großvater groß geworden. Er ist 1976 von Berlin nach Würzburg gezogen. Zu dem Zeitpunkt war ich elf Jahre alt. Von großen Familien-Events habe ich jedoch auch noch seine Berliner Wohnung am Steinplatz gegenüber der Universität der Künste in Erinnerung. Das war eine faszinierende, große Wohnung – mit einem großräumigen Treppenhaus und den vielen Teppichen, die über Treppen laufen, einem schmiedeeisernen Aufzug und der leicht modrigen Luft einer Altbauwohnung. In Würzburg hingen von ihm entworfene Lampen an der Decke und seine Bilder an der Wand. Ich habe aus seinen Gläsern getrunken, mit seinem Besteck gegessen, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet. Das waren für mich einfach Gegenstände des Alltags. Zunächst standen mein Großvater und ich uns nicht so nahe, dann wurde die Beziehung enger. Jedoch habe ich ihn eher als Maler und weniger als Designer erlebt. Er hat im Alter wieder an sein Malereistudium angeknüpft. In meiner Familie wurde immer stark diskutiert und polarisiert, vor allem zwischen meinem Großvater und seinen Kindern, ich hatte eine beobachtende Rolle. Die Themen waren gesellschaftspolitisch geprägt. Genauso sah er Schreiben als Aufforderung zur Positionierung des eigenen Tuns.

Welche Aspekte schätzen Sie besonders an seinem Werk?

Braun-Feldweg: Ich finde seine sprachlichen Formulierungen immer wieder bemerkenswert, etwa „Griffe beurteilt die Hand" oder „Die atavistischen Hinterhöfe des Gemüts". Das sind Statements, sie beziehen eine Position. Das ist nicht einfach dahin gesagt, sondern wohl überlegt. Zum Teil sind die Formulierungen aus einer anderen Zeit, gleichzeitig lässt sich auch heute eine Botschaft entnehmen. Sie sagen: „Mach mal halblang, das ist das und das. Ich stelle mich so und so dazu." Mich fasziniert die Klarheit des Gedankens in der Aussage. Gleichzeitig finde ich, dass er in den sechziger Jahren, bevor er als Lehrer tätig war, sehr schöne, sinnliche Dinge gestaltet hat, etwa die „Havanna"-Leuchten. Sie sind mir nahe, und selbstverständlich.

Inwiefern hat er Ihre eigene Arbeit als Architektin beeinflusst?

Braun-Feldweg: Als Architektin bin ich verstärkt mit Design in Kontakt gekommen. Die vergleichsweise unabhängige Arbeitsweise hat mich immer gereizt – und dahin gebracht, wo wir heute mit unserem Büro sind. Wir entwickeln unsere Bauvorhaben selber, gleich einem Produkt, und verkaufen sie dann. Wir suchen Grundstücke, entwickeln Gebäude und etablieren sie als Marke – aktuellstes Beispiel ist das Metropolenhaus in Berlin Mitte. Diese Eigenständigkeit bietet uns ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit, bedeutet gleichzeitig jedoch viel Verantwortung für das Projekt in seiner Gesamtheit.

Wilhelm Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte
Abgabetermin: 10. April 2012
www.bf-preis.de

Ausstellung im Atelier bf Design in Berlin
Softdrinkflaschen, Karaffen und Trinkgläser von Wilhelm Braun-Feldweg
Historische Modelle von „Alpha" von Wilhelm Braun-Feldweg
Reedition der „Britz" von Wilhelm Braun-Feldweg
Pendelleuchte „Havanna" von Wilhelm Braun-Feldweg
Zitate in der Ausstellung im Atelier bf Design
Türdrücker „Erno" von Wilhelm Braun-Feldweg
Verschiedene Publikationen von und über Wilhelm Braun-Feldweg
Wettbewerbsbeitrag zum bf-Preis als Manuskript und veröffentlicht als Buch
Produkte
MawaDesign: Tokyo 1s @ Stylepark
MawaDesign
Tokyo 1s
Wilhelm Braun-Feldweg
MawaDesign: Mondello @ Stylepark
MawaDesign
Mondello
Wilhelm Braun-Feldweg
MawaDesign: Britz 1 @ Stylepark
MawaDesign
Britz 1
Wilhelm Braun-Feldweg
MawaDesign: Tegel serious/fresh @ Stylepark
MawaDesign
Tegel serious/fresh
Wilhelm Braun-Feldweg
MawaDesign: Havanna 1 / 2 @ Stylepark
MawaDesign
Havanna 1 / 2
Wilhelm Braun-Feldweg
News & Stories › 2011 › November
Die gesellschaftliche Bedeutung von Designkritik ist enorm
22. November 2011
Man sollte nicht nur in Krisen über Kritik nachdenken, sagt Benita Braun-Feldweg. Damit steht sie in der Tradition ihres Großvaters Wilhelm Braun-Feldweg, der Schreiben als Teil von Gestaltung betrachtete. Um designrelevante Diskurse in der Gesellschaft zu fördern, wird jetzt zum sechsten Mal der Braun-Feldweg Förderpreis ausgeschrieben. Nina Reetzke nutzte den Anlass und traf die Enkelin des deutschen Designvordenkers für ein Gespräch.
Wilhelm Braun-Feldweg gilt als einer der Pioniere deutschen Industriedesigns. Man denke an seine elegant geschwungenen „Havanna"-Lampen von 1959 oder die technisch-kühlen „Britz"-Leuchten von 1962, die heute von Mawa Design hergestellt werden. Doch der Name des inzwischen verstorbenen Designers, der auch zahlreiche designtheoretische Schriften verfasste, steht seit einigen Jahren nicht mehr nur für seine eigene gestalterische Tätigkeit, sondern – initiiert von seinen Erben – auch für den Wilhelm Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte, kurz bf-Preis.

Der bf-Preis wird seit 2003 nun zum sechsten Mal ausgeschrieben. Studenten und Absolventen des Fachbereichs Designs in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind dazu aufgerufen, bis zum 10. April 2012 einen Text über ein selbst gewähltes, gestalterisch relevantes Thema einzureichen. Die Jury betrachtet Schreiben als Teil von Entwurfsprozessen. Analyse und Schlussfolgerungen sollten im Zentrum der Betrachtungen stehen. Der Beitrag des Gewinners wird in der Reihe „Designkritische Texte" beim Schweizer Niggli Verlag veröffentlicht.

Nach außen prägendes Gesicht des bf-Preises ist Benita Braun-Feldweg, die Enkelin von Wilhelm Braun-Feldweg. Die gebürtige Würzburgerin führt heute zusammen mit Matthias Muffert das Architekturbüro bf-Studio in Berlin. Trotz der eigenen gestalterischen Tätigkeit ist der bf-Preis für sie jedoch keine Nebensache. Im persönlichen Kontakt wird schnell klar, dass sie sich mit vollster Überzeugung für den Förderpreis engagiert und ihn kontinuierlich weiter entwickelt. Nina Reetzke sprach mit Benita Braun-Feldweg über die Einsichten aus den bisherigen Runden des bf-Preises, über die Notwendigkeit ernstzunehmender Designkritik und über Erinnerungen an ihren Großvater.

Nina Reetzke: Wie entstand die Idee zum bf-Preis?

Benita Braun-Feldweg: Innerhalb der Familie war uns relativ frühzeitig klar, dass wir unter dem Namen von Wilhelm Braun-Feldweg einen Förderpreis ausloben möchten. 1998 haben wir mit einer Ausstellung über sein Werk an der Universität der Künste Berlin angefangen, darauf folgten Monografie und Produkt-Reeditionen. Aber all das erschien uns nicht ausreichend. Wir wollten das Werk meines Großvaters nicht nur retrospektiv betrachten, sondern in seiner ganzen Bedeutung erfassen, auch für die heutige Zeit. Insofern war die Idee, einen Förderpreis auszuloben, relativ frühzeitig geboren. Letztendlichen Anstoß gab die Zusage einer finanziellen Unterstützung von BMW auf fünf Jahre, die uns ermutigt hat, dieses Projekt anzugehen, ohne zu wissen, wie der bf-Preis konkret aussehen könnte. Als wesentlicher Ideengeber erwies sich Egon Chemaitis, inzwischen pensionierter Professor für Designgrundlagen an der Universität der Künste Berlin, der selbst ein Schüler von Wilhelm Braun-Feldweg war. Chemaitis meinte, man solle einen Designpreis ausloben, der mit Schreiben zu tun hat, was tatsächlich das wesentliche Anliegen von Braun-Feldweg war. Er hatte stets das Ideal des schreibenden Designers vor Augen, also den Designer, der in der Lage ist, zu gestalten, aber gleichzeitig auch zu formulieren. Und nicht, um sich selbst zu beschreiben, sondern um festzustellen, wo man steht, was man will, in welche Richtung es weitergehen soll.

Was sind die bisherigen Erfahrungen aus den ersten fünf Runden?

Braun-Feldweg: Egal aus welcher Perspektive ich mir den bf-Preis ansehe, erscheint es mir immer wichtig, dass die Texte in die Öffentlichkeit kommen. In den ersten zwei Runden haben wir Hefte produziert, die der Zeitschrift designreport beigelegt wurden. Danach haben wir, auch mit einem neuen Logo und Corporate Design, das Format Buch in Angriff genommen. Inzwischen erscheinen die prämierten Beiträge in der Reihe „Designkritische Texte" beim Niggli Verlag. Entscheidend ist: Ein Buch muss die Inhaltlichkeit, die es verspricht, auch einlösen können. Zum Zeitpunkt, da ein Preis ausgeschrieben wird, steht natürlich die Frage im Raum, ob ein Text eines sogenannten „unbekannten Autoren" es wert ist, veröffentlicht zu werden. Die Erfahrung aus den bisherigen Runden war durchweg positiv. Daher wissen wir inzwischen, dass wir den Anspruch erfüllen können. Übrigens ist die Publikation auch der Preis für den Gewinner. Ein Buch dieser Größenordnung zu verlegen, kostet zwischen 12.000 und 14.000 Euro, inklusive englischer Übersetzung.

Wohin soll sich der bf-Preis entwickeln?

Braun-Feldweg: Wir möchten den Nachlass von Wilhelm Braun-Feldweg gerne in der Designsammlung eines führenden Museums platzieren. Dabei ist uns wichtig, dass der Nachlass zugänglich bleibt, in Ausstellungen gezeigt wird und nicht in Lagern verschwindet. Außerdem sind wir der Meinung, dass der bf-Preis die Kommunikation über das Werk von Wilhelm Braun-Feldweg inhaltlich bereichert und wesentlicher Bestandteil der Nachlasspflege ist. Daher verfolgen wir in unseren Verhandlungen das Ziel, Nachlass und Förderpreis gesamtheitlich zu betrachten.

Welche Bedeutung messen Sie Designkritik zu?

Braun-Feldweg: Die gesellschaftliche Bedeutung von Designkritik ist enorm. Man sollte nicht nur in Krisenzeiten darüber nachdenken, wie Kritik auszusehen hat. Als Architektin kann ich leider nur feststellen, dass es in Deutschland keine Architekturkritik gibt. Wenn überhaupt haben wir in Feuilletons eine beschreibende, nicht wertende, essayistische Berichterstattung über vermeintlich interessante Gebäude, wenn möglich von Stararchitekten. Aber eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung über Inhalte, Formen und Notwendigkeiten ist nicht vorhanden. Wenn man nicht konform, also Marketing- und PR-orientiert schreibt, und sogar eine kritische Position einnimmt, bedeutet es ein Risiko für ein Medium, das gelesen werden will.

Was denken Sie über Blogs?

Braun-Feldweg: In Blogs, zum Teil finden sich dort durchaus knackig geschriebene Wortkreationen, werden Themen nicht ganzheitlich betrachtet. Das ist schade. Denn Gesellschaft ist nicht nur Gestaltung, Gesellschaft ist auch Wahrnehmung des Jetzt und Ich. Und um etwas wahrzunehmen, reicht es nicht, einfach nur durchzulaufen. Da muss man anhalten und sich die Situation genauer ansehen. Zum bewusst machen von Phänomenen und von dem, was einen tagtäglich umgibt, ist Schreiben eine ideale Möglichkeit. Und selbst, wenn es das Ergebnis nicht immer wohlformuliert ist, der Prozess des Klarwerdens zahlt sich aus.

Wer sind die besseren Designkritiker – Designer oder Geisteswissenschaftler?

Braun-Feldweg: Beide Ansätze haben ihre Relevanz. Die Frage zeigt jedoch gleichzeitig das Dilemma und die große Chance des bf-Preises. Denn auf der einen Seite richten wir uns bewusst nicht an den Designtheoretiker, der wohlroutiniert über das Hintergrundwissen verfügt und das Handwerk der Sprache beherrscht, sondern vor allem an den Designer, der in der Regel ohne schriftliche Statements Aussagen zur Gestaltung der Zukunft trifft. Und um diese scheinbare Sprachlosigkeit und die Konsequenz einer mangelnden Eigenpositionierung aufzuheben, ist dieser Förderpreis platziert worden. Es geht darum, eine Stimulanz für den Designnachwuchs zu schaffen und bei den Hochschulen ein Nachdenken anzuregen, mit welchen Strukturen sie auf diese Frage reagieren können.

Wie sah Ihre Beziehung zu Wilhelm Braun-Feldweg aus?

Braun-Feldweg: Ich bin Tür an Tür mit meinem Großvater groß geworden. Er ist 1976 von Berlin nach Würzburg gezogen. Zu dem Zeitpunkt war ich elf Jahre alt. Von großen Familien-Events habe ich jedoch auch noch seine Berliner Wohnung am Steinplatz gegenüber der Universität der Künste in Erinnerung. Das war eine faszinierende, große Wohnung – mit einem großräumigen Treppenhaus und den vielen Teppichen, die über Treppen laufen, einem schmiedeeisernen Aufzug und der leicht modrigen Luft einer Altbauwohnung. In Würzburg hingen von ihm entworfene Lampen an der Decke und seine Bilder an der Wand. Ich habe aus seinen Gläsern getrunken, mit seinem Besteck gegessen, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet. Das waren für mich einfach Gegenstände des Alltags. Zunächst standen mein Großvater und ich uns nicht so nahe, dann wurde die Beziehung enger. Jedoch habe ich ihn eher als Maler und weniger als Designer erlebt. Er hat im Alter wieder an sein Malereistudium angeknüpft. In meiner Familie wurde immer stark diskutiert und polarisiert, vor allem zwischen meinem Großvater und seinen Kindern, ich hatte eine beobachtende Rolle. Die Themen waren gesellschaftspolitisch geprägt. Genauso sah er Schreiben als Aufforderung zur Positionierung des eigenen Tuns.

Welche Aspekte schätzen Sie besonders an seinem Werk?

Braun-Feldweg: Ich finde seine sprachlichen Formulierungen immer wieder bemerkenswert, etwa „Griffe beurteilt die Hand" oder „Die atavistischen Hinterhöfe des Gemüts". Das sind Statements, sie beziehen eine Position. Das ist nicht einfach dahin gesagt, sondern wohl überlegt. Zum Teil sind die Formulierungen aus einer anderen Zeit, gleichzeitig lässt sich auch heute eine Botschaft entnehmen. Sie sagen: „Mach mal halblang, das ist das und das. Ich stelle mich so und so dazu." Mich fasziniert die Klarheit des Gedankens in der Aussage. Gleichzeitig finde ich, dass er in den sechziger Jahren, bevor er als Lehrer tätig war, sehr schöne, sinnliche Dinge gestaltet hat, etwa die „Havanna"-Leuchten. Sie sind mir nahe, und selbstverständlich.

Inwiefern hat er Ihre eigene Arbeit als Architektin beeinflusst?

Braun-Feldweg: Als Architektin bin ich verstärkt mit Design in Kontakt gekommen. Die vergleichsweise unabhängige Arbeitsweise hat mich immer gereizt – und dahin gebracht, wo wir heute mit unserem Büro sind. Wir entwickeln unsere Bauvorhaben selber, gleich einem Produkt, und verkaufen sie dann. Wir suchen Grundstücke, entwickeln Gebäude und etablieren sie als Marke – aktuellstes Beispiel ist das Metropolenhaus in Berlin Mitte. Diese Eigenständigkeit bietet uns ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit, bedeutet gleichzeitig jedoch viel Verantwortung für das Projekt in seiner Gesamtheit.

Wilhelm Braun-Feldweg Förderpreis für designkritische Texte
Abgabetermin: 10. April 2012
www.bf-preis.de