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Die Öffnung einer einst verbotenen Stadt
von Dirk Meyhöfer | 15. Mai 2011
Novartis Campus (Publikationsserie), Alle Fotos: David Giebel, Stylepark

Die Schweiz ist nicht nur ein beliebtes Ziel für Steuerfahnder und Touristen, sondern auch Spiegel für extraordinäre Ingenieursleistungen bei Tunneln und Brücken. Entsprechend weit vorn liegt sie auch in der Architektur- und Städtebauleistung. Deshalb verwundert es wenig, wenn es der Schweiz – beispielsweise mit ihrer ETH in Zürich – modellhaft gelingt, nationale Prosperität durch Bildung und Wissensvermittlung zu vermehren. Wer sich nach vorbildlichen Bildungsbauten umsieht, dessen Weg führt also unweigerlich auch in die Schweiz. Dort entstand mit der Schulanlage Leutschenbach des Architekten Christian Kerez der größte Schweizer Schulneubau, der als komplexer Turm zur innerstädtischen Vorzeigeschule geworden ist. In der Schweiz lassen sich freilich auch Projekte finden, die in Verbindung von Hochschule, Wissenschaft und Industrie Vorbildfunktion entwickelt haben. Dazu zählen nicht nur der Bildungs- und Wissenscampus von Novartis in Basel, dem eine erste größere Publikationsreihe gewidmet ist, sondern auch das 2010 eröffnete „Rolex Learning Center“ der Ecole Polytechnique in Lausanne von den Architekten Sanaa Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa. Dort entstand eine Landschaft des Lernens, weil das amöbenhafte Haus teppichartig nicht nur der örtlichen Topographie folgt, sondern das Gebäude, bei aller Zurückhaltung, auch die Konzentration der Studierenden architektonisch unterstützt.

Kein anderes Thema von gesellschaftlicher Relevanz hat für unsere Zukunft heute mehr Bedeutung als die Wissensvermittlung. Es ist ein Querschnittsthema, das von der Kita bis zur Erwachsenenbildung reicht. Die Anforderungen an Schul-, Hochschul- und andere wissenschaftliche Bildungsarchitektur – und damit an die Architekten – sind enorm gewachsen. Bildung und Wissensvermittlung im Kraftfeld von stadtentwicklungspolitischen Maßnahmen sowie pädagogischer und architektonischer Zielsetzungen zu gestalten, wurde zur gesellschaftlichen Schlüsselaufgabe.

Der Novartis Campus geht auf die veränderten Anforderungen vorbildlich ein, weil seine Institutsbauten wie in einer gewachsenen Stadt an öffentlichen Straßen organisiert wurden. Auf ehemaligen Konversionsflächen der Schweizer Pharmaindustrie im Nordosten von Basel wird auf diese Weise ein öffentlicher Ort des Wissens im internationalen Maßstab entstehen. Der Novartis Campus ist zudem Ergebnis einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Er soll als optimales Umfeld für Innovation und Forschung mittelfristig Platz für 10.000 Mitarbeiter bieten. Zusammen mit dem Kanton Basel entstand das Projekt „Neunutzung Hafen St. Johann – Novartis Campus Plus“. Die Basler Bevölkerung erhält dadurch mehr direkten Zugang zum Rhein und entlang des Flusses entsteht eine öffentliche Fußgänger- und Fahrradverbindung – es profitieren also alle Beteiligten.

Nach dem Vorschlag des Masterplaners Vittorio Magnago Lampugnani sollen alle Gebäude im Kern des Campus jeweils von unterschiedlichen Architekten gebaut werden. Mit einem beeindruckenden Schuber mit fünf Bänden sowie Folgebänden, herausgegeben von der ehemaligen Direktorin des Schweizer Architekturmuseums, Ulrike Jehle-Schulte, sind die ersten Bauten mittlerweile dokumentiert worden; kongenial zu den Architekturentwürfen, poetisch und sehr ausführlich.

Der Masterplan ist, wie Lampugnani im ersten Band der Dokumentation erläutert, verblüffend klar und einfach gehalten. Er folgt wenigen Regeln: Die Baulinien müssen übernommen werden, die Traufhöhe ist auf 22 Meter festgelegt, sie darf unterschritten, aber nicht überschritten werden; und sämtliche Bauten an der Ostseite der Fabrikstraße müssen über Arkaden verfügen. Klare und einfache Anregungen also. Inzwischen sind die ersten Gebäude vollendet worden, darunter das Gebäude „Fabrikstraße 4“ von Sanaa/Sejima + Nishizawa. Dessen Charakter, Eigenschaften und Bedeutung für den Campus können nicht besser umschrieben werden als durch ein Zitat des ebenfalls bekannten Graubündner Architekten Valerio Olgiati: „Sanaa baut ein Gebäude, das alle Regeln der historischen Architektur missachtet (…), das Gebäude ist ein Gestell, ohne Fassade hierarchielos (…), es verhält sich nicht historisch, aber urban. Ich muss zugeben, dass es mir unmöglich erscheint, ein Gebäude noch einfacher zu denken!“

Im Band mit den Werken von Marco Serra, Günther Vogt, Ulrich Rückriem und Eva Schlegen wird sodann deutlich, dass der Anspruch an den neuen Stadtteil viel weiter geht, als nur schöne Häuser zu bauen: Der Fabrik- und Bildungscampus soll zu einem Gesamtkunstwerk werden. Mit Poesie und Illusion für Freiraum und Kunst im Stadtraum. Oder wie Paolo Fumagalli im Vorwort fordert: „Es ist immer erforderlich, das Verhältnis eines Gebäudes zu seiner Umgebung zu untersuchen und zu interpretieren!” Auch in den anderen Bänden wird vor allem mit Hilfe einer einfühlsamen und künstlerischen Fotografie gezeigt, wie das Experiment gelingt, weil multidisziplinär nachgedacht wurde, aber auch, wie ein Unternehmen, dessen Fabrikationen und Labore früher in einer „verbotenen Stadt“ lagen, heute an den öffentlichen Raum herangeführt werden sollen.

Der Idee des abgeschotteten Campus für die Wissenschaft, wie sie sich – nach angloamerikanischen Vorbild – in den siebziger Jahren auch in Mitteleuropa mit neuen Bildungsfabriken wie der Ruhr-Universität in Bochum, aber auch als Erweiterung traditioneller Universitäten vor den Toren der Stadt wie in Zürich, Stuttgart oder Wien entwickelt hatte, ist tot. Der Campus wird jetzt zusammen mit der Stadt und ihren Bürgern zum Leistungsträger einer neuen Stadtentwicklung. Was heute stattfindet, ist eine Art von „Urban Reset“. Allerdings muss bei Novartis noch an einem entscheidenden Detail gearbeitet werden: Die zentrale Sicherheitskontrolle an einer Art Hauptwerkstor muss durchlässiger werden und am Ende ein weitgehend freier Zugang zu den wunderbaren Freiräumen auf dem Campus gestattet werden. Immerhin arbeitet man inzwischen bei Novartis an entsprechenden Konzepten.
Novartis Campus (Publikationsserie)
Herausgegeben von Ulrike Jehle-Schulte Strathaus
Hardcover, deutsch und englisch
Christoph Merian, Basel

In der Reihe neu erschienen:
Fabrikstrasse 22 – David Chipperfield
32 Euro

www.merianverlag.ch

Architektur › 2011 › Mai
Die Öffnung einer einst verbotenen Stadt
von Dirk Meyhöfer | 15. Mai 2011
Der Masterplan von Vittorio Magnago Lampugnani sieht vor, dass die Gebäude des Novartis Campus von verschiedenen Architekten gebaut werden. Die Buchreihe „Novartis Campus“ dokumentiert die inzwischen realisierten Gebäude des Basler Großprojekts.
Die Schweiz ist nicht nur ein beliebtes Ziel für Steuerfahnder und Touristen, sondern auch Spiegel für extraordinäre Ingenieursleistungen bei Tunneln und Brücken. Entsprechend weit vorn liegt sie auch in der Architektur- und Städtebauleistung. Deshalb verwundert es wenig, wenn es der Schweiz – beispielsweise mit ihrer ETH in Zürich – modellhaft gelingt, nationale Prosperität durch Bildung und Wissensvermittlung zu vermehren. Wer sich nach vorbildlichen Bildungsbauten umsieht, dessen Weg führt also unweigerlich auch in die Schweiz. Dort entstand mit der Schulanlage Leutschenbach des Architekten Christian Kerez der größte Schweizer Schulneubau, der als komplexer Turm zur innerstädtischen Vorzeigeschule geworden ist. In der Schweiz lassen sich freilich auch Projekte finden, die in Verbindung von Hochschule, Wissenschaft und Industrie Vorbildfunktion entwickelt haben. Dazu zählen nicht nur der Bildungs- und Wissenscampus von Novartis in Basel, dem eine erste größere Publikationsreihe gewidmet ist, sondern auch das 2010 eröffnete „Rolex Learning Center“ der Ecole Polytechnique in Lausanne von den Architekten Sanaa Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa. Dort entstand eine Landschaft des Lernens, weil das amöbenhafte Haus teppichartig nicht nur der örtlichen Topographie folgt, sondern das Gebäude, bei aller Zurückhaltung, auch die Konzentration der Studierenden architektonisch unterstützt.

Kein anderes Thema von gesellschaftlicher Relevanz hat für unsere Zukunft heute mehr Bedeutung als die Wissensvermittlung. Es ist ein Querschnittsthema, das von der Kita bis zur Erwachsenenbildung reicht. Die Anforderungen an Schul-, Hochschul- und andere wissenschaftliche Bildungsarchitektur – und damit an die Architekten – sind enorm gewachsen. Bildung und Wissensvermittlung im Kraftfeld von stadtentwicklungspolitischen Maßnahmen sowie pädagogischer und architektonischer Zielsetzungen zu gestalten, wurde zur gesellschaftlichen Schlüsselaufgabe.

Der Novartis Campus geht auf die veränderten Anforderungen vorbildlich ein, weil seine Institutsbauten wie in einer gewachsenen Stadt an öffentlichen Straßen organisiert wurden. Auf ehemaligen Konversionsflächen der Schweizer Pharmaindustrie im Nordosten von Basel wird auf diese Weise ein öffentlicher Ort des Wissens im internationalen Maßstab entstehen. Der Novartis Campus ist zudem Ergebnis einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Er soll als optimales Umfeld für Innovation und Forschung mittelfristig Platz für 10.000 Mitarbeiter bieten. Zusammen mit dem Kanton Basel entstand das Projekt „Neunutzung Hafen St. Johann – Novartis Campus Plus“. Die Basler Bevölkerung erhält dadurch mehr direkten Zugang zum Rhein und entlang des Flusses entsteht eine öffentliche Fußgänger- und Fahrradverbindung – es profitieren also alle Beteiligten.

Nach dem Vorschlag des Masterplaners Vittorio Magnago Lampugnani sollen alle Gebäude im Kern des Campus jeweils von unterschiedlichen Architekten gebaut werden. Mit einem beeindruckenden Schuber mit fünf Bänden sowie Folgebänden, herausgegeben von der ehemaligen Direktorin des Schweizer Architekturmuseums, Ulrike Jehle-Schulte, sind die ersten Bauten mittlerweile dokumentiert worden; kongenial zu den Architekturentwürfen, poetisch und sehr ausführlich.

Der Masterplan ist, wie Lampugnani im ersten Band der Dokumentation erläutert, verblüffend klar und einfach gehalten. Er folgt wenigen Regeln: Die Baulinien müssen übernommen werden, die Traufhöhe ist auf 22 Meter festgelegt, sie darf unterschritten, aber nicht überschritten werden; und sämtliche Bauten an der Ostseite der Fabrikstraße müssen über Arkaden verfügen. Klare und einfache Anregungen also. Inzwischen sind die ersten Gebäude vollendet worden, darunter das Gebäude „Fabrikstraße 4“ von Sanaa/Sejima + Nishizawa. Dessen Charakter, Eigenschaften und Bedeutung für den Campus können nicht besser umschrieben werden als durch ein Zitat des ebenfalls bekannten Graubündner Architekten Valerio Olgiati: „Sanaa baut ein Gebäude, das alle Regeln der historischen Architektur missachtet (…), das Gebäude ist ein Gestell, ohne Fassade hierarchielos (…), es verhält sich nicht historisch, aber urban. Ich muss zugeben, dass es mir unmöglich erscheint, ein Gebäude noch einfacher zu denken!“

Im Band mit den Werken von Marco Serra, Günther Vogt, Ulrich Rückriem und Eva Schlegen wird sodann deutlich, dass der Anspruch an den neuen Stadtteil viel weiter geht, als nur schöne Häuser zu bauen: Der Fabrik- und Bildungscampus soll zu einem Gesamtkunstwerk werden. Mit Poesie und Illusion für Freiraum und Kunst im Stadtraum. Oder wie Paolo Fumagalli im Vorwort fordert: „Es ist immer erforderlich, das Verhältnis eines Gebäudes zu seiner Umgebung zu untersuchen und zu interpretieren!” Auch in den anderen Bänden wird vor allem mit Hilfe einer einfühlsamen und künstlerischen Fotografie gezeigt, wie das Experiment gelingt, weil multidisziplinär nachgedacht wurde, aber auch, wie ein Unternehmen, dessen Fabrikationen und Labore früher in einer „verbotenen Stadt“ lagen, heute an den öffentlichen Raum herangeführt werden sollen.

Der Idee des abgeschotteten Campus für die Wissenschaft, wie sie sich – nach angloamerikanischen Vorbild – in den siebziger Jahren auch in Mitteleuropa mit neuen Bildungsfabriken wie der Ruhr-Universität in Bochum, aber auch als Erweiterung traditioneller Universitäten vor den Toren der Stadt wie in Zürich, Stuttgart oder Wien entwickelt hatte, ist tot. Der Campus wird jetzt zusammen mit der Stadt und ihren Bürgern zum Leistungsträger einer neuen Stadtentwicklung. Was heute stattfindet, ist eine Art von „Urban Reset“. Allerdings muss bei Novartis noch an einem entscheidenden Detail gearbeitet werden: Die zentrale Sicherheitskontrolle an einer Art Hauptwerkstor muss durchlässiger werden und am Ende ein weitgehend freier Zugang zu den wunderbaren Freiräumen auf dem Campus gestattet werden. Immerhin arbeitet man inzwischen bei Novartis an entsprechenden Konzepten.
Novartis Campus (Publikationsserie)
Herausgegeben von Ulrike Jehle-Schulte Strathaus
Hardcover, deutsch und englisch
Christoph Merian, Basel

In der Reihe neu erschienen:
Fabrikstrasse 22 – David Chipperfield
32 Euro

www.merianverlag.ch