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Die verborgene Schönheit der Kanalratte
von Nora Sobich | 15. Oktober 2009
Von der unbehandelten Oberfläche des Betons, auf der sich der Bauprozess im Negativabdruck verewigt, schwärmte schon Le Corbusier, als er von der „Erhabenheit des schalungsrauen Betons" sprach. Wer es mit Beton ernst meint, ist von seinem Purismus begeistert. Mit sinnlichen und archaisch anmutenden Sichtbetonfassaden wird eine essentielle Nacktheit zelebriert, die zugleich die tragenden Gebäudestrukturen „sichtbar" macht. Größtes handwerkliches Können ist verlangt, um Beton zur vollen Schönheit zu bringen. Oft ist das teurer als Naturstein, weswegen ihn manche auch den „Marmor des 20. Jahrhunderts" nennen. Dass sich Beton offen als etwas Ästhetisches zeigen darf und nicht nur im Rohbau versteckt wird, ist eine Entwicklung, die sich allerdings nur sehr langsam vollzogen hat. Die Beispiele einer monotonen Massenarchitektur, für die der Werkstoff vor allem steht, sprechen eine andere Sprache. Für den Großteil der Bevölkerung ist Beton der graue Übeltäter schlechthin, das zementierte Schimpfwort für alles Hässliche und Triste der Moderne. Allein wegen seiner funktionalen Eigenschaften wurde Beton über die Jahrhunderte gefeiert. Eine eigenständige ästhetische Aura wurde dem Werkstoff trotz seiner besonderen konstruktiven Eigenschaften nicht zugestanden.

Beton mit Charakter

Selbst der große Frank Lloyd Wright, der wie ein Heiliger als der Erfinder der modernen amerikanischen Architektur verehrt wird, hat es trotz seiner Beton-Experimente nicht vermocht, anhaltende Begeisterung für die ästhetischen Qualitäten des Materials zu wecken. Ziel war es, wie er schrieb, aus der „Kanalratte" etwas „Zeitloses, Feines und Schönes" zu machen. Wright hauchte der sterilen Bauweise der Betonblöcke etwas vom „Arts and Crafts"-Geist ein, indem er mit seinem so genannten „textile block"-Verfahren vier kunstvoll, fast schon orientalisch verschnörkelte Quader-Typen entwickelte. Das Bekannteste aus diesen Quadern errichtete Gebäude ist das „Ennis House" in Los Angeles von 1924, das in Ridley Scotts „Blade Runner" zur Kulisse wurde. Ein genialer Betontempel, dessen Ästhetik damals mächtig aneckte.

Auch die Handschrift, die der Architekt und große Betonkünstler Paul Rudolph dem provokanten Baustoff gab, bekam abseits der Beton-Avantgarde wenig Applaus. Die Oberfläche von Rudolphs berühmtem „Kordbeton" ist grob gerippt, als würde ein Pflug über den Acker gezogen. Zum ersten Mal setzte Rudolph diese Oberflächenbearbeitung in den sechziger Jahren bei der „Yale School of Art and Architecture" ein, später auch beim Lindemann Center in Boston. Wie vielen ging es auch Rudolph um die Plastizität des Materials, die er mit seinem Kordbeton noch herausstrich, als wären die Hände des Gestalters in jedem Detail seiner monumentalen Betonskulpturen spürbar.

Nur ein Material für gutes Wetter?

Womöglich wurde die Oberflächengestaltung von Beton erst so spät anerkannt, weil Beton sehr schlecht altert, seine Schönheit oft über Nacht verliert. Das Material braucht gutes Wetter, Regen und vor allem Kälte sind ihm nicht zuträglich. Schnell verfärben sich Betonwände, werden dunkel und fleckig, es entstehen Risse und von korrodierten Moniereisen orange gefärbte Feuchtigkeitstränen. Die Verbesserung der stofflichen Zusammensetzung des Betons hat deshalb in den letzten Jahren nicht nur den Rahmen der Anwendungsmöglichkeiten erweitert, sondern auch zu dessen ästhetischer Akzeptanz beigetragen. Ein großer Schritt war hier die Erfindung des sich selbst verdichtenden Betons, kurz „SVB" genannt, der mit Silikatstaub und synthetischem Fließmittel angereichert wird, so dass sich der Beton allein durch die Schwerkraft entlüftet und eine feinere Oberfläche erhält. Durch diese neue Qualität eröffnen sich andere Anwendungen: Die kühle, klare Ästhetik des SVB wird mit Vorliebe in Spa- und Wellness-Oasen eingesetzt, aber auch zu Hause als patinafähige Betonwand oder monolithisches Betonmöbel, das wie ein Ledersessel mit der Zeit einen eigenen Charakter erhält.

Als aufgesetztes Dekorelement hatte Beton bereits in der Ostblockarchitektur seine Glanzzeit, wo Wandbilder und Reliefplatten zum realsozialistischen Ornament wurden. Inzwischen boomt Beton geradezu als Gestaltungstool von Fassaden und Oberflächen, ohne dass die ihm eigene archaische Expressivität gleich zum Kitsch verkäme. Sichtbeton wird zunehmend zu einer Art Fassadenpapier und kommunikativer Projektionsfläche erklärt und bemalt, beschrieben und bedruckt. Er ist die plane Tapete, auf der vieles vorstellbar ist. Mit Gravur-Technik lassen sich reliefartig Zeichnungen, Fotos und Strukturen einfräßen. Bei den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron sehen die bedruckten Betonwände der Bibliothek in Eberswalde wie moderne Graffiti-Kunst aus.

Beton muss nicht immer grau sein

Nur die halbe Wahrheit ist es, dass Beton unbedingt grau sein muss. Denn er lässt sich gut einfärben. Auf Long Island fügte in den fünfziger Jahren Alfonso Ossorio eines der typischen Nierenschwimmbäder in eine strahlend rot-blaue Betongeometrie ein. Heute ist die geläufigste Färbung ein verhaltenes Ziegelrot. Eher schon das Edle im Beton zeigt das neue Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, bei dem eine schwarz eingefärbte Betonfassade so glatt geschliffen und poliert wurde, dass sie zum reflektierenden Spiegel ihrer Umwelt wurde. Diese Technik des Schleifens und Polierens wird auch bei Fußböden eingesetzt. Dafür wird meist ein bewusst grob angemischter Beton verwendet, der durch die Bearbeitung eine Oberflächenoptik erhält, die der von Terrazzo vergleichbar ist.

Verlockende Transparenz

Eine der Sensationen in der ereignisreichen Geschichte des Betons ist der so genannte lichtdurchlässige Beton. Die Innovation, die in den letzten Jahren permanent weiterentwickelt wurde, wodurch sich ihre Lichtdurchlässigkeit noch erheblich verbessert hat, entsteht aus der Beimischung optischer Glasfasern. Dieser durchscheinende Beton ist nicht nur dekoratives Element. Aus ihm lassen sich auch komplette Gebäude errichten. Manche sehen hier schon eine Ablösung der dominanten Glasarchitektur kommen.

Beton kann eben viel. Obwohl ihm seine Vielfältigkeit oft als Charakterschwäche übel genommen wurde, ist es gerade seine Wandelbarkeit, die ihn - wie kein anderes Material - immer wieder den Zeitgeist einfangen lässt.
Orange County Government Center von Paul Rudolph; Foto: Daniel Case
Yale University, Kunst- und Architekturgebäude von Paul Rudolph, Paul Marvin; Foto: Bruce Barnes
Yale University, Kunst- und Architekturgebäude von Paul Rudolph, Paul Marvin; Foto: Bruce Barnes
Yale University, Kunst- und Architekturgebäude von Paul Rudolph, Paul Marvin; Foto: Bruce Barnes
Kirche Saint-Pierre von Le Corbusier in Firminy
Kirche Saint-Pierre von Le Corbusier in Firminy
Kirche Saint-Pierre von Le Corbusier in Firminy
Lichtdurchlässiger Beton von Luccon
Lichtdurchlässiger Beton von Luccon
Ennis House von Frank Lloyd Wright in Los Angeles
Ennis House von Frank Lloyd Wright in Los Angeles
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde von Herzog & de Meuron; Foto: Immanuel Giel
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde von Herzog & de Meuron; Foto: Immanuel Giel
Kunstmuseum Liechtenstein von Morger, Degelo und Christian Kerez in Vaduz
Kunstmuseum Liechtenstein von Morger, Degelo und Christian Kerez in Vaduz
Lichtdurchlässiger Beton von Luccon
Lichtdurchlässiger Beton von Luccon
Lichtdurchlässiger Beton von Luccon