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Die verflüssigte Moderne
von Thomas Edelmann
5. April 2016
Da bleibt dem Kritiker nur Kopfschütteln: Cassina präsentiert in Mailand den „Rot-Blauen Stuhl“ von Gerrit Rietveld nicht nur in der farblichen Fassung einer Variante von 1921, sondern auch mit gepolsterten Lederkissen. Foto © Cassina
Die Sehnsucht nach Gestern scheint größer denn je. Der neueste Trend ist die Arbeit am und mit dem „modernen Klassiker“.
Seit mehr als einer Generation gibt es Möbel der Moderne, die als lizensierte Nachbauten ein neues, zweites Leben führen. Es begann mit Knoll International und Ludwig Mies van der Rohe, die ab den 1950er Jahren Möbel, die ein Vierteljahrhundert zuvor in kleinen Stückzahlen von Handwerksbetrieben hergestellt wurden, wieder auflegten. Die Entwürfe van der Rohes, nicht selten unter Mitwirkung von Lilly Reich oder Sergius Ruegenberg entstanden, waren Teil eines umfassenden Raum- und Materialverständnisses des Architekten.

Im Jahr 1962 gelang es dem Unternehmer Dino Gavina mit Marcel Breuer einen Vertrag zu schließen, um dessen Sessel „Wassily“, den Freischwinger „Cesca“ und den Satztisch „Laccio“ neu aufzulegen. Gavina, in Kontakt mit vielen italienischen Möbelunternehmern, die im Begriff waren, ihre Traditionsbetriebe internationaler und zukunftssicher auszurichten, inspirierte Cesare Cassina dazu, Möbel der Moderne neu aufzulegen. Den Anfang machte ein Lizenzvertrag mit der Fondation Le Corbusier. Von 1965 an waren plötzlich LC 1 bis 4 wieder lieferbar, Entwürfe, die 1927 entstanden waren und bereits eine interessante Produktionsgeschichte aufweisen konnten. Die Möbel gelten heute als Gemeinschaftswerk von Le Corbusier, dessen Cousin Pierre Jeanneret und von Charlotte Perriand. In einer zweiten Welle brachte Cassina 1973 Möbel von Gerrit Rietveld und Charles Rennie Mackintosh als Neuheit auf den Markt, weitere Kollektionen folgten. Sie wurden unter dem Rubrum „i maestri“ zusammengefasst.
Darf durchaus auch mitwachsen:
Bei Vitra gibt es längst mehrere Varianten des legendären Lounge Chairs von Charles und Ray Eames. Foto © Vitra
Schätze im Portfolio
Andere Unternehmer wie Willi Fehlbaum für Vitra erwarben Lizenzen zur Herstellung bereits eingeführter Serienprodukte wie etwa der Möbel von Charles und Ray Eames, die nun auch in Europa verfügbar waren. Traditionsreiche Hersteller wie Thonet, einst ein Pionierunternehmen der Moderne, hatten reale Schätze und Rechte im Portfolio, hielten die Möbel der 1920er Jahre aber nur mit Anklängen an den Zeitgeist der Nachkriegsepoche für vermarktbar.

Kurios an der Neuauflage moderner Einrichtungsgegenstände ist, dass ihre Schöpfer sie für einen sehr spezifischen räumlichen und zeitlichen Kontext entwarfen. Sicher hatte mancher Protagonist dieser Zeit ein teleologisches Geschichtsverständnis, das ihn erwarten ließ, seine Lösung für Einrichtungsprobleme hätten Anspruch auf ewige Gültigkeit und Beständigkeit, doch ist dies eine Selbsttäuschung, ohne die Neues womöglich nicht in die Welt käme.

Bloßes Funktionieren war nicht mehr genug
Dass und in welcher Form die nun so genannten „Klassiker der Moderne“ ab Mitte der 1960er Jahre wieder auf den Markt kamen und sich dort als maßgeblicher Faktor etablierten, hängt mit dem Zeitgeist jener Jahre zusammen. Vorbei war die Experimentierphase der Nachkriegszeit, während der mit unterschiedlichen Materialien brauchbare ephemere Objekte zusammenfügt wurden. Bloßes Funktionieren war nicht mehr genug. Gesucht war nun ein neuer repräsentativer Stil, den die neuen Eliten der 1960er und 1970er Jahre als ihren eigenen begreifen konnten. Das Verlangen nach Sicherheit und Wiedererkennbarkeit spielte – wie immer bei Phänomenen der Stilbildung – eine maßgebliche Rolle. In Deutschland kam hinzu, dass man mittels Einrichtung die Teilhabe an einer modernen, demokratischen und unbelasteten Vorkriegsentwicklung unter Beweis stellen konnte. Ein vergleichsweise günstiges Statement moralischer Integrität.

Plötzlich war Schluss mit Avantgarde
Ende der 1970er Jahre gab es nennenswerte Gegenbewegungen. So machten sich italienische Avantgarde-Gruppen wie Archizoom oder Alichimia über die wieder aufgelegten Möbel und Objekte her. Sie ergänzten sie mit Applikationen und dekorativen Zutaten, wo doch Reduktion und Verzicht auf Dekoration zum Selbstverständnis der Moderne gehört hatte. Neben der Schöpfung eines neuen, postmodernen Stilzusammenhangs, der zugleich gesellschaftliche, politische und ökonomische Selbstgewissheiten der Moderne in Frage stellte und letztlich auflöste, ging es dabei ganz handfest um die Kritik an Möbelherstellern, die sich vorwiegend oder zu erheblichen Teilen aus dem Gestern ihrer eigenen Archive oder zugekaufter Lizenzen bedienten. Zwar war ein Resultat der Postmoderne eben auch, dass die Figur des Avantgardisten überholt war, doch zeitgenössische Entwerfer, die von ihrer Arbeit leben wollen, gibt es bekanntlich auch heute.

In Deutschland formulierte der Sammler, Architekturhistoriker und Filmemacher Christian Borngräber: Als Sozialbegriff sei die Moderne „hinfällig und bezogen auf das Design klassisch – also abgeschlossen“. Als Vorkämpfer für das Neue Deutsche Design kritisierte er die „Vermarktung der Mottenkiste der Moderne“. Es könne nicht oft genug wiederholt werden, behauptete er, „dass es völlig egal ist, ob man nun seine Wohnung in Tuntenbarock oder Bauhausstil einrichtet. Nur an den Oberflächen unterscheiden sich beide Wohntrends, darunter verbirgt sich die Sehnsucht nach gestern.“

Spielmaterial für heute und morgen
So sei der „bereits totgeglaubte Historismus aktueller denn je“, lediglich „erweitert um Stilformen des 20. Jahrhunderts“. Was Borngräber, der 1992 starb, nicht ahnen konnte, war die Expansion des von ihm beschriebenen Phänomens. Fortschritt bedeutet für die Freunde der Reedition ein Zuwachs an vergangener Zeit. Immer mehr Entwürfe von Meistern (gelegentlich auch Meisterinnen) zurückliegender Jahrzehnte werden geborgen und heutigen Usancen von Produktion und Vermarktung angepasst. Und stehen damit als Spielmaterial für heute und morgen zur Verfügung. Das ist nicht weiter schlimm, da eine zunehmende Zahl von Gestaltern und Herstellern die Suche nach Gegenwart und Zukunft längst abgeschrieben hat. Was zählt, ist der atmosphärische Sound des „Mid modern“, die Orientierung an regionalen oder universellen Vorbildern bereits abgelebter Epochen. Der neueste Trend, der sich bereits zur breiten Strömung ausgewachsen hat, ist aber die Arbeit am und mit dem „modernen Klassiker“.
Nicht nur für Mart Stams Freischwinger:
„Pure Materials“ heißen bei Thonet die Varianten der Stahlrohrmöbel, die mit edlem Büffelleder und geölten Nussbaumholz veredelt sind. Foto © Thonet
Aufwertung durch edle Materialien
So wertet Thonet seine Möbel von Ludwig Mies van der Rohe, Mart Stam und Marcel Breuer durch besonders feine Materialien (genannt „Pure Materials“) auf: Es gibt Stahlrohrmöbel nun optional mit braunem Büffelleder und Armauflagen in Nussbaum geölt. Sollten Entwerfer so nachlässig gewesen sein, bestimmte Varianten nicht selbst gestaltet zu haben, so hilft die firmeneigene Designabteilung Jahrzehnte später gerne nach: So gibt es Marcel Breuers asymmetrischen Stahlrohrschreibtisch bei Thonet auch als Modell S 285/5 in einer symmetrischen Version. Sollten Möbel der Moderne nicht immer schon universale Objekte sein? Garten- und terrassentauglich jedenfalls waren sie bislang nur mit Einschränkung. Kunststoffgewebe und Gestelle in neuen Beschichtungen und Farben beheben diesen Mangel.
Demnächst vielleicht auch höhenverstellbar?
Plötzlich gibt es Marcel Breuers asymmetrischen Stahlrohrschreibtisch bei Thonet auch als Modell S 285/5 in einer symmetrischen Version. Foto © Thonet
Varianten nach historischen Vorbildern
Und wer wollte es den Herstellern verdenken, dass sie an ihren Erfindungen, den „Modernen Klassikern“ ein bisschen herummachen? Den bisherigen Höhepunkt der Tendenz, bekannte Objekte neu zu gestalten liefert Patricia Urquiola, als neu gekürte Art Direktorin von Cassina. Dass es den 1917 entwickelten „Rot-Blauen Stuhl“ nun auch in einer farblichen Fassung (Grün, Schwarz, Weiß) gibt, die einer Variante aus dem Jahr 1921 für Wicher Zeilmaker entspricht, der zu jener Zeit nach Niederländisch-Indien auswanderte, ist nicht mehr als eine Variantenbildung mit historischem Vorbild. Dass man den Stuhl, der als privates Objekt des Nachbaus für viele eine besondere Moderne-Erfahrung verkörpert hat, heute mit komfortablen gepolsterten Lederkissen ausstattet, lässt den Kritiker staunend, zweifelnd und kopfschüttelnd zurück.
Wäre es nicht besser ein neues Modell zu entwerfen, als sich an dem historischen Vorbild dieser Art zu betätigen? Dem „Rot-Blauen Stuhl“ mangelte es bislang keinesfalls an Komfort. Bestenfalls spürt man die eigene Körperlichkeit und Verfassung in diesem Möbel ein wenig anders als in einem gängigen Polstersessel.

www.cassina.com
www.thonet.de
www.vitra.com


Bleibt jenseits der Avantgarde nur noch die Variation?
Aktuell hat Bertjan Pot für den „Utrecht Chair“ von Rietveld einen neuen Bezugsstoff entworfen. Foto © Cassina
Gehen die Klassiker nun mit der Mode?
Vitra hat 2014 zusammen dem holländischen Modelabel G-Star RAW eine Edition mit Möbeln von Jean Prouvé aufgelegt. Foto © Vitra
Frische Farben braucht der Klassiker:
Unter dem Motto „Thonet All Seasons“ bekommen die Stahlrohrklassiker einen witterungsbeständigen Anstrich und wandern ins Grüne. Foto © Thonet
News & Stories › 2016 › April
Die verflüssigte Moderne
von Thomas Edelmann | 5. April 2016
Die Sehnsucht nach Gestern scheint größer denn je.
Der neueste Trend ist die Arbeit am und mit dem „modernen Klassiker“.
Seit mehr als einer Generation gibt es Möbel der Moderne, die als lizensierte Nachbauten ein neues, zweites Leben führen. Es begann mit Knoll International und Ludwig Mies van der Rohe, die ab den 1950er Jahren Möbel, die ein Vierteljahrhundert zuvor in kleinen Stückzahlen von Handwerksbetrieben hergestellt wurden, wieder auflegten. Die Entwürfe van der Rohes, nicht selten unter Mitwirkung von Lilly Reich oder Sergius Ruegenberg entstanden, waren Teil eines umfassenden Raum- und Materialverständnisses des Architekten.

Im Jahr 1962 gelang es dem Unternehmer Dino Gavina mit Marcel Breuer einen Vertrag zu schließen, um dessen Sessel „Wassily“, den Freischwinger „Cesca“ und den Satztisch „Laccio“ neu aufzulegen. Gavina, in Kontakt mit vielen italienischen Möbelunternehmern, die im Begriff waren, ihre Traditionsbetriebe internationaler und zukunftssicher auszurichten, inspirierte Cesare Cassina dazu, Möbel der Moderne neu aufzulegen. Den Anfang machte ein Lizenzvertrag mit der Fondation Le Corbusier. Von 1965 an waren plötzlich LC 1 bis 4 wieder lieferbar, Entwürfe, die 1927 entstanden waren und bereits eine interessante Produktionsgeschichte aufweisen konnten. Die Möbel gelten heute als Gemeinschaftswerk von Le Corbusier, dessen Cousin Pierre Jeanneret und von Charlotte Perriand. In einer zweiten Welle brachte Cassina 1973 Möbel von Gerrit Rietveld und Charles Rennie Mackintosh als Neuheit auf den Markt, weitere Kollektionen folgten. Sie wurden unter dem Rubrum „i maestri“ zusammengefasst.
Schätze im Portfolio
Andere Unternehmer wie Willi Fehlbaum für Vitra erwarben Lizenzen zur Herstellung bereits eingeführter Serienprodukte wie etwa der Möbel von Charles und Ray Eames, die nun auch in Europa verfügbar waren. Traditionsreiche Hersteller wie Thonet, einst ein Pionierunternehmen der Moderne, hatten reale Schätze und Rechte im Portfolio, hielten die Möbel der 1920er Jahre aber nur mit Anklängen an den Zeitgeist der Nachkriegsepoche für vermarktbar.

Kurios an der Neuauflage moderner Einrichtungsgegenstände ist, dass ihre Schöpfer sie für einen sehr spezifischen räumlichen und zeitlichen Kontext entwarfen. Sicher hatte mancher Protagonist dieser Zeit ein teleologisches Geschichtsverständnis, das ihn erwarten ließ, seine Lösung für Einrichtungsprobleme hätten Anspruch auf ewige Gültigkeit und Beständigkeit, doch ist dies eine Selbsttäuschung, ohne die Neues womöglich nicht in die Welt käme.

Bloßes Funktionieren war nicht mehr genug
Dass und in welcher Form die nun so genannten „Klassiker der Moderne“ ab Mitte der 1960er Jahre wieder auf den Markt kamen und sich dort als maßgeblicher Faktor etablierten, hängt mit dem Zeitgeist jener Jahre zusammen. Vorbei war die Experimentierphase der Nachkriegszeit, während der mit unterschiedlichen Materialien brauchbare ephemere Objekte zusammenfügt wurden. Bloßes Funktionieren war nicht mehr genug. Gesucht war nun ein neuer repräsentativer Stil, den die neuen Eliten der 1960er und 1970er Jahre als ihren eigenen begreifen konnten. Das Verlangen nach Sicherheit und Wiedererkennbarkeit spielte – wie immer bei Phänomenen der Stilbildung – eine maßgebliche Rolle. In Deutschland kam hinzu, dass man mittels Einrichtung die Teilhabe an einer modernen, demokratischen und unbelasteten Vorkriegsentwicklung unter Beweis stellen konnte. Ein vergleichsweise günstiges Statement moralischer Integrität.

Plötzlich war Schluss mit Avantgarde
Ende der 1970er Jahre gab es nennenswerte Gegenbewegungen. So machten sich italienische Avantgarde-Gruppen wie Archizoom oder Alichimia über die wieder aufgelegten Möbel und Objekte her. Sie ergänzten sie mit Applikationen und dekorativen Zutaten, wo doch Reduktion und Verzicht auf Dekoration zum Selbstverständnis der Moderne gehört hatte. Neben der Schöpfung eines neuen, postmodernen Stilzusammenhangs, der zugleich gesellschaftliche, politische und ökonomische Selbstgewissheiten der Moderne in Frage stellte und letztlich auflöste, ging es dabei ganz handfest um die Kritik an Möbelherstellern, die sich vorwiegend oder zu erheblichen Teilen aus dem Gestern ihrer eigenen Archive oder zugekaufter Lizenzen bedienten. Zwar war ein Resultat der Postmoderne eben auch, dass die Figur des Avantgardisten überholt war, doch zeitgenössische Entwerfer, die von ihrer Arbeit leben wollen, gibt es bekanntlich auch heute.

In Deutschland formulierte der Sammler, Architekturhistoriker und Filmemacher Christian Borngräber: Als Sozialbegriff sei die Moderne „hinfällig und bezogen auf das Design klassisch – also abgeschlossen“. Als Vorkämpfer für das Neue Deutsche Design kritisierte er die „Vermarktung der Mottenkiste der Moderne“. Es könne nicht oft genug wiederholt werden, behauptete er, „dass es völlig egal ist, ob man nun seine Wohnung in Tuntenbarock oder Bauhausstil einrichtet. Nur an den Oberflächen unterscheiden sich beide Wohntrends, darunter verbirgt sich die Sehnsucht nach gestern.“

Spielmaterial für heute und morgen
So sei der „bereits totgeglaubte Historismus aktueller denn je“, lediglich „erweitert um Stilformen des 20. Jahrhunderts“. Was Borngräber, der 1992 starb, nicht ahnen konnte, war die Expansion des von ihm beschriebenen Phänomens. Fortschritt bedeutet für die Freunde der Reedition ein Zuwachs an vergangener Zeit. Immer mehr Entwürfe von Meistern (gelegentlich auch Meisterinnen) zurückliegender Jahrzehnte werden geborgen und heutigen Usancen von Produktion und Vermarktung angepasst. Und stehen damit als Spielmaterial für heute und morgen zur Verfügung. Das ist nicht weiter schlimm, da eine zunehmende Zahl von Gestaltern und Herstellern die Suche nach Gegenwart und Zukunft längst abgeschrieben hat. Was zählt, ist der atmosphärische Sound des „Mid modern“, die Orientierung an regionalen oder universellen Vorbildern bereits abgelebter Epochen. Der neueste Trend, der sich bereits zur breiten Strömung ausgewachsen hat, ist aber die Arbeit am und mit dem „modernen Klassiker“.
Aufwertung durch edle Materialien
So wertet Thonet seine Möbel von Ludwig Mies van der Rohe, Mart Stam und Marcel Breuer durch besonders feine Materialien (genannt „Pure Materials“) auf: Es gibt Stahlrohrmöbel nun optional mit braunem Büffelleder und Armauflagen in Nussbaum geölt. Sollten Entwerfer so nachlässig gewesen sein, bestimmte Varianten nicht selbst gestaltet zu haben, so hilft die firmeneigene Designabteilung Jahrzehnte später gerne nach: So gibt es Marcel Breuers asymmetrischen Stahlrohrschreibtisch bei Thonet auch als Modell S 285/5 in einer symmetrischen Version. Sollten Möbel der Moderne nicht immer schon universale Objekte sein? Garten- und terrassentauglich jedenfalls waren sie bislang nur mit Einschränkung. Kunststoffgewebe und Gestelle in neuen Beschichtungen und Farben beheben diesen Mangel.
Varianten nach historischen Vorbildern
Und wer wollte es den Herstellern verdenken, dass sie an ihren Erfindungen, den „Modernen Klassikern“ ein bisschen herummachen? Den bisherigen Höhepunkt der Tendenz, bekannte Objekte neu zu gestalten liefert Patricia Urquiola, als neu gekürte Art Direktorin von Cassina. Dass es den 1917 entwickelten „Rot-Blauen Stuhl“ nun auch in einer farblichen Fassung (Grün, Schwarz, Weiß) gibt, die einer Variante aus dem Jahr 1921 für Wicher Zeilmaker entspricht, der zu jener Zeit nach Niederländisch-Indien auswanderte, ist nicht mehr als eine Variantenbildung mit historischem Vorbild. Dass man den Stuhl, der als privates Objekt des Nachbaus für viele eine besondere Moderne-Erfahrung verkörpert hat, heute mit komfortablen gepolsterten Lederkissen ausstattet, lässt den Kritiker staunend, zweifelnd und kopfschüttelnd zurück.
Wäre es nicht besser ein neues Modell zu entwerfen, als sich an dem historischen Vorbild dieser Art zu betätigen? Dem „Rot-Blauen Stuhl“ mangelte es bislang keinesfalls an Komfort. Bestenfalls spürt man die eigene Körperlichkeit und Verfassung in diesem Möbel ein wenig anders als in einem gängigen Polstersessel.

www.cassina.com
www.thonet.de
www.vitra.com