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Diesseits aller Nostalgie: Handwerk hat Zukunft
von Thomas Wagner | 27. Juni 2012
Tradition und Moderne, Grafik © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Handwerk, das klingt wie ein altes Zauberwort. Sind wir keine zwanzig mehr und hören wir es, so steigen aus der Erinnerung unwillkürlich allerlei Vorstellungen, Gerüche und Bilder auf. An die Werkstatt des Onkels mit der großen Bandsäge und dem Geruch frischen Sägemehls, an die Hobelbank, an der er Skier für die Kinder herstellt, an die Gluthitze der Esse beim Dorfschmied, an den Funkenflug beim Schlosser, wenn er Eisenprofile abschleift, an die eingeweichten Weidenruten beim Korbflechter oder an das Beil mit dem abstehenden Stiel, mit dem der Großvater als Zimmermann noch Balken geschlagen hat. Manches davon gibt es noch heute; vieles aber, was auf den Fähigkeiten der Hand und der Weitergabe individuellen Wissens und Könnens gründet, ist verschwunden oder durch standardisierte Verfahren ersetzt worden. Kurz gesagt: Viele der Dinge, mit denen wir uns umgeben, sind uns ebenso entrückt wie die Verfahren, denen sie sich verdanken und die Lebensform, in der sie entstanden sind. Mit dem Ergebnis, dass die Dinge sich im wörtlichen Sinn nicht mehr begreifen lassen und nur noch Waren sind.

Das Handwerk, so sagt man noch immer, habe einen goldenen Boden. Da ist manches dran. Glaubt man der Verbandswerbung, die naturgemäß etwas übertreibt, so ist das Handwerk nicht nur „die Wirtschaftsmacht von nebenan“, sondern auch Grundlage unserer Zivilisation und all ihrer Errungenschaften. Wer sich allerdings, besonders in Großstädten, schon einmal kurzfristig bei einem Elektriker, Klempner oder Dachdecker um einen Termin bemüht hat, der weiß, was das konkret bedeutet. Ist der entsprechende Fachmann nämlich endlich vor Ort, so tauscht er zumeist an irgendwelchen Anlagen irgendwelche Komponenten aus – und das war’s dann auch schon mit der Handarbeit.

Ist das noch Handwerk? Oder eine Mischform aus Geschick, individueller Kompetenz, präfabrizierten Produkten und standardisierten Tätigkeiten? Was bedeutet es überhaupt im 21. Jahrhundert Handwerker zu sein? Welche Rolle spielt, was von Hand gemacht wird, im Verhältnis zum Design und einer weitgehend automatisierten industriellen Produktion? Und wie wirkt es sich auf den Kopf aus, wenn wir etwas nicht an Computer und Maschinen delegieren?

Sicher ist: In das lange zementierte Verhältnis von Handwerk und Design, von individueller und industrieller Produktion, ist in den vergangenen Jahren neue Bewegung gekommen. Alte handwerkliche Techniken sind, oft in Kombination mit neuen technischen Möglichkeiten, zunehmend gefragt, besonders, wenn es – unter dem Stichwort „Customizing“ – um die Individualisierung von Produkten geht. Das Spektrum veredelter Massenware oder individueller Anfertigungen ist weit, nicht nur im Luxusbereich. Es reicht von eigens entworfenen und in Handarbeit hergestellten Motorrädern, aus einzelnen Komponenten zusammengesetzten Fahrrädern, maßgeschneiderten Kleidern und Schuhen, vom Schreiner gefertigten Küchen und Möbeln bis zu Mosaiken und von Sattlern veredelten Sitzen und Innenräumen von Autos. Selbst im High-End-Design, wo große Stückzahlen ohnehin nicht die Regel sind, nimmt der Einfluss handwerklichen Wissens zu, wenn etwa Glas in eine bestimmte Form gebracht oder neuartige Fasern mittels traditioneller Flechttechniken verarbeitet werden. Was keine Maschine vermag, oft schafft es die Hand. Und man sieht es dem Ergebnis an. Eine Folge davon ist, dass manuelle Fertigkeiten gesellschaftlich nicht mehr ganz so selbstverständlich abgewertet werden und die Zahl kleiner Labels zunimmt, die im Grenzbereich zwischen Kunsthandwerk und Design solide gemachte und gut gestaltete Produkte anbieten – vom Kleiderschrank bis zum Milchkännchen.

Woran liegt es, dass Dinge, die von Hand gemacht werden, wieder begehrt sind? Strahlen sie eine andere Würde aus? Lässt sich mit ihrem Besitz schlicht demonstrieren, dass man sich von gewöhnlichen Konsumenten unterscheidet? Oder sind sie obendrein langlebiger, sprich nachhaltiger? Weshalb umgeben sich Menschen immer häufiger mit Dingen, in denen die Differenz zu den Dingen aufscheint, die standardisiert, massenhaft, effizient und billig produziert werden?

Der Soziologe und Kulturphilosoph Richard Sennett hat 2008 unter dem Titel „Handwerk“ (orig. „The Craftsman“) ein Buch herausgebracht, in dem er erklärt, was den Handwerker vom Arbeiter unterscheidet und weshalb das, was dieser tut, in Zukunft wichtig werden könnte. Für Sennett sind Schreiner, Laboranten oder Dirigenten vor allem deshalb Handwerker, weil „sie ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen“. Der Handwerker, so Sennett, stehe für „die besondere menschliche Möglichkeit engagierten Tuns“. Und weil handwerkliches Können – anders als die Errungenschaften der digitalen Kultur – in der greifbaren Realität verankert und der Handwerker stolz auf seine Arbeit ist, lässt sich darauf womöglich eine „Lebensweise“ aufbauen, in der Hand und Kopf, Technik und Wissenschaft, Kunst und Handwerk nicht länger voneinander getrennt werden.

Könnte es sein, wie Sennett mutmaßt, dass wir so nützliche Werkzeuge wie computergestütztes Design (CAD) falsch einsetzen, weil wir uns an Abstraktionen statt an Erfahrungen halten? Lockt uns eine derart faszinierende Technik mit all ihren Möglichkeiten in die falsche Richtung, weil bei ihrem Einsatz etwas Wesentliches verloren geht, wenn ein Gegenstand oder ein Gebäude vollständig in der Vorstellung konzipiert wird, bevor man ihn sehen und betasten oder es erfahren hat? Und wie steht es um Simulationen? Können sie das Empfinden und die Erfahrung eines Handwerkes ersetzen? Man sieht, das Thema ist weit verzweigt. Doch wenigsten einigen Aspekten wollen wir in den folgenden Wochen nachgehen. Wobei wir bewusst dahingestellt sein lassen, ob sich handwerklich tatsächlich besser und engagierter produzieren lässt und ob darin sogar ein kapitalismuskritisches Versprechen liegt. Spannend und faszinierend ist es allemal beobachten zu können, wie sich Industrie und Handwerk gegenseitig befruchten.

Das Handwerk - Werbespot
News & Stories › 2012 › Juni
Diesseits aller Nostalgie: Handwerk hat Zukunft
von Thomas Wagner | 27. Juni 2012
Handwerk – ist das nicht etwas von gestern? Keineswegs. Immer häufiger greifen Designer und Hersteller auf handwerkliches Wissen und Handarbeit zurück. Nicht nur, wenn es um Luxus geht.
Handwerk, das klingt wie ein altes Zauberwort. Sind wir keine zwanzig mehr und hören wir es, so steigen aus der Erinnerung unwillkürlich allerlei Vorstellungen, Gerüche und Bilder auf. An die Werkstatt des Onkels mit der großen Bandsäge und dem Geruch frischen Sägemehls, an die Hobelbank, an der er Skier für die Kinder herstellt, an die Gluthitze der Esse beim Dorfschmied, an den Funkenflug beim Schlosser, wenn er Eisenprofile abschleift, an die eingeweichten Weidenruten beim Korbflechter oder an das Beil mit dem abstehenden Stiel, mit dem der Großvater als Zimmermann noch Balken geschlagen hat. Manches davon gibt es noch heute; vieles aber, was auf den Fähigkeiten der Hand und der Weitergabe individuellen Wissens und Könnens gründet, ist verschwunden oder durch standardisierte Verfahren ersetzt worden. Kurz gesagt: Viele der Dinge, mit denen wir uns umgeben, sind uns ebenso entrückt wie die Verfahren, denen sie sich verdanken und die Lebensform, in der sie entstanden sind. Mit dem Ergebnis, dass die Dinge sich im wörtlichen Sinn nicht mehr begreifen lassen und nur noch Waren sind.

Das Handwerk, so sagt man noch immer, habe einen goldenen Boden. Da ist manches dran. Glaubt man der Verbandswerbung, die naturgemäß etwas übertreibt, so ist das Handwerk nicht nur „die Wirtschaftsmacht von nebenan“, sondern auch Grundlage unserer Zivilisation und all ihrer Errungenschaften. Wer sich allerdings, besonders in Großstädten, schon einmal kurzfristig bei einem Elektriker, Klempner oder Dachdecker um einen Termin bemüht hat, der weiß, was das konkret bedeutet. Ist der entsprechende Fachmann nämlich endlich vor Ort, so tauscht er zumeist an irgendwelchen Anlagen irgendwelche Komponenten aus – und das war’s dann auch schon mit der Handarbeit.

Ist das noch Handwerk? Oder eine Mischform aus Geschick, individueller Kompetenz, präfabrizierten Produkten und standardisierten Tätigkeiten? Was bedeutet es überhaupt im 21. Jahrhundert Handwerker zu sein? Welche Rolle spielt, was von Hand gemacht wird, im Verhältnis zum Design und einer weitgehend automatisierten industriellen Produktion? Und wie wirkt es sich auf den Kopf aus, wenn wir etwas nicht an Computer und Maschinen delegieren?

Sicher ist: In das lange zementierte Verhältnis von Handwerk und Design, von individueller und industrieller Produktion, ist in den vergangenen Jahren neue Bewegung gekommen. Alte handwerkliche Techniken sind, oft in Kombination mit neuen technischen Möglichkeiten, zunehmend gefragt, besonders, wenn es – unter dem Stichwort „Customizing“ – um die Individualisierung von Produkten geht. Das Spektrum veredelter Massenware oder individueller Anfertigungen ist weit, nicht nur im Luxusbereich. Es reicht von eigens entworfenen und in Handarbeit hergestellten Motorrädern, aus einzelnen Komponenten zusammengesetzten Fahrrädern, maßgeschneiderten Kleidern und Schuhen, vom Schreiner gefertigten Küchen und Möbeln bis zu Mosaiken und von Sattlern veredelten Sitzen und Innenräumen von Autos. Selbst im High-End-Design, wo große Stückzahlen ohnehin nicht die Regel sind, nimmt der Einfluss handwerklichen Wissens zu, wenn etwa Glas in eine bestimmte Form gebracht oder neuartige Fasern mittels traditioneller Flechttechniken verarbeitet werden. Was keine Maschine vermag, oft schafft es die Hand. Und man sieht es dem Ergebnis an. Eine Folge davon ist, dass manuelle Fertigkeiten gesellschaftlich nicht mehr ganz so selbstverständlich abgewertet werden und die Zahl kleiner Labels zunimmt, die im Grenzbereich zwischen Kunsthandwerk und Design solide gemachte und gut gestaltete Produkte anbieten – vom Kleiderschrank bis zum Milchkännchen.

Woran liegt es, dass Dinge, die von Hand gemacht werden, wieder begehrt sind? Strahlen sie eine andere Würde aus? Lässt sich mit ihrem Besitz schlicht demonstrieren, dass man sich von gewöhnlichen Konsumenten unterscheidet? Oder sind sie obendrein langlebiger, sprich nachhaltiger? Weshalb umgeben sich Menschen immer häufiger mit Dingen, in denen die Differenz zu den Dingen aufscheint, die standardisiert, massenhaft, effizient und billig produziert werden?

Der Soziologe und Kulturphilosoph Richard Sennett hat 2008 unter dem Titel „Handwerk“ (orig. „The Craftsman“) ein Buch herausgebracht, in dem er erklärt, was den Handwerker vom Arbeiter unterscheidet und weshalb das, was dieser tut, in Zukunft wichtig werden könnte. Für Sennett sind Schreiner, Laboranten oder Dirigenten vor allem deshalb Handwerker, weil „sie ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen“. Der Handwerker, so Sennett, stehe für „die besondere menschliche Möglichkeit engagierten Tuns“. Und weil handwerkliches Können – anders als die Errungenschaften der digitalen Kultur – in der greifbaren Realität verankert und der Handwerker stolz auf seine Arbeit ist, lässt sich darauf womöglich eine „Lebensweise“ aufbauen, in der Hand und Kopf, Technik und Wissenschaft, Kunst und Handwerk nicht länger voneinander getrennt werden.

Könnte es sein, wie Sennett mutmaßt, dass wir so nützliche Werkzeuge wie computergestütztes Design (CAD) falsch einsetzen, weil wir uns an Abstraktionen statt an Erfahrungen halten? Lockt uns eine derart faszinierende Technik mit all ihren Möglichkeiten in die falsche Richtung, weil bei ihrem Einsatz etwas Wesentliches verloren geht, wenn ein Gegenstand oder ein Gebäude vollständig in der Vorstellung konzipiert wird, bevor man ihn sehen und betasten oder es erfahren hat? Und wie steht es um Simulationen? Können sie das Empfinden und die Erfahrung eines Handwerkes ersetzen? Man sieht, das Thema ist weit verzweigt. Doch wenigsten einigen Aspekten wollen wir in den folgenden Wochen nachgehen. Wobei wir bewusst dahingestellt sein lassen, ob sich handwerklich tatsächlich besser und engagierter produzieren lässt und ob darin sogar ein kapitalismuskritisches Versprechen liegt. Spannend und faszinierend ist es allemal beobachten zu können, wie sich Industrie und Handwerk gegenseitig befruchten.