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Digitale Kommandobrücke
von Thomas Edelmann | 2. April 2014
Das intelligente Thermostat wacht über Wohlbehagen und Energieverbrauch - ob wir deshalb ruhiger schlafen werden? Foto © „Nest"
Haben Sie schon das neue Sicherheitsupdate für die Home Control-Unit geladen? Wurden Ihre W-Lan-Leuchten schon mal gehackt? Wer außer Ihnen kennt den Verbrauch Ihrer Heizung? Und haben Sie von unterwegs den Herd ausgemacht? Fragen wie diese dürften den meisten Menschen heute noch etwas albern vorkommen. Doch digitale Helfer, programmierbare Regler, interaktive Displays und Kontrollzentren unterschiedlichster Art drängen jetzt schon in immer größerer Vielfalt auf den Markt und versprechen einen bislang nie gekannten Komfort. Eine neue Welle smarter Unterhaltungselektronik schwappt auf uns zu - und mit ihr ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm. Doch auch Fragen nach der Zuverlässigkeit dieser Systeme und der Datensicherheit werden laut.

Zuhause spukt es

Die Vorstellung, dass Dinge sich hinter unserem Rücken besprechen, uns überlisten und allerlei Streiche spielen, wandelt sich von der fixen Idee zur nervigen Realität. Nicht mehr Esoterik und Aberglaube, sondern Ingenieur- und Informationstechnik erschaffen eine animistisch belebte Welt, die unter dem Begriff „Internet der Dinge“ zu einer Umwälzung aller Verhältnisse einer vormals analogen Lebenswirklichkeit führen soll. Alles muss ans Netz.

Wer sich an diese Welt herantasten will, beginnt mit kleinen Übungen und leichten Hausmeistertätigkeiten. Etwa durch die Installation von Rauchmeldern, die von vielen Bundesländern nun verpflichtend vorgeschrieben wird. Oder mit dem Einbau von batteriebetriebenen, programmierbaren Heizkörper-Ventilen, die neuerdings schöne, große Displays haben und kaum Strom verbrauchen – allerdings deutlich mehr, als jene, die zuvor von Hand betätigt wurden. Und lässt die Batterie nach, öffnet sich das Ventil, sodass es ungemütlich warm wird. Doch dies ist nur die erste Stufe der Hausautomation.

Schaltzentrale Wohnzimmer

Aus vielen elektronischen Insellösungen entsteht nun ein „Heimnetz“ - mit Tablet und in der Wand integrierten Displays. Wer bereit ist, den eigenen Lebensbereich elektronisch durchzutakten, dem werden viele Baukästen zur Vernetzung angeboten: Türkommunikations-Systeme, die den Griff zum Schlüssel durch Fingerprint-Erkennung, Transponder sowie einer integrierten Codetastatur ersetzen, Energiesäulen, die Außenanlagen mit Licht und Strom versorgen oder HomeServer, die über Smart Phone, Tablet oder Laptop die Steuerung von Heizung, Jalousien und Multimedia-Entertainment zeitgleich steuern können und sogar über eine Anwesenheitssimulation verfügen - ganze Raumszenarien können hier programmiert und entworfen werden. Doch trotz all dieser Möglichkeiten haben viele Geräte mitunter den Nachteil, den Nutzer an eine hochkomplexe und damit anfällige Technik sowie an bestimmte Dienstleister zu binden. Und mag die Umrüstung wohl der Energieeffizienz dienen, bleibt es doch abzuwarten, ob die Handhabung der vernetzen Systeme wirklich so einfach ist, wie oft behauptet – denn nur damit würde sich auch der Komfort für den Nutzer erhöhen. Abgesehen davon, dass besonders Nachrüstungssysteme als klobige Kästen aus den Steckdosen wachsen und trotz drahtloser Vernetzung mit allerlei Kabeln im Heim auffällig werden.

Teure Energiezähler

Eine wichtige Rolle bei der Vernetzung des Wohnens und seiner Energiesteuerung soll künftig das „Smart Metering“ spielen. Von „intelligenten“ Stromzählern, die gesetzlich für Neubauten bereits vorgeschrieben sind, versprechen sich Anbieter und Politik Einsparpotentiale. Anders als bisherige Ferraris-Zähler, verbraucht allerdings jeder der neuen elektronischen Energiezähler etwa so viel Strom wie ein kompakter Kühlschrank. Sollten neue Haupt- und Nebenlast-Stromtarife eingeführt werden, würden sie zusätzliche Preissteigerungen für alle nach sich ziehen. Abgesehen von ungelösten Datenschutz-Problemen attestierte eine Studie von Ernst & Young für das Bundesministerium für Wirtschaft den Wundergeräten, dass insbesondere „bei Letztverbrauchern mit geringem Jahresverbrauch die Kosten für ein intelligentes Messsystem deutlich die durchschnittlich zu erzielendenjährlichen Energiesparmöglichkeiten“ übersteige. Ein „verpflichtender Einbau wäre somit unverhältnismäßig und wirtschaftlich unzumutbar.“

Vergleicht man den avancierten Haustechnik-Hersteller „Nest“ aus Palo Alto mit dem Kurznachrichten-Übermittler „WhatsApp“, ist die Vernetzung von Wohnräumen ein eher unspektakuläres Wirtschaftsfeld. Google zahlte im Januar 2014 für „Nest“ 3,2 Milliarden US-Dollar, Facebook gab ein paar Wochen darauf für „WhatsApp“ 19 Milliarden Dollar aus. „Nest“, dessen wichtigstes Produkt ein beleuchteter, digitaler Raumthermostat ist, wurde von Tony Fadell mitgegründet. Fadell erfand für Apple die geniale Verbindung aus dem MP3-Player, iPod und der Software, nebst iTunes. Ob Google auf die Verbreitung vernetzter Haussteuerung einwirkt, ist derzeit noch ungewiss. Womöglich war der Zugang zum Apple-Pionier Fadell und seinem Knowhow weit wichtiger für das Internet-Unternehmen.

Für den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger ist in jedem Fall klar: „Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit totalem Boykott zu begegnen.“

Doch ob wirtschaftlich oder nicht, die neuen Steuerungstechnologien sind entwickelt. Nun besteht eine der größten Herausforderungen darin, diese sinnvoll anzuwenden, dass sie nicht wieder redundant werden.

Blue Hour. © Diller Scofidio + Renfro with Matthew Monteith in Collaboration. Published by the Zumtobel Group.
Blue Hour. © Diller Scofidio + Renfro with Matthew Monteith in Collaboration. Published by the Zumtobel Group.
News & Stories › 2014 › April
Digitale Kommandobrücke
von Thomas Edelmann | 2. April 2014
Es beginnt mit vernetzbaren Schaltern und elektronischen Stromzählern – doch das ist noch lange nicht alles. Die Dinge um uns sollen über vernetzte Systeme abgestimmt und kontrolliert werden. Ein kritischer Blick auf neue Steuerungstechnologien - und deren Potenzial für die Zukunft.
Haben Sie schon das neue Sicherheitsupdate für die Home Control-Unit geladen? Wurden Ihre W-Lan-Leuchten schon mal gehackt? Wer außer Ihnen kennt den Verbrauch Ihrer Heizung? Und haben Sie von unterwegs den Herd ausgemacht? Fragen wie diese dürften den meisten Menschen heute noch etwas albern vorkommen. Doch digitale Helfer, programmierbare Regler, interaktive Displays und Kontrollzentren unterschiedlichster Art drängen jetzt schon in immer größerer Vielfalt auf den Markt und versprechen einen bislang nie gekannten Komfort. Eine neue Welle smarter Unterhaltungselektronik schwappt auf uns zu - und mit ihr ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm. Doch auch Fragen nach der Zuverlässigkeit dieser Systeme und der Datensicherheit werden laut.

Zuhause spukt es

Die Vorstellung, dass Dinge sich hinter unserem Rücken besprechen, uns überlisten und allerlei Streiche spielen, wandelt sich von der fixen Idee zur nervigen Realität. Nicht mehr Esoterik und Aberglaube, sondern Ingenieur- und Informationstechnik erschaffen eine animistisch belebte Welt, die unter dem Begriff „Internet der Dinge“ zu einer Umwälzung aller Verhältnisse einer vormals analogen Lebenswirklichkeit führen soll. Alles muss ans Netz.

Wer sich an diese Welt herantasten will, beginnt mit kleinen Übungen und leichten Hausmeistertätigkeiten. Etwa durch die Installation von Rauchmeldern, die von vielen Bundesländern nun verpflichtend vorgeschrieben wird. Oder mit dem Einbau von batteriebetriebenen, programmierbaren Heizkörper-Ventilen, die neuerdings schöne, große Displays haben und kaum Strom verbrauchen – allerdings deutlich mehr, als jene, die zuvor von Hand betätigt wurden. Und lässt die Batterie nach, öffnet sich das Ventil, sodass es ungemütlich warm wird. Doch dies ist nur die erste Stufe der Hausautomation.

Schaltzentrale Wohnzimmer

Aus vielen elektronischen Insellösungen entsteht nun ein „Heimnetz“ - mit Tablet und in der Wand integrierten Displays. Wer bereit ist, den eigenen Lebensbereich elektronisch durchzutakten, dem werden viele Baukästen zur Vernetzung angeboten: Türkommunikations-Systeme, die den Griff zum Schlüssel durch Fingerprint-Erkennung, Transponder sowie einer integrierten Codetastatur ersetzen, Energiesäulen, die Außenanlagen mit Licht und Strom versorgen oder HomeServer, die über Smart Phone, Tablet oder Laptop die Steuerung von Heizung, Jalousien und Multimedia-Entertainment zeitgleich steuern können und sogar über eine Anwesenheitssimulation verfügen - ganze Raumszenarien können hier programmiert und entworfen werden. Doch trotz all dieser Möglichkeiten haben viele Geräte mitunter den Nachteil, den Nutzer an eine hochkomplexe und damit anfällige Technik sowie an bestimmte Dienstleister zu binden. Und mag die Umrüstung wohl der Energieeffizienz dienen, bleibt es doch abzuwarten, ob die Handhabung der vernetzen Systeme wirklich so einfach ist, wie oft behauptet – denn nur damit würde sich auch der Komfort für den Nutzer erhöhen. Abgesehen davon, dass besonders Nachrüstungssysteme als klobige Kästen aus den Steckdosen wachsen und trotz drahtloser Vernetzung mit allerlei Kabeln im Heim auffällig werden.

Teure Energiezähler

Eine wichtige Rolle bei der Vernetzung des Wohnens und seiner Energiesteuerung soll künftig das „Smart Metering“ spielen. Von „intelligenten“ Stromzählern, die gesetzlich für Neubauten bereits vorgeschrieben sind, versprechen sich Anbieter und Politik Einsparpotentiale. Anders als bisherige Ferraris-Zähler, verbraucht allerdings jeder der neuen elektronischen Energiezähler etwa so viel Strom wie ein kompakter Kühlschrank. Sollten neue Haupt- und Nebenlast-Stromtarife eingeführt werden, würden sie zusätzliche Preissteigerungen für alle nach sich ziehen. Abgesehen von ungelösten Datenschutz-Problemen attestierte eine Studie von Ernst & Young für das Bundesministerium für Wirtschaft den Wundergeräten, dass insbesondere „bei Letztverbrauchern mit geringem Jahresverbrauch die Kosten für ein intelligentes Messsystem deutlich die durchschnittlich zu erzielendenjährlichen Energiesparmöglichkeiten“ übersteige. Ein „verpflichtender Einbau wäre somit unverhältnismäßig und wirtschaftlich unzumutbar.“

Vergleicht man den avancierten Haustechnik-Hersteller „Nest“ aus Palo Alto mit dem Kurznachrichten-Übermittler „WhatsApp“, ist die Vernetzung von Wohnräumen ein eher unspektakuläres Wirtschaftsfeld. Google zahlte im Januar 2014 für „Nest“ 3,2 Milliarden US-Dollar, Facebook gab ein paar Wochen darauf für „WhatsApp“ 19 Milliarden Dollar aus. „Nest“, dessen wichtigstes Produkt ein beleuchteter, digitaler Raumthermostat ist, wurde von Tony Fadell mitgegründet. Fadell erfand für Apple die geniale Verbindung aus dem MP3-Player, iPod und der Software, nebst iTunes. Ob Google auf die Verbreitung vernetzter Haussteuerung einwirkt, ist derzeit noch ungewiss. Womöglich war der Zugang zum Apple-Pionier Fadell und seinem Knowhow weit wichtiger für das Internet-Unternehmen.

Für den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger ist in jedem Fall klar: „Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit totalem Boykott zu begegnen.“

Doch ob wirtschaftlich oder nicht, die neuen Steuerungstechnologien sind entwickelt. Nun besteht eine der größten Herausforderungen darin, diese sinnvoll anzuwenden, dass sie nicht wieder redundant werden.