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Ehre, wem Ehre gebührt
von Nina Reetzke | 12. Dezember 2010
The Story of Eames Furniture, alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Achthundert Seiten, zwei Bände im Schuber - „The Story of Eames Furniture" liegt verheißungsvoll in den Händen. Bereits ein erster Blick bestätigt die Vermutung, dass sich in der Publikation viele gute Bilder befinden: vom Arbeitsalltag im Eames Office, von den legendären Produkten der Eames, den oft künstlerisch anmutenden Werbematerialien und selten veröffentlichten technischen Zeichnungen. Vertieft sich der Leser jedoch in den Text, stolpert er rasch über Passagen, die den ersten guten Eindruck in Frage stellen.

Marilyn und John Neuhart spannen einen weiten Bogen vom Team des Eames Office über die Firmengeschichte von Herman Miller bis zur Historie der legendären Produkte. Darunter finden sich viele jener Anekdoten, die jeder Liebhaber von Eames-Möbeln kennt und schätzt: Etwa dass der „Lounge Chair" von einem alten Baseballhandschuh inspiriert ist, der „Plastic Chair" für den Wettbewerb "Low Cost Furniture Design" des MoMA entstand und die „Aluminium Group" als „Indoor-Outdoor-Furniture" für das Irwine Miller House in Columbus, Indiana, entworfen wurde. An der einen oder anderen Stelle lassen sich auch bisher weniger bekannte Details entdecken, wie etwa ein Bikinibezug des „Wire Chair" mit unterschiedlichen Steppmustern, der „Dining Table" mit klappbaren Gestell in rechtwinkliger Form und der „LTR" mit einer Oberfläche aus unkaschiertem Holz.

Zwischen diesen lesenswerten Abschnitten zur Designgeschichte reibt sich der Leser jedoch bei einigen Textpassagen verwundert die Augen, da die Inhalte plötzlich weniger einer ernstzunehmenden designhistorischen Argumentation folgen, sondern eher an Büroklatsch erinnern. So schreibt das Ehepaar Neuhart freimütig über Charles und Ray Eames, deren "Ehe im wahren Sinn des Wortes" sei "Mitte der fünfziger Jahre im Wesentlichen vorbei gewesen, als Charles eine Reihe von Affären mit anderen Frauen began." Solche Aussagen provozieren die Frage, mit welcher Absicht „The Story of Eames Furniture" geschrieben wurde. Es scheint jedenfalls nicht nur um das bessere Verständnis der Eames Möbel zu gehen.

Die Autoren, das Ehepaar Marilyn und John Neuhart, arbeiteten ab den fünfziger Jahren in verschiedenen Funktionen im Eames Office: John vor allem als Designer und Marilyn unter anderem als „Researcher". Wie im Buch deutlich wird, verlief der Alltag im Eames Office nicht immer harmonisch; offensichtlich gab es des Öfteren Differenzen bezüglich der Urheberschaft einzelner Entwürfe und der Vergütung. So wechselte zum Beispiel Don Albinson zu Knoll, nachdem Charles und Ray Eames ihm nicht die gewünschte Stellung eines Partners einräumt hatten. Natürlich kann es - jeder kennt den einen oder anderen Fall - immer wieder vorkommen, dass Mitarbeiter in Design- und Architekturbüros meinen, ihre Leistung werde nicht ausreichend geschätzt. Oft enden derartige Diskussionen damit, dass es dem Mitarbeiter freigestellt wird, sich unter eigenem Namen selbst auf dem Markt zu beweisen. Im Fall des Eames Office haben sich Marilyn und John Neuhart offensichtlich dazu berufen gefühlt, die inzwischen Jahre zurückliegenden Unstimmigkeiten - verpackt in einem Buch - publik zu machen.

Besonders verwundert die abwertende Darstellung von Ray Eames, die sich durch die gesamte Publikation zieht. Bereits das Titelbild auf dem Schuber zeigt nur ein Bild von Charles Eames. Zudem betonen die Autoren in der Biographie von Ray Eames, diese habe nicht für sich gestanden, sei ihrer Rolle als Partnerin von Charles Eames nicht gerecht geworden und sei lediglich „Mrs. Charles Eames" gewesen. An einer anderen Stelle heißt es lapidar, Ray Eames habe im Eames Office keine nennenswerte Position bekleidet: „Ray Eames war eigentlich bei keiner der Firmen richtig beschäftigt; sie hat weder Vollzeit gearbeitet, noch hat sie sich aktiv am Tagesgeschehen beteiligt, außer dass sie als Zuschauerin vielleicht den ein oder anderen Kommentar abgegeben hat."

Autoren wie Eames Demetrios, Pat Kirkham oder Joseph Giovannini haben die Rolle von Ray Eames im Eames Office jedoch umfassend analysiert und erkennen ihre Designleistung an. Dank ihrer Ausbildung bei Hans Hoffmann war sie künstlerisch geschult (man denke an ihre Cover für „arts&architecture") und hatte entscheidenden Einfluss auf die Formensprache der Eames-Produkte. Der Entwurf von „La Chaise" etwa wird maßgeblich ihr zugesprochen. Die unzähligen Fotos, die Charles und Ray Eames zusammen zeigen, sprechen Bände - so strahlend kann niemand aussehen, den seine private und berufliche Rolle nicht erfüllt.

Nicht weniger erstaunlich ist der Umfang der Biographien von 22 ehemaligen Mitarbeitern des Eames Office, die sich auf 180 Seiten erstrecken. Prinzipiell hilft eine Beschreibung des Kontextes bei der designhistorischen Betrachtung von Produkten. Die Biographien von Charles und Ray Eames haben hier natürlich ihren Platz. Selbstverständlich könnte aus kulturhistorischer Sicht auch eine Beleuchtung der Personalstrukturen des Eames Office interessant sein. Jedoch müsste dabei der Bezug zu den Eames-Möbeln erkennbar bleiben, was bei „The Story of Eames Furniture" oftmals nicht der Fall ist. Bei vielen biographischen Details wie Abstammung, Schulzeit oder Ehestand der ehemaligen Mitarbeiter ist die Relevanz für die Eames-Möbeln für den Leser nicht nachvollziehbar. Wie weitschweifig und letztlich bezugslos die Biographien ausfallen, wird am Beispiel von Norman Bruns deutlich, über den es heißt: „Sein Großvater und Onkel väterlicherseits haben im Amerikanischen Bürgerkrieg auf Seite der Union gekämpft, bevor sie sich von Missouri über den Oregon Trail nach Westen aufmachten. Dort begannen sie ein neues Leben auf einer kleinen Ranch, die im heutigen Stadtbezirk von Portland liegt."

Im gleichen Maß wie das Ehepaar Neuhart seine persönliche Sicht der Dinge darstellt, bleiben einige Standardpublikationen zu den Eames unberücksichtigt. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt das Bilderverzeichnis, wurden doch vor allem solche Materialien verwendet, die aus der öffentlich zugänglichen Library of Congress und aus privaten Archiven von Marilyn und John Neuhart stammen. Die Archive des Eames Office, von Herman Miller und von Vitra tauchen nicht oder nur selten auf.

John und Marilyn Neuhart haben bereits eine frühere Monographie mit dem Titel „Eames Design" geschrieben, damals noch zusammen mit Ray Eames. Dort werden die Eames-Projekte chronologisch aufgeführt, die Inhalte sachlich und klar erläutert, und eine Fülle von Bildern erfreut den Leser. Berechtigterweise entwickelte sich das Buch im Lauf der Jahre zu einem Standardwerk über das Schaffen der Eames. Leider kann „The Story of Eames Furniture" hier nicht mithalten. Es wäre ehrlicher gewesen, hätten Marilyn und John Neuhart, statt einer Monographie mit designhistorischen Anspruch eine Autobiographie geschrieben. Eine solche wäre besser geeignet gewesen, ihre persönliche Sichtweise der Arbeit im Eames Office darzulegen.

The Story of Eames Furniture
Von Marilyn Neuhart mit John Neuhart
Hardcover, Zwei Bände in einem Schuber
800 Seiten, englisch
Gestalten, Berlin, 2010
Euro 150,00

gestalten.com


News & Stories › 2010 › Dezember
Ehre, wem Ehre gebührt
von Nina Reetzke | 12. Dezember 2010
Mit seinen achthundert Seiten kommt „The Story of Eames Furniture" vielversprechend daher. Viele historische Bilder von Charles und Ray Eames, dem Eames Office und legendärer Produkte wie dem Lounge Chair erfreuen das Auge. Leider erscheint der Inhalt stellenweise designhistorisch stark durch die persönliche Sicht der Buchautoren geprägt.
Achthundert Seiten, zwei Bände im Schuber - „The Story of Eames Furniture" liegt verheißungsvoll in den Händen. Bereits ein erster Blick bestätigt die Vermutung, dass sich in der Publikation viele gute Bilder befinden: vom Arbeitsalltag im Eames Office, von den legendären Produkten der Eames, den oft künstlerisch anmutenden Werbematerialien und selten veröffentlichten technischen Zeichnungen. Vertieft sich der Leser jedoch in den Text, stolpert er rasch über Passagen, die den ersten guten Eindruck in Frage stellen.

Marilyn und John Neuhart spannen einen weiten Bogen vom Team des Eames Office über die Firmengeschichte von Herman Miller bis zur Historie der legendären Produkte. Darunter finden sich viele jener Anekdoten, die jeder Liebhaber von Eames-Möbeln kennt und schätzt: Etwa dass der „Lounge Chair" von einem alten Baseballhandschuh inspiriert ist, der „Plastic Chair" für den Wettbewerb "Low Cost Furniture Design" des MoMA entstand und die „Aluminium Group" als „Indoor-Outdoor-Furniture" für das Irwine Miller House in Columbus, Indiana, entworfen wurde. An der einen oder anderen Stelle lassen sich auch bisher weniger bekannte Details entdecken, wie etwa ein Bikinibezug des „Wire Chair" mit unterschiedlichen Steppmustern, der „Dining Table" mit klappbaren Gestell in rechtwinkliger Form und der „LTR" mit einer Oberfläche aus unkaschiertem Holz.

Zwischen diesen lesenswerten Abschnitten zur Designgeschichte reibt sich der Leser jedoch bei einigen Textpassagen verwundert die Augen, da die Inhalte plötzlich weniger einer ernstzunehmenden designhistorischen Argumentation folgen, sondern eher an Büroklatsch erinnern. So schreibt das Ehepaar Neuhart freimütig über Charles und Ray Eames, deren "Ehe im wahren Sinn des Wortes" sei "Mitte der fünfziger Jahre im Wesentlichen vorbei gewesen, als Charles eine Reihe von Affären mit anderen Frauen began." Solche Aussagen provozieren die Frage, mit welcher Absicht „The Story of Eames Furniture" geschrieben wurde. Es scheint jedenfalls nicht nur um das bessere Verständnis der Eames Möbel zu gehen.

Die Autoren, das Ehepaar Marilyn und John Neuhart, arbeiteten ab den fünfziger Jahren in verschiedenen Funktionen im Eames Office: John vor allem als Designer und Marilyn unter anderem als „Researcher". Wie im Buch deutlich wird, verlief der Alltag im Eames Office nicht immer harmonisch; offensichtlich gab es des Öfteren Differenzen bezüglich der Urheberschaft einzelner Entwürfe und der Vergütung. So wechselte zum Beispiel Don Albinson zu Knoll, nachdem Charles und Ray Eames ihm nicht die gewünschte Stellung eines Partners einräumt hatten. Natürlich kann es - jeder kennt den einen oder anderen Fall - immer wieder vorkommen, dass Mitarbeiter in Design- und Architekturbüros meinen, ihre Leistung werde nicht ausreichend geschätzt. Oft enden derartige Diskussionen damit, dass es dem Mitarbeiter freigestellt wird, sich unter eigenem Namen selbst auf dem Markt zu beweisen. Im Fall des Eames Office haben sich Marilyn und John Neuhart offensichtlich dazu berufen gefühlt, die inzwischen Jahre zurückliegenden Unstimmigkeiten - verpackt in einem Buch - publik zu machen.

Besonders verwundert die abwertende Darstellung von Ray Eames, die sich durch die gesamte Publikation zieht. Bereits das Titelbild auf dem Schuber zeigt nur ein Bild von Charles Eames. Zudem betonen die Autoren in der Biographie von Ray Eames, diese habe nicht für sich gestanden, sei ihrer Rolle als Partnerin von Charles Eames nicht gerecht geworden und sei lediglich „Mrs. Charles Eames" gewesen. An einer anderen Stelle heißt es lapidar, Ray Eames habe im Eames Office keine nennenswerte Position bekleidet: „Ray Eames war eigentlich bei keiner der Firmen richtig beschäftigt; sie hat weder Vollzeit gearbeitet, noch hat sie sich aktiv am Tagesgeschehen beteiligt, außer dass sie als Zuschauerin vielleicht den ein oder anderen Kommentar abgegeben hat."

Autoren wie Eames Demetrios, Pat Kirkham oder Joseph Giovannini haben die Rolle von Ray Eames im Eames Office jedoch umfassend analysiert und erkennen ihre Designleistung an. Dank ihrer Ausbildung bei Hans Hoffmann war sie künstlerisch geschult (man denke an ihre Cover für „arts&architecture") und hatte entscheidenden Einfluss auf die Formensprache der Eames-Produkte. Der Entwurf von „La Chaise" etwa wird maßgeblich ihr zugesprochen. Die unzähligen Fotos, die Charles und Ray Eames zusammen zeigen, sprechen Bände - so strahlend kann niemand aussehen, den seine private und berufliche Rolle nicht erfüllt.

Nicht weniger erstaunlich ist der Umfang der Biographien von 22 ehemaligen Mitarbeitern des Eames Office, die sich auf 180 Seiten erstrecken. Prinzipiell hilft eine Beschreibung des Kontextes bei der designhistorischen Betrachtung von Produkten. Die Biographien von Charles und Ray Eames haben hier natürlich ihren Platz. Selbstverständlich könnte aus kulturhistorischer Sicht auch eine Beleuchtung der Personalstrukturen des Eames Office interessant sein. Jedoch müsste dabei der Bezug zu den Eames-Möbeln erkennbar bleiben, was bei „The Story of Eames Furniture" oftmals nicht der Fall ist. Bei vielen biographischen Details wie Abstammung, Schulzeit oder Ehestand der ehemaligen Mitarbeiter ist die Relevanz für die Eames-Möbeln für den Leser nicht nachvollziehbar. Wie weitschweifig und letztlich bezugslos die Biographien ausfallen, wird am Beispiel von Norman Bruns deutlich, über den es heißt: „Sein Großvater und Onkel väterlicherseits haben im Amerikanischen Bürgerkrieg auf Seite der Union gekämpft, bevor sie sich von Missouri über den Oregon Trail nach Westen aufmachten. Dort begannen sie ein neues Leben auf einer kleinen Ranch, die im heutigen Stadtbezirk von Portland liegt."

Im gleichen Maß wie das Ehepaar Neuhart seine persönliche Sicht der Dinge darstellt, bleiben einige Standardpublikationen zu den Eames unberücksichtigt. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt das Bilderverzeichnis, wurden doch vor allem solche Materialien verwendet, die aus der öffentlich zugänglichen Library of Congress und aus privaten Archiven von Marilyn und John Neuhart stammen. Die Archive des Eames Office, von Herman Miller und von Vitra tauchen nicht oder nur selten auf.

John und Marilyn Neuhart haben bereits eine frühere Monographie mit dem Titel „Eames Design" geschrieben, damals noch zusammen mit Ray Eames. Dort werden die Eames-Projekte chronologisch aufgeführt, die Inhalte sachlich und klar erläutert, und eine Fülle von Bildern erfreut den Leser. Berechtigterweise entwickelte sich das Buch im Lauf der Jahre zu einem Standardwerk über das Schaffen der Eames. Leider kann „The Story of Eames Furniture" hier nicht mithalten. Es wäre ehrlicher gewesen, hätten Marilyn und John Neuhart, statt einer Monographie mit designhistorischen Anspruch eine Autobiographie geschrieben. Eine solche wäre besser geeignet gewesen, ihre persönliche Sichtweise der Arbeit im Eames Office darzulegen.

The Story of Eames Furniture
Von Marilyn Neuhart mit John Neuhart
Hardcover, Zwei Bände in einem Schuber
800 Seiten, englisch
Gestalten, Berlin, 2010
Euro 150,00

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