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Eiermann fand das Repräsentative höchst suspekt
von Thomas Edelmann | 21. Juni 2013
Der Porsche 911 aus dem Jahr 1963 (links) und ein Porsche Carrera Coupé von 2010. Foto © Porsche AG
Der „Rat für Formgebung“ wird seit 1999 von Andrej Kupetz geleitet. Nie zuvor war die Institution finanziell besser ausgestattet – und das dank eigener Aktivitäten. Die öffentliche Förderung, stets bescheiden dimensioniert, ist inzwischen auf einzelne Projekte begrenzt. Derzeit hat der Rat rund 180 Mitglieder aus dem In- und Ausland – vom Designbüro über das mittelständische Unternehmen bis zum weltweit tätigen Automobilkonzern –, die zusammen mehr als 1,8 Millionen Menschen beschäftigen. Die gegenwärtigen Aktivitäten und Schwerpunkte des Rat für Formgebung sind bekannt. Zum Geburtstag hier einige Zitate aus der Geschichte.

Bestmöglich

An der Gründung des „Rat für Formgebung“ beteiligten sich ab Ende der 1940er Jahre Institutionen wie der nach dem Krieg wiederbegründete Deutsche Werkbund, einzelne Persönlichkeiten, aber auch politische Parteien und die Bundesregierung. Am 4. April 1951 fasste der Deutsche Bundestag auf Antrag der oppositionellen SPD-Fraktion folgenden Beschluss: „Die Bundesregierung wird ersucht, im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und des Handwerks und im Interesse der Verbraucher alle Bestrebungen zu fördern, die geeignet erscheinen, die bestmögliche Form deutscher Erzeugnisse sicherzustellen. Es wird empfohlen, einen nicht beamteten Rat für Formentwicklung (sic!) zu berufen aus Kreisen der Hersteller, des Handels, der Gewerkschaften, der Künstler und Kunstgewerbler, vor allem auch der Verbraucher, der Erzieher und der Publizisten. Dieser Rat für Formentwicklung ist mit den notwendigen Mitteln und Einrichtungen als Voraussetzung seiner Arbeit auszustatten.“

Altmodisch

Nicht nur qua Amt, sondern auch wegen seines Interesses für moderne Kunst und Architektur gehörte Ludwig Erhard, 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft, zu den Initiatoren und Förderern des Rates für Formgebung. Mit kritischen Bemerkungen über die „geschmacklichen Unzulänglichkeiten der deutschen Erzeugnisse“, wies er auf Defizite hin. Die ersten Messeteilnahmen der deutschen Industrie in New York und Chicago galten als Desaster: „Trotz Anerkennung ihrer technischen Vollendung genügen sie nicht den neuzeitlichen Ansprüchen der Formgebung.“

Präsidial

Für das neue Institut setzte sich Bundespräsident Theodor Heuss ein, der 1918 Geschäftsführer des Werkbundes war und 1951 eine Broschüre „Über Qualität“ veröffentlichte. An Bundesfinanzminister Fritz Schäffer schrieb Heuss am 12. Juli 1951 einen Brief, in dem er um Finanzmittel für den künftigen Rat für Formgebung bat: „Ich möchte Ihnen nur zum Ausdruck gebracht haben, dass es meine sehr alte und recht gefestigte Überzeugung ist, dass in dieser Sphäre ein freier staatlicher Beitrag sich zwar nicht fiskalisch, aber ökonomisch vielfach verzinsen wird.“ Über das Bundeswirtschaftsministerium wurden 70.000 DM im Etat „Förderung der Rationalisierung und Normierung in der Wirtschaft“ eingeplant.

Liebe

Am 13. Oktober 1952 fand die Konstituierung des Rates für Formgebung im Bundesministerium für Wirtschaft in Bonn statt, die Eintragung der Stiftung ins Hessische Stiftungsregister, die sich kürzlich zum sechzigsten Mal jährte, erfolgte am 5. Juni 1953. Mit gewissem Pathos beschwor Arno Hennig, SPD, Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Bundestags, in der Rückschau die Aufgaben des Rat für Formgebung:
„Wenn der Rat sich bemühen soll um die rechte Form unserer Gebrauchsgüter, so ist diese Liebe zur Form kein äußerer Ästhetizismus, sondern der angemessene Ausdruck der Kräfte, die den Menschen zur Würde der Persönlichkeit und zur gerechtesten und fruchtbarsten Form ihres Zusammenlebens verhelfen.“

Mut

1982 besuchte Inez Franksen, die in Berlin das Einrichtungshaus „Modus“ betreibt, in Stuttgart Mia Seeger für die Zeitschrift „Werk und Zeit“. Seeger, 1954 bis 1966 Geschäftsführerin des Rates für Formgebung, konnte an Erfahrungen als Mitarbeiterin der Werkbund-Ausstellungen „Die Form“ und „Die Wohnung“ 1924 und 1927 anknüpfen. Durch das Landesgewerbeamt Stuttgart, wo sie in den 1930er Jahren arbeitete, war sie mit der damals wichtigsten europäischen Präsentation, der Triennale in Mailand, in Kontakt gekommen. Ihr widerstrebe, sagte Seeger im Interview, „diese vorherige Absicherung eines Projektes, damit es ja keine Instanz stört. Nein. All die Rückversicherungen haben die Immobilität verursacht. Als ich zum Rat kam, war ich ziemlich mutig. Ich hatte einen Jahresetat von 65.000 DM und einen Ordner. Und als ich wegging, hatten wir 220.000 DM und elf Mitarbeiter, eine große Bibliothek, ein Dia- und Fotoarchiv mit vielen tausend Fotos, auch Entwicklungsserien. (…) Es war eben nicht spektakulär, aber das wollte ich auch gar nicht. Ich wollte, dass die Leute wissen, wenn sie etwas suchen, dass sie es da finden.“

Warnung

Zu den wichtigsten Auslandspräsentationen, die der Rat mitorganisierte und begleitete gehört der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1958 in Brüssel. Die Architekten Sep Ruf und Egon Eiermann gestalteten den Pavillon, zusammen mit den Architekten gestaltete der Rat die Innenausstattung und thematischen Schauen. In Vorbereitung der Ausstellung schrieb Eiermann 1957 an den Kommissar des Deutschen Pavillons:
„… bis auf eine Angelegenheit, die bei Herrn Ruf und mir schwerste Bedenken hervorruft. Ich lese da von einer besonders wertvollen Holzarbeit für eine repräsentative Sitzgruppe, die aus einem schweren Tisch und lederbespannten Sesseln bestehen soll. Ist der Begriff ‚repräsentativ’ schon höchst suspekt, so ist nicht einzusehen, warum mit Repräsentation gleichzeitig ein ‚schwerer’ Tisch mit ‚leder’-bespannten Sesseln verbunden ist. Wir warnen vor dieser Sache!
Mit Empfehlungen! Eiermann“

Funktion

Wichtige Impulse einer Debatte um Gestaltung lieferte noch in den 1960er Jahren der Werkbund. 1965 tagte er in der Berliner Akademie der Künste. Redner waren unter anderem Max Bill, Ernst Bloch, Günter Grass und Walter Jens. Theodor W. Adorno sprach über „Funktionalismus heute“: „Als Fluchtpunkt der Entwicklung ließe sich denken, dass die ganz nützlich gewordenen Dinge ihre Kälte verlören. Nicht nur die Menschen müssten dann nicht länger leiden unter dem Dingcharakter der Welt: ebenso widerführe den Dingen das Ihre, sobald sie ganz ihren Zweck fänden, erlöst von der eigenen Dinglichkeit. Aber alles Nützliche ist in der Gesellschaft entstellt, verhext. Dass sie die Dinge erscheinen lässt, als wären sie um der Menschen willen da, ist die Lüge; sie werden produziert um des Profits willen, befriedigen die Bedürfnisse nur beiher, rufen diese nach Profitinteressen hervor und stutzen sie ihnen gemäß zurecht.“

Identifizierung

Ab 1969 veranstaltete der Rat für Formgebung im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft den „Bundespreis gute Form“. Die knapp gehalten Kataloge – sie umfassten selten mehr als 100 Seiten – enthielten Interviews und Aufsätze zum jährlich wechselnden Thema des Wettbewerbs. 1973 war dies „Grundbedürfnisse im Wohnen“. Bazon Brock schrieb dazu: „Wenn heute junge Leute ihre Wohnung als Lebensumgebung nicht mehr mit Gegenständen bestücken, dann scheinen sie eine Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu übersehen. Diese Grundvoraussetzung ist: Man muss sich selbst den Mitmenschen, mindestens andeutungsweise, zu erkennen geben. Man muss seinen Mitmenschen, seinen Partnern, ein Angebot auf Identifizierung machen. Man ist dazu nicht nur in seinen eigenen vier Wänden veranlasst, sondern auch auf der Straße; die meisten Menschen benutzen Kleidung, Gesichtskosmetik, Haarschnitt, Verhaltensweisen und vor allen Dingen den Sprach-Gestus für ein solches Identifizierungsangebot.“

Automatisch

Knapp zehn Jahre später erklärte Lucius Burkhardt die „alte Gute Form“ für tot. Herbert Ohl, Fachlicher Leiter des Rates, hatte gerade eine neue, vermeintlich objektive Bewertungsmethode für Design entwickelt. Er nutzte dazu einen breit gefächerten Kriterienkatalog, ließ Mittelwerte per Computer errechnen. Werturteile der Jury sollten fortan vom Makel der Subjektivität befreit werden. Ohl stellte 1977 sein Verfahren vor und resümierte: „Design ist bereit Allgemeingut zu werden. Das Tabu oder die Voraussetzung eines sogenannten guten Geschmacks ist gebrochen. Design ist messbar geworden, und zur Messbarkeit tritt folgerichtig für alle seine Erlernbarkeit.“ Der Spiegel befand dagegen 1969, der Bekanntheitsgrad des „Rates“ sei außerordentlich gering „und damit auch der Schaden, den er anrichten kann.“

Erwartung

„Am Nachmittag steht eine geduldig wartende Menschenschlange 200 Meter weit vor dem Hochhaus des Internationalen Handelszentrums in Ost-Berlin“, berichtet der „Spiegel“ 1984. Ursache der Menschenansammlung: Die Ausstellung „Design: Vorausdenken für den Menschen“, für die der Rat für Formgebung 180 westdeutsche Produkte ausgewählt hat, Kosum- und Investitionsgüter. Im Vorwort des Katalogs der Ausstellung schreibt Philipp Rosenthal, 1977 bis 1986 Präsident des Rates für Formgebung: „Design ist also nicht irrational. Es lässt sich insgesamt und in den Details einsichtig begründen. Ebenso kann und soll es kritisch befragt und geprüft werden. Die Ausstellung lädt zu dieser Auseinandersetzung ein.“

Kontrovers

Kein Designer, kein Werkbundfunktionär, sondern der Literaturwissenschaftler und Soziologe Michael Erlhoff ist von 1987 bis 1990 Fachlicher Leiter und Geschäftsführer. Der Rat wechselt von der Mathildenhöhe in Darmstadt aufs Messegelände in Frankfurt am Main. Erlhoff veranstaltet Vorträge und Ausstellungen zur Geschichte der Hochschule für Gestaltung in Ulm, organisiert Auslandsausstellungen u.a. in Japan und den USA. Und er verwandelt den 1984 eingestellten Pressedienst „Design Report“ des Rates in eine Zeitschrift. In der 1988 erschienenen Textsammlung: „Gold oder Leben, Aufsätze zum Verhältnis von Gegenstand und Ritual“ schreibt er: „Das, worüber wir zumal im Design am einfachsten verfügen zu können meinen, ist tatsächlich einer der denkbar kompliziertesten Bereiche: die Welt der Gegenstände. Während sich unsere Träume immer wieder um solche Gegenstände ranken und gar unsere vorgestellte Identität als Subjekte sich aus dem Widerspruch zu den Objekten konstituiert, zerrinnen die Gegenstände, wann immer man sie theoretisch fassen möchte.“

Nachdenklich

Zu den Aktivitäten des Rates für Formgebung zählt die Ehrung bekannter Persönlichkeiten. 1995 erhält der Schweizer Soziologe und Nationalökonom Lucius Burckhardt die Auszeichnung „Bundespreis Förderer des Designs“. Dieter Rams, von 1987 - 1997 Präsident des Rates für Formgebung, schreibt im Begleitband „Design = unsichtbar“: „1980 erschien der Aufsatz ‚Design ist unsichtbar’ [von Lucius Burckhardt], der mein eigenes Denken in vielem, wenn auch nicht bestimmte, so doch wohl bestärkte. Auch hier kann ich mir vorstellen, dass es bei anderen Designern ähnlich war. Bestärkt hat mich zum Beispiel die Überzeugung Burckhardts, dass gutes Design Nachdenklichkeit braucht, sich aus Nachdenklichkeit entfaltet. Mit Nachdenklichkeit meine ich ein fragendes, unbefangenes, vorsichtiges auch sich selbst gegenüber wachsames Denken im Unterschied zu einem energisch auf Lösungen zumarschierenden Denken. Nachdenklichkeit macht Zusammenhänge, Wirklichkeits- und Wirkungshintergründe sichtbar.“


Eine ausführliche Darstellung der Gruppen, Verbände und Ideen, die auf die „Produktgestaltung in Westdeutschland nach 1945“ und somit die Frühgeschichte des Rates für Formgebung Einfluss nahmen, bietet die Dissertation von Christopher Oesterreich „‚gute form’ im wiederaufbau“, Berlin 2000

www.german-design-council.de

Die „Perlenwasserflasche" wurde 1969 von Günter Kupetz entworfen. Foto © Genossenschaft Deutscher Brunnen
Gestaltet von Prof. Peter Raacke: das „mono-a" Besteck von 1959. Foto © Seibel Designpartner GmbH
Die „Papier” Taschen von Saskia und Stefan Diez sind aus Tyvek® hergestellt, einem synthetischen Papier, das extrem leicht ist. Foto © Archiv Rat für Formgebung
Interlübke Schranksystem von 1964, Design: Rolf Heide. Foto © interlübke
„Stuhl Nr. 14", Design: Michael Thonet, Foto © Thonet
„Myto" Stuhl, 2006, Design: Konstantin Grcic, Foto Matteo Imbriani © Plank Collezioni Srl
„Conseta" Sitzmöbel aus den 60ern, Design: Friedrich Wilhelm Möller, Foto © COR Sitzmöbel
Rundgang mit Theodor Heuss auf der Hannover-Messe Sonderschau im Jahr 1958. Foto © E.P.A.
Triennale 1960 - Empfang mit dem italienischen Staatspräsidenten Giovanni Gronchi in der deutschen Abteilung. Foto © Publifoto Mailand
Philipp Rosenthal präsentiert den Preisträger des Rosenthal-Studio-Preises 1966. B. Philip Rosenthal (Mitte), Altkanzler Ludwig Erhard (rechts) und Walter Gropius (links). Foto © Rosenthal / Archiv Beate Reichel
Bundespräsident Professor Dr. Karl Carstens (links) im Gespräch mit dem Präsidenten des Rats für Formgebung Philip Rosenthal, im Hintergrund Herbert Ohl, der Fachliche Leiter des Rats für Formgebung, 1982. Foto © Rat für Formgebung
Bundespräsident Johannes Rau bei der Preisverleihung zum Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2002 in Frankfurt am Main. Foto © Rat für Formgebung
News & Stories › 2013 › Juni
Eiermann fand das Repräsentative höchst suspekt
von Thomas Edelmann | 21. Juni 2013
In unseren oft gegenwartstrunkenen Zeiten kann es nicht schaden, bei Jubiläen wie dem 60. Geburtstag des Rates für Formgebung einen Blick auf dessen Geschichte zu werfen. Überraschungen inbegriffen.

Der „Rat für Formgebung“ wird seit 1999 von Andrej Kupetz geleitet. Nie zuvor war die Institution finanziell besser ausgestattet – und das dank eigener Aktivitäten. Die öffentliche Förderung, stets bescheiden dimensioniert, ist inzwischen auf einzelne Projekte begrenzt. Derzeit hat der Rat rund 180 Mitglieder aus dem In- und Ausland – vom Designbüro über das mittelständische Unternehmen bis zum weltweit tätigen Automobilkonzern –, die zusammen mehr als 1,8 Millionen Menschen beschäftigen. Die gegenwärtigen Aktivitäten und Schwerpunkte des Rat für Formgebung sind bekannt. Zum Geburtstag hier einige Zitate aus der Geschichte.

Bestmöglich

An der Gründung des „Rat für Formgebung“ beteiligten sich ab Ende der 1940er Jahre Institutionen wie der nach dem Krieg wiederbegründete Deutsche Werkbund, einzelne Persönlichkeiten, aber auch politische Parteien und die Bundesregierung. Am 4. April 1951 fasste der Deutsche Bundestag auf Antrag der oppositionellen SPD-Fraktion folgenden Beschluss: „Die Bundesregierung wird ersucht, im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und des Handwerks und im Interesse der Verbraucher alle Bestrebungen zu fördern, die geeignet erscheinen, die bestmögliche Form deutscher Erzeugnisse sicherzustellen. Es wird empfohlen, einen nicht beamteten Rat für Formentwicklung (sic!) zu berufen aus Kreisen der Hersteller, des Handels, der Gewerkschaften, der Künstler und Kunstgewerbler, vor allem auch der Verbraucher, der Erzieher und der Publizisten. Dieser Rat für Formentwicklung ist mit den notwendigen Mitteln und Einrichtungen als Voraussetzung seiner Arbeit auszustatten.“

Altmodisch

Nicht nur qua Amt, sondern auch wegen seines Interesses für moderne Kunst und Architektur gehörte Ludwig Erhard, 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft, zu den Initiatoren und Förderern des Rates für Formgebung. Mit kritischen Bemerkungen über die „geschmacklichen Unzulänglichkeiten der deutschen Erzeugnisse“, wies er auf Defizite hin. Die ersten Messeteilnahmen der deutschen Industrie in New York und Chicago galten als Desaster: „Trotz Anerkennung ihrer technischen Vollendung genügen sie nicht den neuzeitlichen Ansprüchen der Formgebung.“

Präsidial

Für das neue Institut setzte sich Bundespräsident Theodor Heuss ein, der 1918 Geschäftsführer des Werkbundes war und 1951 eine Broschüre „Über Qualität“ veröffentlichte. An Bundesfinanzminister Fritz Schäffer schrieb Heuss am 12. Juli 1951 einen Brief, in dem er um Finanzmittel für den künftigen Rat für Formgebung bat: „Ich möchte Ihnen nur zum Ausdruck gebracht haben, dass es meine sehr alte und recht gefestigte Überzeugung ist, dass in dieser Sphäre ein freier staatlicher Beitrag sich zwar nicht fiskalisch, aber ökonomisch vielfach verzinsen wird.“ Über das Bundeswirtschaftsministerium wurden 70.000 DM im Etat „Förderung der Rationalisierung und Normierung in der Wirtschaft“ eingeplant.

Liebe

Am 13. Oktober 1952 fand die Konstituierung des Rates für Formgebung im Bundesministerium für Wirtschaft in Bonn statt, die Eintragung der Stiftung ins Hessische Stiftungsregister, die sich kürzlich zum sechzigsten Mal jährte, erfolgte am 5. Juni 1953. Mit gewissem Pathos beschwor Arno Hennig, SPD, Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Bundestags, in der Rückschau die Aufgaben des Rat für Formgebung:
„Wenn der Rat sich bemühen soll um die rechte Form unserer Gebrauchsgüter, so ist diese Liebe zur Form kein äußerer Ästhetizismus, sondern der angemessene Ausdruck der Kräfte, die den Menschen zur Würde der Persönlichkeit und zur gerechtesten und fruchtbarsten Form ihres Zusammenlebens verhelfen.“

Mut

1982 besuchte Inez Franksen, die in Berlin das Einrichtungshaus „Modus“ betreibt, in Stuttgart Mia Seeger für die Zeitschrift „Werk und Zeit“. Seeger, 1954 bis 1966 Geschäftsführerin des Rates für Formgebung, konnte an Erfahrungen als Mitarbeiterin der Werkbund-Ausstellungen „Die Form“ und „Die Wohnung“ 1924 und 1927 anknüpfen. Durch das Landesgewerbeamt Stuttgart, wo sie in den 1930er Jahren arbeitete, war sie mit der damals wichtigsten europäischen Präsentation, der Triennale in Mailand, in Kontakt gekommen. Ihr widerstrebe, sagte Seeger im Interview, „diese vorherige Absicherung eines Projektes, damit es ja keine Instanz stört. Nein. All die Rückversicherungen haben die Immobilität verursacht. Als ich zum Rat kam, war ich ziemlich mutig. Ich hatte einen Jahresetat von 65.000 DM und einen Ordner. Und als ich wegging, hatten wir 220.000 DM und elf Mitarbeiter, eine große Bibliothek, ein Dia- und Fotoarchiv mit vielen tausend Fotos, auch Entwicklungsserien. (…) Es war eben nicht spektakulär, aber das wollte ich auch gar nicht. Ich wollte, dass die Leute wissen, wenn sie etwas suchen, dass sie es da finden.“

Warnung

Zu den wichtigsten Auslandspräsentationen, die der Rat mitorganisierte und begleitete gehört der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1958 in Brüssel. Die Architekten Sep Ruf und Egon Eiermann gestalteten den Pavillon, zusammen mit den Architekten gestaltete der Rat die Innenausstattung und thematischen Schauen. In Vorbereitung der Ausstellung schrieb Eiermann 1957 an den Kommissar des Deutschen Pavillons:
„… bis auf eine Angelegenheit, die bei Herrn Ruf und mir schwerste Bedenken hervorruft. Ich lese da von einer besonders wertvollen Holzarbeit für eine repräsentative Sitzgruppe, die aus einem schweren Tisch und lederbespannten Sesseln bestehen soll. Ist der Begriff ‚repräsentativ’ schon höchst suspekt, so ist nicht einzusehen, warum mit Repräsentation gleichzeitig ein ‚schwerer’ Tisch mit ‚leder’-bespannten Sesseln verbunden ist. Wir warnen vor dieser Sache!
Mit Empfehlungen! Eiermann“

Funktion

Wichtige Impulse einer Debatte um Gestaltung lieferte noch in den 1960er Jahren der Werkbund. 1965 tagte er in der Berliner Akademie der Künste. Redner waren unter anderem Max Bill, Ernst Bloch, Günter Grass und Walter Jens. Theodor W. Adorno sprach über „Funktionalismus heute“: „Als Fluchtpunkt der Entwicklung ließe sich denken, dass die ganz nützlich gewordenen Dinge ihre Kälte verlören. Nicht nur die Menschen müssten dann nicht länger leiden unter dem Dingcharakter der Welt: ebenso widerführe den Dingen das Ihre, sobald sie ganz ihren Zweck fänden, erlöst von der eigenen Dinglichkeit. Aber alles Nützliche ist in der Gesellschaft entstellt, verhext. Dass sie die Dinge erscheinen lässt, als wären sie um der Menschen willen da, ist die Lüge; sie werden produziert um des Profits willen, befriedigen die Bedürfnisse nur beiher, rufen diese nach Profitinteressen hervor und stutzen sie ihnen gemäß zurecht.“

Identifizierung

Ab 1969 veranstaltete der Rat für Formgebung im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft den „Bundespreis gute Form“. Die knapp gehalten Kataloge – sie umfassten selten mehr als 100 Seiten – enthielten Interviews und Aufsätze zum jährlich wechselnden Thema des Wettbewerbs. 1973 war dies „Grundbedürfnisse im Wohnen“. Bazon Brock schrieb dazu: „Wenn heute junge Leute ihre Wohnung als Lebensumgebung nicht mehr mit Gegenständen bestücken, dann scheinen sie eine Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu übersehen. Diese Grundvoraussetzung ist: Man muss sich selbst den Mitmenschen, mindestens andeutungsweise, zu erkennen geben. Man muss seinen Mitmenschen, seinen Partnern, ein Angebot auf Identifizierung machen. Man ist dazu nicht nur in seinen eigenen vier Wänden veranlasst, sondern auch auf der Straße; die meisten Menschen benutzen Kleidung, Gesichtskosmetik, Haarschnitt, Verhaltensweisen und vor allen Dingen den Sprach-Gestus für ein solches Identifizierungsangebot.“

Automatisch

Knapp zehn Jahre später erklärte Lucius Burkhardt die „alte Gute Form“ für tot. Herbert Ohl, Fachlicher Leiter des Rates, hatte gerade eine neue, vermeintlich objektive Bewertungsmethode für Design entwickelt. Er nutzte dazu einen breit gefächerten Kriterienkatalog, ließ Mittelwerte per Computer errechnen. Werturteile der Jury sollten fortan vom Makel der Subjektivität befreit werden. Ohl stellte 1977 sein Verfahren vor und resümierte: „Design ist bereit Allgemeingut zu werden. Das Tabu oder die Voraussetzung eines sogenannten guten Geschmacks ist gebrochen. Design ist messbar geworden, und zur Messbarkeit tritt folgerichtig für alle seine Erlernbarkeit.“ Der Spiegel befand dagegen 1969, der Bekanntheitsgrad des „Rates“ sei außerordentlich gering „und damit auch der Schaden, den er anrichten kann.“

Erwartung

„Am Nachmittag steht eine geduldig wartende Menschenschlange 200 Meter weit vor dem Hochhaus des Internationalen Handelszentrums in Ost-Berlin“, berichtet der „Spiegel“ 1984. Ursache der Menschenansammlung: Die Ausstellung „Design: Vorausdenken für den Menschen“, für die der Rat für Formgebung 180 westdeutsche Produkte ausgewählt hat, Kosum- und Investitionsgüter. Im Vorwort des Katalogs der Ausstellung schreibt Philipp Rosenthal, 1977 bis 1986 Präsident des Rates für Formgebung: „Design ist also nicht irrational. Es lässt sich insgesamt und in den Details einsichtig begründen. Ebenso kann und soll es kritisch befragt und geprüft werden. Die Ausstellung lädt zu dieser Auseinandersetzung ein.“

Kontrovers

Kein Designer, kein Werkbundfunktionär, sondern der Literaturwissenschaftler und Soziologe Michael Erlhoff ist von 1987 bis 1990 Fachlicher Leiter und Geschäftsführer. Der Rat wechselt von der Mathildenhöhe in Darmstadt aufs Messegelände in Frankfurt am Main. Erlhoff veranstaltet Vorträge und Ausstellungen zur Geschichte der Hochschule für Gestaltung in Ulm, organisiert Auslandsausstellungen u.a. in Japan und den USA. Und er verwandelt den 1984 eingestellten Pressedienst „Design Report“ des Rates in eine Zeitschrift. In der 1988 erschienenen Textsammlung: „Gold oder Leben, Aufsätze zum Verhältnis von Gegenstand und Ritual“ schreibt er: „Das, worüber wir zumal im Design am einfachsten verfügen zu können meinen, ist tatsächlich einer der denkbar kompliziertesten Bereiche: die Welt der Gegenstände. Während sich unsere Träume immer wieder um solche Gegenstände ranken und gar unsere vorgestellte Identität als Subjekte sich aus dem Widerspruch zu den Objekten konstituiert, zerrinnen die Gegenstände, wann immer man sie theoretisch fassen möchte.“

Nachdenklich

Zu den Aktivitäten des Rates für Formgebung zählt die Ehrung bekannter Persönlichkeiten. 1995 erhält der Schweizer Soziologe und Nationalökonom Lucius Burckhardt die Auszeichnung „Bundespreis Förderer des Designs“. Dieter Rams, von 1987 - 1997 Präsident des Rates für Formgebung, schreibt im Begleitband „Design = unsichtbar“: „1980 erschien der Aufsatz ‚Design ist unsichtbar’ [von Lucius Burckhardt], der mein eigenes Denken in vielem, wenn auch nicht bestimmte, so doch wohl bestärkte. Auch hier kann ich mir vorstellen, dass es bei anderen Designern ähnlich war. Bestärkt hat mich zum Beispiel die Überzeugung Burckhardts, dass gutes Design Nachdenklichkeit braucht, sich aus Nachdenklichkeit entfaltet. Mit Nachdenklichkeit meine ich ein fragendes, unbefangenes, vorsichtiges auch sich selbst gegenüber wachsames Denken im Unterschied zu einem energisch auf Lösungen zumarschierenden Denken. Nachdenklichkeit macht Zusammenhänge, Wirklichkeits- und Wirkungshintergründe sichtbar.“


Eine ausführliche Darstellung der Gruppen, Verbände und Ideen, die auf die „Produktgestaltung in Westdeutschland nach 1945“ und somit die Frühgeschichte des Rates für Formgebung Einfluss nahmen, bietet die Dissertation von Christopher Oesterreich „‚gute form’ im wiederaufbau“, Berlin 2000

www.german-design-council.de