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Ein Bett für die Fürsten des Medienzeitalters
von Thomas Wagner | 12. Februar 2016
Mit allem vernetzt, was um ihn herum geschieht: Hugh Hefner, der Gründer des Playboy, hat das Bett schon in den Sechzigerjahren zum medialen Arbeitsplatz und zum Mittelpunkt seiner Geschäfte gemacht. Foto © Playboy Enterprises, Inc.
Betten sind mehr als Betten. Heutzutage erscheinen sie so einladend und komfortabel, dass es viel zu schade wäre, nur darin zu schlafen. Fest steht allerdings: Ob wir allein, zu zweit oder en famille ruhen, turteln, dösen, in erholsamen Schlaf sinken oder uns einfach nur die Decke über den Kopf ziehen, um uns von Morpheus, dem griechischen Gott der Träume, aus dem Alltag entführen zu lassen – wir brauchen dazu ein Bett. Das Richtige zu finden ist freilich nicht ganz leicht. Wer heute das für ihn passende Bett sucht, darf eines auf keinen Fall sein: entscheidungsschwach.

Lang ist es her, als unsere Vorfahren ihr Haupt draußen unterm Firmament auf die blanke Erde oder den Sand der Wüste niederlegen mussten, sich in karger Höhle oder bescheidener Hütte auf Zweigen, Stroh, Laub, Moos oder Seegras ein Nachtlager aus Häuten und Fellen bereiteten, um Schutz zu suchen und sich warm zu halten. Im Prinzip hatten wir es aber schon damals mit unterschiedlichen Bettsystemen zu tun, so bescheiden ihr Komfort auch gewesen sein mag.

Es waren wohl die alten Ägypter, die sich vor bald fünftausend Jahren als Erste erhöhte Bettgestelle bauen ließen. Besonders prunkvolle Exemplare für Pharaonen bestanden aus feinem Ebenholz, ruhten sicher auf Löwenfüßen und verfügten bereits über ein federndes Flechtwerk. Zudem bewachten schützende Götterbilder aus Gold, Elfenbein und Ebenholz den Schlaf. Auch der Einfall, ein gepolstertes Kopfkissen zu benutzen, geht vermutlich auf die Ägypter zurück. Kein Wunder also, dass der große ägyptische Arzt Sinuhe, nachdem er geraume Zeit bei Beduinen unterwegs war, mit einem Ausruf der Begeisterung in sein heimisches Bett sank, das er so lange hatte entbehren müssen.

Wohlhabende Griechen betteten sich auf eine „Kline“, ein Ruhebett mit erhöhten Lehnen an den Enden, das sich – Wohn- und Schlafraum waren nicht getrennt – auch beim Speisen als nützlich erwies. Glaubt man Homer, so bestand das Bett des Odysseus aus einem verzierten, mit Stierhaut bespannten Rahmen, der mit Fellen und Teppichen bedeckt war. Leinenlaken und mit Wolle oder Pflanzenfasern gefüllte Matratzen bezog man damals aus Korinth, Kissen aus Karthago. Nicht viel anders, aber luxuriöser, hielten es die Römer. Und schon Alexander der Große, der beständig mit seinen Truppen unterwegs war, grübelte mit seinem Geliebten Hephaistion des Nachts auf seinem goldenen Lager über Schlachtenpläne, um dann am Morgen am Bett mit seinen Generälen Kriegsrat zu halten.

Das Bett war also von jeher ein Ort des Schlafes und des Ruhens, aber auch der Geselligkeit und der Politik. Privates und Öffentliches überlagerten einander nicht erst an den Fürstenhöfen der Neuzeit, wo in Prunkgemächern und den dort aufgestellten Paradebetten sowohl repräsentiert als auch regiert wurde, war es doch das fürstliche Bett, an dem der Herrscher Gesandte empfing und Audienzen abhielt. Selbst Aufstehen und Zubettgehen wurden nach genau festgelegtem Zeremoniell öffentlich zelebriert.

Schon im höfischen Zeremoniell verschwindet das Handwerk des Tischlers unter den Draperien des Dekorateurs. Bis aus dem Bett ein eher profaner Gegenstand wird, vergeht aber noch einige Zeit. Mit der Industrialisierung und in der Moderne verändert sich die Vorstellung von Wohnen, Schlafen und Arbeiten abermals radikal. Mitte des 19. Jahrhunderts tritt das Heim des Privatmanns erstmals in Gegensatz zur Arbeitsstätte. „Der Privatmann“, so Walter Benjamin, „der im Kontor der Realität Rechnung trägt, verlangt vom Interieur in seinen Illusionen unterhalten zu werden. Diese Notwendigkeit ist umso dringlicher, als er seine geschäftlichen Überlegungen nicht zu gesellschaftlichen zu erweitern gedenkt. In der Gestaltung seiner privaten Umwelt verdrängt er beide. Dem entspringen die Phantasmagorien des Interieurs. Es stellt für den Privatmann das Universum dar. In ihm versammelt er die Ferne und die Vergangenheit. Sein Salon ist eine Loge im Welttheater.“

Die Vertreibung aus der Loge ließ nicht lange auf sich warten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemächtigt sich der funktionale Standard der Arbeit zunehmend der Wohnung. Die Stahlrohrästhetik der Büros hält Einzug in die Schlafzimmer. Wohnraum ist teuer, die Wohnungen selbst sind klein, also wird auch das Bett nun funktional und praktisch.

Heute ist an die Stelle der Innerlichkeit, in die sich der Bürger einst wohl gebettet zurückzog, auch im Schlafzimmer die Vernetzung getreten. Für das, was verloren ging, steht Iwan Gontscharows Romanheld Oblomow, der, im Bett dahindämmernd, seine Talente, seine Stellung in der Gesellschaft und sein Geld vergeudet. Die Gegenwart und Zukunft indes verkörpert der Playboy-Chef Hugh Hefner, der schon Mitte der Sechzigerjahre sein Bett mit allen verfügbaren Geräten zur Kommunikation und Unterhaltung umgeben hat. Wo Oblomow sich in seine eigene Traumwelt flüchtet, öffnet sich Hefner all dem, was um ihn herum geschieht. Der Fürst des Medienzeitalters macht sein Bett zum Arbeitsplatz und zum Mittelpunkt seiner Geschäfte.

Im Zeichen von Digitalisierung und Vernetzung vollzieht sich also eine Kehrtwende. Folgt man der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, so kehrt in postindustriellen Zeiten die Arbeit nicht nur ins Heim zurück, sie fällt gleichsam ins Bett: „Phantasmagorien überziehen nicht mehr in Form von Tapeten, Stoffen, Bildern und Gegenstände den Raum. Sie liegen nun in den elektronischen Geräten. Das gesamte Universum konzentriert sich auf einen kleinen Schirm, und das Bett treibt in einem unendlichen Meer von Information. Sich hinlegen heißt nicht mehr zur Ruhe kommen, sondern sich bewegen.“ Nicht allein Esstisch und Wohnzimmer werden im Home Office multifunktional. Laptop, Smartphone und Tablet lassen sich auch bequem im Liegen bedienen. „Lesen, Schreiben, Verfassen von Nachrichten, Aufzeichnen, Übertragen, Zuhören, Sprechen und natürlich Essen, Trinken, Schlafen, Mit-jemandem-Schlafen“ – alles, so stellt Colomina fest, was im Bett passiert, sei zur Arbeit geworden.

Das Design trägt dem Rechnung. Die Zeiten, als aus Protest gegen das Establishment in Studentenbuden die Matratzen auf dem blanken Boden lagen, sind endgültig passé. Statt Sparta, huldigt man Sybaris. Betten werden größer, komfortabler, pompöser – manchmal sogar großbürgerlicher und aristokratischer. Und ein wenig tröstet der repräsentative Zauber auch über den Verlust der Privatsphäre in den Netzwerken hinweg, die das Bett längst eingesponnen haben. Der Boom, den sogenannte „Boxspring“-Betten seit Jahren in Europa erleben, könnte durchaus kompensatorische Züge haben.

Ein Element des aktuellen Designs spricht besonders für das Bett als ultimativer Ort für den Kreativarbeiter des 21. Jahrhunderts: Ganz gleich, ob es filigran oder wuchtig daherkommt, eher feudal oder minimalistisch gestaltet ist – ohne ein großes, möglichst gepolstertes Betthaupt geht es nicht. So verschmilzt der Salon als „Loge im Welttheater“ heute im Bett mit dem ausgepolsterten Etui, in das der Mensch des Digitalzeitalters schlüpft, um ganz bei sich und zugleich unendlich weit von sich entfernt zu sein. Wer möchte da noch davon reden, ein Bett sei nur zum Schlafen da.
News & Stories › 2016 › Februar
Ein Bett für die Fürsten des Medienzeitalters
von Thomas Wagner | 12. Februar 2016
Schlafen oder einfach den Tag verdämmern, das war gestern. Heute treibt das Bett in einem unendlichen Meer von Information. Sich hinlegen, heißt nicht mehr zur Ruhe kommen, sondern sich in den Welten zu bewegen.
Betten sind mehr als Betten. Heutzutage erscheinen sie so einladend und komfortabel, dass es viel zu schade wäre, nur darin zu schlafen. Fest steht allerdings: Ob wir allein, zu zweit oder en famille ruhen, turteln, dösen, in erholsamen Schlaf sinken oder uns einfach nur die Decke über den Kopf ziehen, um uns von Morpheus, dem griechischen Gott der Träume, aus dem Alltag entführen zu lassen – wir brauchen dazu ein Bett. Das Richtige zu finden ist freilich nicht ganz leicht. Wer heute das für ihn passende Bett sucht, darf eines auf keinen Fall sein: entscheidungsschwach.

Lang ist es her, als unsere Vorfahren ihr Haupt draußen unterm Firmament auf die blanke Erde oder den Sand der Wüste niederlegen mussten, sich in karger Höhle oder bescheidener Hütte auf Zweigen, Stroh, Laub, Moos oder Seegras ein Nachtlager aus Häuten und Fellen bereiteten, um Schutz zu suchen und sich warm zu halten. Im Prinzip hatten wir es aber schon damals mit unterschiedlichen Bettsystemen zu tun, so bescheiden ihr Komfort auch gewesen sein mag.

Es waren wohl die alten Ägypter, die sich vor bald fünftausend Jahren als Erste erhöhte Bettgestelle bauen ließen. Besonders prunkvolle Exemplare für Pharaonen bestanden aus feinem Ebenholz, ruhten sicher auf Löwenfüßen und verfügten bereits über ein federndes Flechtwerk. Zudem bewachten schützende Götterbilder aus Gold, Elfenbein und Ebenholz den Schlaf. Auch der Einfall, ein gepolstertes Kopfkissen zu benutzen, geht vermutlich auf die Ägypter zurück. Kein Wunder also, dass der große ägyptische Arzt Sinuhe, nachdem er geraume Zeit bei Beduinen unterwegs war, mit einem Ausruf der Begeisterung in sein heimisches Bett sank, das er so lange hatte entbehren müssen.

Wohlhabende Griechen betteten sich auf eine „Kline“, ein Ruhebett mit erhöhten Lehnen an den Enden, das sich – Wohn- und Schlafraum waren nicht getrennt – auch beim Speisen als nützlich erwies. Glaubt man Homer, so bestand das Bett des Odysseus aus einem verzierten, mit Stierhaut bespannten Rahmen, der mit Fellen und Teppichen bedeckt war. Leinenlaken und mit Wolle oder Pflanzenfasern gefüllte Matratzen bezog man damals aus Korinth, Kissen aus Karthago. Nicht viel anders, aber luxuriöser, hielten es die Römer. Und schon Alexander der Große, der beständig mit seinen Truppen unterwegs war, grübelte mit seinem Geliebten Hephaistion des Nachts auf seinem goldenen Lager über Schlachtenpläne, um dann am Morgen am Bett mit seinen Generälen Kriegsrat zu halten.

Das Bett war also von jeher ein Ort des Schlafes und des Ruhens, aber auch der Geselligkeit und der Politik. Privates und Öffentliches überlagerten einander nicht erst an den Fürstenhöfen der Neuzeit, wo in Prunkgemächern und den dort aufgestellten Paradebetten sowohl repräsentiert als auch regiert wurde, war es doch das fürstliche Bett, an dem der Herrscher Gesandte empfing und Audienzen abhielt. Selbst Aufstehen und Zubettgehen wurden nach genau festgelegtem Zeremoniell öffentlich zelebriert.

Schon im höfischen Zeremoniell verschwindet das Handwerk des Tischlers unter den Draperien des Dekorateurs. Bis aus dem Bett ein eher profaner Gegenstand wird, vergeht aber noch einige Zeit. Mit der Industrialisierung und in der Moderne verändert sich die Vorstellung von Wohnen, Schlafen und Arbeiten abermals radikal. Mitte des 19. Jahrhunderts tritt das Heim des Privatmanns erstmals in Gegensatz zur Arbeitsstätte. „Der Privatmann“, so Walter Benjamin, „der im Kontor der Realität Rechnung trägt, verlangt vom Interieur in seinen Illusionen unterhalten zu werden. Diese Notwendigkeit ist umso dringlicher, als er seine geschäftlichen Überlegungen nicht zu gesellschaftlichen zu erweitern gedenkt. In der Gestaltung seiner privaten Umwelt verdrängt er beide. Dem entspringen die Phantasmagorien des Interieurs. Es stellt für den Privatmann das Universum dar. In ihm versammelt er die Ferne und die Vergangenheit. Sein Salon ist eine Loge im Welttheater.“

Die Vertreibung aus der Loge ließ nicht lange auf sich warten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemächtigt sich der funktionale Standard der Arbeit zunehmend der Wohnung. Die Stahlrohrästhetik der Büros hält Einzug in die Schlafzimmer. Wohnraum ist teuer, die Wohnungen selbst sind klein, also wird auch das Bett nun funktional und praktisch.

Heute ist an die Stelle der Innerlichkeit, in die sich der Bürger einst wohl gebettet zurückzog, auch im Schlafzimmer die Vernetzung getreten. Für das, was verloren ging, steht Iwan Gontscharows Romanheld Oblomow, der, im Bett dahindämmernd, seine Talente, seine Stellung in der Gesellschaft und sein Geld vergeudet. Die Gegenwart und Zukunft indes verkörpert der Playboy-Chef Hugh Hefner, der schon Mitte der Sechzigerjahre sein Bett mit allen verfügbaren Geräten zur Kommunikation und Unterhaltung umgeben hat. Wo Oblomow sich in seine eigene Traumwelt flüchtet, öffnet sich Hefner all dem, was um ihn herum geschieht. Der Fürst des Medienzeitalters macht sein Bett zum Arbeitsplatz und zum Mittelpunkt seiner Geschäfte.

Im Zeichen von Digitalisierung und Vernetzung vollzieht sich also eine Kehrtwende. Folgt man der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, so kehrt in postindustriellen Zeiten die Arbeit nicht nur ins Heim zurück, sie fällt gleichsam ins Bett: „Phantasmagorien überziehen nicht mehr in Form von Tapeten, Stoffen, Bildern und Gegenstände den Raum. Sie liegen nun in den elektronischen Geräten. Das gesamte Universum konzentriert sich auf einen kleinen Schirm, und das Bett treibt in einem unendlichen Meer von Information. Sich hinlegen heißt nicht mehr zur Ruhe kommen, sondern sich bewegen.“ Nicht allein Esstisch und Wohnzimmer werden im Home Office multifunktional. Laptop, Smartphone und Tablet lassen sich auch bequem im Liegen bedienen. „Lesen, Schreiben, Verfassen von Nachrichten, Aufzeichnen, Übertragen, Zuhören, Sprechen und natürlich Essen, Trinken, Schlafen, Mit-jemandem-Schlafen“ – alles, so stellt Colomina fest, was im Bett passiert, sei zur Arbeit geworden.

Das Design trägt dem Rechnung. Die Zeiten, als aus Protest gegen das Establishment in Studentenbuden die Matratzen auf dem blanken Boden lagen, sind endgültig passé. Statt Sparta, huldigt man Sybaris. Betten werden größer, komfortabler, pompöser – manchmal sogar großbürgerlicher und aristokratischer. Und ein wenig tröstet der repräsentative Zauber auch über den Verlust der Privatsphäre in den Netzwerken hinweg, die das Bett längst eingesponnen haben. Der Boom, den sogenannte „Boxspring“-Betten seit Jahren in Europa erleben, könnte durchaus kompensatorische Züge haben.

Ein Element des aktuellen Designs spricht besonders für das Bett als ultimativer Ort für den Kreativarbeiter des 21. Jahrhunderts: Ganz gleich, ob es filigran oder wuchtig daherkommt, eher feudal oder minimalistisch gestaltet ist – ohne ein großes, möglichst gepolstertes Betthaupt geht es nicht. So verschmilzt der Salon als „Loge im Welttheater“ heute im Bett mit dem ausgepolsterten Etui, in das der Mensch des Digitalzeitalters schlüpft, um ganz bei sich und zugleich unendlich weit von sich entfernt zu sein. Wer möchte da noch davon reden, ein Bett sei nur zum Schlafen da.