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Ein Schelm auf Tschuri
von Sara Bertsche | 15. September 2015
Er mag es lieber schattig: Kaum auf der sommerlichen Nordhälfte des Kometen gelandet, machte sich der Schelm Philae kurzerhand aus dem Staub. Foto © ESA / AOES Medialab
Bekannt ist er aus Film und Fernsehen und ein Vorbild hat er in dem traurigen Ritter Don Quijote: der sympathische Anti-Held. Mag er auch nicht immer ganz tugendhaft sein, so ist er doch mit reichlich Bauernschläue ausgestattet, um, wenn’s drauf ankommt, allen Widrigkeiten aus dem Weg gehen zu können. Im letzten Beitrag unserer Reihe „Schattige Plätze“ stellen wir Ihnen deshalb „Philae“ vor, einen Schelm in der Weite des Kosmos und einen bequemen Opportunisten, der sich an einen schattigen Ort geflüchtet hat, wo er beinahe seiner strapaziösen Mission entkommen wäre. Wäre da nicht das launenhafte Glück gewesen, das ihm zuletzt ein Schnippchen geschlagen hat.

Am 2. März 2004 schickte das Deutsche Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA die Raumsonde „Rosetta“ auf eine lange Reise zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko – im Gepäck die kleinere Sonde Philae, die auf der Kometenoberfläche landen sollte, um dort mithilfe von Sensoren, Bohrern und Analysegeräten die Zusammensetzung des Bodens des weitgereisten, kurz „Tschuri“ genannten Kometen zu bestimmen. Auf diese Weise wollte man mehr über die Entstehung des Universums erfahren, ist der Kern des Himmelskörpers doch vermutlich seit 4,47 Milliarden Jahren unverändert geblieben.

Doch kaum angekommen, packte Philae, die sich mehr als 10 Jahre nicht hatte bewegen dürfen, die Lust, herumzuspringen und pfiff auf den Ruhm als kosmischer Archäologe – besonders, als sie feststellen musste, dass an der vorgesehenen Landestelle inmitten von Staub- und Gasfontänen hochsommerliche Temperaturen herrschten. Das Glück kam ihr zur Hilfe: Die Harpunen, die Philae im Boden hätten verankern sollen, versagten, sodass sie sich kurzerhand und buchstäblich aus dem Staub machen konnte, um an anderer Stelle Abkühlung zu suchen. Auf der dunklen Seite des Kometen wurde die Raumsonde fündig, denn dort entdeckte sie „Abydos“, einen herrlich kühlen Ort, wo sie es sich am Rande eines Kraters bequem machte und entspannt eines ihrer drei Beine in die Luft streckte. Und wieder hatte Philae Glück: Bald waren ihre Batterien leer, weil ihre Solarpaneele sie nicht mehr mit genügend Energie versorgen konnten. Der Schelm fiel in den Tiefschlaf – ohne ein weiteres Signal an die Wissenschaftler zu senden, die ihn so nicht mehr orten konnten.

Bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hätte der Müßiggänger dort ungestört schlummern können, doch Fortuna ist bekanntlich wankelmütig und versagte ihm bald die Gunst. Denn im Juni diesen Jahres näherte sich der Komet dem sonnennächsten Punkt, sodass der schattige Ort Abydos mit Licht geflutet wurde und für optimale Arbeitstemperaturen sorgte. Philaes Solarpaneele wurden wieder mit Energie versorgt, der Schelm wachte auf und sendete wieder Signale zur Erde. Und auch, wenn er nun wieder arbeiten sollte, so stellte sich am Ende heraus, dass es Fortuna trotz widrigen Umstände gut mit ihm und den Wissenschaftlern gemeint hatte: Denn wäre Philae am ursprünglich geplanten Platz auf Tschuri geblieben, die Mission wäre vermutlich gescheitert. Dort kam es nämlich im März überraschenderweise zu einer Hitzewelle mit Temperaturen, die die Elektronik der Sonde zum Schmelzen gebracht hätten. Da er aber einen schattigeren Platz gewählt hatte, blieb der Schelm unversehrt.

www.dlr.de

MEHR schattige Plätze gibt’s HIER>>
Gute Nacht! Während die Wissenschaftler das Gebiet mit Kameras absuchten, ging Philae in den Winterschlaf (weiße Kreismarkierung).
Animation © ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA
Zu viele mögliche Kandidaten: Die Wissenschaftler versuchten, den Lander zu finden, doch der war auf der Osiris-Kamera nur wenige Pixel groß.
Foto © ESA/Rosetta/NAVCAM; ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA
Kein gemütlicher Arbeitsplatz: Am rot markierten Landeplatz spuckte Tschuri gewaltige Gasfontänen.
Foto © ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team/MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA
News & Stories › 2015 › September
Ein Schelm auf Tschuri
von Sara Bertsche | 15. September 2015
Nur die Verkettung glücklicher Zufälle brachte die Raumfahrtmission „Rosetta“ zum Kometen Tschuri letztlich zum Erfolg – und ein schattiger Ort namens „Abydos“.
Bekannt ist er aus Film und Fernsehen und ein Vorbild hat er in dem traurigen Ritter Don Quijote: der sympathische Anti-Held. Mag er auch nicht immer ganz tugendhaft sein, so ist er doch mit reichlich Bauernschläue ausgestattet, um, wenn’s drauf ankommt, allen Widrigkeiten aus dem Weg gehen zu können. Im letzten Beitrag unserer Reihe „Schattige Plätze“ stellen wir Ihnen deshalb „Philae“ vor, einen Schelm in der Weite des Kosmos und einen bequemen Opportunisten, der sich an einen schattigen Ort geflüchtet hat, wo er beinahe seiner strapaziösen Mission entkommen wäre. Wäre da nicht das launenhafte Glück gewesen, das ihm zuletzt ein Schnippchen geschlagen hat.

Am 2. März 2004 schickte das Deutsche Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA die Raumsonde „Rosetta“ auf eine lange Reise zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko – im Gepäck die kleinere Sonde Philae, die auf der Kometenoberfläche landen sollte, um dort mithilfe von Sensoren, Bohrern und Analysegeräten die Zusammensetzung des Bodens des weitgereisten, kurz „Tschuri“ genannten Kometen zu bestimmen. Auf diese Weise wollte man mehr über die Entstehung des Universums erfahren, ist der Kern des Himmelskörpers doch vermutlich seit 4,47 Milliarden Jahren unverändert geblieben.

Doch kaum angekommen, packte Philae, die sich mehr als 10 Jahre nicht hatte bewegen dürfen, die Lust, herumzuspringen und pfiff auf den Ruhm als kosmischer Archäologe – besonders, als sie feststellen musste, dass an der vorgesehenen Landestelle inmitten von Staub- und Gasfontänen hochsommerliche Temperaturen herrschten. Das Glück kam ihr zur Hilfe: Die Harpunen, die Philae im Boden hätten verankern sollen, versagten, sodass sie sich kurzerhand und buchstäblich aus dem Staub machen konnte, um an anderer Stelle Abkühlung zu suchen. Auf der dunklen Seite des Kometen wurde die Raumsonde fündig, denn dort entdeckte sie „Abydos“, einen herrlich kühlen Ort, wo sie es sich am Rande eines Kraters bequem machte und entspannt eines ihrer drei Beine in die Luft streckte. Und wieder hatte Philae Glück: Bald waren ihre Batterien leer, weil ihre Solarpaneele sie nicht mehr mit genügend Energie versorgen konnten. Der Schelm fiel in den Tiefschlaf – ohne ein weiteres Signal an die Wissenschaftler zu senden, die ihn so nicht mehr orten konnten.

Bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hätte der Müßiggänger dort ungestört schlummern können, doch Fortuna ist bekanntlich wankelmütig und versagte ihm bald die Gunst. Denn im Juni diesen Jahres näherte sich der Komet dem sonnennächsten Punkt, sodass der schattige Ort Abydos mit Licht geflutet wurde und für optimale Arbeitstemperaturen sorgte. Philaes Solarpaneele wurden wieder mit Energie versorgt, der Schelm wachte auf und sendete wieder Signale zur Erde. Und auch, wenn er nun wieder arbeiten sollte, so stellte sich am Ende heraus, dass es Fortuna trotz widrigen Umstände gut mit ihm und den Wissenschaftlern gemeint hatte: Denn wäre Philae am ursprünglich geplanten Platz auf Tschuri geblieben, die Mission wäre vermutlich gescheitert. Dort kam es nämlich im März überraschenderweise zu einer Hitzewelle mit Temperaturen, die die Elektronik der Sonde zum Schmelzen gebracht hätten. Da er aber einen schattigeren Platz gewählt hatte, blieb der Schelm unversehrt.

www.dlr.de

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