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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
1. August 2014 | Architekturkolumne
Ein schlechter Tausch
Im Verlauf der dritten von McKinsey & Co organisierten „Global Infrastructure Initiative“ in Rio de Janeiro richten sich die Hoffnungen bei der Konferenz verstärkt auf das ‚Digitale’. So schlecht in der Vergangenheit die Infrastrukturplanung auch gewesen sein mag, nunmehr ist man fest davon überzeugt, dass das Digitale mit seinen unendlichen Möglichkeiten, Verkehrsströme zu überwachen und zu steuern, rückwirkend die schlechte in eine gute Planung verwandeln kann. Die wenigen Vertreter der digitalen Welt scheinen das Zutrauen zu genießen, dass ihnen hier entgegengebracht wird (auch wenn sie dadurch jenem Teil der Infrastrukturwelt offiziell zugerechnet werden, dessen Chaos sie nun beseitigen sollen).

Wir werden zum „Centro de Operaçoes“ von Rio de Janeiro gebracht: eine Art Ersatzstadthalle, vom Bürgermeister Eduardo Paes in Auftrag gegeben, von IBM gebaut. Das Zentrum sammelt, verarbeitet und analysiert ein Sammelsurium von Daten von GPS, Sensoren und Videokameras - aus sowohl öffentlichen als auch privaten Quellen. Durch eine Reihe von Computeralgorithmen ist es möglich, alle diese Daten auf eine Weise zuzuordnen, dass Muster und Entwicklungen, die die Stadt betreffen, bestimmt werden können. Das Zentrum kann das Verhalten der Stadt beinahe wie das Wetter voraussagen und erlaubt den Entscheidungsträgern bei drohenden Schwierigkeiten schneller zu reagieren und so den Bürgern einen besseren Service bieten zu können.

So weit, so gut. Der Schock kommt als wir dann tatsächlich den Kontrollraum des Zentrums besuchen. Hier werden Wetterbedingungen erfasst wie Überschwemmungen oder Regen, aber auch vom Menschen verursachte Katastrophen wie Verkehrsstaus und Abfalllawinen in abschüssigen Favelas. Minutiös wird das Auftreten bestimmter Verbrechen kalkuliert (bewaffneter Überfall oder Protestaktionen), so dass diesen Verbrechen vorsorglich begegnet werden kann. Das Innere des Raumes ist vollständig dem Kontrollraum der NASA in Houston nachempfunden. Das geht so weit, dass die Mitarbeiter eine eigenartige Form von Astronautenoverall tragen müssen. Metaphorisch betrachtet, vermittelt das Erscheinungsbild des Raumes ungewollt eine beunruhigende Kehrseite des Ganzen: Wenn die Stadt also vom Kontrollraum der NASA überwacht wird, dann könnte man daraus auch schließen, dass die Stadt das Äquivalent des Weltraums ist. Die von uns und für uns errichtete Stadt wird zu einem entlegenen Naturereignis, einem fremdartigen Phänomen.

Was dann auf der Ebene der Stadtverwaltung daraus folgt, besteht aus einer seltsamen Mischung aus Aktion und Resignation. Indem natürliche Katastrophen den von Menschen verursachten gleichgestellt werden, befinden sich die politischen Vertreter in einer Position, in der sie die Aufmerksamkeit auf zweckdienliche Weise von der Tatsache ablenken können, dass bestimmte Katastrophen das direkte Resultat ihrer eigenen politischen Entscheidungen sind und können somit die Schuld von sich weisen. Im Gegenzug gibt es eine kürzere Reaktionszeit auf entsprechendes Unheil (welches sich zwangsläufig ergibt, wenn politische Verantwortung abgeschüttelt wird). In diesem Sinne ist die smarte Stadt ein schlechter Tausch.
Architektur › 2014 › August
Ein schlechter Tausch
von Reinier de Graaf | 1. August 2014
28. bis 30. Mai 2014: Teilnahme an der dritten, von McKinsey & Co organisierten Global Infrastructure Initiative in Rio de Janeiro. Die Zusammenkunft ist durch den ungebrochenen Optimismus und die Überzeugung geprägt, dass Technologie ein Segen ist und die Innovation im Infrastrukturbereich (gepaart mit starker Finanzierung) schließlich alles kurieren wird, woran die Stadt der Gegenwart kränkelt…
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
Im Verlauf der dritten von McKinsey & Co organisierten „Global Infrastructure Initiative“ in Rio de Janeiro richten sich die Hoffnungen bei der Konferenz verstärkt auf das ‚Digitale’. So schlecht in der Vergangenheit die Infrastrukturplanung auch gewesen sein mag, nunmehr ist man fest davon überzeugt, dass das Digitale mit seinen unendlichen Möglichkeiten, Verkehrsströme zu überwachen und zu steuern, rückwirkend die schlechte in eine gute Planung verwandeln kann. Die wenigen Vertreter der digitalen Welt scheinen das Zutrauen zu genießen, dass ihnen hier entgegengebracht wird (auch wenn sie dadurch jenem Teil der Infrastrukturwelt offiziell zugerechnet werden, dessen Chaos sie nun beseitigen sollen).

Wir werden zum „Centro de Operaçoes“ von Rio de Janeiro gebracht: eine Art Ersatzstadthalle, vom Bürgermeister Eduardo Paes in Auftrag gegeben, von IBM gebaut. Das Zentrum sammelt, verarbeitet und analysiert ein Sammelsurium von Daten von GPS, Sensoren und Videokameras - aus sowohl öffentlichen als auch privaten Quellen. Durch eine Reihe von Computeralgorithmen ist es möglich, alle diese Daten auf eine Weise zuzuordnen, dass Muster und Entwicklungen, die die Stadt betreffen, bestimmt werden können. Das Zentrum kann das Verhalten der Stadt beinahe wie das Wetter voraussagen und erlaubt den Entscheidungsträgern bei drohenden Schwierigkeiten schneller zu reagieren und so den Bürgern einen besseren Service bieten zu können.

So weit, so gut. Der Schock kommt als wir dann tatsächlich den Kontrollraum des Zentrums besuchen. Hier werden Wetterbedingungen erfasst wie Überschwemmungen oder Regen, aber auch vom Menschen verursachte Katastrophen wie Verkehrsstaus und Abfalllawinen in abschüssigen Favelas. Minutiös wird das Auftreten bestimmter Verbrechen kalkuliert (bewaffneter Überfall oder Protestaktionen), so dass diesen Verbrechen vorsorglich begegnet werden kann. Das Innere des Raumes ist vollständig dem Kontrollraum der NASA in Houston nachempfunden. Das geht so weit, dass die Mitarbeiter eine eigenartige Form von Astronautenoverall tragen müssen. Metaphorisch betrachtet, vermittelt das Erscheinungsbild des Raumes ungewollt eine beunruhigende Kehrseite des Ganzen: Wenn die Stadt also vom Kontrollraum der NASA überwacht wird, dann könnte man daraus auch schließen, dass die Stadt das Äquivalent des Weltraums ist. Die von uns und für uns errichtete Stadt wird zu einem entlegenen Naturereignis, einem fremdartigen Phänomen.

Was dann auf der Ebene der Stadtverwaltung daraus folgt, besteht aus einer seltsamen Mischung aus Aktion und Resignation. Indem natürliche Katastrophen den von Menschen verursachten gleichgestellt werden, befinden sich die politischen Vertreter in einer Position, in der sie die Aufmerksamkeit auf zweckdienliche Weise von der Tatsache ablenken können, dass bestimmte Katastrophen das direkte Resultat ihrer eigenen politischen Entscheidungen sind und können somit die Schuld von sich weisen. Im Gegenzug gibt es eine kürzere Reaktionszeit auf entsprechendes Unheil (welches sich zwangsläufig ergibt, wenn politische Verantwortung abgeschüttelt wird). In diesem Sinne ist die smarte Stadt ein schlechter Tausch.