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Eine dunkle Stelle am Bauch des Hirschen
von Thomas Wagner | 16. Dezember 2010
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Mit dem Design ist es so eine Sache. Manche glauben, es bereits „total" geworden und unsere Gegenwart sei geprägt von unbändigen Gestaltungswillen. Andere meinen, nur mithilfe eines prozessorientierten Denkens sei der Komplexität einer Welt beizukommen, die nicht länger durch eine imperiale Kommunikation gekennzeichnet sei. Doch gleichviel, ob es um die gute oder angemessene Form eines Produkts oder der Gesellschaft als Ganzem, um die Veränderung bestehender Hierarchien oder erfolgreiches Branding geht, ob die Grundlagen von Design und Architektur zur Debatte stehen oder Begriffe aufgefächert werden, in der Welt des Designs erscheint alles zweimal - einmal als Objekt und einmal als Text, als Produkt und Theorie. Was zuerst da war, weiß man nicht und kann man nicht wissen; wie bei der Frage, was zuerst dagewesen ist, die Henne oder das Ei. Also beginnen wir einfach mittendrin und räumen wieder einmal einige Bücher vom vorweihnachtlich gefüllten Tisch.

Das „Lesikon" als Netzwerk der Bedeutungen

Im „Lesikon der visuellen Kommunikation", einer der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen dieses Bücherjahres, erfahren wir unter dem Stichwort „Brand" durchaus nicht, was wir erwarten. Von Marken ist hier zunächst nichts zu hören. Vielmehr ist zu lesen: „Ein, wie abgebrannt' wirkendes Abzeichen in Dunkelrot bis Braun" - und: „Dunkle Stelle am Bauch des Hirschen während der Brunft". Wer die Kämpfe zwischen den großen, global agierenden Unternehmen und ihren Marken kennt, dem wird die brünstige Welt des Waldes trotzdem nicht allzu fremd erscheinen. Oder, um ein anderes Beispiel aus dem Lesikon zu nennen, wussten Sie, dass „Branding Tools" nichts anderes sind als „Werkzeuge zum Brandmarken"?

9704 Begriffe

Sage und schreibe 9704 Begriffe hat die Grafikerin Juli Gudehus für ihr „Lesikon" zusammengetragen und daraus, unterstützt von 3513 „Co-Autoren", geduldig in neun langen Jahren eine dreitausend Seite starke Enzyklopädie der Druck- und Werbewelt gemacht. Dabei ist ihr ein überaus vergnüglich zu lesendes Buch gelungen, das nicht seinesgleichen hat, ein Monstrum, dick und übervoll, seriös und ernst, aber auch voll von Ironie, Schalk und Witz. Und zudem eines, das man - das versteht sich von selbst - nicht einfach so von vorne nach hinten durchliest.

Womit wir es zu tun haben, ist eine recht eigenwillige „Designgeschichte in 508 Kapiteln", worin wir uns bewegen ein großer sprachlicher Irrgarten, in dem man sich verlaufen muss, um all die Wendungen und Irrwege, all die Durchgänge und Sackgassen auskosten zu können, die sich einem beim Flanieren auftun. „Eine Collage" nennt Gudehus selbst ihr Werk, das - leider in sehr kleiner Schrift - auf Dünndruckpapier gedruckt ist und ohne eine einzige Abbildung auskommt. Das „Lesikon" ist aber nicht nur eine riesige Sammlung von Begriffen, sondern auch ein heiteres Spiel mit Metaphern und absichtlichem Missverstehen. Entsprechend ist es aufgebaut: nicht strikt alphabetisch, sondern nach Wortgruppen.

Der Graph und seine Grafschaft


Unter „anfangen" etwa findet man Einträge zu „Anfangen" (sprichwörtlich: „Anfangen ist leicht, Beharren eine Kunst"), „Wieder ganz von vorne anfangen", „Stumpfer Anfang" (das ist die erste Zeile eines Absatzes ohne Einzug, hier lernt man also etwas über das grafische Handwerk), „Semesteranfang", „Anfang", „Anfangsbuchstaben", „Anfangsöffnung" und „Anfänger" (unter anderem mit einem Satz von Jan Tschichold, der feststellt: „Anfänger und Amateure messen den sogenannten Einfall zuviel Gewicht bei."). Weitere, verblüffende Wortgruppen folgen. Etwa „Euer Grafschaft". Hier beginnt der Gang durchs Labyrinth beim „Flexograf" und endet beim „Graph". Auch das Wortfeld, das sich unter dem Begriff „Operation" auftut, hat es in sich. Hier begegnet man einem „Dr. Norton", den jeder kennt, der nicht möchte, dass sich ungebetene Gäste auf seinem Rechner treffen, aber auch jenem „Dr. Best", der jedem Kind aus der Werbung wohlbekannt ist und der gern mit der Zahnbürste auf Tomaten drückt. Er ist, so lernt man, tatsächlich Professor der Zahnmedizin, der 1987 per Zufall von einem Artdirector der Agentur Grey an der Universität von Chicago entdeckt wurde.

Liest man unter der Rubrik „Prostitution" unter der Stichwort „Blow up", es handle sich bei dem Phänomen um die „Vergrößerung einer Zeichnung oder eines Einzelbildes aus einem Film", und „Penetration" sei „die Durchdringung einer Werbebotschaft in einer Zielgruppe", so beginnt man langsam zu verstehen, was in diesem „Lesikon" geschieht. Es treibt den Herumstöbernden und seine Begierde nach Wissen immer weiter und verführt ihn zu überraschenden Erkenntnissen. Der Leser kommt nie bei wirklich sicherem Wissen an, worin das Lesikon durchaus den Strukturen des World Wide Web verwandt ist. Doch was, eilte man von Internetseite zu Internetseite, einen dort enttäuschen würde, weil das, was man gerade gelesen hat, mit dem Wechsel zur nächsten Website verschwindet, das regt einen beim Lesikon zum Weiterdenken an. Man muss nur zur nächsten Spalte springen, weiter- oder zurückblättern, um sich in ein ganz besonderes Bedeutungsgeflecht verstrickt zu finden. Wer trotzdem nicht auf seinen Laptop verzichten will, der kann zu fast jedem Eintrag Hinweisen auf Fundstellen im Internet nachgehen.

Da es sich nun mal um ein Nachlesewerk und nicht um ein Nachschlagewerk handelt, braucht all das Zeit. Doch wird man, gerade weil mal schlicht und einfach definiert, mal der Sprachgebrauch dokumentiert und mal Anekdoten ausgebreitet werden, immer wieder belohnt und überrascht, was zu dem jeweiligen Stichwort gesagt worden ist. Und weil oftmals ausgespart bleibt, was eigentlich dazu gesagt werden müsste, wird das Wissen permanent befragt und erweitert, statt lediglich dokumentiert zu werden. Übrigens: „Imperial" bezeichnet sowohl ein traditionelles Papierformat als auch eine Schrift von Donald Beckman. In „Photokina" wohnt ganz offenbar der „Photokinese", „Tokyo" aber ist keine Stadt, sondern eine Schrift von Neville Brody aus dem Jahr 1993. Und erst all die Abkürzungen - von PPM über PMS zu PS - Patentschrift, nicht Pferdestärke! - bis zu PR, PNG und JPG... und so weiter und so weiter. Vergnüglicher kann man wohl kaum in die Welt der visuellen Kommunikation und in die Untiefen der Werbung abtauchen.

Gestaltung denken


Wer es eher konventionell und akademisch mag, der greife - am besten zusätzlich zum „Lesikon" - zu einem Band, der „Grundlagentexte zu Design und Architektur" versammelt. Seine Herausgeber - Klaus Thomas Edelmann und Gerrit Terstiege, Designkritiker, Journalist und Stylepark-Autor der eine, Chefredakteur der Zeitschrift „form" der andere -, haben dazu nicht nur kanonische Texte von Otl Aicher und Peter Behrens bis zu Paul Virilio und Martin Warnke ausgewählt, die hier wieder abgedruckt werden. Sie haben auch namhafte Expertinnen und Experten um eine - leider etwas knapp ausgefallene - Einführung und Einordnung der Texte gebeten. Man täusche sich nicht: Was man hier vorgesetzt bekommt, ist beileibe nicht nur ein Reader für Studierende. Die Textspeisung, die einen hier erwartet, ist nahrhaft für alle, die sich bei Design und Architektur nicht nur auf den beschränkten eigenen Geschmack verlassen, sondern fundiert auf Entdeckungsreise in den zum Teil hitzigen Debatten der letzten hundert Jahre gehen wollen. Ob Otl Aicher „Kritik am Auto" übt, Ettore Sottsass „Über Küchen" schreibt, Walter Gropius sich Gedanken über „Die Tragfähigkeit der Bauhaus-Idee" macht oder Martin Warnke sich „Zur Situation der Couchecke" äußert - man begegnet fast immer originellen Denkern und brillanten Thesen.

Pokeville heißt die Stadt der Zukunft


Wer statt in die Vergangenheit in die Zukunft schauen möchte, um zu erfahren, wie die Stadt und die Mobilität von Morgen aussehen könnten, der greife zu Jürgen Mayer H. und seinem Projekt „A.Way". Was Jürgen Mayer H. hier beschreibt - und womit er den Wettbewerb um den „Audi Urban Future Award 2010" gewonnen hat -, ist ein Märchen aus den Zeiten der digitalen Revolution. Es ist die Vision einer Stadt, die er „Pokeville" nennt und die sich, mit Hilfe digitaler Technik, von all dem zu befreien vermag, was sie gegenwärtig an ihre Kapazitätsgrenze, wenn nicht in den Kollaps treibt, und ihre Bewohner belastet und einengt. Das Spektrum der digitalen Erneuerung oder des „digital wash", wie Mayer H. ihn sich vorstellt, reicht von automatisierten Fahrzeugflotten in den Innenstädten, die wie ein Schwarm von fahrerlosen Taxis unablässig zirkulieren, über den Abbau der aufgrund der Automatisierung des Verkehrs überflüssig werdenden Verkehrszeichen, Ampeln und Straßenbeleuchtungen bis hin zu einer daraus resultierenden Verdichtung der Stadt nach innen. Wird das Märchen Realität, so wird zudem jeder, von der Last des Fahrens befreit, mittels elektronischer Vernetzung in Zukunft seine Stadt selbst kreieren können, werden ihm doch in sein fahrendes Gehäuse all jene Informationen geliefert, die er gerade wünscht - über Museen, Geschäfte, Restaurants oder Bars. Auf diese Weise wandelt sich das Automobil von einer reinen Fahrmaschine zu einer komplexen Erfahrungsmaschine. A.Way, das ist eine wahrlich optimistische und faszinierende Vision der Stadt der Zukunft.

Ein Pionier des Hybridantriebs


Konkret, wenn auch im Bereich des Historischen, wird die Sache mit der Elektromobilität und dem mittlerweile allseits zur Reduzierung von Verbrauch und Emissionen eingesetzten Hybridantrieb, liest man den Band „Pionier des Hybridantriebs. Ferdinand Porsche", eine Publikation des Porsche Museums in Zuffenhausen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Werbung für die eigenen Produkte, den „Cayenne S Hybrid", den „911 GT3 R Hybrid" mit Schwungradspeicher und die Konzeptstudie „918 Spyder" mit Plug-in-Hybrid ab. Zieht man das retrospektiv legitimierte Marketing ab, bleibt eine spannende Geschichte aus den Kindertagen des Automobils übrig, als über den Antrieb der neuartigen Motorkutschen noch nicht entschieden war.

Wir schreiben das Jahr 1900, als der „Elektrische Phaeton" nach dem System Lohner-Porsche auf der Weltausstellung in Paris seine Premiere erlebt. Die zweisitzige Chaise mit Lakaiensitzbank und einer muschelförmigen, fast schon aerodynamisch zu nennenden Frontverkleidung, besitzt an den beiden Vorderrädern je einen Radnabenantrieb mit 2,5 PS Leistung bei 120 Umdrehungen pro Minute. Die geringe Umdrehungszahl der Motoren ermöglicht einen Direktantrieb ohne Getriebe, und der 410 Kilogramm schwere Akkumulator immerhin eine Reichweite von fünfzig Kilometer. Liest man, wie die Entwicklung verlief, die Wagen bei Renneinsätzen getestet wurden und erfährt, dass Ferdinand Porsche und Ludwig Lohner, zur Verlängerung der Reichweite - und angeregt von einem Fahrzeug der belgischen Firma „Etablissement Pieper" - schon damals über einen seriellen Hybridantrieb nachdachten, so fragt man sich allen Ernstes, wo die Gründe dafür gesucht werden müssen, dass dieser Antrieb so lange in Vergessenheit geriet. Jedenfalls war der im Herbst 1900 entwickelte „Semper Vivus", bei dem ein Verbrennungsmotor einen Generator antrieb, der sowohl die Radnabenmotoren als auch die Akkumulatoren mit Elektrizität versorgte, seiner Zeit weit voraus. Besonders die Details und die einzelnen Entwicklungsschritte werden in dem handlichen Band nachvollziehbar dargestellt, ergänzt von Zeichnungen und Fotografien der Fahrzeuge. Am Ende waren, fast wie heute, die Hybridautomobile fast doppelt so teuer wie ausschließlich mit Benzin betriebene Fahrzeuge. Ökonomisch erfolgreicher waren die reinen Elektrofahrzeuge. Bis Ende 1905 konnten immerhin 65 Lohner-Porsche Elektromobile abgesetzt werden. Die Vergangenheit hält eben so manche Überrauschung bereit.

Das Lesikon der visuellen Kommunikation
Von Juli Gudehus
Softcover im Schuber, 3000 Seiten, deutsche Sprache
Schmidt Hermann, Mainz, 2010
80 Euro
www.typografie.de

Gestaltung denken
Herausgegeben von Klaus Thomas Edelmann und Gerrit Terstiege
Softcover, 332 Seiten, deutsche Sprache
Birkhäuser, Basel, 2010
29,90 Euro
www.birkhauser.ch

A.WAY - catching future by the fairytale
Von Jürgen Mayer H.
Hardcover, 96 Seiten, englische Sprache
Trademark Publishing, Frankfurt am Main, 2010
14 Euro
www.trademarkpublishing.de

Ferdinand Porsche - Pionier des Hybridantriebs
Herausgegeben von der Porsche AG
Hardcover, 160 Seiten, deutsche und englische Sprache
Dumont Buchverlag, Köln, 2010
14,95 Euro
www.dumont-buchverlag.de

A.WAY - catching future by the fairytale
Das Lesikon der visuellen Kommunikation
Gestaltung denken
Ferdinand Porsche - Pionier des Hybridantriebs
News & Stories › 2010 › Dezember
Eine dunkle Stelle am Bauch des Hirschen
von Thomas Wagner | 16. Dezember 2010
Design - was ist das? Industriell überformtes Handwerk? Etwas, das unsere Gegenwart prägt wie nichts anderes und deshalb „total" geworden ist? Und weshalb nur meint „Brand" eine dunkle Stelle am Bauch des Hirschen? Von süßen und nahrhaften Lesefrüchten aus der vorweihnachtlichen Bücherkiste.
Mit dem Design ist es so eine Sache. Manche glauben, es bereits „total" geworden und unsere Gegenwart sei geprägt von unbändigen Gestaltungswillen. Andere meinen, nur mithilfe eines prozessorientierten Denkens sei der Komplexität einer Welt beizukommen, die nicht länger durch eine imperiale Kommunikation gekennzeichnet sei. Doch gleichviel, ob es um die gute oder angemessene Form eines Produkts oder der Gesellschaft als Ganzem, um die Veränderung bestehender Hierarchien oder erfolgreiches Branding geht, ob die Grundlagen von Design und Architektur zur Debatte stehen oder Begriffe aufgefächert werden, in der Welt des Designs erscheint alles zweimal - einmal als Objekt und einmal als Text, als Produkt und Theorie. Was zuerst da war, weiß man nicht und kann man nicht wissen; wie bei der Frage, was zuerst dagewesen ist, die Henne oder das Ei. Also beginnen wir einfach mittendrin und räumen wieder einmal einige Bücher vom vorweihnachtlich gefüllten Tisch.

Das „Lesikon" als Netzwerk der Bedeutungen

Im „Lesikon der visuellen Kommunikation", einer der ungewöhnlichsten Neuerscheinungen dieses Bücherjahres, erfahren wir unter dem Stichwort „Brand" durchaus nicht, was wir erwarten. Von Marken ist hier zunächst nichts zu hören. Vielmehr ist zu lesen: „Ein, wie abgebrannt' wirkendes Abzeichen in Dunkelrot bis Braun" - und: „Dunkle Stelle am Bauch des Hirschen während der Brunft". Wer die Kämpfe zwischen den großen, global agierenden Unternehmen und ihren Marken kennt, dem wird die brünstige Welt des Waldes trotzdem nicht allzu fremd erscheinen. Oder, um ein anderes Beispiel aus dem Lesikon zu nennen, wussten Sie, dass „Branding Tools" nichts anderes sind als „Werkzeuge zum Brandmarken"?

9704 Begriffe

Sage und schreibe 9704 Begriffe hat die Grafikerin Juli Gudehus für ihr „Lesikon" zusammengetragen und daraus, unterstützt von 3513 „Co-Autoren", geduldig in neun langen Jahren eine dreitausend Seite starke Enzyklopädie der Druck- und Werbewelt gemacht. Dabei ist ihr ein überaus vergnüglich zu lesendes Buch gelungen, das nicht seinesgleichen hat, ein Monstrum, dick und übervoll, seriös und ernst, aber auch voll von Ironie, Schalk und Witz. Und zudem eines, das man - das versteht sich von selbst - nicht einfach so von vorne nach hinten durchliest.

Womit wir es zu tun haben, ist eine recht eigenwillige „Designgeschichte in 508 Kapiteln", worin wir uns bewegen ein großer sprachlicher Irrgarten, in dem man sich verlaufen muss, um all die Wendungen und Irrwege, all die Durchgänge und Sackgassen auskosten zu können, die sich einem beim Flanieren auftun. „Eine Collage" nennt Gudehus selbst ihr Werk, das - leider in sehr kleiner Schrift - auf Dünndruckpapier gedruckt ist und ohne eine einzige Abbildung auskommt. Das „Lesikon" ist aber nicht nur eine riesige Sammlung von Begriffen, sondern auch ein heiteres Spiel mit Metaphern und absichtlichem Missverstehen. Entsprechend ist es aufgebaut: nicht strikt alphabetisch, sondern nach Wortgruppen.

Der Graph und seine Grafschaft


Unter „anfangen" etwa findet man Einträge zu „Anfangen" (sprichwörtlich: „Anfangen ist leicht, Beharren eine Kunst"), „Wieder ganz von vorne anfangen", „Stumpfer Anfang" (das ist die erste Zeile eines Absatzes ohne Einzug, hier lernt man also etwas über das grafische Handwerk), „Semesteranfang", „Anfang", „Anfangsbuchstaben", „Anfangsöffnung" und „Anfänger" (unter anderem mit einem Satz von Jan Tschichold, der feststellt: „Anfänger und Amateure messen den sogenannten Einfall zuviel Gewicht bei."). Weitere, verblüffende Wortgruppen folgen. Etwa „Euer Grafschaft". Hier beginnt der Gang durchs Labyrinth beim „Flexograf" und endet beim „Graph". Auch das Wortfeld, das sich unter dem Begriff „Operation" auftut, hat es in sich. Hier begegnet man einem „Dr. Norton", den jeder kennt, der nicht möchte, dass sich ungebetene Gäste auf seinem Rechner treffen, aber auch jenem „Dr. Best", der jedem Kind aus der Werbung wohlbekannt ist und der gern mit der Zahnbürste auf Tomaten drückt. Er ist, so lernt man, tatsächlich Professor der Zahnmedizin, der 1987 per Zufall von einem Artdirector der Agentur Grey an der Universität von Chicago entdeckt wurde.

Liest man unter der Rubrik „Prostitution" unter der Stichwort „Blow up", es handle sich bei dem Phänomen um die „Vergrößerung einer Zeichnung oder eines Einzelbildes aus einem Film", und „Penetration" sei „die Durchdringung einer Werbebotschaft in einer Zielgruppe", so beginnt man langsam zu verstehen, was in diesem „Lesikon" geschieht. Es treibt den Herumstöbernden und seine Begierde nach Wissen immer weiter und verführt ihn zu überraschenden Erkenntnissen. Der Leser kommt nie bei wirklich sicherem Wissen an, worin das Lesikon durchaus den Strukturen des World Wide Web verwandt ist. Doch was, eilte man von Internetseite zu Internetseite, einen dort enttäuschen würde, weil das, was man gerade gelesen hat, mit dem Wechsel zur nächsten Website verschwindet, das regt einen beim Lesikon zum Weiterdenken an. Man muss nur zur nächsten Spalte springen, weiter- oder zurückblättern, um sich in ein ganz besonderes Bedeutungsgeflecht verstrickt zu finden. Wer trotzdem nicht auf seinen Laptop verzichten will, der kann zu fast jedem Eintrag Hinweisen auf Fundstellen im Internet nachgehen.

Da es sich nun mal um ein Nachlesewerk und nicht um ein Nachschlagewerk handelt, braucht all das Zeit. Doch wird man, gerade weil mal schlicht und einfach definiert, mal der Sprachgebrauch dokumentiert und mal Anekdoten ausgebreitet werden, immer wieder belohnt und überrascht, was zu dem jeweiligen Stichwort gesagt worden ist. Und weil oftmals ausgespart bleibt, was eigentlich dazu gesagt werden müsste, wird das Wissen permanent befragt und erweitert, statt lediglich dokumentiert zu werden. Übrigens: „Imperial" bezeichnet sowohl ein traditionelles Papierformat als auch eine Schrift von Donald Beckman. In „Photokina" wohnt ganz offenbar der „Photokinese", „Tokyo" aber ist keine Stadt, sondern eine Schrift von Neville Brody aus dem Jahr 1993. Und erst all die Abkürzungen - von PPM über PMS zu PS - Patentschrift, nicht Pferdestärke! - bis zu PR, PNG und JPG... und so weiter und so weiter. Vergnüglicher kann man wohl kaum in die Welt der visuellen Kommunikation und in die Untiefen der Werbung abtauchen.

Gestaltung denken


Wer es eher konventionell und akademisch mag, der greife - am besten zusätzlich zum „Lesikon" - zu einem Band, der „Grundlagentexte zu Design und Architektur" versammelt. Seine Herausgeber - Klaus Thomas Edelmann und Gerrit Terstiege, Designkritiker, Journalist und Stylepark-Autor der eine, Chefredakteur der Zeitschrift „form" der andere -, haben dazu nicht nur kanonische Texte von Otl Aicher und Peter Behrens bis zu Paul Virilio und Martin Warnke ausgewählt, die hier wieder abgedruckt werden. Sie haben auch namhafte Expertinnen und Experten um eine - leider etwas knapp ausgefallene - Einführung und Einordnung der Texte gebeten. Man täusche sich nicht: Was man hier vorgesetzt bekommt, ist beileibe nicht nur ein Reader für Studierende. Die Textspeisung, die einen hier erwartet, ist nahrhaft für alle, die sich bei Design und Architektur nicht nur auf den beschränkten eigenen Geschmack verlassen, sondern fundiert auf Entdeckungsreise in den zum Teil hitzigen Debatten der letzten hundert Jahre gehen wollen. Ob Otl Aicher „Kritik am Auto" übt, Ettore Sottsass „Über Küchen" schreibt, Walter Gropius sich Gedanken über „Die Tragfähigkeit der Bauhaus-Idee" macht oder Martin Warnke sich „Zur Situation der Couchecke" äußert - man begegnet fast immer originellen Denkern und brillanten Thesen.

Pokeville heißt die Stadt der Zukunft


Wer statt in die Vergangenheit in die Zukunft schauen möchte, um zu erfahren, wie die Stadt und die Mobilität von Morgen aussehen könnten, der greife zu Jürgen Mayer H. und seinem Projekt „A.Way". Was Jürgen Mayer H. hier beschreibt - und womit er den Wettbewerb um den „Audi Urban Future Award 2010" gewonnen hat -, ist ein Märchen aus den Zeiten der digitalen Revolution. Es ist die Vision einer Stadt, die er „Pokeville" nennt und die sich, mit Hilfe digitaler Technik, von all dem zu befreien vermag, was sie gegenwärtig an ihre Kapazitätsgrenze, wenn nicht in den Kollaps treibt, und ihre Bewohner belastet und einengt. Das Spektrum der digitalen Erneuerung oder des „digital wash", wie Mayer H. ihn sich vorstellt, reicht von automatisierten Fahrzeugflotten in den Innenstädten, die wie ein Schwarm von fahrerlosen Taxis unablässig zirkulieren, über den Abbau der aufgrund der Automatisierung des Verkehrs überflüssig werdenden Verkehrszeichen, Ampeln und Straßenbeleuchtungen bis hin zu einer daraus resultierenden Verdichtung der Stadt nach innen. Wird das Märchen Realität, so wird zudem jeder, von der Last des Fahrens befreit, mittels elektronischer Vernetzung in Zukunft seine Stadt selbst kreieren können, werden ihm doch in sein fahrendes Gehäuse all jene Informationen geliefert, die er gerade wünscht - über Museen, Geschäfte, Restaurants oder Bars. Auf diese Weise wandelt sich das Automobil von einer reinen Fahrmaschine zu einer komplexen Erfahrungsmaschine. A.Way, das ist eine wahrlich optimistische und faszinierende Vision der Stadt der Zukunft.

Ein Pionier des Hybridantriebs


Konkret, wenn auch im Bereich des Historischen, wird die Sache mit der Elektromobilität und dem mittlerweile allseits zur Reduzierung von Verbrauch und Emissionen eingesetzten Hybridantrieb, liest man den Band „Pionier des Hybridantriebs. Ferdinand Porsche", eine Publikation des Porsche Museums in Zuffenhausen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Werbung für die eigenen Produkte, den „Cayenne S Hybrid", den „911 GT3 R Hybrid" mit Schwungradspeicher und die Konzeptstudie „918 Spyder" mit Plug-in-Hybrid ab. Zieht man das retrospektiv legitimierte Marketing ab, bleibt eine spannende Geschichte aus den Kindertagen des Automobils übrig, als über den Antrieb der neuartigen Motorkutschen noch nicht entschieden war.

Wir schreiben das Jahr 1900, als der „Elektrische Phaeton" nach dem System Lohner-Porsche auf der Weltausstellung in Paris seine Premiere erlebt. Die zweisitzige Chaise mit Lakaiensitzbank und einer muschelförmigen, fast schon aerodynamisch zu nennenden Frontverkleidung, besitzt an den beiden Vorderrädern je einen Radnabenantrieb mit 2,5 PS Leistung bei 120 Umdrehungen pro Minute. Die geringe Umdrehungszahl der Motoren ermöglicht einen Direktantrieb ohne Getriebe, und der 410 Kilogramm schwere Akkumulator immerhin eine Reichweite von fünfzig Kilometer. Liest man, wie die Entwicklung verlief, die Wagen bei Renneinsätzen getestet wurden und erfährt, dass Ferdinand Porsche und Ludwig Lohner, zur Verlängerung der Reichweite - und angeregt von einem Fahrzeug der belgischen Firma „Etablissement Pieper" - schon damals über einen seriellen Hybridantrieb nachdachten, so fragt man sich allen Ernstes, wo die Gründe dafür gesucht werden müssen, dass dieser Antrieb so lange in Vergessenheit geriet. Jedenfalls war der im Herbst 1900 entwickelte „Semper Vivus", bei dem ein Verbrennungsmotor einen Generator antrieb, der sowohl die Radnabenmotoren als auch die Akkumulatoren mit Elektrizität versorgte, seiner Zeit weit voraus. Besonders die Details und die einzelnen Entwicklungsschritte werden in dem handlichen Band nachvollziehbar dargestellt, ergänzt von Zeichnungen und Fotografien der Fahrzeuge. Am Ende waren, fast wie heute, die Hybridautomobile fast doppelt so teuer wie ausschließlich mit Benzin betriebene Fahrzeuge. Ökonomisch erfolgreicher waren die reinen Elektrofahrzeuge. Bis Ende 1905 konnten immerhin 65 Lohner-Porsche Elektromobile abgesetzt werden. Die Vergangenheit hält eben so manche Überrauschung bereit.

Das Lesikon der visuellen Kommunikation
Von Juli Gudehus
Softcover im Schuber, 3000 Seiten, deutsche Sprache
Schmidt Hermann, Mainz, 2010
80 Euro
www.typografie.de

Gestaltung denken
Herausgegeben von Klaus Thomas Edelmann und Gerrit Terstiege
Softcover, 332 Seiten, deutsche Sprache
Birkhäuser, Basel, 2010
29,90 Euro
www.birkhauser.ch

A.WAY - catching future by the fairytale
Von Jürgen Mayer H.
Hardcover, 96 Seiten, englische Sprache
Trademark Publishing, Frankfurt am Main, 2010
14 Euro
www.trademarkpublishing.de

Ferdinand Porsche - Pionier des Hybridantriebs
Herausgegeben von der Porsche AG
Hardcover, 160 Seiten, deutsche und englische Sprache
Dumont Buchverlag, Köln, 2010
14,95 Euro
www.dumont-buchverlag.de