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Eine Wolldecke wie ein mythisches Seehundfell
von Anne Kaestner | 1. Oktober 2011
Island scheint ein Ort aus einem Traum zu sein, kaum real, irgendwo zwischen dem Jetzt und urwüchsigen Kräften angesiedelt. Eine abgelegene Vulkaninsel mit heißen Quellen, Geysiren und einer reichen Sagenwelt: Feen, Elfen und Zwerge leben dort in einer Art Parallelwelt, die von den naturverbundenen Isländern respektiert wird. So werden etwa Straßen in ihrem Verlauf geändert, um wichtige Orte der Elfen nicht zu stören. In Island ist die Welt noch in Ordnung, das Meer und die Luft sind sauber und der Bezug vom Menschen zur Natur gilt als noch nicht beeinträchtigt.

Den bekanntesten Exportstar des Landes, Björk, halten manche selbst als eine Art Elfe mit ihrer rauchigen und zugleich schrillen Stimme, den schrägstehenden Augen und einer Ausstrahlung, die sie unantastbar und unvergleichbar mit anderen Künstlern macht. Ihre schrillen Bühnenkostüme und Kleider scheinen einer anderen Welt zugehörig. Nichts an Björk mutet gewollt und künstlich an, alles scheint aus einer Persönlichkeit geboren, deren Fremdartigkeit und Eigenständigkeit einen großen Teil der Faszination ausmachen.

„Sagenhaftes Island" lautet der Titel, unter dem Island als Gastland bei der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt am Main auftritt. Der doppelte Wortsinn bezieht sich ganz direkt auf die alten isländischen Sagen, einem der Schwerpunkte der Präsentation isländischer Literatur auf der Buchmesse. Die isländische Schriftsprache hat sich aufgrund der geografischen Isolation Islands seit dem Mittelalter kaum verändert und die alten Texte sind für Isländer somit vergleichsweise einfach zugänglich. Wie jedes Jahr ist das Gastland der Buchmesse auch durch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und Kultur in der Stadt präsent. Abgesehen von der Musik ist besonders das isländische Modedesign in den letzten Jahren international bekannt geworden. Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt jetzt unter dem Titel „Randscharf – Design in Island" Mode-, Produkt- und Grafikdesign aus Island.

Inwiefern kann Design jedoch heute überhaupt noch unter nationalen Gesichtspunkten betrachtet werden? „Kooperationen ergeben sich schon allein daraus, dass man sich gegenseitig ständig ´über den Weg läuft´, was ein gewisses kollektivistisches Denken befördern mag. Das heißt nicht, dass der Starkult nicht längst auch in Island angekommen wäre, aber er bleibt dort naturgemäß kleiner, bescheidener ... Island bildet so eine Art kultureller Petrischale, in der sich Tendenzen geschützter entwickeln können, bevor man sie in die Welt trägt.", formuliert Klaus Kemp, Kurator der Ausstellung, in seinem Katalogbeitrag. Vielleicht lässt sich so auch die verhältnismäßig große Zahl an Designern erklären in diesem Land, dessen Einwohnerzahl nicht einmal an die Einwohnerzahl Frankfurts heranreicht.

Regionale Besonderheiten rühren meist aus den Bedingungen und Gegebenheiten, unter denen Design entsteht. Isländische Designer arbeiten mit den wenigen Rohstoffen vor Ort, vor allem Wolle und Fisch. Arndis Jóhannsdóttir fertigt Taschen und Portemonnaies aus Lachsleder. Die Lampe „Uggi" von Dögg Design in Zusammenarbeit mit Fanney Antonsdóttir entstand im Jahr 2001 aus einem kompletten Fisch, der an der Schwanzflosse aufgehängt wird. Bereits im Jahr 1972 entwarf Sigurður Már Helgason den Hocker „Fuzzy" aus Schafsfell.

Das steigende ökologische Bewusstsein ist natürlich auch in Island angekommen, zugleich hat die Finanzkrise von 2008 Island besonders hart getroffen, und so bewegt viele Designer in den letzten Jahren der Gedanke, ihre Entwürfe noch besser machen zu wollen. Sie suchen nach Lösungen, die sogenannte „Realwirtschaft" zu fördern – in Island vor allem Landwirtschaft und Fischfang – und zugleich ökologisch nachhaltige Produkte zu entwickeln.

Junge Designer tun sich mit traditionellen Betrieben und Landwirten zusammen und bemühen sich, hochwertige Produkte zu schaffen, die die Tradition fortsetzen und zugleich zukunftsorientiert sind. Die fünfköpfige Designergruppe Vik Prjónsdóttir ist mit Víkurprjón, einer alteingesessenen Strickfabrik an der Südküste Islands, eine Kooperation eingegangen, um der isländischen Wollindustrie ein unkonventionelles Image zu geben. Sie entwickeln mit traditionellen isländischen Materialien eine Kollektion aus Decken und Schals, die sowohl von lokalen Mythen und Geschichten als auch von der Natur und urbanem Leben inspiriert sind. Die Verbindung zum Modedesign liegt hier nahe. In Zusammenarbeit mit dem Modedesigner Henrik Vibskov hat die Gruppe eine tragbare Wolldecke entwickelt, deren Gestaltung sich an eine alte Geschichte anlehnt, nach der eine Seehündin ihre Haut verliert und zum Menschen wird. Nachdem sie ihre Haut wiedererlangt hat, kehrt sie ins Meer zurück. Die Decke sieht wie ein überdimensionierter Strampelanzug aus, wird mit der Nutzung zur zweiten Haut und zeigt sowohl die enge Verbindung der Isländer zum Meer wie auch das Bedürfnis, sich gegen Kälte zu schützen, ein wesentlicher Grundzug der isländischen Kultur.

Eine interdisziplinäre Denkweise ist in Island nicht selten, kaum ein Designer respektiert die klassischen Grenzen zwischen Kunst, verschiedenen Designsparten oder kuratorischer Arbeit. Auch dies mag eine Folge der engen Netzwerke und des kleinen Binnenmarktes sein.

Am eindrucksvollsten in der Frankfurter Ausstellung sind die isländischen Modedesigner. Die Labels Spaksmannsspjarir, Mundi, Ásta Créative Clothes, Barbara I Gongini und Hrafnhildur Arnardóttir alias Shoplifter haben mit ihren Kollektionen internationale Aufmerksamkeit erregt. Ihre Eigenständigkeit verdanken sie ihrem unkonventionellen Umgang mit Materialien wie Wolle oder Haar, der freien Assoziationen zu alten isländischen Trachten und Entwürfen, die wie aus alten Fischernetzen, Seetang und ähnlichen der meeresnahen Umgebung entnommenen Materialien wirken und androgyne Silhouetten schaffen, die irgendwo zwischen Elfenreich und zeitgenössischem Modedesign anzusiedeln sind.

Island geht selbstbewusst mit sich und seiner Kultur um und erschafft sich so neu. Die Betonung der Geschichte und des Regionalen zusammen mit einer zeitgenössischen Sichtweise erweist sich in diesem Fall einmal mehr als Erfolgsrezept.

Randscharf – Design in Island
Von 22. September 2011 bis 19. Februar 2012
Museum für Angewandte Kunst Frankfurt
www.angewandtekunst-frankfurt.de
Ásta Créative Clothes
Halskette und Haarschmuck, Aurum Guðbjörg Kristín Ingvarsdóttir “Drífa”, 2011, Foto: Katrín Elvarsdóttir
“The Baby Seal” von Vík Prjónsdóttir, tragbare Seehund-Decke für Kinder aus 100% isländischer Wolle, 2006, Foto: Marino Thorlacius
Blick in die Ausstellung „Randscharf – Design in Island“
STEiNUNN
Sruli Recht
Fischlampe "Uggi", Dögg Design in Zusammenarbeit mit Fanney Antonsdóttir, 2001
Siggi Eggertssson
Ausstellung „Randscharf – Design in Island“, Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, Barbara í Gongini „The Black Line“, Winterkollektion 2011/2012, Foto: Karina a Jønson
Barbara í Gongini
Ásta Créative Clothes
Mundi
Blick in die Ausstellung „Randscharf – Design in Island“
Spaksmannsspjarir
Spaksmannsspjarir
Kristín Birna Bjarnadóttir