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Eiseskälte statt Erdbeben
von Sandra Hofmeister | 28. Oktober 2011
Fotos: Stefanie Graul

Seismografen sind Geräte, die Bodenerschütterungen registrieren und lokalisieren können. Ihre grafischen Aufzeichnungen lassen Rückschlüsse über die Ausbreitung und Stärke von Erdbeben zu. Auf die Welt des Bauens übertragen, bezeichnen die „Seismographen der Architektur" wohl außerordentliche Gebäude und Menschen: Die Metapher meint, dass es Architekten und Bauwerke gibt, welche die brennenden Probleme unserer Zeit – sei es in gesellschaftlicher, in ökologischer oder in stadtplanerischer Hinsicht – frühzeitig erkennen und sich danach richten.

Das Münchner Architektursymposium „Seismographen der Architektur", zu dem Peter Ebner vom 3M futureLAB der University of California Los Angeles eingeladen hat, setzte sich zum Ziel, eine Debatte über zukünftigen Lebens- und Arbeitswelten sowie die Rolle der Architektur in diesem Zusammenhang anzustoßen. Die Seismografenrolle haben die Organisatoren vorab festgelegt und fünf renommierten Stars der internationalen Architektur zugeschrieben: Kazuyo Sejima von Sanaa war zum Vortrag nach München gekommen, ebenso Matthias Sauerbruch von Sauerbruch Hutton, Brendan Macfarlane von Jakob + Macfarlane aus Paris, Kazuhiro Kojima vom Tokioter Büro CAt und Massimiliano Fuksas aus Rom. Unter dem großen Glasdach im Foyer der Akademie der Bildenden Künste stellten die Architekten Projekte aus ihrem Portfolio vor. Eine Diskussion und ein Austausch jedoch hatten die Veranstalter weder mit dem Publikum noch für die Architekten untereinander vorgesehen. Statt Parameter für die Zukunft der Architektur zu hinterfragen, Ziele für den Städtebau zu besprechen oder Grundsatzfragen anzupacken, addierte der stundenlange Vortragsmarathon eine Flut an Bildern von mehr oder weniger aktuellen sowie mal mehr und mal weniger überzeugenden Einzelprojekten. So ließen sich die präsentierten Wohn- und Verwaltungsgebäude, Museen und Interiors auf der ganzen Welt kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen – ihre Seismografenrolle jedenfalls blieb in großen Teilen unverständlich.

Die Sitzplätze waren deutlich zu wenig, die Eiseskälte im windigen Glasfoyer, von Coop Himmelb(l)au errichtet und für solche Zwecke ungeeignet, war auch mit Jacke kaum zu ertragen, und Blickkontakt zu den Referenten gab es ohnehin nur für ein paar Auserwählte, während die fröstelnde Mehrheit der Gäste auf Bildschirme angewiesen war. „I'm in a lecture", raunt ein Zuhörer während des Sejima-Vortrags in sein Telefon. Irgendwo meldet sich ein Kind zu Wort, das keine Geduld mehr hat, und die Schlange in der Cafeteria, die für Zwischendurch als einziger Ausweg zum Aufwärmen bleibt, erfordert Engelsgeduld.

Später am Abend noch sollte die Zukunft Münchens in einer Podiumsdiskussion besprochen werden. Zu spät für viele Besucher, die zu den Vorträgen der Stars gekommen waren. Was also bleibt von den Seismografen der Architektur? Gibt es überhaupt Maßstäbe oder Grundlagen des Bauens, auf die sich Architekten für die Zukunft einigen könnten? Matthias Sauerbruch ist davon überzeugt, dass nachhaltiges Bauen zu einer eigenständigen ästhetischen Sprache führen wird. Daran ließe sich mit vielen Fragen anknüpfen – vielleicht in einem anderen Kontext und an einem anderen Ort.

GSW Gebäude in Berlin von Sauerbruch+Hutton, Foto: Emanuele from Roma
Museum Brandhorst in München von Sauerbruch+Hutton, Foto: Rufus46
Serpentine Gallery Pavillon in London von Sanaa, Foto: Cjc13
Zollverein School für Management und Design in Essen, Foto: nomo, Michael Hoefner, www.zwo5.de
21st Century Museum in Kanazawa, Japan von SANAA, Foto: Keemz
Einkaufszentrum MyZeil in Frankfurt von Massimiliano Fuksas, Foto: SB68Manm
Docks of Paris von Jakob+MacFarlane, Foto: Borel
100 Sozialwohnungen in Paris von Jakob+MacFarlane, Foto: James Ewing
Architektur › 2011 › Oktober
Eiseskälte statt Erdbeben
von Sandra Hofmeister | 28. Oktober 2011
Die prominente Besetzung des Münchner Symposiums „Seismographen der Architektur“ weckte große Erwartungen. Kazuyo Sejima, Matthias Sauerbruch und Brendan Macfarlane kamen eigens in die bayrische Hauptstadt. Da die Veranstaltung auf Vorträge und nicht auf Dialog ausgelegt war, blieben jedoch viele Fragen offen. Die Kälte im zugigen Glasfoyer der Akademie der Bildenden Künste stellte die Geduld der Zuhörer zusätzlich auf die Probe.
Seismografen sind Geräte, die Bodenerschütterungen registrieren und lokalisieren können. Ihre grafischen Aufzeichnungen lassen Rückschlüsse über die Ausbreitung und Stärke von Erdbeben zu. Auf die Welt des Bauens übertragen, bezeichnen die „Seismographen der Architektur" wohl außerordentliche Gebäude und Menschen: Die Metapher meint, dass es Architekten und Bauwerke gibt, welche die brennenden Probleme unserer Zeit – sei es in gesellschaftlicher, in ökologischer oder in stadtplanerischer Hinsicht – frühzeitig erkennen und sich danach richten.

Das Münchner Architektursymposium „Seismographen der Architektur", zu dem Peter Ebner vom 3M futureLAB der University of California Los Angeles eingeladen hat, setzte sich zum Ziel, eine Debatte über zukünftigen Lebens- und Arbeitswelten sowie die Rolle der Architektur in diesem Zusammenhang anzustoßen. Die Seismografenrolle haben die Organisatoren vorab festgelegt und fünf renommierten Stars der internationalen Architektur zugeschrieben: Kazuyo Sejima von Sanaa war zum Vortrag nach München gekommen, ebenso Matthias Sauerbruch von Sauerbruch Hutton, Brendan Macfarlane von Jakob + Macfarlane aus Paris, Kazuhiro Kojima vom Tokioter Büro CAt und Massimiliano Fuksas aus Rom. Unter dem großen Glasdach im Foyer der Akademie der Bildenden Künste stellten die Architekten Projekte aus ihrem Portfolio vor. Eine Diskussion und ein Austausch jedoch hatten die Veranstalter weder mit dem Publikum noch für die Architekten untereinander vorgesehen. Statt Parameter für die Zukunft der Architektur zu hinterfragen, Ziele für den Städtebau zu besprechen oder Grundsatzfragen anzupacken, addierte der stundenlange Vortragsmarathon eine Flut an Bildern von mehr oder weniger aktuellen sowie mal mehr und mal weniger überzeugenden Einzelprojekten. So ließen sich die präsentierten Wohn- und Verwaltungsgebäude, Museen und Interiors auf der ganzen Welt kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen – ihre Seismografenrolle jedenfalls blieb in großen Teilen unverständlich.

Die Sitzplätze waren deutlich zu wenig, die Eiseskälte im windigen Glasfoyer, von Coop Himmelb(l)au errichtet und für solche Zwecke ungeeignet, war auch mit Jacke kaum zu ertragen, und Blickkontakt zu den Referenten gab es ohnehin nur für ein paar Auserwählte, während die fröstelnde Mehrheit der Gäste auf Bildschirme angewiesen war. „I'm in a lecture", raunt ein Zuhörer während des Sejima-Vortrags in sein Telefon. Irgendwo meldet sich ein Kind zu Wort, das keine Geduld mehr hat, und die Schlange in der Cafeteria, die für Zwischendurch als einziger Ausweg zum Aufwärmen bleibt, erfordert Engelsgeduld.

Später am Abend noch sollte die Zukunft Münchens in einer Podiumsdiskussion besprochen werden. Zu spät für viele Besucher, die zu den Vorträgen der Stars gekommen waren. Was also bleibt von den Seismografen der Architektur? Gibt es überhaupt Maßstäbe oder Grundlagen des Bauens, auf die sich Architekten für die Zukunft einigen könnten? Matthias Sauerbruch ist davon überzeugt, dass nachhaltiges Bauen zu einer eigenständigen ästhetischen Sprache führen wird. Daran ließe sich mit vielen Fragen anknüpfen – vielleicht in einem anderen Kontext und an einem anderen Ort.