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von 2141 Forward End
New York – London – Mailand – Paris. Vier Metropolen, die zuletzt den internationalen Designern wie alle halbe Jahre wieder eine Bühne boten, um vorzuführen, was die Mode im Sommer 2014 bestimmt. Zeigen sie weiterhin Retro-Loops und bewährte Stil-Rezepte oder finden sie endlich neue kreative Ausdrucksformen? Wie viel haben die Ideen von Kleid mit unserem Alltag zu tun? Inwieweit spiegeln sie ein kollektives Lebensgefühl wider und können tatsächlich Kritik an der Gesellschaft üben? Und nicht zuletzt, welche Botschaften sendet die schnelllebige Mode, des Zeitgeists liebstes Kind, an Architekten und Produktdesigner?

Zwischen purem Protest und anziehendem Appell

Das erste positive Resümee der zurückliegenden Schauenrunde lässt sich mit drei Worten zusammenfassen: Retro is over. Endgültig. Das redundante Leitmotiv der vergangenen Saisons, das Schwelgen in modischen Codes der Nachkriegsdekaden scheint seine Faszination – die sicher auch daher rührte, dass Bewährtes mit Sicherheit und Verlässlichkeit gleichzusetzen ist – endgültig verloren zu haben. Stattdessen liegt eine Saison vor uns, die explizit radikal ist.

Mehr denn je findet die Mode zu ihrer Kommentarfunktion zurück, übt Kritik an herrschenden Zu- oder Missständen. Nehmen wir die Präsentation von „Comme des Garçons“ in Paris. Alt-Meisterin Rei Kawakubo, seit nunmehr 44 Jahren in ihrer Rolle als vielleicht einflussreichste Avantgarde-Designerin aktiv, propagiert starre textile Kunstwerke, untragbare Kleiderkäfige, die den Körper in seiner Mobilität mehr einengen als ihm Freiraum zu gewähren. Jede der 23 Kreationen wurde begleitet von einem eigenen Musik-Stück – zwischen einlullenden Opern-Arien des 18. Jahrhunderts und nervenzerrend-schrillem Elektro-Sound der 1980er Jahre. Kawakubo, die sich seit jeher dem Anspruch stellt, die eigenen Grenzen und die ihres Metiers zu hinterfragen, formuliert damit ein unmissverständliches Statement: Die Evolution der Mode hat ihren Zenit überschritten. Angesichts des übermächtigen Marketing- und Sales-Apparats, der nicht nur diese Branche dominiert, gibt es keinen Raum mehr, in dem sich die Kreativität der Macher frei entfalten kann. Zu sehr stehen kommerzielle Aspekte und Überlegungen bei der Kollektionserstellung im Vordergrund, zu sehr schränkt die enge Taktung des Systems den Freigeist des Schöpfers ein.

Gleichermaßen aufrührerisch und nicht minder unverkäuflich gibt sich, was Rick Owens in der Seine-Metropole über den Catwalk schickte – wenngleich sein Signal eher mit Befreiung statt mit Begrenzung zu tun hat. Kraftstrotzende, korpulente Amazonen, meist afro-amerikanischer Herkunft, vollführten eine absurde Mixtur aus Stepptanz, Cheerleading und militanter Drill-Parade, gekleidet in kurze, drapierte Kleider in typisch androgynem Owens-Stil, die zwar maximale Bewegungsfreiheit erlaubten, jedoch weit von einer ästhetischen Idee von Mode entfernt auftreten. Die Kritik am vorherrschenden Mode-System wurde darüber hinaus durch die Mimik und Gestik der Protagonistinnen deutlich, die mit ihren spitzen Mündern, weit aufgerissenen oder zusammengekniffenen Augen sowie übertriebenen Hüftschwüngen eine Parodie auf das kultivierte Model-Gebaren ablieferten.
Der trockene Kommentar des Wahl-Parisers mit amerikanischen Wurzeln: „Wir verwerfen das konventionelle Schönheitsideal und kreieren ein eigenes.“ Er wolle, so Owens, mit dieser Performance einen Teil seiner Welt reflektieren, womit er auf eine von Unterdrückung und Ablehnung geprägte Politik anspielt.

Kein Fisch, keine Mode

Während sowohl Owens als auch Kawakubo ihr Defilee als Kritik am System der Mode und an der Gesellschaft als solcher inszenierten und darauf verzichteten, eine echte Mode-Idee zu propagieren, zeigten andere Designer – allen voran Christopher Kane oder Humberto Leon und Carol Lim für Kenzo –überzeugende, ernst zu nehmende Visionen mit hohem ästhetischen Anspruch. Bei Kenzo lautet sie unmissverständlich: „No fish, no nothing“. Ein Slogan, der Teile der Kollektion ziert, die durch Muster in Form von bewegten Wasseroberflächen, durch wellenförmige Säume und feucht-glänzende „Wet-Look“-Texturen besticht und dadurch direkt oder indirekt die Überfischung der Meere anprangert.

Weniger spielerisch und pop-referentiell, aber nicht minder mahnend, fiel der Appell des Briten Christopher Kane aus, der seine Mode für den kommenden Sommer mit den Worten kommentiert: „Wir leben dank Blumen und Bäumen, aber wir nehmen sie als selbstverständlich hin.“ Womit sich der hochtalentierte Modeschöpfer dem Frühlings-Thema schlechthin widmet: Blumen. Allerdings weder romantisch, noch verspielt oder mädchenhaft-unschuldig. Schemenhafte Blütenzeichnungen, wie wir sie aus dem Biologie-Buch kennen, übersetzt Kane in kunstvolle „Cut-outs“ auf glänzendem Satin. Dazu präsentiert er stilisierte, patchworkhafte Blüten auf schwarzem, semi-transparentem Chiffon – die trotz ihrer intensiven Farbgebung alles andere als leicht und unbeschwert anmuten. Vielmehr wirken seine Blumenvisionen zugleich düster und betörend, womit sie auf die ambivalente Beziehung des Menschen zur Natur verweisen, die gleichermaßen von Abhängigkeit wie von Zerstörung geprägt ist.

Ein Hoch auf Mutter Erde

Den Reichtum und die Vielfalt der Schöpfung als Ursprung unseres Daseins huldigen und sich gleichzeitig den technischen Fortschritt der Moderne clever zu Nutze machen – das war ein Motiv, das über alle vier Metropolen hinweg immer wieder auftauchte. So kristallisieren sich die Entwürfe von Akris, Giambattista Valli oder Phillip Lim als wegweisende Höhepunkte mit Potenzial für die Entwicklung der Mode und artverwandte Disziplinen heraus.

Sowohl der Mailänder Giambattista Valli, der seine Arbeiten inzwischen in Paris zeigt, als auch Phillip Lim, der seit wenigen Saisons in New York einen kometenhaften Aufstieg verbuchen kann, nutzen die Möglichkeiten des Digitaldrucks, um das Relief von Steinen oder Mineralien auf Seide zu übertragen. Bei Albert Kriemler, dem kreativen Kopf des Schweizer Labels „Akris“, sind es fotorealistische Bilder von Holzmaserungen, Bienenwaben oder Gras sowie ätherisch-zarte Silhouetten – hergestellt auf der Basis von hochkomplexen und filigranen „Cut-Out“-Techniken –, die an Schilf oder Algen erinnern, die seine Kollektion als modische Momentaufnahme mit präziser zeitgeistiger Relevanz qualifizieren. Kriemlers treffender Kommentar im Anschluss an sein Defilee im Pariser „Grand Palais”: „Ein Traum aus Stoffen und Natur – vorangetrieben mittels Techologie.”

Auch die Designerin Andrea Karg von „Allude“ hat sich bei ihrer Kollektion den Möglichkeiten der Technik verschrieben – wenngleich sie hierbei eher dem Handwerk Tribut zollt. Sie wolle, sagt sie, die Vielfalt und Wandelbarkeit von Kaschmir aufzeigen – und übertraf damit sämtliche Erwartungen. So bewegt sich Karg heraus aus der Sicherheitszone und statt zu sommerleichten Pullovern und Cardigans, verarbeitet sie ihr Lieblingsmaterial anti-zyklisch zu üppigem Strick. Herausgekommen sind komplexe Zopf- und Fransen-Kreationen, überwiegend in Off-White, die sichtbare Nähte und den Verlauf des Garns als Ausdruck von „handmade“ offenlegen. Mit ihrer bis dato spektakulärsten Kollektion beweist die Münchner Designerin nicht nur ihr Gespür für Ursprünglichkeit, sondern etabliert auch eine neue Form von Couture, eine neue Definition von Luxus – jenseits von vordergründiger Opulenz und effekthascherischem Prunk. Auch der Japaner Junya Watanabe verfährt nach dem handwerklichen Grundprinzip und zeigt an der Seine drapierte Silhouetten aus simplem Jersey, die ihre Besonderheit aus aufwändigen Franseneffekten in Wild-West-Manier beziehen.

Céline - konkurrenzlos eigensinnig

Dass sich der modische Zeitgeist gern authentisch und individuell gibt, stellt nicht zuletzt Phoebe Philo, eine der aktuell gefeiertesten Designerinnen, eindrucksvoll für „Céline“ unter Beweis. Während sie bis dato mit intellektuellem Minimalismus glänzte, läutet sie zur aktuellen Saison einen Paradigmenwechsel ein, der mehr als überrascht und sich unter der Headline „back to the roots“ verorten lässt. Ihre Kollektion, inspiriert von den Werken des ungarisch-französischen Fotografen Brassaï, der über viele Jahre hinweg mit seiner Kamera Graffitis an Pariser Hauswänden festhielt, wirkt zum ersten Mal nicht verkopft, sondern mit den überwiegend in Primärfarben gehaltenen Prints plakativ, spontan und konkurrenzlos eigensinnig. Sie selbst beschreibt ihre Idee mit folgenden Worten: „Meine Kollektion ist von einer Menge Emotion inspiriert. Es war an der Zeit, diesen Schritt zu gehen. Ich habe es nie analysiert, es kam einfach intuitiv hervor.“

Mithin lässt sich feststellen: Emotion geht nun auch in der Mode vor Konzept. Das zufällige Arrangement, der intuitive Ansatz ersetzt einen wohldurchdachten Masterplan. Die Absage an den Perfektionismus und die Lust an der gekonnten Improvisation avancieren zu neuen Leitmotiven und ebnen der Mode von heute den Weg in die Zukunft.



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Was bestimmt die Mode des Sommers 2014? Setzen die Designer weiterhin auf Retro oder finden sie neue Ausdrucksformen? Ein Bericht von den Schauen in New York, London, Mailand und Paris mit einem Blick auf die offensichtlichen und versteckten Botschaften der zeitgenössischen Mode. Teil 1 der Catwalk-Analyse.
New York – London – Mailand – Paris. Vier Metropolen, die zuletzt den internationalen Designern wie alle halbe Jahre wieder eine Bühne boten, um vorzuführen, was die Mode im Sommer 2014 bestimmt. Zeigen sie weiterhin Retro-Loops und bewährte Stil-Rezepte oder finden sie endlich neue kreative Ausdrucksformen? Wie viel haben die Ideen von Kleid mit unserem Alltag zu tun? Inwieweit spiegeln sie ein kollektives Lebensgefühl wider und können tatsächlich Kritik an der Gesellschaft üben? Und nicht zuletzt, welche Botschaften sendet die schnelllebige Mode, des Zeitgeists liebstes Kind, an Architekten und Produktdesigner?

Zwischen purem Protest und anziehendem Appell

Das erste positive Resümee der zurückliegenden Schauenrunde lässt sich mit drei Worten zusammenfassen: Retro is over. Endgültig. Das redundante Leitmotiv der vergangenen Saisons, das Schwelgen in modischen Codes der Nachkriegsdekaden scheint seine Faszination – die sicher auch daher rührte, dass Bewährtes mit Sicherheit und Verlässlichkeit gleichzusetzen ist – endgültig verloren zu haben. Stattdessen liegt eine Saison vor uns, die explizit radikal ist.

Mehr denn je findet die Mode zu ihrer Kommentarfunktion zurück, übt Kritik an herrschenden Zu- oder Missständen. Nehmen wir die Präsentation von „Comme des Garçons“ in Paris. Alt-Meisterin Rei Kawakubo, seit nunmehr 44 Jahren in ihrer Rolle als vielleicht einflussreichste Avantgarde-Designerin aktiv, propagiert starre textile Kunstwerke, untragbare Kleiderkäfige, die den Körper in seiner Mobilität mehr einengen als ihm Freiraum zu gewähren. Jede der 23 Kreationen wurde begleitet von einem eigenen Musik-Stück – zwischen einlullenden Opern-Arien des 18. Jahrhunderts und nervenzerrend-schrillem Elektro-Sound der 1980er Jahre. Kawakubo, die sich seit jeher dem Anspruch stellt, die eigenen Grenzen und die ihres Metiers zu hinterfragen, formuliert damit ein unmissverständliches Statement: Die Evolution der Mode hat ihren Zenit überschritten. Angesichts des übermächtigen Marketing- und Sales-Apparats, der nicht nur diese Branche dominiert, gibt es keinen Raum mehr, in dem sich die Kreativität der Macher frei entfalten kann. Zu sehr stehen kommerzielle Aspekte und Überlegungen bei der Kollektionserstellung im Vordergrund, zu sehr schränkt die enge Taktung des Systems den Freigeist des Schöpfers ein.

Gleichermaßen aufrührerisch und nicht minder unverkäuflich gibt sich, was Rick Owens in der Seine-Metropole über den Catwalk schickte – wenngleich sein Signal eher mit Befreiung statt mit Begrenzung zu tun hat. Kraftstrotzende, korpulente Amazonen, meist afro-amerikanischer Herkunft, vollführten eine absurde Mixtur aus Stepptanz, Cheerleading und militanter Drill-Parade, gekleidet in kurze, drapierte Kleider in typisch androgynem Owens-Stil, die zwar maximale Bewegungsfreiheit erlaubten, jedoch weit von einer ästhetischen Idee von Mode entfernt auftreten. Die Kritik am vorherrschenden Mode-System wurde darüber hinaus durch die Mimik und Gestik der Protagonistinnen deutlich, die mit ihren spitzen Mündern, weit aufgerissenen oder zusammengekniffenen Augen sowie übertriebenen Hüftschwüngen eine Parodie auf das kultivierte Model-Gebaren ablieferten.
Der trockene Kommentar des Wahl-Parisers mit amerikanischen Wurzeln: „Wir verwerfen das konventionelle Schönheitsideal und kreieren ein eigenes.“ Er wolle, so Owens, mit dieser Performance einen Teil seiner Welt reflektieren, womit er auf eine von Unterdrückung und Ablehnung geprägte Politik anspielt.

Kein Fisch, keine Mode

Während sowohl Owens als auch Kawakubo ihr Defilee als Kritik am System der Mode und an der Gesellschaft als solcher inszenierten und darauf verzichteten, eine echte Mode-Idee zu propagieren, zeigten andere Designer – allen voran Christopher Kane oder Humberto Leon und Carol Lim für Kenzo –überzeugende, ernst zu nehmende Visionen mit hohem ästhetischen Anspruch. Bei Kenzo lautet sie unmissverständlich: „No fish, no nothing“. Ein Slogan, der Teile der Kollektion ziert, die durch Muster in Form von bewegten Wasseroberflächen, durch wellenförmige Säume und feucht-glänzende „Wet-Look“-Texturen besticht und dadurch direkt oder indirekt die Überfischung der Meere anprangert.

Weniger spielerisch und pop-referentiell, aber nicht minder mahnend, fiel der Appell des Briten Christopher Kane aus, der seine Mode für den kommenden Sommer mit den Worten kommentiert: „Wir leben dank Blumen und Bäumen, aber wir nehmen sie als selbstverständlich hin.“ Womit sich der hochtalentierte Modeschöpfer dem Frühlings-Thema schlechthin widmet: Blumen. Allerdings weder romantisch, noch verspielt oder mädchenhaft-unschuldig. Schemenhafte Blütenzeichnungen, wie wir sie aus dem Biologie-Buch kennen, übersetzt Kane in kunstvolle „Cut-outs“ auf glänzendem Satin. Dazu präsentiert er stilisierte, patchworkhafte Blüten auf schwarzem, semi-transparentem Chiffon – die trotz ihrer intensiven Farbgebung alles andere als leicht und unbeschwert anmuten. Vielmehr wirken seine Blumenvisionen zugleich düster und betörend, womit sie auf die ambivalente Beziehung des Menschen zur Natur verweisen, die gleichermaßen von Abhängigkeit wie von Zerstörung geprägt ist.

Ein Hoch auf Mutter Erde

Den Reichtum und die Vielfalt der Schöpfung als Ursprung unseres Daseins huldigen und sich gleichzeitig den technischen Fortschritt der Moderne clever zu Nutze machen – das war ein Motiv, das über alle vier Metropolen hinweg immer wieder auftauchte. So kristallisieren sich die Entwürfe von Akris, Giambattista Valli oder Phillip Lim als wegweisende Höhepunkte mit Potenzial für die Entwicklung der Mode und artverwandte Disziplinen heraus.

Sowohl der Mailänder Giambattista Valli, der seine Arbeiten inzwischen in Paris zeigt, als auch Phillip Lim, der seit wenigen Saisons in New York einen kometenhaften Aufstieg verbuchen kann, nutzen die Möglichkeiten des Digitaldrucks, um das Relief von Steinen oder Mineralien auf Seide zu übertragen. Bei Albert Kriemler, dem kreativen Kopf des Schweizer Labels „Akris“, sind es fotorealistische Bilder von Holzmaserungen, Bienenwaben oder Gras sowie ätherisch-zarte Silhouetten – hergestellt auf der Basis von hochkomplexen und filigranen „Cut-Out“-Techniken –, die an Schilf oder Algen erinnern, die seine Kollektion als modische Momentaufnahme mit präziser zeitgeistiger Relevanz qualifizieren. Kriemlers treffender Kommentar im Anschluss an sein Defilee im Pariser „Grand Palais”: „Ein Traum aus Stoffen und Natur – vorangetrieben mittels Techologie.”

Auch die Designerin Andrea Karg von „Allude“ hat sich bei ihrer Kollektion den Möglichkeiten der Technik verschrieben – wenngleich sie hierbei eher dem Handwerk Tribut zollt. Sie wolle, sagt sie, die Vielfalt und Wandelbarkeit von Kaschmir aufzeigen – und übertraf damit sämtliche Erwartungen. So bewegt sich Karg heraus aus der Sicherheitszone und statt zu sommerleichten Pullovern und Cardigans, verarbeitet sie ihr Lieblingsmaterial anti-zyklisch zu üppigem Strick. Herausgekommen sind komplexe Zopf- und Fransen-Kreationen, überwiegend in Off-White, die sichtbare Nähte und den Verlauf des Garns als Ausdruck von „handmade“ offenlegen. Mit ihrer bis dato spektakulärsten Kollektion beweist die Münchner Designerin nicht nur ihr Gespür für Ursprünglichkeit, sondern etabliert auch eine neue Form von Couture, eine neue Definition von Luxus – jenseits von vordergründiger Opulenz und effekthascherischem Prunk. Auch der Japaner Junya Watanabe verfährt nach dem handwerklichen Grundprinzip und zeigt an der Seine drapierte Silhouetten aus simplem Jersey, die ihre Besonderheit aus aufwändigen Franseneffekten in Wild-West-Manier beziehen.

Céline - konkurrenzlos eigensinnig

Dass sich der modische Zeitgeist gern authentisch und individuell gibt, stellt nicht zuletzt Phoebe Philo, eine der aktuell gefeiertesten Designerinnen, eindrucksvoll für „Céline“ unter Beweis. Während sie bis dato mit intellektuellem Minimalismus glänzte, läutet sie zur aktuellen Saison einen Paradigmenwechsel ein, der mehr als überrascht und sich unter der Headline „back to the roots“ verorten lässt. Ihre Kollektion, inspiriert von den Werken des ungarisch-französischen Fotografen Brassaï, der über viele Jahre hinweg mit seiner Kamera Graffitis an Pariser Hauswänden festhielt, wirkt zum ersten Mal nicht verkopft, sondern mit den überwiegend in Primärfarben gehaltenen Prints plakativ, spontan und konkurrenzlos eigensinnig. Sie selbst beschreibt ihre Idee mit folgenden Worten: „Meine Kollektion ist von einer Menge Emotion inspiriert. Es war an der Zeit, diesen Schritt zu gehen. Ich habe es nie analysiert, es kam einfach intuitiv hervor.“

Mithin lässt sich feststellen: Emotion geht nun auch in der Mode vor Konzept. Das zufällige Arrangement, der intuitive Ansatz ersetzt einen wohldurchdachten Masterplan. Die Absage an den Perfektionismus und die Lust an der gekonnten Improvisation avancieren zu neuen Leitmotiven und ebnen der Mode von heute den Weg in die Zukunft.



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