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Endspurt 06:
Der Kuss und die Küsse
von Thomas Wagner | 6. Dezember 2015
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Küssen ist eine feine Sache. Frisch Verliebte mögen auch in der Öffentlichkeit kaum davon lassen, und sogar die Lenker sozialistischer Staaten praktizierten einst den Bruderkuss als Zeichen der innigen Verbundenheit ihrer Völker vor aller Augen. Liebe, Kuss und Bildpolitik rücken eben gern eng aneinander, mit Folgen für das Verhältnis des Lebens zur Kunst, in der man sich, in Zeiten permanenter Gefühlsproduktion, allzu gerne selbstvergewissernd spiegelt.

Wer das eher kahle Foyer der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere in Wien betritt, der stößt sogleich auf eine Staffelei, die ein Gemälde präsentiert: „Der Kuss“ von Gustav Klimt. Man ist hinreichend irritiert. Klimts wohl berühmtestes Gemälde, diese Ikone des Wiener Jugendstils und seiner „goldenen Periode“, hier, ganz ungeschützt und unbewacht gleich hinter der Eingangstür? Kann das sein? Ein Schild neben der Staffelei schafft Klarheit. Versehen mit einem nach rechts weisenden Pfeil steht da: „KISS Selfie Point“. Und darunter, nun verweist ein Pfeil nach links und auf einen anderen Weg: „Original KISS First Floor“.

Andrang herrscht vor dem „Selfie Point“ gerade nicht; die nächste Gruppe aber ist schon im Anmarsch. Betritt man dann den Raum im ersten Obergeschoss, in dem das originale Gemälde hängt, so beginnt man zu verstehen: Bei der Kopie im Eingang handelt es sich um einen Akt der Notwehr. Derart viele junge, verliebte Paare – viele davon aus Asien – drängen sich hier vor Klimts güldenem, innig ineinander verschlungenen und sich küssendem Paar, dass nicht im Traum daran zu denken ist, sich zu zweien davor abzulichten oder ablichten zu lassen. Was für Verliebte und im Angesichts von Klimts epochalem „Kuss“ aber offenbar unausweichlich ist. Sollen doch auch die daheimgeblieben Freunde via Facebook, Instagram oder Twitter daran teilhaben, wenn Kunst und Leben so innig verschmelzen wie zwei Verliebte im Kuss. Dazu passt, dass jede Art von Selbstporträt, stamme es auch aus einer noch so weit zurückliegenden Epoche, in Museen inzwischen häufig unter die Rubrik „Selfie“ fällt. Nicht betont werden muss, dass „der Kuss“ auch im Museumsshop in zahllosen Größen und Varianten bis hin zur Schneekugel zum Verkauf angeboten wird.
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 06:
Der Kuss und die Küsse
von Thomas Wagner | 6. Dezember 2015
Was die „Mona Lisa“ für den Pariser Louvre, das ist Gustav Klimts „Kuss“ für die Österreichische Galerie im Obere Belvedere in Wien. Mit Folgen im Foyer
Küssen ist eine feine Sache. Frisch Verliebte mögen auch in der Öffentlichkeit kaum davon lassen, und sogar die Lenker sozialistischer Staaten praktizierten einst den Bruderkuss als Zeichen der innigen Verbundenheit ihrer Völker vor aller Augen. Liebe, Kuss und Bildpolitik rücken eben gern eng aneinander, mit Folgen für das Verhältnis des Lebens zur Kunst, in der man sich, in Zeiten permanenter Gefühlsproduktion, allzu gerne selbstvergewissernd spiegelt.

Wer das eher kahle Foyer der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere in Wien betritt, der stößt sogleich auf eine Staffelei, die ein Gemälde präsentiert: „Der Kuss“ von Gustav Klimt. Man ist hinreichend irritiert. Klimts wohl berühmtestes Gemälde, diese Ikone des Wiener Jugendstils und seiner „goldenen Periode“, hier, ganz ungeschützt und unbewacht gleich hinter der Eingangstür? Kann das sein? Ein Schild neben der Staffelei schafft Klarheit. Versehen mit einem nach rechts weisenden Pfeil steht da: „KISS Selfie Point“. Und darunter, nun verweist ein Pfeil nach links und auf einen anderen Weg: „Original KISS First Floor“.

Andrang herrscht vor dem „Selfie Point“ gerade nicht; die nächste Gruppe aber ist schon im Anmarsch. Betritt man dann den Raum im ersten Obergeschoss, in dem das originale Gemälde hängt, so beginnt man zu verstehen: Bei der Kopie im Eingang handelt es sich um einen Akt der Notwehr. Derart viele junge, verliebte Paare – viele davon aus Asien – drängen sich hier vor Klimts güldenem, innig ineinander verschlungenen und sich küssendem Paar, dass nicht im Traum daran zu denken ist, sich zu zweien davor abzulichten oder ablichten zu lassen. Was für Verliebte und im Angesichts von Klimts epochalem „Kuss“ aber offenbar unausweichlich ist. Sollen doch auch die daheimgeblieben Freunde via Facebook, Instagram oder Twitter daran teilhaben, wenn Kunst und Leben so innig verschmelzen wie zwei Verliebte im Kuss. Dazu passt, dass jede Art von Selbstporträt, stamme es auch aus einer noch so weit zurückliegenden Epoche, in Museen inzwischen häufig unter die Rubrik „Selfie“ fällt. Nicht betont werden muss, dass „der Kuss“ auch im Museumsshop in zahllosen Größen und Varianten bis hin zur Schneekugel zum Verkauf angeboten wird.