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Endspurt 10:
Mit gutem Gewissen
von Adeline Seidel | 10. Dezember 2015
Screenshot der Google-Ergebnisse zur Suche "Passivhaus+Fertighaus".
Es war keineswegs nur eine Mode und mehr als ein architektonisches Sommermärchen: das Passivhaus. Ein Haus, bei dem der Heizwärmebedarf nach Definition nicht mehr als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr betragen darf – und eine Architekturlösung, die helfen sollte, das Klima zu retten. Das erste Passivhaus in Deutschland wurde vor gut 24 Jahren in Darmstadt errichtet: Vier private Reihenhäuser, entwickelt von den Architekten Prof. Bott, Ridder, Westermeyer. Und weil die Baukosten aufgrund der einzeln gefertigten Komponenten erheblich höher lagen als bei konventionellen Bauten, förderte das hessische Umweltministerium dieses Projekt. Und ja: Die Heizkosten waren im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise erheblich geringer.

Zwischen 2005 und 2007 erreichte der Begriff „Passivhaus“ in dem Analysetool „Google Trends“ seinen medialen Höhepunkt. Es war die Zeit, als auch das damals noch frische und hippe Getränk „Bionade“ unter dem Begriff „Bionade Biedermeier“ einen schalen Beigeschmack bekam, während Biosupermärkte aus dem Boden des Prenzlauer Berges sprießten. In den Fachmedien erregte der Begriff „Passivhaus“ bereits Ende der 1990er-Jahre verstärkt Aufmerksamkeit. Und auch an den Hochschulen wurde die Passivhausbauweise als das Nonplusultra einer neuen „grünen“ Architektur gepriesen. Um den Begriff entstand mit der Zeit eine ganze Markenwelt. Es gibt das Passivhaus-Institut mit Sitz in – Sie ahnen es – Darmstadt, und verschiedene Webseiten, auf denen sich „Fans“ austauschen. Selbst Fertighäuser in dieser Bauweise sind auf dem Markt zu finden, und, als Steigerungsform, das „Bio-Passiv-Haus“, das laut Anbieter „ohne Lüftungsanlage, ohne Dampfsperre und ohne Dampfbremse“ auskommt.

Kein Zweifel, das Passivhaus wurde zum Heilsbringer für all jene, die dankbar sind, dass es eine Lösung für lästige Umweltprobleme gibt, ohne dass sie gleich ihre Lebensweise ändern und ihren Lebensstandard einschränken müssten. Tendenziell also für uns alle. Ganz so, wie es der Bio-Neoliberalismus proklamiert: Konsumiere nachhaltig und Du rettest den Planeten. Verzichten musst Du dabei auf nichts.

Die Begeisterung über das Passivhaus aber lässt sukzessive nach. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland zwischen 2001 und 2009 durchschnittlich 28 Wohngebäude jährlich im Passivhausstandard errichtet. 2011 stieg die Zahl auf 311 und erreichte 2012 mit 408 Neubauten ihren Höhepunkt. Seit 2013 sinkt ihre Zahl rapide. 2014 sollen gerade einmal 216 neue Passivhäuser errichtet worden sein. Und nun zieht auch noch eine Studie der Bauweise den Boden unter den Fundamenten weg. Die Wiesbadener Wohnbaugesellschaft GWW hatte 2012 einen bundesweit bislang einmaligen Modellversuch gestartet: Man errichtete vier baugleiche Mehrfamilienhäuser, zwei davon nach den damals gültigen Bauvorschriften, zwei in Passivbauweise, die ohne oder nur mit geringem Heizbedarf auskommen sollten. Zwar lag der Heizverbrauch der beiden Passivhäuser knapp 18 Prozent unter dem der Standardwohnbauten, doch verbrauchten sie im Gegenzug knapp dreimal mehr Strom. Ein Grund dafür wird im Betrieb der technischen Anlagen, etwa der Entlüftung, gesehen. Hinzu kommt, dass die Mieter der Passivhäuser eine höhere Miete zahlen müssen. Mit anderen Worten: Was an Heizenergie gespart wird, verpulvert das Passivhaus beim Stromverbrauch. Und angesichts akuter Wohnraumnot und ohnehin steigender Mieten in Ballungszentren, schlagen auch noch die höheren Baukosten der Passivhäuser negativ zu Buche.

Untern Strich spart man also nichts: Weder Energie, noch Geld. Hätte man es ahnen können? Sind bisher nicht alle standardisierten und schnellen Antworten auf Umweltprobleme gescheitert, weil sie zu kurz gedacht waren? Wurde nicht auch die Glühbirne mit einigem Aufwand zugunsten der Energiesparlampe aus unseren Leuchten verbannt, obgleich die Sparvariante aufgrund des in ihr enthaltenen Quecksilbers als Sondermüll gilt und entsprechend aufwendig entsorgt werden muss? Favorisiert man in Deutschland nicht noch immer mit moralisch erhobenem Zeigefinger das „Duale System“, obwohl Teile des sorgsam getrennten Hausmülls ins Ausland wandern, statt recycelt zu werden? Und dämmern wir unsere Häuser etwa nicht mit Polystyrol, wohlwissend, dass damit mal wieder reichlich Sondermüll produziert wird und gefährliche Brandlasten entstehen können?
Und ja, wir scheuen auch nicht davor zurück, einen Jahrhunderte alten Fachbegriff aus der Forstwirtschaft zu entstauben, um damit Services, Produkte und Lebensvorstellungen als nachhaltig zu bewerben, worüber sich besonders Hersteller und Lobbyisten freuen. Wesentliche Effekte auf Klimaentwicklung und Umwelt sind bei alledem leider kaum herausgekommen.

Gleichwohl gibt es neue Hoffnung. Nun heißen die neuen Heilsbringer „Aktivhaus“, „Energie-plus-Haus“ oder gar „Aktiv Energiehaus“. Solche Häuser unterscheiden sich architektonisch vom Passivhaus meist nur dadurch, dass sie etwas großzügigere Fensterflächen aufweisen. Vielleicht um zu zeigen: „Ich darf’s, schließlich mach ich mir meine Energie selbst.“ Hat das Europäische Parlament, um die Energieeffizienz zu verbessern und den Klimazielen der Europäischen Union näher zukommen, doch beschlossen, dass von 2018 an sämtliche Neubauten die Energie, die sie verbrauchen, selbst produzieren müssen. Schön und gut, wenn es denn funktioniert. Bis zu wirklich innovativen und nachhaltigen, auch sozial und ästhetisch überzeugenden und deshalb tatsächlich weitsichtigen architektonischen Lösungen hat aber auch das noch wenig zu tun. Ob Passiv- oder Aktivhaus – wir können uns keine weiteren Irrtümer leisten.
Screenshot der Google-Ergebnisse zur Suche "Plusenergiehaus+Fertighaus".
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 10:
Mit gutem Gewissen
von Adeline Seidel | 10. Dezember 2015
War das Passivhaus etwa nur ein architektonischer Kurzschluss? Wird mit dem Aktivhaus nun alles besser?
Es war keineswegs nur eine Mode und mehr als ein architektonisches Sommermärchen: das Passivhaus. Ein Haus, bei dem der Heizwärmebedarf nach Definition nicht mehr als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr betragen darf – und eine Architekturlösung, die helfen sollte, das Klima zu retten. Das erste Passivhaus in Deutschland wurde vor gut 24 Jahren in Darmstadt errichtet: Vier private Reihenhäuser, entwickelt von den Architekten Prof. Bott, Ridder, Westermeyer. Und weil die Baukosten aufgrund der einzeln gefertigten Komponenten erheblich höher lagen als bei konventionellen Bauten, förderte das hessische Umweltministerium dieses Projekt. Und ja: Die Heizkosten waren im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise erheblich geringer.

Zwischen 2005 und 2007 erreichte der Begriff „Passivhaus“ in dem Analysetool „Google Trends“ seinen medialen Höhepunkt. Es war die Zeit, als auch das damals noch frische und hippe Getränk „Bionade“ unter dem Begriff „Bionade Biedermeier“ einen schalen Beigeschmack bekam, während Biosupermärkte aus dem Boden des Prenzlauer Berges sprießten. In den Fachmedien erregte der Begriff „Passivhaus“ bereits Ende der 1990er-Jahre verstärkt Aufmerksamkeit. Und auch an den Hochschulen wurde die Passivhausbauweise als das Nonplusultra einer neuen „grünen“ Architektur gepriesen. Um den Begriff entstand mit der Zeit eine ganze Markenwelt. Es gibt das Passivhaus-Institut mit Sitz in – Sie ahnen es – Darmstadt, und verschiedene Webseiten, auf denen sich „Fans“ austauschen. Selbst Fertighäuser in dieser Bauweise sind auf dem Markt zu finden, und, als Steigerungsform, das „Bio-Passiv-Haus“, das laut Anbieter „ohne Lüftungsanlage, ohne Dampfsperre und ohne Dampfbremse“ auskommt.

Kein Zweifel, das Passivhaus wurde zum Heilsbringer für all jene, die dankbar sind, dass es eine Lösung für lästige Umweltprobleme gibt, ohne dass sie gleich ihre Lebensweise ändern und ihren Lebensstandard einschränken müssten. Tendenziell also für uns alle. Ganz so, wie es der Bio-Neoliberalismus proklamiert: Konsumiere nachhaltig und Du rettest den Planeten. Verzichten musst Du dabei auf nichts.

Die Begeisterung über das Passivhaus aber lässt sukzessive nach. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland zwischen 2001 und 2009 durchschnittlich 28 Wohngebäude jährlich im Passivhausstandard errichtet. 2011 stieg die Zahl auf 311 und erreichte 2012 mit 408 Neubauten ihren Höhepunkt. Seit 2013 sinkt ihre Zahl rapide. 2014 sollen gerade einmal 216 neue Passivhäuser errichtet worden sein. Und nun zieht auch noch eine Studie der Bauweise den Boden unter den Fundamenten weg. Die Wiesbadener Wohnbaugesellschaft GWW hatte 2012 einen bundesweit bislang einmaligen Modellversuch gestartet: Man errichtete vier baugleiche Mehrfamilienhäuser, zwei davon nach den damals gültigen Bauvorschriften, zwei in Passivbauweise, die ohne oder nur mit geringem Heizbedarf auskommen sollten. Zwar lag der Heizverbrauch der beiden Passivhäuser knapp 18 Prozent unter dem der Standardwohnbauten, doch verbrauchten sie im Gegenzug knapp dreimal mehr Strom. Ein Grund dafür wird im Betrieb der technischen Anlagen, etwa der Entlüftung, gesehen. Hinzu kommt, dass die Mieter der Passivhäuser eine höhere Miete zahlen müssen. Mit anderen Worten: Was an Heizenergie gespart wird, verpulvert das Passivhaus beim Stromverbrauch. Und angesichts akuter Wohnraumnot und ohnehin steigender Mieten in Ballungszentren, schlagen auch noch die höheren Baukosten der Passivhäuser negativ zu Buche.

Untern Strich spart man also nichts: Weder Energie, noch Geld. Hätte man es ahnen können? Sind bisher nicht alle standardisierten und schnellen Antworten auf Umweltprobleme gescheitert, weil sie zu kurz gedacht waren? Wurde nicht auch die Glühbirne mit einigem Aufwand zugunsten der Energiesparlampe aus unseren Leuchten verbannt, obgleich die Sparvariante aufgrund des in ihr enthaltenen Quecksilbers als Sondermüll gilt und entsprechend aufwendig entsorgt werden muss? Favorisiert man in Deutschland nicht noch immer mit moralisch erhobenem Zeigefinger das „Duale System“, obwohl Teile des sorgsam getrennten Hausmülls ins Ausland wandern, statt recycelt zu werden? Und dämmern wir unsere Häuser etwa nicht mit Polystyrol, wohlwissend, dass damit mal wieder reichlich Sondermüll produziert wird und gefährliche Brandlasten entstehen können?
Und ja, wir scheuen auch nicht davor zurück, einen Jahrhunderte alten Fachbegriff aus der Forstwirtschaft zu entstauben, um damit Services, Produkte und Lebensvorstellungen als nachhaltig zu bewerben, worüber sich besonders Hersteller und Lobbyisten freuen. Wesentliche Effekte auf Klimaentwicklung und Umwelt sind bei alledem leider kaum herausgekommen.

Gleichwohl gibt es neue Hoffnung. Nun heißen die neuen Heilsbringer „Aktivhaus“, „Energie-plus-Haus“ oder gar „Aktiv Energiehaus“. Solche Häuser unterscheiden sich architektonisch vom Passivhaus meist nur dadurch, dass sie etwas großzügigere Fensterflächen aufweisen. Vielleicht um zu zeigen: „Ich darf’s, schließlich mach ich mir meine Energie selbst.“ Hat das Europäische Parlament, um die Energieeffizienz zu verbessern und den Klimazielen der Europäischen Union näher zukommen, doch beschlossen, dass von 2018 an sämtliche Neubauten die Energie, die sie verbrauchen, selbst produzieren müssen. Schön und gut, wenn es denn funktioniert. Bis zu wirklich innovativen und nachhaltigen, auch sozial und ästhetisch überzeugenden und deshalb tatsächlich weitsichtigen architektonischen Lösungen hat aber auch das noch wenig zu tun. Ob Passiv- oder Aktivhaus – wir können uns keine weiteren Irrtümer leisten.