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Endspurt 12:
Ruhe, Bewegung, Wiederholung
von Thomas Wagner | 12. Dezember 2015
Foto © Studio Eric Tschernow
Auf das Ungewisse kann man nicht rechnen. Es lässt sich nicht vorhersehen – es geschieht, wenn es geschieht. Entscheidungen aber sind zu treffen. Wie auf den Zeichnungen von Christiane Schlosser. Etwa, wenn feine horizontale und freihändig gezeichnete rote Linien über ein großes Blatt gezogen werden, um plötzlich in einem kurzen kecken Gegenzug ins Vertikale zu enden. Mal kehrt eine Linie um, mal knickt eine andere ab oder bricht aus. Ganz selbstverständlich, unwillkürlich, nie dramatisch. Gleichwohl, die Entscheidung ist gefallen und es entsteht eine Lücke. Dann wird neu angesetzt, beginnt die nächste Linie. Bis Linie an Linie, Spur an Spur gereiht sind und das gesamte Blatt bedeckt ist. Bis ein Rhythmus sich gebildet hat, Zeit und Prozess sichtbar und erlebbar geworden sind.

Christiane Schlosser reduziert ihre Bilder in Form und Farbe auf das Notwendige – und es erwachsen daraus Freiräume und Denkräume, in die der Betrachter eintauchen, in die er sich vertiefen kann. Um eine Erfahrung zu machen. Ein Blatt – oft misst es 100 mal 150 Zentimeter – ist für sie ein Gebiet, das sie zeichnend abschreitet, durchwandert, erkundet, um eine ganz eigene Art von Feldforschung zu betreiben. Um sich zu orientieren, um Spuren zu legen und ihnen nachzugehen. Um sich den Spuren selbst und ihren Überlagerungen zu überlassen und sich ihrer zu vergewissern. Und um die Wahrnehmung zu schärfen für Unterschiede, die entstehen, auf- und abtauchen, die der Betrachter erkennt und wieder aus dem Auge verliert. Unterschiede, die leicht zu übersehen, aber da sind. Unterschiede, die zählen. Zum Beispiel, wenn die Künstlerin in dichter Folge und wie stets von oben links nach unten rechts, blaue Bahnen über ein Blatt legt, zwischen denen weiße Rechtecke wie Erinnerungen an den Bildgrund aufblitzen, der alles trägt und zugleich verschwindet in diesem Meer aus Blau.

Je weiter etwas entfernt sei, je größer die Distanz werde, sagt Christiane Schlosser, desto mehr löse sich der Gegenstand in der Wahrnehmung auf und werde zum Punkt. Also setzt sie auch Punkte aufs Papier, einen nach dem anderen, in immer gleichem Abstand. Erst in einem hellen Orange, dann in Magenta. Ein Punkt überlagert den anderen, es entsteht Raum, es bilden sich Kreuzungspunkte – ein Raster, auf dem die Punkte zu tanzen beginnen. Die Freude darüber, wie sie über das Papier krabbeln, ist unverkennbar.

Ruhe, hat der Künstler und Komponist John Cage festgestellt, bedeute Freiheit von Neigungen und Abneigungen. Rhythmus als eine Form der Bewegung, hat der Cellist Pablo Casals gesagt, sei Verzögerung. Es bedürfe einer Wiederholung, um mit einer Gesetzmäßigkeit brechen und einen Verlauf ändern zu können, hat der Philosoph Sören Kierkegaard erkannt. Ruhe, Bewegung und Wiederholung bestimmen auch die Zeichnungen von Christiane Schlosser. Sie entwickeln sich jeweils aus den vorherigen und sie zeugen vom Versuch, wach, aber behutsam etwas Ordnung in die Verhältnisse zu bringen. Wenn oben, unten, vorne, hinten, rechts und links auf ihren Blättern so gleich gültig erscheinen wie vorher und nachher, gleich und jetzt, bald und später, dann deshalb, weil nur so Überraschendes sich zeigen kann – auf einem Blatt Papier nicht anders als im Leben und im Denken. Auf das Ungewisse kann man nicht rechnen. Entscheidungen aber wollen getroffen werden.


Arbeiten von Christiane Schlosser
sind in der Galerie Kim Behm
Untermainkai 20
D-60329 Frankfurt am Main
noch bis zum 19. Dezember
in der Ausstellung „Coffeetalk“

und vom 9. Januar bis zum 20. Februar 2016 in der Schau
„4 Zeichnungen. Lucie Beppler Barbara Hindahl, Dorothee Rocke, Christiane Schlosser“ zu sehen.
Und vom 4. Februar bis zum 28. März 2016
in der Ausstellung „Deltabeben“
in der Kunsthalle Mannheim.

Foto © Studio Eric Tschernow
Foto © Studio Eric Tschernow
Foto © Studio Eric Tschernow
Foto © Studio Eric Tschernow
Foto © Studio Eric Tschernow
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 12:
Ruhe, Bewegung, Wiederholung
von Thomas Wagner | 12. Dezember 2015
In den Zeichnungen von Christiane Schlosser wird der aufmerksame Betrachter immer von Neuem überrascht.
Auf das Ungewisse kann man nicht rechnen. Es lässt sich nicht vorhersehen – es geschieht, wenn es geschieht. Entscheidungen aber sind zu treffen. Wie auf den Zeichnungen von Christiane Schlosser. Etwa, wenn feine horizontale und freihändig gezeichnete rote Linien über ein großes Blatt gezogen werden, um plötzlich in einem kurzen kecken Gegenzug ins Vertikale zu enden. Mal kehrt eine Linie um, mal knickt eine andere ab oder bricht aus. Ganz selbstverständlich, unwillkürlich, nie dramatisch. Gleichwohl, die Entscheidung ist gefallen und es entsteht eine Lücke. Dann wird neu angesetzt, beginnt die nächste Linie. Bis Linie an Linie, Spur an Spur gereiht sind und das gesamte Blatt bedeckt ist. Bis ein Rhythmus sich gebildet hat, Zeit und Prozess sichtbar und erlebbar geworden sind.

Christiane Schlosser reduziert ihre Bilder in Form und Farbe auf das Notwendige – und es erwachsen daraus Freiräume und Denkräume, in die der Betrachter eintauchen, in die er sich vertiefen kann. Um eine Erfahrung zu machen. Ein Blatt – oft misst es 100 mal 150 Zentimeter – ist für sie ein Gebiet, das sie zeichnend abschreitet, durchwandert, erkundet, um eine ganz eigene Art von Feldforschung zu betreiben. Um sich zu orientieren, um Spuren zu legen und ihnen nachzugehen. Um sich den Spuren selbst und ihren Überlagerungen zu überlassen und sich ihrer zu vergewissern. Und um die Wahrnehmung zu schärfen für Unterschiede, die entstehen, auf- und abtauchen, die der Betrachter erkennt und wieder aus dem Auge verliert. Unterschiede, die leicht zu übersehen, aber da sind. Unterschiede, die zählen. Zum Beispiel, wenn die Künstlerin in dichter Folge und wie stets von oben links nach unten rechts, blaue Bahnen über ein Blatt legt, zwischen denen weiße Rechtecke wie Erinnerungen an den Bildgrund aufblitzen, der alles trägt und zugleich verschwindet in diesem Meer aus Blau.

Je weiter etwas entfernt sei, je größer die Distanz werde, sagt Christiane Schlosser, desto mehr löse sich der Gegenstand in der Wahrnehmung auf und werde zum Punkt. Also setzt sie auch Punkte aufs Papier, einen nach dem anderen, in immer gleichem Abstand. Erst in einem hellen Orange, dann in Magenta. Ein Punkt überlagert den anderen, es entsteht Raum, es bilden sich Kreuzungspunkte – ein Raster, auf dem die Punkte zu tanzen beginnen. Die Freude darüber, wie sie über das Papier krabbeln, ist unverkennbar.

Ruhe, hat der Künstler und Komponist John Cage festgestellt, bedeute Freiheit von Neigungen und Abneigungen. Rhythmus als eine Form der Bewegung, hat der Cellist Pablo Casals gesagt, sei Verzögerung. Es bedürfe einer Wiederholung, um mit einer Gesetzmäßigkeit brechen und einen Verlauf ändern zu können, hat der Philosoph Sören Kierkegaard erkannt. Ruhe, Bewegung und Wiederholung bestimmen auch die Zeichnungen von Christiane Schlosser. Sie entwickeln sich jeweils aus den vorherigen und sie zeugen vom Versuch, wach, aber behutsam etwas Ordnung in die Verhältnisse zu bringen. Wenn oben, unten, vorne, hinten, rechts und links auf ihren Blättern so gleich gültig erscheinen wie vorher und nachher, gleich und jetzt, bald und später, dann deshalb, weil nur so Überraschendes sich zeigen kann – auf einem Blatt Papier nicht anders als im Leben und im Denken. Auf das Ungewisse kann man nicht rechnen. Entscheidungen aber wollen getroffen werden.


Arbeiten von Christiane Schlosser
sind in der Galerie Kim Behm
Untermainkai 20
D-60329 Frankfurt am Main
noch bis zum 19. Dezember
in der Ausstellung „Coffeetalk“

und vom 9. Januar bis zum 20. Februar 2016 in der Schau
„4 Zeichnungen. Lucie Beppler Barbara Hindahl, Dorothee Rocke, Christiane Schlosser“ zu sehen.
Und vom 4. Februar bis zum 28. März 2016
in der Ausstellung „Deltabeben“
in der Kunsthalle Mannheim.