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Endspurt 13:
In einer beschrifteten Welt
13. Dezember 2015
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Machen wir uns, auch gegen Jahresende kann es nicht schaden, noch einmal klar: Es sind eben doch die Dichter und Wortakrobaten, von denen man lernen kann. Genau hinzuschauen – und das eine oder andere über Dinge und deren Verwendung, auf das wir Normalos nie kommen würden. Nehmen wir wieder einmal Arno Schmidt. Der schreibt in seiner Erzählung „Die Abenteuer der Silvesternacht“ – es geht um Nachtarbeit, unaufschiebbar, um „Zettelschneiden-zettelschneiden-zettelschneiden“ wegen „Anlegung der Register zu einem zwölfbändigen Heiligenlexikon“, und um etwas frische Luft schnappen zwischendurch:
„(... (‹Wenn Sylvester es schneit, ist Neujahr nicht weit›.).) / ,Oh ja : selbs’der Schuppm wirkt doll.’ Während wir, auf Hermelinteppich, bis an den Rand der Sandgrube vorschritten, wo Einem nun endgültig aëronautisch im Gemüt wurde; (und die Luft-Mienen noch enthusiastischer). / Schon zog ich meinen Koste-Löffel, ‹meß mer’n Tee›, den ich winters grundsätzlich bei mir führe; (kräftiges Aluminium; ohne Beschriftung wäre er unschätzbar – aber in unserer Welt gibt es nichts Unbeschriftetes mehr); schöpfte vom nächsten Baumstummf. Und schmeckte.“

Ist es das, was hilft gegen eine vollständig beschriftete Welt, den Schnee schmecken mit einem Meßmer-Tee-Messlöffel? Wer weiß das schon. Schmidt schrieb das jedenfalls im Jahr 1963. Heute gibt es noch mehr Beschriftung. Marken, alles „gebrandet“. Eigentlich existiert überhaupt nichts mehr ohne Beschriftung, Beipackzettel, Anleitung oder Zertifikat, ohne Geschäftsbedingungen, den zuzustimmen unausweichlich ist.

Was freilich den – ebenfalls beschrifteten – Teemesslöffel angeht, so passiert, kaum ist die Kunde vernommen, folgendes: Schon eilt unsereins verblüfft zum Küchenschrank und, keine Ahnung, wo der mal hergekommen ist, holt genau einen solchen aus der Teebüchse – Aluminium und drauf steht „Meßmer-Tee“ und im Löffeloval „für 2 Tassen“. Sieh mal an. Den Löffel in der Hand kommt dann sogleich ein Gedanke: Der Schmidt, der braucht nicht mal Tee und eine Madelaine, damit man sich erinnert, dem reicht schon der Teemesslöffel. Haben Sie Ihren dabei? Bald gibt’s Schnee zu schmecken, unbeschrifteten. (tw)
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 13:
In einer beschrifteten Welt
von Thomas Wagner | 13. Dezember 2015
Meß mer’n Tee mit ’nem Teemesslöffel oder kosten wir den Schnee? Was man aus der Literatur über Markenware lernen kann.
Machen wir uns, auch gegen Jahresende kann es nicht schaden, noch einmal klar: Es sind eben doch die Dichter und Wortakrobaten, von denen man lernen kann. Genau hinzuschauen – und das eine oder andere über Dinge und deren Verwendung, auf das wir Normalos nie kommen würden. Nehmen wir wieder einmal Arno Schmidt. Der schreibt in seiner Erzählung „Die Abenteuer der Silvesternacht“ – es geht um Nachtarbeit, unaufschiebbar, um „Zettelschneiden-zettelschneiden-zettelschneiden“ wegen „Anlegung der Register zu einem zwölfbändigen Heiligenlexikon“, und um etwas frische Luft schnappen zwischendurch:
„(... (‹Wenn Sylvester es schneit, ist Neujahr nicht weit›.).) / ,Oh ja : selbs’der Schuppm wirkt doll.’ Während wir, auf Hermelinteppich, bis an den Rand der Sandgrube vorschritten, wo Einem nun endgültig aëronautisch im Gemüt wurde; (und die Luft-Mienen noch enthusiastischer). / Schon zog ich meinen Koste-Löffel, ‹meß mer’n Tee›, den ich winters grundsätzlich bei mir führe; (kräftiges Aluminium; ohne Beschriftung wäre er unschätzbar – aber in unserer Welt gibt es nichts Unbeschriftetes mehr); schöpfte vom nächsten Baumstummf. Und schmeckte.“

Ist es das, was hilft gegen eine vollständig beschriftete Welt, den Schnee schmecken mit einem Meßmer-Tee-Messlöffel? Wer weiß das schon. Schmidt schrieb das jedenfalls im Jahr 1963. Heute gibt es noch mehr Beschriftung. Marken, alles „gebrandet“. Eigentlich existiert überhaupt nichts mehr ohne Beschriftung, Beipackzettel, Anleitung oder Zertifikat, ohne Geschäftsbedingungen, den zuzustimmen unausweichlich ist.

Was freilich den – ebenfalls beschrifteten – Teemesslöffel angeht, so passiert, kaum ist die Kunde vernommen, folgendes: Schon eilt unsereins verblüfft zum Küchenschrank und, keine Ahnung, wo der mal hergekommen ist, holt genau einen solchen aus der Teebüchse – Aluminium und drauf steht „Meßmer-Tee“ und im Löffeloval „für 2 Tassen“. Sieh mal an. Den Löffel in der Hand kommt dann sogleich ein Gedanke: Der Schmidt, der braucht nicht mal Tee und eine Madelaine, damit man sich erinnert, dem reicht schon der Teemesslöffel. Haben Sie Ihren dabei? Bald gibt’s Schnee zu schmecken, unbeschrifteten. (tw)